Ausgabe 
2.12.1902 Drittes Blatt
 
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der als Kriegsgefangener nach Wiesbaden interniert wor­den war, und seine Entweichung in einer Weise erzählt, die uns manchmal ein ungläubiges Lächeln abzwingt.

Am 28. Oktober 1870 wurde er mit der Armee von Metz gefangen genommen, als er Artillerie-Kapitän und Ad­jutant des Generals v. Berckheim war, welcher die Ar­tillerie des Marschalls Canrobert konrmandierte. Ms Kriegsgefangener auf Ehrenwort wurde er, nachdem am 1. November seine Mreise von Metz erfolgt war, in Gemein­schaft mit dem General v. Berckhnm nach Wiesbaden ge­bracht und er bezog daselbst mit dem ihm befreundeten Kapitän Dmiöde bei einem Stallmeister ein kleines Logis. Der Park bot ihm, wie er erzählt, Promenaden, und am Mend verbrachten sie einige Stunden im Kurhaus, woselbst noch das Roulette-Spiel fortdauerte, um daselbst die Jour­nale durch^usehen. Sie sahen in Wiesbaden die deutschen Siege feiern und zur Dekoration die schwarz-weißen Fahnen

Politische Tagesschau.

Eine Adreffe an den Kaiser.

Die Arbeiter der Gußstahlfabrik F. A. Krupp haben Astern nach Schluß der Arbeitszeit eine Mresse zur Unter» Schrift ausgelegt, welche aus Anlaß der Ehrung des ver- Svigten Alfred Krupp durch den Kaiser an diesen gerichtet werden soll. Die Adresse lautet:

Allerdurchtauchtigster, großmächtigster Karser und König, allergnädigster Kaiser, König und Herr!

Ew. Majestät haben Merhöchstselbst unscrm verblichenen Herrn Krupp die letzte Ehre erwiesen, die höchste Ehre, dre Äem Verewigten ziu Teil werden konnte. Hierfür schulden «w. Majestät auch wir Arbeiter der Kruppschen Werke Keißen, unauslöschlichen Tank.

Tiefen Dank in Ehrfurcht abzustatten, haben war uns ;usarnmengefunden, und wir bekräftige hierdurch un,er ^Nännerwort durch viele tausend Unterschriften, daß wir nnserm hochverehrten, geliebten Herrn Krupp die Treue, fin der wir zu ihm gehalten haben, solange er lebte und unausgesetzt für uns bestrebt war, auch über das Grab l hinaus bewahren. Sein Andenken rein und fleckenlos zu chalten, soll uns heilige Pflicht und stete Sorge fern. Als j mßeres Zeichen unserer Liebe und Dankbarkeit wird sich >as Denkmal erheben, das wir unserem Heimgegangenen Zohlthäter zu errichten beschlossen habet:.

Wir verabscheuen die Frevler, die es gewagt «haben, Krupp anzugreifen und seinen makellosen 'Urnen zu beschmutzen, und werden die ernste Mah­nung, die Ew. Majestät an unsere Vertreter am Tage der 'geerdigung gerichtet haben, beherzigen und Elemente, die nit den Verleumdern Gemeinschaft haben. Nicht unter ms dulden. t _

Ew. Majestät aber, die das Saus Krupp und uns alle, bie wir dem Kruppschen Werke angehören, unter allerhöchst- ihren mächtigen kaiserlichen Sckmß genommen haben, ge­loben wir hierdurch in unauslöschlicher Dankbarkeit un­verbrüchliche Treue zu halten, jetzt und immerdar. Ew. Najestät allerunterthänigste Arbeiter der .Krupvschen Werke.

Tie Arbeiter in Bochum veranstalten eine ähnliche

Kundgebung.

Vermischtes.

Die Kaiserin und die Reformkleidung. Von Frau Oberstleutnant Pochhammer erhielt der Konfektionär folgende Zuschrift:In einem Artikel Gedanken über die Reformkleiderbewegung erwähnen Sie, die Kaiserin hätte, als ich ihr bei Gelegenheit einer Ausstellung über die Vor­züge der Reformtracht hätte Vortrag halten wollen, noch vor Beginn des Vortrags zu mir geäußert:Ich sage Ihnen gleich, Sie können mir erzählen was Sie wollen, mich be­kommen Sie nie dazu." Diese Schilderung entspricht nicht ganz den Thatsachen. Die Kaiserin war es vielmehr selbst, die interessiert an unserer Koje stehen blieb, die Erklärungen von mir wünschte nnd ihnen aufmerksam zuhorte. Daß es nicht gelingen konnte, sie für die neuen Gedanken, d. h. für ihre persönliche Annahme derselben zu gewinnen, lag einmal an der Kürze der mir zu Gebote stehenden Zeit, dann aber an der Art der Ausstellung, die nur Kranken- und Pstegerinnenkleidung enthielt. Die Einwendungen, mit denen die Kaiserin mir entgegnete, waren aus letzterem Grunde, durchaus berechtigt, bewiesen aber noch nicht, daß sie ein für allemal die neue Kleidung ablehnt.

*Das gestohlene Automobil. Aus Berlin wird berichtet: Böses Pech hatten zwei Diebe, welche sich auf ein­fache und billige Weise in den Besitz eines den Erfordere

flattern.

Da beschloß er zur französischen Armee zuruck- zukehren und er begab sich daher am 7. Dezember, um nicht wortbrüchig zu werden, zum General v. Sänger, welcher daselbst Platzkommandant war. Es war ihm aber, erzählt er, nicht möglich, sich mit ihm zu verständigen, da dieser General kein Wort ftanzösisch verstand was wohl selten bei einem deutschen General vorkommen mag und ihm immer das Wortechanger!" (Auswechseln!) entgegenschrie. Dem Kapitän Zurlinden, der als geborener Elsässer ganz gut deutsch sprach, erlaubte es aber, wie er seinen Lesern erklärt, sein Patriotismus nicht, deutsch zu sprechen, und so ließ denn zuletzt der General v. Säng^:, nachdem sie sich eine Viertelstunde lang vergeblich ab- aeplagt hatten, einen beider Sprachen mächtigen Bedienten fi,domestique") als Dolmetscher antreten.

Merkwürdig nur, daß ein so sprachunkundiger Ge­neral und Platzkommandant auch keinen geeigneten Offizier zur Stelle hat, "und zu seinem Kutscher oder sonstigen Diener eine Zuflucht nehmen muß.

Nachdem der General ihn schließlich ohne weitere Erklärtmg entlassen, wurde Zurlinden am Albend des­selben Tages verhaftet und über Mainz und Görlitz, woselbst er wegen der nahen österreichischen Grenze einen Flucht­versuch vergeblich plante, nach Glogau auf die Festung gebracht.' Dort glückte ihm aber am 2. Dezember die Flucht infolge der Trunkenheit des Aufsehers, welcher die Thüre zu verschließen versäumte, und er flüchtete mit der Bghn über Frankfurt a M. nach der französischen Grenze. Unterwegs nahm er in der Babu, um jeder Unterredung auszuweichen, die Miene an, als ob er eifrig dieKreuzzeitung" studiere; er hörte aber einmal, als er zwei Kaufleuten gegenüber saß, daß der Eine mit Bezug auf ihn zu seinem Gefährten sagte:Das ist kein echter Deutscher, il a trop ftoid!" Muß das ein kluger Mensch gewesen sein, der unserem Elsäfler sofort anmerkte, daß er aus demwarmen" Frankreich stamme! Es wird wohl ein Franzose gewesen fein. .

In Frankreich übernachtete er in entern Gasthof in steter Besorgnis vor der Vorlage des Fremdenbuchs. Ms er aber früh morgens das Hotel verließ, schimpfte er den dienstthuenden Kellner darüber aus, daß er ihn nicht schon um 5 Uhr habe wecken lassen, und infolge dieser List vergaß der Kellner glücklicherweise, ihm das Fremdenbuch vorzulegen. _

Welche Gefahr wäre er aber wohl gelaufen, wenn er den nächsten besten Namen und als Reiseziel eine beliebige Stadt eingetragen hätte?

Nach Passierung dieser Klippen ut Frankreich ange­langt, machte er sich das Vergnügen, durch den General v Berckheim zu Wiesbaden den Platzkommandanten von Sänger von seiner glücklichen Flucht benachrichtigen zu lassen; er vergißt aber mitzuteilen, ob hierbei aber­mals der berühmte Bediente als Dolmetscher zugezogen ' Auf alle Fälle wird diese Publikation in jenerRevue" so meint derRh. C." dem General Zurlinden seitens seiner Landsleute mancherlei Glückwünsche in? Kompli­

mente eintragen, die ihm übrigens von Herzen gegönnt ein mögen._______

Aus Stadt und Aand.

Gießen, den 2. Dezember 1902.

** Gedenktage. Bei Austerlitz fand am 2. De» zember 1805 dieDreikaiserschlacht" statt, wie Napoleon die Niederlage des österreichischen Kaisers Franz und deS russischen Kaisers Alexander in seinem Siegesbericht selbst nannte. Die Rußen verloren den größten Teil ihrer Artillerie und des Heeres. Statt einen neuen Angriff zu wagen, ließ ich Kaiser Franz bereden, Napoleon einen demüttgen Besuch im ftanzöstschen Lager abzustatten und in einen Waffen­stillstand einzuwilligen, der Oesterreich der Willkür des Siegers preisgab.

Auszeichnungen. S. K. H. der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom 1. Dezember geruht, dem Wachtmeister :. P. Diehl, seither im 1. Großh, Dragoner-Regiment (Garde-Dragoner-Regiment) Nr. 23, dtt Krone zum Silbernen Kreuz mit Schwertern des Verdienst^ ordens Philipps des Großmüttgen zu verleihen.

Grebenhain, 28. Nov. Nachdem schon vorgestern bu Nachricht hier eingetroffen war, daß der des Mordes dringend verdächtige Kroate in der bayerischen Pfalz ver- haftet worden sei, weilte der Untersuchungsrichter, Landgerichts« rat Pretorius von Gießen gestern und heute im hiesige« Ort. Den geladenen Zetlgen ist die Photographie deS 93er» hafteten vorgelegt worden und haben fast alle übereinstimmend in derselben denjenigen erkannt, der am fraglichen Tage der That vom hiesigen Ort aus den Ermordeten begleitete. Der der That dringend Verdächtige soll sich noch im Untersuchungs­gefängnis in Landau befinden. Eine Menge Schaulustiger hatte sich gestern hier eingefunden, welche glaubte, den Thäter sehen zu können.

He in ch en b. Altenstadt, 1. Dez. Der hiesige Krieger» verein hat beschloßen, ein Kriegerdenkmal errichten zu lassen; dasselbe wird von Odenwälder Granit und Syenit erbaut und oben mit eine Bronce-Adler gefrönt werden. Die Ausführung ist der Firma Fr. Hewel, Bildhauerei, in Gießen übertragen worden.

Zur Krisis im Reichstag.

In der gestrigen Sitzung des Reichstages gab es wie­derum erregte Auseinandersetzungen zwischen dem Pra- 'identen und den sozialdemokratischen Mgeordneten Jn- -olgedessen gehen die Mehrheitsparteien ernstlich mit der Erwägung um, Maßnahmen zu finden, die eine Wieder­holung von Verhöhnungen der Prafidialgewalt unmöglich machen, wie sie sich, namentlich am Freitag abend vor der Rertagung zugetragen haben. Am Bundesratstische, von dem aus die Vorgänge aus allernächster Nahe verfolgt werden konnten, ist man entsetzt gewesen über die höhnische, yon einem Mitgliede der äußersten Linken dem Präsidenten nach Erteilung des zweiten Ordnungsrufes entgegenge­schleuderte Frage:Wo bleibt denn der dritte?

Solchen Dingen soll ein für allemal ein Ende gemacht werden. Ferner werden Bestimmungen geplant, GeMsts- ordnungsfragen unter Umständen rascher, jedenfalls ohne die ermüdenden, selbst tagetangen ©nirterungen Ent­scheidung zu Bringen. Daß eine Geschaftsordnung^batte sich nurverbluten", nichtunterbunden werden dürfe galt bisher als üblich; es ist indessen festgesteNt, daß früher schon durch Annahme eines Schlußantrages das Ende herbeigeführt worden ist. EinGerüchts.wonach die Zurückziehung des Antrages vonKardorff in Aussicht stehi , findet in parlamentarischen Kreisen wenig Glauben. Na­mentlich das Zentrum soll dafür nicht zu haben lern.

Die K iegsgesangenschaft des K n^rals Zurlivden.

Das neueste Heft der PariserRevue des deux mondes" bringtErinnerungen aus meiner Gefangenschaft vom November und Dezember 1870" vom General Zurlinden,

6T3 dadurch, daß ein Th eil der Mitglieder sich tobend und schreiend um den Redner herumdrängt und ihn so am Sprechen verhindert. Einige Herren haben sich darüber gewundert, daß die Herren Sozialdemokraten heute nicht wieder dasselbe Benehmen zeigen, wie neulich. Diese Erscheinung ist offenbar nur dadurch zu erklären, daß die Herren inzwischen selbst eingesehen haben, daß sie mit einem derarttgen Verhalten nicht gerade einen sehr großen Ein­druck' machen. Die Entrüstung der Sozialdemokraten gegenüber dem Abg. Bachem war ganz unangebracht, denn wie oft haben wir es erlebt, daß Herr Bebel mit der sittlichsten Entrüstung der Welt es zurückgewiesen hat, für seine Behauptungen den Gewährsmann zu nennen. (Lebhafte Zustimmung rechts und im Centrum.) Herr Bebel durfte es uns auch nicht verdenken, daß wir die Entscheidung der vorliegenden Geschäftsordnungsftage durch den Reichstag selbst für richtig erachten. Herr Bebel hat dabei vergessen, daß es ein Sozialdemokrat, der Abg. Südckum war, der neulich, als der Präsident erklärte, es sei gar nicht ftaglich, daß dieser Antrag un­zulässig sei, an die Entscheidung des Hauses appellirte. Herr Bebel hat eine stellenweise ganz intereßante Rede gehalten. Der Ton war zum Theil scherzhaft. Ich verstehe aber nicht, wie em geist­reicher Mann, wie er, so abgedroschene Witze wiederholen kann, wie den von denHeloten des Centrums", den National-Liberalen. Solche Witze sind doch nicht angängig gegenüber Parteien, die nur das Interesse haben, die wirthschaftlichen Bedürfnisse des Landes zu befriedigen, und die Aufrechterhaltung der Aktionsfähigkeit d-s Parlaments vertreten. (Lebhafte Zustimmung.) Sehr Uu; richtig war es, wenn Herr Bebel behauptete, daß ich und meine Freunde an der Obstruktion bei der lex Heinze theil- oenommen haben. Die ganze Behauptung kann sich wohl nur auf einen Vorgang stützen. Eines Tages, als wir sehr lange gesessen hatten, hatten meine Freunde keine Lust, ihr Mittagessen länger warten zu laßen, und gingen deshalb bei der Abstimmung nicht mehr hinein. (Heiterkeit.) Wir haben aber weder an diesem Lage noch sonst während der Berathungen über die lex Heinze irgendwelche Obstruktion getrieben.

Ich wende mich nun zu Herrn Dr. Barth. Seine Behauptung, daß dieNational-Zeitung" das Organ oder das Hauptorgan der national-liberalen Partei sei, trifft nicht zu. DieNational- Zeitung" hat bereits selbst vor Jahren erklärt, daß es chr nicht in den Sinn komme, in ihrer Politik über einzelne witthschaftliche Fragen als Organ der Partei zu gelten, es liegt aber auch nicht im Willen der Partei, derNational-Zeitung" das Amt eines Cen- sors über ihre Haltung einzuräumen. Wenn die Herren, die dort gegen unsere Haltung aufgetreten sind, sich mit ihrem Urtheil etwas mehr Zeit gelassen hätten, dann wäre es denkbar, daß das Urtheil anders ausgefallen wäre, zumal da der eine Censor es selbst etn- räumt, daß nach einigen Monaten der Antrag Kardorff moralisch gerechtfertigt gewesen wäre, es sich bei ihm also nicht um eme Sritif unseres Vorgehens an sich handelt, sondern nur um die des Zeitpunktes unseres Vorgehens, und als der andere Censor zugesteht, daß der Antrag dem Geiste, wenn auch nicht dem Wortlaute der Geschäftsordnung zuwiderläuft. DieNational-Zeitung" hat in ihrer freihändlerischen Richtung unzweifelhaft eine Hinneigung zur freisinnigen Bereinigung, was Herrn Dr. Barth doch bekannt sein

herrschen. Gelingt bo3 diesmal, so ist die Obstruktion ein allemal eingeführt in das Arsenal der parlamentarischen Begriffe, und bei jeder wichttgen Vorlage wird man dann genothtgt fern, wenigstens etwas Obstruktion mit in den Kauf zu nehmen. Es würde für uns ein ganz ungeheures Unglück fern, besonders auch auf dem Gebiete der Sozialgesetzgebung, wenn die,es ungesetzliche und verwerfliche Mittel Einzug in den Reichstag hielte. Wir müßen daher jetzt, wo so offen und klar dieser Versuch gemacht wird, den Herren zeigen, daß der deutsche Reichstag nicht gewillt ist, sich der Herrschaft einer kleinen Minorität (Lärm bei den Sozialdemokraten) zu unterwerfen, sondern daß die Mehrheit auch m der Lage sein soll, nach geordneter Diskussion ihren Willen zum Ausdruck zu bringen. Das sind die Gründe wirthschastlicher und politischer Natur, die uns bewogen haben» nach langer, ernster Ueberlegung diesen Antrag zu unterschreiben. . .

Ich wende mich deswegen auch an meine Freunde un isanoe, die sich noch nicht mit dem Anträge befteunden können, mit der Bitte, sich in unsere Lage hineinzuversetzen und von die,em Stand­punkt aus die Richtigkeit unseres Vorgehens anzuerkennen. (Beifall.)

Abg. Thiele (Soz.): Wenn nach dem Dr. Sattler dieNational- Zeitung" auch kein national-liberales Blatt ist, so haben doch andere national-liberale Zeitungen genau dasselbe geschrieben, tote die National-Zeitung". Der Anttag v. Kardorff widerspricht so dem § 19 der Geschäftsordnung, daß man an dem gesunden Menschen- verstand Derjenigen zweifeln muß, die dies leugnen. Wir sind gegen den Anttag, weil wir wollen, daß die Geschäftsordnung, die so lange bestanden hat, auch weiter gehandhabt wird. Der Versuch, so den Tarif durchzudrücken, wird immer ein Schandmal für das Gentrum sein. Glauben Sie denn, daß diese Laurahütten- Moral ohne Einfluß auf das Volk sein wird? So etwas wird sich das Volk nicht gefallen laßen. Das Volk wird bei den Wahlen seine Stimmen zu unfern Gunsten abgeben. Vor der letzten Auf­lösung schloß Präsident von Levetzow die Sitzung mit den Worten: Ave, Caesar, morituri te salütant! Dies Wort wird jetzt freilich nicht gesprochen werden, aber es wird doch für die Mehrheits­parteien Geltung haben. Der Anttag Kardorff darf überhaupt nicht zur Debatte gelangen. Geschieht dies doch, dann wird man im Volke sagen: Der Präsident ist mitschuldig, denn der Hehler ist eben so gut wie der Stehler.

Präsident Graf Ballestrem: Ich rufe den Redner wegen dieser Aeußeruiig zur Ordnung. (Beifall rechts^ Ich muß em für alle Mal erklären, daß ich mich von dieser Stelle aus nicht entlassen kann, in die Debatte einzugreifen. Von dieser Stelle aus wird nicht d e 6 a 11 i r t, sondern Ordnung gehalten, Ordnung der Rede und die Ordnung im Saale. Ich kann Ihnen daher nicht antworten, und finde es sehr wenig hübsch, wenn die Abgeordneten immer wieder die Person des Präsidenten mit in ihre Aeußerungen hineinziehen. (Lebhafter Beifall rechts und im Centrum.)

Hierauf vertagt das Haus die weitere Berathung aus Dienstag 1 Uhr.

Schluß 6% Uhr.

dürfte. ES spricht sich darin auS, daß sie die Ausführungen, die am verletzendsten waren, der Hinweis auf unseren Führer Ben­nigsen, sehr lebhaft an eine Rede erinnerten, die Herr Pachmcke am selben Tage gehalten hat, und dieser Hinweis entweder Herrn Pachnicke nachgeschrieben ist oder sich jedenfalls ganz in seinem Geiste bewegt hat.

Nun hat man uns den Vorwurf gemacht, ich hätte im Oktober gesagt, am besten wäre es, wenn die Regierung die Vorlage zuruck- zöge. Ja, damals hatten wir auch noch keine geschloßene Mehr­heit, die eins mit der Regierung war. Jetzt ist die Vorbedingung erfüllt. Die Mehrheit hat sich im Interesse des Zustandekommens der Vorlage mit der Regierung und uns geeinigt, und nun ist es die Obsttuttion, welche Die Durchführung des Werkes verhindern will. Der Zolltarif ist ein Rüstzeug für die verbündeten Regierun­gen zum Abschluß neuer Handelsverträge, und um ein solches Rüst­zeug den Regierungen zu geben, verlohnt es sich allerdings, An­strengungen zu machen. Für mich und alle Unterzeichner des An- ttages war Der Anttag selbst sehr unerfreulich und unerwünscht, und ich bestteite es, daß wir schon lange, bevor er gestellt war, diesen Weg geplant haben. Das ist eine vollständig unrichtige Behaup­tung. Ich kann nur sagen: Ich habe mich nur mit äußerst schwerem Herzen zur Unterzeichnung des Anttages entschlossen. (Zuruf des Abg. Singer: Es ist aber doch gegangen!) Wir sind aber zur Beschreitung dieses unerfreulichen Weges gezwungen gewesen durch das Verhalten der Obsttuttion. In der Nothlage, m der wir uns befanden, mußten wir diesen Ausweg benutzen. Sie haben uns durch Ihre von vornherein angefünDigte Absicht, den Willen der Minderheit an die Stelle des Willens der Mehrheit setzen zu wollen, in diese Nothlage gebracht, denn Sie bekämpften und be­drohten Damit den Parlamentarismus und verhöhnten die Mehr­heit. (Sehr richtig!) Ich bin ganz gewiß bereit, die Geschäfts­ordnung sonst in einer Weise auszulegen, die den berechtigten Wünschen der Minderheit entgegenkommt, aber wenn man, wie Sie, die Geschäftsordnung nur zur Geschäftshinderung brauchen will, wozu ja dieNattonal-Zeitung" noch einige Monate gewähren will, so kann man einer solchen Obstruktion nur gewähren, was Recht ist, aber nicht mehr, dadurch, daß man den Wortlaut der Geschäftsordnung nicht verletzt. Sie haben jetzt keinen Anspruch, anders als nach dem Wortlaut der Geschäftsordnung bebandelt zu werden, und diesem Wortlaut widerspricht der Anttag Kardorff nicht. (Zustimmung bei der Mehrheit.) Ich habe mich nur zur Unter­zeichnung des Anttages entschlossen, weil wirthschaft­lichen und politischen Gründe uns dazu zwingen. Es ist von höchstem Jntcreße für unsere Industrie, für unsere Land- wirthschaft und vor Allem auch für unsere arbeitende Bevölkerung, daß wtt zu neuen Handelsverträgen gelangen, Die Stellung der verbündeten Regierungen gegenüber dem Auslände ist aber bet den Verttagsverhandlungen die denkbar ungünstigste, wenn der Zolltarif nicht zu Stande kommt. Auch Freiherr von Marschall hat es anerkannt, daß wir unbedingt einen neuen Zolltarif dazu brauchen. Es handelt sich ferner darum, ob bie Aktionsfähigkeit des Reichstags auftecht erhalten werden soll oder nicht, ob es zungenfertigen und redegewandten Leuten an die Hand gegeben wer­den soll, den ganzen Übrigen Reichstag zu Ihrannisiren und zu be-