Zweites Blatt.
Samstag Ä. August 1902
Die Heutige Wummer umfaßt 16 Seiten
152. Jahrgang
Beschäftigungsgrad in der AigarreninduHrie.
In keiner Branche wirkte wohl der Rückgang der ge» werblichen Konjunktur einschneidender als in der Zigarren- und Tabakinduslrie. Sobald sich die Arbeitecbevölkerung infolge geringeren Einkommens oder höherer Warenpreise einschränken muß, spart sic zunächst an den Ausgaben für Genuß mittel. Der schlechte Winter und der flaue Geschäftsgang in diesem Jahre hat eine ganz bedeutende Einschränkung des Tabakgenusses zur Folge gehabt, der den Absatz der Zigarrenfabrikate ungemein erschwerte und zu einer Anhäufung der Lagerbestände bei Fabrikanten und Händlern führte. Ein großer Teil Arbeiter ist ferner dazu übergegangen, die Zigarre und Pfeife mit dem Priem zu vertauschen, und in der That hat die Kautabak-Fabrikation infolge dieses Umstandes eine auffallend gute Zeit. Die Herstellung des Kautabaks erfordert weniger Arbelts-
Nr. 179
erscheint täglich außer Sonntags.
*)em Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siegener Hamilien- blätter viermal in der Woche beigelegt
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Deutsches Deich.
Berlin, 1. August Man meldet aus Kiel: Der Kaiser ist von Schwerin kommend, heute abend hier ein- getroffen und begab sich an Bord der „Hohenzvllern". Die Kaiserin traf von Grünhvlz hier ein und begab sich ebenfalls auf die „Hohenzollern". Prinzessin Heinrich und Prinz und Prinzessin Friedrich Carl von Hessen trafen bereits am Nachmittag mit ihren Kindern von Hemmelmark kommend hier ein.
— Ein Verein selb st ändigerpolnisch erBar- biere Berlins und der Umgegend soll in den nächsten Tagen ins Leben gerufen werden. Besondere politische Vereine bestehen bereits für die Gewerbe der Bäcker/ Gärtner, Fleischer und Tischler.
— Ans Posen wird geschrieben: Der letzte polnische Eisenbahnassistent in Posen, Namens Ur- banowicz, wurde „im Interesse des Dienstes" nach Flensburg versetzt.
— Tie im vorigen Jahre verurteilten Thorner Gymnasiasten Leo Borowski, Felix Zielewski und Won- sierski, denen die Ablegung der Reifeprüfung an preußischen Gymnasien untersagt worden war, hatten sich nach! Galizien begeben und dort die Prüfungen bestanden. Nach ihrer Rückkehr nach Preußen wurden sie sofort verhaftet und, wie die „Gaz. Gdanska" berichtet, zur Verbüßung ihrer Strafen nach dem Gefängnis übergeführt. Sie werden sodann, trotzdem sie zum einjährigen Dienst berechtigt sind, zwei Jahre lang im Heere dienen müssen.
— Tie sozialdemokratische Presse Deutschs» lands verfügt einer jetzt veröffentlichten Zusammenstellung zufolge über insgesamt 140 Organe. Davon sind 52 täglich, 5 wöchentlich dreimal, 5 wöchentlich zweimal, 10 wöchentlich einmal, 1 monatlich zweimal, und 2 monatlich einmal erscheinende politische Zeitungen. Ferner giebt es eine Wochenschrift „Tie neue Zeit", 2 vierzehntägig erscheinende „Witzblätter", „Postillon" und „Wahrer Jakob", und 2 illustrierte Unterhaltungsblätter. Die übrigen 60 Organe bilden die Gewerkschaftspresse, 8 erscheinen monatlich einmal, 20 alle 14 Tage, 1 monatlich dreimal, 30 wöchentlich einmal und 1 wöchentlich dreimal. — Der „V o r w ä r t s", das Berliner Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei, wird am 1. Oktober in sein neues' Heim übersiedeln und zwar unter neuer Flagge. Bisher erschien das Blatt im Verlage von M. Badina, vom 1. Oktober ab übernimmt die offene Handelsgesellschaft Paul Singer u. Comp. den Verlag und die Druckerei im Auftrage der sozialdemokratischen Parten
Die Petersburger „Nowosti" ersehen aus der Rede die Friedensliebe Kaiser Wilhelms. Das Blatt schreibt:
An der Spitze einer mächtigen Militärmacht stehend, strebt der Kaiser nicht nach kriegerischen Lorbeeren, sondern nach friedlichen Erwerbungen; er ist sich der Verantwortlichkeit für die Erhaltung des Friedens vor Deutschland und ganz Europa im höchsten Grade bewußt. In seiner Emdener Rede berührte er ebenfalls das belibte Friedensthema. Zweifellos rufen seine Worte überall den günstigsten Eindruck hervor, da Deutschland Friedensliebe eine der Hauptgarantien derietzigen politischen Lage ist. Diese Friedensliebe ist aber das eigenste Werk Wilhelms II., sie muß ihm deshalb als besonderes Verdienst angerechnet werden. Wenn an seiner Stelle ein Herrscher wie Napoleon I. stünde, wäre das heutige Europa der Schauvlatz eines allgemeinen, schrecklichen Krieges, aber Deutschland wird zum Glück von einem humanen und friedliebenden Kaiser regiert, deshalb dienen alle Lasten des bewaffneten Friedens, der die Folge der Bildung einer starken Militärmacht im Zentrum Europas ist, nur als Gewähr des Weltfriedens, den alle Mächte Europas in gleicher Weise nötig haben.
Zur Simplicisfimus-Affäre an der Kieler Universität bringt die „Schlesw. Holst. Volksztg." einige genauere Mitteilungen über das Erfahren gegen den relegierten Studenten. Wir tragen daraus Folgendes nach:
.... Stud. jur. G. ist in erster Linie deshalb verurteilt worden, weil er dem sozialdemokratischen Blatte, der „Schlesw. Holst. Volksztg." das Material über die Simplizissimus-Angelegenheit zur Veröffentlichung übergeben hat. Außerdem ist er als Verfasser des unter dem Titel: „Die Freiheit an der Kieler Universität" in der „Volksztg." erschienenen satirischen Gedichtes unter Anklage gestellt worden. Sieben Kapitalanklagen waren vom Untersuchungsrichter gegen ihn erhoben worden. Er sollte sich einer schweren Verletzung der den Professoren gebührenden Achtung schuldig gemacht haben: 1. wegen Veröffentlichung einer internen, nur die' Universität angehenden Angelegenheit; 2. wegen eines Vertrauensbruchs dem Professor v. Schubert gegenüber, der über seine Aeuße- rungen, den „Simplicissimus" betreffend, Schweigen bewahrt wissen wollte; 3. wegen Entstellung der Aeußerungen des Professors Pavpenheim über den Simplicissimusstreit; 4. wegen des Gerüchtes; 5. wegen der Veröffentlichung des Artikels in einer sozialdem. Zeitung; 6. wegen bewußter Förderung sozialdemokrat. Tendenzen durch die Veröffentlichung in der „Volks-Zeitung"; 7. sollte er durch die Wahl dieser Zeitung die Ehre der deutschen Studentenschaft verletzt haben.
Zu seiner Rechtfertigung gab stud. jur. G. zu Protokoll: Zu 1. Er halte die Angelegenheit nicht für eine interne, sondern für eine wichtige, das ganze geistig regsame Deutschland interessierende prinzipielle Frage; zu 2. Professor! v. Schubert habe in einer offiziellen Generalversammlung gesprochen, weshalb man einen einseitigen Vertraulichkeitswunsch nicht als biüdend betrachten konnte; zu 3. Die Aeußerungen bei Professor Pappenheim seien so gefallen, wie er sie wiedergegeben habe, was er durch Zeugen beweisen könne; zu 4. das Gedicht stelle eine satirische Geißelung der an der Universität Kiel herrschenden unhaltbaren reaktionären Zustände dar; zu 5. die Veröffentlichung des Artikels in der „Volksztg." sei geschehen, weil dieses Blatt allein in Mel sich zur Aufnahme des Artikels bereit erklärt, auch könne man unmöglich in der Veröffentlichung durch ein sozialdemokratisches Blatt etwas Achtungverletzendes sehen; zu 6. er, der Student, kenne zu wenig die sozialdemokratische Partei, um die bewußte Absicht haben zu können, ihrer Agitation Vorschub zu leisten, — er habe nur die Asfaire aus irgend eine Weise in die Oeffentlichkeit bringen wollen. Er sei allerdings der „Volksztg." zu großem Dank verpflichtet; zu 7. der Vorwurf einer Ehrverletzung der deutschen Studentenschaft durch sein Vorgehen sei ihm durchaus unverständlich, er müsse ihn mit Entschiedenheit zurückweisen.
Darauf erfolgte dann das Urteil wegen schwerer Beleidigung der gesamten Professorenschaft der Universität Mel sowie schwererStörungderaka- demischen Disziplin.
Ausland.
London, 1. Aug. Der Liverpool Post zufolge hofft Kaiser Wilhelm, Kitchener werde, ehe er nach Indien abreist, Deutschland besuchen. Der Kaiser habe Mtchener persönlich versichern lassen, die deutsche Armee würde sich freuen, Gelegenheit zu bekommen, einen hervorragenden Soldaten begrüßen zu können.
— Tas Mitglied des Unterhauses, Lynch, der des Hochverrats beschuldigt ist, wurde heute dem Gericht zur Aburteilung überwiesen. Lynch wird beschuldigt, auf selten der Buren das irische Korps besehlrgt zu haben.
Haag, 1. Aug. Die hiesigen Bärenführer erhielten die nichtamtliche Mitteilung, daß ihre Rückkehr nach Südafrika vorläufig nicht gestattet werde. — Ter demnächst hier eintreffende frühere Präsident Stein wird mit seiner Familie die Villa Norma in Sche- veningen beziehen. Professor Winkler wird an Stein eine schwere Operation ausführen.
Johannesburg, 1. Aug. In einem Interview mit einem Vertreter des Star erklärte der Vicepräsident der Handelskammer, daß bis jetzt in Johannesburg nicht die gering st e Besserung im Handel zu verzeichnen sei, trotz der günstigen Lage, die augenblicklich herrscht.
Pretoria, 30. Juli. Tie Rücksendung der Buren nach den H e i m ft ä t t e n macht große Fortschritte. Tie Zahl der Familien, die sich bereits auf den Farmen in Transvaal angesiedelt haben, wird auf 9000 geschätzt.
Washington, 1. Aug. Tas Frauen st immrecht . im Staate Colorado scheint ein gründlicher Fehlschlag zu sein. Er wurde im Jahre 1893 daselbst eingeführt und jetzt erklären Frauen selber, daß die Politik unter Mitwirkung der Frauen noch, viel korrupter geworden sei und daß das politische Weib sich noch beutegieriger erwiesen habe, als der professionelle männliche Politiker.
Aie Nationailiöeraleu.
In der Zeit der Ruhe wirft man gern einen Blick in die Runde. In der stillen politischen Saison halten die Partien gegenseitig Musterung. Man kritisiert sich und ist «n Genugthuung erfüllt, daß es im eigenen Lager soviel besser aussieht, als in demjenigen der Gegner. Tie „Fehles, oie in der Politik gemacht werden, sind immer auf der anderen Selle zu finden. So zahlreiche Untersuchungen solcher Art angestellt werden, es läßt sich eine Prämie aussetzen auf die Entdeckung eines Satzes, worin offen zugegeben wird, daß auch in der Partei des Beurteilers! selbst nicht alles vollkommen ist. In der Regel wird bei diesen sommerlichen Erörterungen eine Partei ganz besonders aufs Korn genommen. Einmal ist; das Zentrum, ün ander Mal die Sozialdemokratie vorzugsweise Gegenstand der Aufmerksamkell.
In diesem Jahre scheinen die Nationallibe- t alen an der Reihe zu sein. Das erklärt sich daraus^ daß die wirtschaftlichen Fragen gegenwärtig im Vordergrund stehen durch die Beratungen über den Zolltarif, und daß es ein Grundsatz der nationalliberalen Partei ist, in Bezug aus diese Fragen weitgehende Freiheit der Auffassung ihren Mitgliedern zu gewähren. Dies Prinzip kann zu großen Un^uträglichteiten führen, es kann bei wich,- tigen Entscheidungen die Absttmmung der Parteivertreter bedeutungslos machen, indem die Stimmen Für und Wider annähernd gleich in die Waagschale fallen. Es liegt auf der .Hand, daß diese Zwiespältigkeit nicht den Kredit einer Partei stärkt. Immer wird ein Teil der Wähler verstimmt sein über die Opposition in den eigenen Reihen. Bereits im Jahre 1894 veranlaßte der Zentralvorstand der national- liberalen Partei die Medersetzung eines Ausschusses, um zu den wirtschaftlichen Fragen Stellung zu nehmen und oas Programm entsprechend zu ergänzen. Die gefundene, vorgeschlagene und vom Frankfurter Delegiertentag zum Beschluß erhobene Formel war die erwähnte von der Freiheit der Meinung in wirtschaftlichen Fragen.
In diesem Herbst findet wiederum ein nationalliberaler Telegiertentag statt. Nach Aeußerungen eines national- liberalen Führers wird dieser Parteitag von erheblicher Bedeutung sein. Tie Bedeutung liegt hauptsächlich darin, daß man an Stelle jener negativen Formel positive Ziele zumal in der Handüspolitik wird aufstellen müssen. Bei einer Vorlage, wie der Zolltarif, kann ein fortwährendes Hin- und tzerschwanken geradezu verhängnisvoll werden für das Ansehen einer Partei, diesem Ansehen derart Abbruche thun, daß bei den nächsten Wahlen ein unwiderbringlicher Verlust nach links wie nach rechts entstehen würde. Beispielsweise bei den Getreidezöllen giebt es unter den Nationalliberalen Männer des 6 Mark-, des 5 Mark- Zolls und solche, denen ein 31/2 Mark-Zoll ausreichend erscheint. Was für eine Abstimmung kommt dabei heraus! Und eine ähnliche Differenz besteht noch gegenüber einer ganzen Reihe von Positionen. Die „Rechts-Ncllionallibe- ralen", die agrarfreundlichen Fraktionsmitglieder, befinden sich allerdings in der Minderheit. Aber sie treten in den Zolldebatten meistens als Wortführer auf. Ter Charlottenburger Pros. Dr. P a a s ch e ist außerordentlich rührig, ebenso der oberhessische Gras Orivla und nicht zuletzt der Wormser Frhr. v. tzeyl. Die stärkere, industrie- und chandelsvertrags-srenndliche Richtung tritt bei weitem nicht so hervor.
Es ist abzuwarten, ob es aus dem Delegiertentag gelingen wird, zu einem Ausgleich zu gelangen, oder ob es zu einer „reinlichen Scheidung" kommt. Frhr. von Heyl hat ja schon mehrmals mit der Absicht sich getragen, sich seinen Platz anderswo zu suchen. Besser jedenfalls als eine halbe Verständigung ist die reinliche Scheidung. Wenn Mitglieder der Fraktion sich mehr zur Rechten hingezogen fühlen, so ist es das.Einfachste, sie schlagen in Frieden und konsequent diesen Weg ein. Der Verlust von neun oder zehn Parteivertretern würde reichlich wettgemacht durch die Geschlossenheit und Wirksamkeit der im Fraktionsverband Verbleibenden. Daß es so nicht bleiben kann, wie es ist, das ist eine Ueberzeugung, die sich mehr und mehr in nationalliberalen Parteikreisen befestigt.
Der galizische „Bauernkrieg".
Der Aus st and der galizischen Feldar beiter dehnt sich neuerdings auf weitere Gemeinden des Ausstandsgebietes aus. In sechs Gemeinden ist der Ausstand beigelegt. Im Bezirke Zieczow wurden ungefähr 120 Personen wegen Ausschreitungen verhaftet. Im Bezirke Przemysl wurden ein ruthenischer Journalist und zwei ruthenische Universitäts- Hörer verhaftet. In Mieslachow mußte Kavallerie infolge Ausschreitungen bei der Millläreinquartieruna von der Waffe Gebrauch machen. In mehrere Gemeinden wurde neuerdings Militär beordert. Der Gerichtspräsident Lucki- wicz wurde von Lemberg nach Tarnopol entsandt, um ein Gerichtsverfahren gegen die Arbeiter einzuleiten, die sich an der Streikagitatton beteiligt haben. Ferner wurden zwei Richter dorthin delegiert, weil die dortigen Gerichtsbehörden nicht imstande sind, das anschwellende Material $u bewältigen. Auf der ganzen Linie wächst die Streikbewegung und wird namentlich durch ruthenische Akademiker geschürt. Charakteristisch ist, daß an vielen Orten sich auch das Hofgesinde dem Streik angeschlossen hat. Die Erregung infolge der Zusammenstöße mit dem Militär, wobei zahlreiche Arbeiter verwundet wurden, ist groß. Die Landarbeiter erklärten, nidit das Geringste von Ujte.n Forderungen nachlassen zu wollen.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen ZWZ
_______________________ ” zeigenteil: Hans Beck.
Politische Tagesschau.
Die Emdener Kaiserrede
wird weiter in der deutschen und ausländischen Presse erörtert und von der Mehrzahl der deutschen Blätter als gegen das radikale Agrariertum gerichtet auf- gefaßt. Nur die freikonserv. „Post' warnt vor der Anwendung der Kaiserworte aus die Agrarier:
„Verschiedene Blätter fassen die Stelle, worin der Kaiser die Worte seines Vaters: „Lerne leiden ohne zu klagen", anführt, als eine Mahnung an die Agrarier auf. Für die besonnene Presse liegt umso weniger Anlaß vor, ich an den Interpretationen der Rede zu beteiligen, als >er Kaiser selbst einmal gesagt hat, an einem Kaiserwort oll man nicht drehen und nicht deuteln. Diejenige Presse, Die mit jener Stelle politische Spekulattonen betreibt, erzielt nur eine Verkümmerung der Freude über die kaiserliche Rede, und diese Schmälerung des Genusses verdient sip wirklich nicht. Nicht der Parteihader soll mit der kaiserlichen Rede, oder vielmehr durch deren Interpretationen entzündet werden, sondern Vielmehr einmütig sollen alle Parteien zu ihm ausschauen und ihm als dem Führer auf neuen Bahnen Vertrauen schenken."


