Ausgabe 
2.6.1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 186

Erstes Blatt.

158. Jahrgang

Montag 19098

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SS' Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen KKs

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Polizeiverordnung, doS £ «umlaufen der Gänse an Sonn- und Feiertagen auf bcn Straßen und Plätzen zu Holzheim betreffend.

Auf Antrag beß OrtSvorstands zu Holzheim wird mit Genehmigung Großh. Ministeriums des Innern vom 17. Mai 1902 rote folgt verfügt:

§ 1.

ist verboten, auf den Straßen und öffentlichen Plätzen m der Gemeinde Holzheim an Sonn- und Feier­tagen Gänse mnherlaufen zu lassen.

§ 2.

Zuwiderhandelnde werden mit einer Geldstrafe von 20 Pfg. pro Stück bestraft, sofern nicht Bestrafung nach H 366 Ziffer 1 und 10 des Strafgesetzbuchs cinzutrcten hat.

Gießen, den 31. Mai 1902.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Dr. Wagner.

Polizeiverordnung,

betreffend Verhütung von Waldbrändcn.

Mit Rücksicht auf die große Zahl von Waldbränden, welche infolge der zurzeit bestehenden außerordentlichen Trocken- hrtt entstanden sind, bestimmen wir auf Grund des Art. 79 der KreiS- und Provinzialordnung das folgende:

1. Bis auf weiteres ist daS Rauchen von Zigarren, Zigaretten und ungedeckelten Tabakspfeifen in Waldungen und auf Haiden außerhalb der chauffierten OrtSverbindnngs- roegc verboten.

2. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis zu 90 Mk. bestraft.

Gießen, den 21. April 1902.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold,

Politische Wochenschau.

Tee politische Wettersignatur ist gegenwärttg kritisch Lwd zwar weist sie, wie des berüchtigten Wetterpropheten z Falb Kalender, kritische Tage erster Ordnung auf, deren Erscheinungen als unmittelbar bevorstehend zu bezeichnen sind. Es bereiten sich eigentümlicherweise fast zur gleichen Zett in verschiedenen Staaten Dinge vor, deren Bedeutung und Tragweite für die Entwicklung der einzelnen Nattonen zwar nicht gleich groß sind, deren Entscheidungen aber, mögen sie sich mm günstig oder ungünstig gestalten, in die nächste Zeit fallen müssen. Deutschland hat in seiner wirtschaftlichen Entwicklung und ist diese nach Lage der Tinge nicht von höchster Bedeutung? eine Krisis durchzumachen, wie sie ihm bis jetzt zum Glück er­spart worden ist. Selten ist die FrageSein oder Nichtsein" dringlicher gestellt worden als heute, und selten ist ihre Beantwortung für l)as deutsche Volk so entscheidend ge­wesen wie in der Gegenwart. Man wird erinnert an den lleoergang zur Zollpolitik in den siebziger Fahren, die Rückkehr zum Freihandel und die Zeit der Handelsverträge anfangs der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Wird uns die nächste Zett die Schutzpolittk bringen oder nicht das ist die große Frage. Diese äußerst kritische Situation hat nun einen Höhepunkt erreicht, der uns bald die Ent­scheidung bringen und die auf allen Gemütern liegende Spannung lösen muß. Wenn auch der Hauptschlag erst in der nächsten parlamentarischen Saison zu erwarten sein wird, wenn vielleicht erst die nächsten Wahlen über den Zolltarif entscheiden werden, so muß doch in nächster Zett das Ja oder Nein in der Zuckervorlage gesprochen werden, aus deren Ergebnis sich nicht ohne Berechtigung

ein antizipierender Schluß auf das der Zolltarifvorlagc ziehen laßt, und das auch nicht ohne Einfluß auf die Rerchstagsverhandlungen im Winter bleiben wird. Ohne Zweifel! Denn wir erleben in der Zuckcrsteuerkommissron das gleiche parlamentarische Bild wie in der Zolllarif- kommrssion, um deren Schncckengang sich zur Zeit niemand mehr recht kümmert. Auch die Begleiterscheinungen diffe­rieren wenig von einander. Man- redet hier wie da von gründlicher Ueberlcgung und Durchberatung" und die Staatssekretäre Posadowsky und Richthosen treten mit ihren Ermahnungen und Warnungen in der zuckersüßen Kommission ebenso nutzlos auf wie in der Tarifkommission. Ter Antrag aufgründliche Durchberatung" der Zucker­frage wurde von ihrem Einbringer, Müller-Fulda, zurück­gezogen, weil eine Mehrheit dafür sich nicht finden ließ. Man wartet wieder mal Erklärungen Bülows <rb. Nun Herr Graf: hic Rhodus, hic salta! Wollen Sic nicht das Tänzchen wagen und sei es auch nur in einerEx^ratour? Lang h b n die Staaten über die Lösung der Zuckersrage vergeblich ver-- handelt, die internationale«^ragc wurde in Brüssel in diesem Jahre endlich gelöst. Hier gilt es nun, die Konsequenz zu ziehen aus der Stellungnahme der deutschen Regierung zur Brüsseler Konvention. Gelingt es dem Grafen Bülow nicht, die Zustimmung des Reichstags zu erlangen und zwar bald, dann ist Deutschlands Ansehen im Auslande um ein bedeutendes Teil zerstört, und daß ein solcher Verlust auch rückwirkende Kraft auf die übrige Machtstellung unseres Vaterlandes haben müßte, wird jeder national Gesinnte ohne weiteres empfinden.

Ganz so leicht ist es allerdings schon in dieser Frage nicht, denstarken Mann" zu zeigen, wie etwa in der Polenvorlage, die das preußische Abgeordnetenhaus nach gegenwärtig vorherrschender parlamentarischer Ge­pflogenheit wieder an eine Kommission verwiesen hat, die das Gesetz dieser Tage mit 13 gegen 7 Stimmen annahm. Auf die letzte Rede des Grafen Bülow hin dürfen wir deshalb auch nicht einen hohen Wechsel auf die Zukunft ziehen. Es ist eben ein leichteres Stück, an der Spitze des überlegenen Heeres mit Siegesbewußtsein in den Kampf zu ziehen, denn als zu lavieren zwischen zwei, wenn auch nicht an Zahl, so doch an Energie gleichwertigen Gegnern. Ueorigens werden wohl die preuß. Landtagsverhandlungen nur noch wenige Tage dauern. Am 7. Juni tritt das Herrenhaus wieder zusammen. Für den 14. Juni sei der Schluß des Landtages vorgesehen.

In unserer hessischen Kammer haben die ersten Beratungstage nach den Pfingstferien nichts besonders Be­merkenswertes gebracht, doch stehen für die nächsten Tage wichttge Tinge zur Entscheidung, über die wir heute in einem besonderen Artikel (Die Zweite Kammer der Land­stände") berichten.

Im Auslande dagegen sind mannigfache Krisen akut geworden. So mußte der eben erst gekrönte Herrscher auf Spaniens Königsthron gleich zu Anfang seiner Regier­ung eine Ministerkrisis erleben, die sich allerdings uner­warteterweise schnell nur durch einen Personenwechsel im Ackerbauministerium erledigte.

Dagegen steht unter dem schweren Drucke einer Minister­krisis Frankreich. Tem Entschlüsse Waldeck-Rousseaus, zurückzutrctcnchat sich das gesamleMinisterium ang.schlossen, und die Demission soll veröffentlicht werden, nachdem Loubet, der inzwischen von seiner Rußlandreise mit wenig oder feinen neuen Erfolgen zurückgekehrt ist, in Paris wieder eintreffen wird, das er auf einige Tage wiederum verlassen hatte. Seine politische Rede bei der Ankunft in Dünkirchen hat bedeutendes Aufsehen in Frankreich erregt, da sie als Kundgebung gegen die Radikalen gelten muß und als die Absicht des Präsidenten, ein Sammlungs­kabinett mit Einbeziehung der Melinisten oder wenigstens ihres linken Flügels zu bilden. Um das Präsidium der französischen Kammer bewerben sich nunmehr Deschanel und Bourgeois. Tie Wahl des Letzteren erscheint infolge Unter­

stützung seitens der Radikalen und Sozialisten gesichert. Die Freunde Deschguels haben indessen für ihren zbandi» baten eine Mehrheit von 10 Stimmen herausgerechnet.

Die Krisis in Südafrika aber, von allen diesen Krisen die die Welt am meisten bewegende ist vorüber. Unser heute ftüh ausgegebenes Extrablatt meldete die Nachricht Kitcheners vom 31. Mai, daß daS Bedingungen der UeVergabe enthaltende Schriftstück von allen Buren- delegierten, Milner und Kitchener unterzeichnet worden ist. Ter Friede ist also da! Heber die Bedingungen, unter denen er geschloffen wird, Vermutungen aufzustcllcn, ist in diesem Augenblick ein müßiges Beginnen. Wir hoffen aber, daß sie die Fortexistenz des niederdeutschen VolkstumS in Südafrika sichern. Ein Rückblick auf den zweieinhalbjährigen Krieg zeigt uns, daß auch die Engländer allen Grund hatten, sich nach dem Frieden zu sehnen. Die Forderung der Un- abhängigkeit haben die Buren wahrscheinlich fallen laffen müssen, sonst aber haben die Engländer offenbar in wichtigen Punkten nachgegeben. Wie weit sie in ihren Zugeständnissen gegangen sind, entzieht sich noch der allgemeinen Kenntnis, dürfte aber morgen schon bekannt fein.

Kestischer Landtag.

Zweite Hessische StqndeLammer.

104. Sitzung.

Darmstadt, 31. M aL

Zweiter Präsident Schmitt eröffnet die Sitzung um 91,4 Uhr.

Am Regierungstisch: Staatsmiuister Rothe Lxc., Justiz- minifter Tittmar Exc., Finanzminister Gnauth Exc., Mini­sterialräte Breibert, Best unb Eisenhitth.

Nach Eintritt in die Tagesorbuung steht als erste Posi­tion zur Beratung bie Regierungsvorlage, den Ges etzentwurff, bie Besoldungen bet Gen­bar m en unb bie Polizeikosten betreffenb, in Verbinbung mit ber Regierungsvorlage, bie Dis­ziplin arve rhältn iss e ber Gendarmen betr.

Neben einer Gehaltserhöhung hat bie Vorlage den Zweck, eine anbenoeitige Einteilung ber Gendarmerie her­beizuführen. Während seither die Distrikte, die sich mtt den Provinzen decken, in Sektionen unb diese in Stationen zerfielen, sind die Distrikte jetzt in Bezirke, die sich mtt den Kreisgrenzen völlig decken, unb biese wieberum in Sta­tionen eingeteilt. Ter Bezirk wirb durch einen Kreisober­wachtmeister, ber feinen Sitz in der Kreisstabt hat und dem Kreisamt beigegeben ist, unterstellt. Jede Station unter­steht einem Wachtmeister. Hiernach ist bie Gendarmerie des Bezirks in die notwendige enge Berührung mit der Verwaltungsbehörde gebracht worden.

Abg. Wolf (fr. w. Vg.) ist mit ber geplanten Gehalts­erhöhung der Gendarmen durchaus einverstanden, dagegen kann er sich mit der geplanten Neuorganisation nicht be­freunden. Tie Regierung wolle sie an die .Kreise ange- schlossen haben; dies halte er für gut. Eine Erhöhung der Wachtmeisterstellen von 30 auf 81 könne er nicht befür­worten. Statt ber 22 Oberwachtmeister halte er je drei für jede Provinz für genügend und je einen Wachtmeister für die Kreise halte er für ausreichend. Die beiden Tistrikts- kommanbeurstellen in Mainz unb Gießen sollten nicht mehr neu besetzt werben. Er bringe einen entsprechenben An­trag ein.

Ministerialrat Breibert erwibert, baß bie Kammer bei ber Budgetberatung beschlossen habe, die Distriktskom­mandeurstellen zu belassen: im übrigen entspreche die ganze Neueinrichtung vollständig den Wünschen, mit denen das Haus früher an bie Regierung herangetreten sei.

Äbg. Bähr (fr. w. Vg.) spricht sich für bie Vorlage aus, bamit biese Beamten nicht noch länger warten müßten

Feuilleton.

Deutsche Dichtcr-EedächtvisStiftung. AuS Hamburg gingen uns ein paar Schriftstücke zu, denen wir folgendes entnehmen: ßittcraturfreunbe der verschiedensten Berufskreise in Deutschland, Oesterreich und der Schweiz und unter den Deutschen tm Auslande haben sich zufammengethan, um eine Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung zu begründen, die in Hamburg ihren Sitz hat und die sich, nachdem ihr vom Senat der Freien Stadt Hamburg die Rechtsfähigkeit erteilt worden ist, jetzt mit einem Aufruf an die Oeffentlichkeit Menden. Die Stiftung will unseren großen Dichtern nicht nur denen der klassischen Zeit, fonbern auch denen der letzten Jahrzehnte und der Jetztzeit die schönste Ehrung dadurch erweisen, daß sie Jahr für Jahr die Volksbibliotheken (iuSbefonberc auf dem Lande unb in kleineren Städten) mit den Meisterwerken der Litteratur versorgt, und daß sie auch deren sonstige Verbreitung durch Herstellung gut ausgestatteter billiger Ausgaben fördert. .Allerdings" heißt es in dem Aufrufsind die Mittel, die zusamnienkommen muffen, um die Stiftung auf eine der Bedeutung der deutschen Litteratur würdige Summe zu bringen, sehr erhebliche; io lange jährlich weniger als 10 000 Mk. (denen ein Kapital von etwa 300 000 Mk. ent­sprechen würde) an Zinsen zur Verfügung stehen, kann chre Thättgkeit dem vorhandenen Bedürfnis nur ungenügend Rech­nung tragen. Aber wir vertrauen auf den idealen Sinn des Volkes der Dichter und Denker, das ja ^zahr für Jahr ein MebriaLes dieses Betrages für seine Dichterdenkmäler zu­

sammenbringt! Jeder, der es an sich selbst erfahren hat, welche glücklichen Augenblicke die Werke unserer großen Dichter auch in unfece trübeslen Stunden bringen können, jeder, der ihnen so manche Anregung, so manche stille Erhebung dankt, wird nach seinen Verhältnissen 311 einer Stiftung beitragen wollen, die ein leuchtendes Beispiel der Verehrung des deutschen Volkes für feine unsterblichen Dichter und ein ewig fortwirkender Hort deutschen Geisteslebens werden soll. Die Stiftung soll sich nicht auf das Deutsche Reich beschränken: so weit die deutsche Zunge klingt, soll sie ihre Wirksamkeit und ihr Werben entfalten. Alles, was zu der großen Einheit des deutschen Kulturkreises gehört, soll Teil haben an ihren Segnungen unb beitragen können, sie zur Blüte unb Kraft zu bringen: unseren großen Dichtern zum unvergäng­lichen Denkmal!" Von dem Gesamtoorstand, der den Auftuf unterzeichnet, seien genannt: Tr. Hans Hoffmann-Wernige- rode (Verfaffer der .HinterpommerscheN' Geschichten", der .Ostfeemärchen" u. f. w.), Otto Emst-Hamburg, Ferdinand Avenarius-Dresden, Geh. Oberregierungsrat Schmidt, vortt. Rat im Kultusministerium in Berlin. Außerdem aber wird der Auftuf von einer großen Zahl hervorragender Persön­lichkeiten der verschiedensten Berufskreise in Deutschland, Oester­reich und ber Schweiz unterftügt. An ihrer Spitze stehen der Reichskanzler Graf v. Bülow, der preußische unb der öster­reichische Kultusminister Dr. Studt unb Dr. W. v. Härtel. Aus der Menge der übrigen Unterzeichner seien hier nur einige genannt. Zunächst von lebenden Dichtern Dreyer, Fulda, Halbe, Holzamcr, Liliencron, Rosegger, Spiechagen, Traeger, Trojan, Voß, Wildenbruch, Wilbrand:; Helene

Bühlau, fDlarie von Ebner-Eschenbach, Clara Viebig. Dann eine Anzahl Professoren, unter ihnen Wiesehahn in Friedberg. Auch Maler und Bildhauer find zahlreich uertreten, unter ihnen bie Professoren Max Liebermann und Schaper-Berlin, Olbrich-Darmstadt, Franz Stuck. Endlich unsere bedeutendsten Musiker: Weingartner, Schilings, Humperdinck. Als be­sonders wichtig erscheint uns auch der Umstand, daß zahl­reiche Buchhändler den Aufruf der Deutschen Dichter- Gedächtnis-Stiftung unterzeichnet haben, und zwar Sorti­menter ebensowohl wie Verlagsbuchhändler. Die Thätigkeü der Stiftung ist so gedacht, daß neben b& Unterstützung der ärmeren Volksbibliotheken mit unseren besten Dichter^erken vor allen Dingen die Herausgabe hervorragender Dichtungen in Poesie und Prosa ooroeit sie verlagsfrei sind) in guter Ausstattung und zu billigem Preise in Angriff genommen werden soll. Diese Ausgaben sollen ebenfalls zur Verteilung an jene Bibliotheken dienen, aber auch in allen Buchhand­lungen für jebermann käuflich fein. Alle von ber Stiftung verbreiteten Werke sollen geschmackvoll und dauerhaft gebunden fein, da nicht nur für Volksbibliolheken, sondern auch für Husbibliotheken gebundene Bücher vorzuziehcn sind. Denn die Beschaffung einer Hausbibliothel soll auch dem nicht Wohlhabenden erstrebenswert gemacht und durch jene Stift­ungsausgaben erleichtert werden. Ein besonderes Augenmerk wird die Stiftung darauf richten, die Bücher auch äußerlich in tadelloser Gestalt herauszubringen: also in völlig deutlichem Druck, auf gutem Papier, und in geschmackvollein und prak­tischem (nicht fchin'.ii>'ndem, ab^vafchbareni) Einband. Das erste von der Stiftung herausgegebene Buch wird ein