19. Da die zu einer Berfas^ungsänderungnö- ftifle Zweidrittelmajoritat nicht erreicht ist, .flilt der Artikel 3 als abgelehnt, und aus der Vorlage gestrichen. Hierdurch ist ein Vacuum ^entstanden und der merkwürdige Zustand geschaffen, daß in der Vorlage eine zweite Kammer überhaupt nicht mehr vorhanden ist.
Auf die wettere Entwickelung der Din ge Darf man mit Recht gespannt sein. Auf eine Annahme der Vorlage wird unter solchen Um- tzänden wohl kaum zu denken sein.
Für den Artikel 3 in der Fassung der Regierungsvorlage stimmten die Abgeordneten: Backes, Berthold, von Brentano, Cramer, David, ©uler, Frenay, Gutfleisch, Haas-Mainz, Horn, Joutz, Kühler-Langsdorf, Molthan, Morneweg, Strack, Graf Oriola, Pennrich, Pitthan, Rau, Schlenger, Schönfeld, Ulrich, Weith, Wolf, Reinhart, Schmitt, Haas-Darmstadt.
Dagegen stimmten die Abgeordneten: Bähr, Breimer, Diehl, Erck, Häusel, Heidenreich, Jäckel, Koch, Korell, Lang, Leun, Möllinger, Ohl, Ripper, Schill, Schönberger, Weidner, Zinßer und Brauer.
Schluß 2.15 Uhr. Donnerstag 9 Uhr Fortsetzung.
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Politische Tagesschau.
Zum Rücktritt der Würzburger Uuiverfitatsbehördeu.
Rektor und Senat der Würzburger Universität haben, wie wir bereits gestern meldeten, ihr Amt niedergelegt und dies dem bayerischen Staatsministerium mitgeteilt. Nur drei Senatsmitglieder, zwei Theologie- und ein katholischer Theologieprofessor, haben diese Erklärung nicht mit unterzeichnet. Ueber die Vorgeschichte sei folgendes berichtet:
Die Frage der Berufung des. außerordentlichen Geschichtsprofessors Chroust, der Tscheche von Geburt ist, auf eine ordentliche Professur hatte zunächst zwischen diesem und dem Prof. Brenner eine Controverse heraufbeschworen und schließlich dahin geführt, daß der Senat in einer Eingabe an den Kultusminister von Landmann den Pros. Chroust als einen Ruhestörer bezeichnete. Im Landtage fühlte sich nun Minister von Landmann veranlaßt, in schroffer Weise dem Senate Mangel an Objektivität zum Vorwurf zu machen. So wenig der Ausgang des Streites allgemeines Interesse beanspruchen kann, so wichtig erscheint er in der Gestalt, die er jetzt angenommen hat. W besteht seit Jahren ein stiller, aber erbitterter Kampf zwischen den bayerischen Universitäten, die man als den Hort der Reichsidee bezeichnen kann, und dem höchsten Beamten, der an ihrer Hcktze steht. Die Universitäten haben sich gewöhnt, den Minister nicht als ihren Schützers sondern als ihren jeder freien wissenschaftlichen Entwickelung feindlich gesinnten Gegner anzusehen. Vor wenigen Tagen erst erteilte der Abg. Dr. Casselmann Herrn von Landmann namens der liberalen Partei — und das ist gleichbedeutend mit der Mehrzahl der bayerischen Hochschullehrer — ein solennes Mißtrauensvotum, auf das der Minister nur einige geringschätzige Worte fand. Der Protest des Würzburger Senates bedeutet eine offene Kriegserklärung.
Im Lause der Etatsberatungen in der bayerischen Kammer wurde auch von Rednern des Zentrums behauptet, Chroust werde von seinen Würzburger Kollegen nicht befürwortet, weil er Katholik sei und politisch rechts stehe. Von liberaler Seite wurden diese Angaben bestritten. Schließlich nahm der Kultusminister Dr. von Landmann das Wort und führte aus:
„Mir liegt ein Bericht des Senates vom 20. Mai vor. Demzufolge ist es inzwischen zu einem Beleidigungsprozesse zwischen Chroust und Förster (einem anderen Würzburger Dozenten) gekommen. Tas Ministerium hat wiederholt den Versuch gemacht, die Sache auszugleichen, der Versuch ist aber mißlungen. Zu diesem Prozeß wünschte Chroust Schriftstücke aus dem Senat ausgehändigt, und als ihm diese verweigert - wurden, nahm er einen Rechtsanwalt zu Hilfe. Darüber war der Senat entrüstet, und am Schluß des genannten Berichtes ist allerdings die Meinung ausgesprochen, daß die Schuld an dieser leidigen Angelegenheit aus Seite Chrousts liege, wenn auch einige Senatsmitglieder die Gereiztheit Chrousts als mildernden Umstand in Betracht zogen. Rach Ansicht des Senates sei durch das Vorgehen Chrousts das Ansehen der Universität geschädigt und ein gedeihliches Zusammenwirken ausgeschlossen. Ich nehme aber an, daß diejer Serratsberichl eine Aenderung ersahren wird, denn dieser Beschluß ist als Ausfluß der Stimmung entstanden, die yervorgerufen wurde, weil Chroust mit einem Rechtsanwalt vorging. Früher hat der Senat Chroust nicht immer Unrecht gegeben, sondern sich wiederholt auf seine Seite gestellt."
Auf eine Entgegnung von liberaler Seile wiederholte der Minister, daß der Senatsbeschluß zweifellos von dem beeinflußt gewesen sei, was vorhergegangen war. Er wies den Vorwurf, daß er sich in seiner Beurteilung des Falles durch Rücksichten auf das Zentrum bestimmen lasse, zurück und erklärte schließlich mit dürren Worten: Das Urteil des Senates ist teineswcgs unbefangen.
Auf die weitere Entwickelung dieser Angelegenheit kann man gespannt sein. Daß der konfessionelle Friede in Bayern durch Vorgänge dieser Art auf das schwerste bedroht wird, braucht kaum erst gesagt zu werden. Vorläufig hat der Kultusminister Dr. v. Land mann dem Prinzregenten seine Entlassung eingereicht, die jedoch nicht angenommen wurde.
Rechts und Links.
Die von einem hessischen sozialdemokratischen Blatt gegebene Anregung einer 'Ko alition der gesamten Linken wird hier und da in der liberalen Presse sympathisch ausgenommen. Die große Frage ist nur, wie ist ein solcher gemeinschaftlicher Vormarsch zu ermöglichen. Ohne weiteres muß einleuchten, daß mou mit Wählte»mpromissen der hergebrachten Art nicht weck kommen wird, denn solche Kompromisse gelten nur für die Wahl, nicht aber für die Zeit nach dieser und so würde, wie die liberale „Saaleztg." meint, trotz eines gemeinsamen Vorgehens eine Zusammensetzung des Parlaments nach der Richtung hin, daß der Einfluß der Re ästen aus die Regierung beseitigt oder zum mindesten doch paralysiert werde, kaum erzielt werden. Und doch liegt hierin gerade der Haupterfolg. Die Reichsregierung, so fährt das genannte Blatt fort, muß frergemacht werden von dem unwürdigen parteipolitischen Zwang, in den sie sich hat schlagen lassen, sie soll keine Politik der Rechten, auch keine der Linken treiben, sondern über den Parteien stehen und nur das verfolgen und vertreten, was dem ganzen Lande frommt. Es wäre eine Art politischen Wahnwitzes, zu glauben, die Linke würde jemals in der Sage sein, mit ld.ieser Regierung tine Art liberales Re-
flerungssystern aufzurichten, aber die Situation des Grafen Zülow und seiner Kollegen würde ganz wesentlich verbessert werden, wenn er sich im Parlamente Verhältnissen gegenübersähe, die chm gestatten nicht nur, sondern geradezu den Zwang auserlegen, aus Eigenem zu schaffen und für seine Pläne die Unterstützung daher zu nehmen, wo sie sich ihm rietet. Um solche Verhältnisse zu erreichen, müßten, wie rie erwähnte sozialdemokratische Auslassung bemerkt, die rrogrammatischen Endziele der zu einer gemeinsamen Wahloperation berufenen Parteien zunächst beiseite gerückt werden, und wenn das auch gerade in der sozialdemokratischen Partei außerordentlich schwierig sein würde, unter den Liberalen aller Schattierungen, von den Nationalliberalen mitt- eren Schlages bis zu den deutschen Volksparteilern hinüber, tände dem kaum irgend ein Hindernis entgegen, vorausgesetzt, daß überall der Wille zu einer Verständigung vorhanden wäre.
Aber gerade bei den Führern scheint die Schwierigkeit zu liegen. Gerade im politischen Leben ist, wie man weiß, die Rivalität nicht gering und der alten Parteischablone begegnet man noch recht häufig. Nicht nur im Parlament, ondern auch in den einzelnen Wahlkreisen kann man die Wahrnehmung machen, daß die Führer der Parteien sich häufig als so eine Art kleiner Monarchen fühlen und sich auf ihr Programm einschwören, statt den veränderten Zeitverhältnissen Konzessionen zu machen und vor allem statt zu viel Parteimann etwas mehr Diplomat zu sein. Diplomatisches Geschick, das ist's, was den Männern, die an der Spitze der Parteien stehen, abgeht, und unserer parlamentarischen Maschinerie jene Schwerfälligkeit verleiht, durch )ie sie sich vor allen anderen Parlamenten in ganz be- onderem Maße auszeichnet. Parteien, die im politischien Leben reüssieren wollen, haben nicht nur ihre programmatischen Ueberlieferungen hochzuhalten, sondern vor allem auch die Stimmung im Votte zu beobachten und dieser Stimmung und Strömung gemäß jene Ueberlieferung zu modernisieren, dürfen sich in ihrem Thun und Handeln nicht allein von dem Buchstaben des Programms leiten lassen, ondern müssen ihre Politik auch von großen Gesichts-- )unkten aus treiben, die über manche programmatischen Bedenken hinweghelfen. Das gilt in ganz besonderem Maße von den freisinnigen Parteien, dann von den Liberalen überhaupt. Konservative und Agrarier haben, wie das erwähnte Hallesche Blatt meint, es kaum sonderlich nötig, ich nach "der Volksstimmung zu ric len, denn ihnen steht in ehr vielen Fällen ein umfangt, her amttichjer Apparat zur Verfügung, der das Seine trjut, um das erstrebte Wahlergebnis herbeizuführen, das Zenttum aber besitzt in der Kirche eine Machst, deren Einfluß auf die Wähler so groß ist, daß Sonderwünsche kaum aufkommen können. Der Liberalismus dagegen ist aus dem Volke hervorgegangen, er eßt mit den Wünschen des Volkes, er sttrbt mit ihnen, und von ihrer Beachtung wird der Erfolg abhängen, den die Liberalen im kommenden Wahlkampf erringen werden. Die Situation scheint z. Z. solchen Erfolgen günstig.
Die Zolltarif-Kommission
beriet den Abschnitt Waren aus Gespinsten weiter und nahm Pos. 486, geknüpfte Fußbodenteppiche 60 Mark. 487, gewebte Fußbodentepplche, wenn gefärbt, gemustert 30, sonst 12 Mark nach der Vorlage, desgl. 488 rohe Leinen- Taschentücher bis 120 Fäden auf 2 Quadrat-Zentimeter 80, über 120 Fäden auf 2 Quadrat-Zentimeter 110 Mk., einer 489 gebleichte, gefärbte, gemusterte Taschentücher in gleichen Stufen 120 und 140 Mk. nach der Vorlage, ebenso 490, dichte Gewebe für Möbel und Zimmerausstattung 80 Mk. und 491, Sammet, Plüschroh 80 Mk., sonst 110 Mark nach Vorlage an. Auf Antrag Müller-Sagan wird die Anmerkung zu 491, wonach auf andere Weise als durch Pressen gemusterter Sammet und Plüsch einem Zollzuschlag von 20 Mark pro Doppelzentner unterliegen sollte, gestrichen. Die Positionen 492 bis inkl. 498, dichte Gewebe ausFlachs, Hans usw. werden unverändert genehmigt, mit der Ausnahme, daß die Sätze der Position 496, dichte Gewebe aus Jute, roh, nach Antrag Müller-Sagan von 12, 24 und 30 Mark auf 10, 20 und 30 Mark ermäßigt werden. Die von Baudert (Sozialist) beantragte Resolution, den Reichskanzler um Vorschriften zum Schutze der Gesundheit jugendlicher Arbeitskräfte in den Jutespinnereien und Jutewebereien zu ersuchen, wird gegen 8 Stimmen abgelehnt. Die Kommission nahm ferner unverändett die Positionen 499 bis 502 an, betreffend aus Flcchs, Hanf, Jute usw. gefertigte Gaze, Tülle, Trikotwaren, Spitzenstoffe, Spitzen, Posamentierwaren, Knopfmacherwaren und Dochte. Die Kommission begann sodann den Abschnick 5e und genehmigte die Position 503, Buchbinderzeugstoffe 60 Mark, unter Ablehnung des Antrags Müller-Meiningen auf 30 Mark wie bisher.
In der Kommission hofft man die erste Lesung des Tarifs am 8. August fertig stellen zu können. Sodann soll eine zweiwöchentliche Pause eintreten und die zweite Lesung gegen den 22. August beginnen. Man will durchschnittlich 25 bis 30 Positionen täglich zur Erledigung bringen.
Iahresversammiung »er Kvangelischen Konferenz.
—t. Friedberg, 2. Juli.
Heute fand hier im ,Hotel Trapp" unter dem Vorsitze des Direktors D. Weiffenbach -Friedberg die Jahresversammlung der „Evangelischen Konferenz" statt. Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten referierte Pfarrer O. Schulte von Beuern über die Frage: „Woran erkennt der Barer des nördlichen oberen Vogels- berges Dasein und Wicken Gottes?" Nachdem er in der Einleitung daraus hinxewiesen, daß sein Thema aus dem Gebiete der religiösen.Volkskunde entnommen sei, behandelte er die aufgeworfene Frage nach drei Richtungen: Der Vogelsberger Bauer erkennt Gottes Dasein und Wirken 1. ans der N atur. SÜ ist ftir ihn ein solch starker Beweis, daß Zweifel an dem Dasein Gottes in ihm, soweit er nicht von fremden Einflüssen berührt ist, nicht aufsteigen. Dieses erscheint ihm völlig selbstverständlich, denn niemand anders als eben Gott kann „das Wetter machen"; 2. ans Gottes Strafgerechtigkeit Schon hier auf Erden wird der Gute belohnt und der Bise bestraft. Aus dem Unglück, das einen Menschen trifft, naß der Rückschluß auf irgend ein Vergehen gegen Gott gezogen werden. Der Gedanke, daß das Leiden auch eine Quelle des Segens sein könne, ist für den Vogelsberger Bauer unvollziehbar. Das Verhätt- nis zwischen Gott und Mensch ist das äußerlicher Vergeltung. Von der Hölle redet man nicht oder nur wenig, dagegen viel von dem Teufel, den man sich als Dämon vor- steltt; 3. aus gewissen Wirkungen, die sich an ma
gische Worte und Zeichen knüpfen. Hier ragen nicht nur rationalistische und katholische Gedanken in diese Religion hinein, hier- zeigt sich ihre heidnische Unterströmung, und zwar besonders Deutlich in den sog. „Gesanen", Zauber- Iprüchen und Gebetsformeln gegen alles menschliche Ungemach, wenn sie auch mit Wendungen aus der christlichen Terminologie ausstaffiert sind. Das geht sogar so weit, daß man Taufe und Abendmahl, Kirchgehen usw. unter diesem magischen Gesichtspunkte betrachtet: die genannten Dinge brauchen nur ausgeführt zu werden^ dann üben sie schon ihre (für das irdische Wohlergehen), heilsame Wirkung aus. — Der Vorsitzende bestätigt den Dank, welchen die Anwesenden dem Referenten in reichem Maße bekundeten, und führt sodann, die Diskussion eröffnend, aus seiner früheren seelsorgerischen Praxis Beispiele für die unterchristliche Auffassung des Abendmahls an. Professor Schv e l er-Friedberg macht darauf aufmerksam, daß schon im Jahre 1804 ein religions-psycho- loaisch wichtiges Büchlein von Pfarrer Bütte in Berstadt i.W. erschienen sei, in der sich eine tteffende Charakteristik des hessischen und auch, des Vogelsberger Volkslebens finden und verliest eine „Probe" daraus. Auf seinen Einwand, der Referent habe ein Nachtgemälde des Aberglaubens gezeichnet, erwidert dieser, daß es ihm nur auf die Konstatierung der Thatsachen angekommen sei, welche auf sein Thema Bezug hätten. Pfarrer Schrimpf-Butzbach, der selbst ein geborener Vogelsberger neun Jahre im Vogelsberg wirtte, giebt zwar zu, daß sich sogar noch, in Butzbach „Himmelsbriefe" und dergl. finde, betont aber, daß sich eben im religiösen Leben auch der Vogelsberger ein Umschwung vollziehe. Einen ähnlichen Gedanken fuhrt Pfarrer A l l w o h n - Petterweil i. W. aus. Nach ihm ist der Aberglauben zwar noch vorhanden, wie z. B. das Beten „über" dem Kranken, aber speziell in der Wetterau doch abgeblaßt. Ja man stößt in ihrem südlichen Teile nicht selten auf Zweifel an dem Dasein Gottes. Gegenüber der Geringschätzung des Aberglaubens, wie sie bisher zum Ausdruck kam, meint Pfarrer Lic. Dr. Dieckmann - Rod heim v. d. H., man dürfe doch mit dem Urteile über den Aberglauben nicht zu streng sein. Denn Aberglaube sei immer noch besser als Unglaube, ja die realistische Auffassung von der Wirkung des Gebetes, des Abendmahles u. ä. sei prinzipiell als richtig anzuerkennen. Pfarrer Bied e n t o p f-Wiribura steuert Beispiele über „Gesane" und Kirchgehen bei und ein sehr interessantes über den Mißbrauch, des Abendmals: ein Trinker, der sich wegen Baumfrevels vor Gericht verantworten sollte, verlangte vom Pfarrer, daß er ihm das Abendmahl reichte, um dadurch vor der Behörde zu beweisen, daß er bis auf den Tod erkrankt sei. Auch Pfarrer Ort-Vilbel- erzählt manches von dem Aberglauben des! Bauern, wie man z. B. in einem Dorfe bei Nidda einen hochgradig hysterischen Mann, der in seinen Anfällen die Predigt des Ortsgeistlichen rekapitulierte, als einen Propheten angeftaunt habe, und betont, daß der theoretische Gottesglaube auch des Vogelsbergers ohne Einfluß auf die Gestaltung seines sittlichen Lebens ist: Wilddieberei und Fischdiebstahl seien in den Augen jener Leute vollkommen erlaubt. Darauf sprach Prof. D. P. Drews-Gießen in warmen und beherzigenswerten Worten über die prinzipielle Bedeutung der religiösen Volkskunde. Sie hat, so führt er aus, den Geistlichen vor dem seine ganze Wirksam- keit in Frage stellenden Wahne zu bewahren, als ob alle Menschen die gleichen religiösen Vorstellungen hätten. Sie hat ihn, was insonderhett die behandelte Frage angeht, darüber aufzuklären, daß es sich thatsächlich um zwei verschiedene Religionen handelt. Die Bezeichnung „Aberglaube" ist wenig passend, denn in chr liegt ein Urteil, von dem eine Disziplin, die nur Thatsächliches festzustellen hat, absehen muß. Die Aufgabe der religiösen Volkskunde besteht darin, die religiöse Anschauungswelt des ganzen Volkes kennen zu lernen, zu analysieren und daraus die nötigen Schlüsse auf die Art der Verkündigung des Evangeliums zu ziehen. Denn nur wenn man den Boden kennt, kann man ihn bebauen. An die Stelle der Volksreligion muß individuelles, persönliches Christentum treten. Diesem den Weg zu ebnen, d.as ist die eminente Bedeutung der Volkskunde. Drews schießt mit der herzlichen Bitte, der Vereinigung für hessische Volkskunde beizutreten, zumal hier ein Gebiet gegenseitiger Berührung zwischen Professor und Pfarrer liege. Nachdem nochOberleyrer L am p as-Friedberg zu dem Ereignisse in Nidda bemerkt hatte, daß nur die herbei- pilgernden Vogelsberger es als Wunder aufgefaßt hätten, spricht Direktor D. Weiffenbach in einem Schlußworte allen Rednern herzlichen Dank aus untr fügt hinzu, daß wir vor den erwähnten, manchmal unerfreulichen Thatsachen die Augen nicht verschließen dürften, in ihnen vielmehr das Walten Gottes zu erblicken hätten, der das Christentum auf dem Lande nun einmal in dieser Weise eingepflanzt habe. Unser Streben müsse daraus gehen, diese rückständige Auffassung des Christentums immer mehr zu vergeistigen. Dazu aber sei unerläßliche Vorbedingung offene und rückhaltlose Auseinandersetzung mit den atheistischen Kreisen unseres Volkes, besonders auch eine sich von allem Dogmatischen fernhaltende Verkündigung des einfachen Evangeliums Jesu in den Städten.
Der Leipziger Bankprozetz.
XI.
Leipzig, 2. Juli.
Zu Beginn der Sitzung wird vom Vorsitzenden ein Protokoll über die kommissarische Vernehmung des wegen Krankheck am Erscheinen verhindetten Zeugen Rothe in Hamburg verlesen. Es wird nochmalige Vernehmung des Zeugen be- antragt, da ein Brief von ihm vorliegt, der feine jetzigen Aussagen teilweise in anderem Lichte erscheinen läßt. ES kommt sodann ein Brief Schmidts an Exner vom 8. Aprck 1900 zur Verlesung, wonach in Bezug auf die italienische Gesellschaft sich die Trebergesellschaft verpflichten will, innerhalb Jahresfrist einen solventen Käufer anzugeben. Exner bemerkt, daß das Geschäft abgelehnt wurde. Der Vorsitzende fügt hinzu, man werde das hören, wenn Schmidt hierher komme. Die Sachverständigen Plauth, Sieskind und Lambett äußern sich ausführlich über die Unzulässigkeit zahlreicher von der Leipziger Bank vorgenommener Reportgeschäfte. Die weitere Verhandlung betrifft die Geschäfte der Bank mit der russischen Trebergesellschaft in St. Petersburg, der Casszaer Tochtergesellschaft, mit denen in Weißwa,ser und Vossowska und der Bestellung einer Hypothek in Krap- pitz. Man hat, wie der Vorsitzende zu diesen Geschäften bemerkt, immer nur Sicherheit haben wollen, was es jüt Sicherheiten waren, war ganz gleich Es kommt das Geschäft mit der Dankabteilung der Berliner Finanz- und Handelszeitung zur Sprache, wobei nachgewiesen wird, daß die Finanzzeitung Provisionen von 392 500 Mk., die ihr gutgeschrieben -"7-den, erhalten und auf die Transaktum


