Ausgabe 
1.11.1902 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Samstag 1. November 1S«L

Nr. 857

158. Jahrgang

Erstes Blatt.

Urschet«« täglich aufjei Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem Hessischen Landwirt dte Siehener Kamillen» blätter viermal tn der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­tag der Brühl 'schen Ünioers.-Buch- u.Stein- bruderei lBletsch Erben) ReOaftton. LrpedlUoa and Druckerei:

Schal st raße 7.

Adresse tüx Depeschent Anzeiger Sieben.

tzernlprkchanschliitzVr 51.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger w

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

VezaaSYret», monallich7bVs.vteriel- jährlich DU. 2L0; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Tlt.2. vienel- jährt. ausschl. Beslellg. Annahme von Anzeigen für bie TageSnummer bis vormittag- 10 Uhr. ZetlenpreiS: lokal I2Pf, a«SrvärlS 20 Psg. verantwortlich: lüt den sollt. u. öligem, keil: P. Wittko: sür ,Stadt und ßanb* und .GertchtSsaal^ Cutt Plato: iür den An­zeigenteil: HanS Beck.

Bekanntmachung.

Betr.: Schießübungen.

In der Zeit vom 6. bis 8. und 10. bis 18. November beabsichtigt das 1., 2. und 8. Bataillon des Infanterie- Regiments Kaiser Wilhelm Nr. 116, Schießübungen mit scharfen Patronen indem Gelände zwischen GlimbachBeuern- Alten -BuseckGroßen -Buseck abzuhalten und dasselbe zu diesem Zwecke mit Posten abzusperren.

Geschossen wird am 6. und 10. November von 6'/, Uhr vormittags btS 4 Uhr nachmittags, an allen übrigen Tagen von 9 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags.

Die Schußrichtung läuft vorn Alte Berg (nördlich Großen- Buseck) nach Norden gegen Höhe 306 (westlich Beuern).

Die Straßen Großen-BuseckAlten-BuseckDaubringen MainzlarTreis a. d.L.ClimbachBeuernGroßen-Buseck sind ungefährdet.

Die in Betracht kommenden Großh. Bürgermeistereien wollen dies unter dem Anfügen in ihren Gemeinden orts­üblich bekannt machen lassen, daß vor dem Betreten der Schußlinie ausdrücklich gewarnt wird. Besonders wird darauf hingcwiesen, daß an den betreffenden Tagen sich weder Holz­arbeiter noch Holzsanimler in den gefährdeten Waldungen aufhalten dürfen.

Gießen, den 29. Oktober 1902.

Großherzogticyes nreisamt Gießen.

Dr. Breidert.

Bekanntmachung.

Betr.: Feldbereuugung in der Gemarkung Daubringen.

Montag, den 17. November l. IS. findet die Ueberweifung der neuen Grundstücke und die Versteigerung der Massegrundstücke vom II. Felde der Gemarkung Daubringen an Ort und Stelle statt.

Zusammenkunft vormittags 10 Uhr am Bureau der Großh. Bürgermeisterei zu Daubringen, woselbst auch die VerstelgerungSbedingungen bekannt gegeben werden.

Die Ueberweifung erfolgt vorbehältlich der im Ueber- «eisungSternim bekannt zu gebenden weiteren Bedingungen unter folgenden:

1. Meliorationsarbeiten können auf den überwiesenen Grundstücken auch fernerhin vorgenommen werden.

2. Eigentumsveränderungen, die infolge der Ausfüh­rung von Meliorationsarbeiten, der Anlage von Wegen und Gräben und dergleichen innerhalb der Zeit der Ausführung dieser Arbeiten notwendig werden, müssen die neuen Eigen­tümer dulden. Ein hierdurch bedingter Ab- und Zugang von Gelände wird dem neuen Eigentümer nach dem Bonitäts­wert vergütet bezw. zugeschrieben.

Friedberg, den 28. Oktober 1902.

Der Großherzogliche Bereinigungskommissär:

Spam er, Kreisamtmann.

Gießen, 21. Oktober 1902.

Betr.: Herbstkontrollversammlungen.

Das GrohhcrWgliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Die nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf orts­übliche Weise zur öffentlichen Kenntnis bringen.

Dr. Breidert.

Kekanntmachung.

Betr.: Herbstkontrollversammlungen.

Bei den diesjährigen Herbstkontrollversammlungen im Kreise Gießen haben zu erscheinen alle zum Haupt- Meldeamt Gießen gehörigen:

1. Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamte der Reserve (Kleiner Dienstanzug: Mütze, Waffen­rock oder Ueberrock, Achselstücke, lange Hosen oder hohe Stiefel beliebig, bei schlechter Witterung Paletot);

2. Reservisten, sowie die zur Disposition der Truppenteile und der Ersatzbehörden Ent­lassenen aller Waffen;

3. Diejenigen, der Landwehr 1. Aufgebots an­gehörigen Mannschaften, welchen ein besonderer Ge­stellungsbefehl zum Erscheinen bei der Herbstkontroll­versammlung zugegangen ist.

Die Ersatzreservisten haben bei der Herbstkontroll­versammlung nicht zu erscheinen.

Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Zeit die Kontrollpflichtigen anzutreten haben:

A. Zu (Hießen

im Hofe der alten Kaserne am Brand

für die Bewohner von Annerod, Allendorf a. d. Lahn, Alten- Buseck, Beuern, Burkhardsfelden, Gießen mit Schiffenberg und Herrnmald, Großen-Buseck, Großen-Linden, Heuchelheim, Klein-Linden, Lang-Göns, Leihgestern, Oppenrod, Rödgen, Trohe, Watzenborn und Steinberg, Hausen, Wieseck, und zwar:

Am 4. November 1902:

1. Appell vormittags 9 Uhr.

Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamte der Reserve, sowie sämtliche Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1895 und 1896 eingetreten sind.

2. Appell nachmittags 2 Uhr.

Sämtliche Reserv isten der Infanterie, welche in den Jahren 1897 und 1898 eingetreten sind.

Am 5. November 1902:

1. Appell vormittags 9 Uhr.

Sämtliche Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1899, 1900 und 1901 eingetreten sind.

2. Appell nachmittags 2 Uhr.

Sämtliche zur Dlsposltion der Truppenteile und der Ersatzbehörden entlassenen Mannschaften der In­fanterie, sowie sämtliche Reservisten der Garde, Jäger, Kavallerie, Feld- und Fußartillerie,

Pioniere, Eisenbahn-, Telegraphen- und Suft* s ch iffertruppen.

Am 6. November, vormittag- 9 Uhr.

Sämtliche Reservisten des TrainS (einschließlich Krankenträger), SanitätS- und Veterinär­personals, Büchsenmachergehilfen, Oekonomie- handwerker, Marinemannschaften, sowie zur Dis­position der Truppenteile und Ersatzbehörden entlaffenen Mannschaften der Spezialwaffen und die zur Landwehr 2. Aufgebots überzuführenden Wehrleute.

B. Zu Lollar.

Am 6. November 1902, nachmittags 2 Uhr 30 Mim. an dem Bahnhof,

für die Bewohner von

Allendorf a. d. Lda., Climbach, Daubringen mit Heiberts- hausen, Lollar, Mainzlar, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Treis a. d. Lda.

c. Zu Hungen.

Am 7. November 1902, vormittags 9 Uhr 15 Mim. an der Post,

für die Bewohner von

Bellersheim, Bettenhausen, Hungen, Inheiden, Langd, Langs­dorf, Nonnenroth, Obbornhofen, Rabertshausen mit Ringels- Hausen, Rodheim mit Hof Graß, Röthges, Steinheim, Trais- Horloff, Utphe, Villmgen.

D. Zu Lich.

Am 7. November 1902, nachmittags 8 Uhr, in der AmtsgerichtSstraße,

für die Bewohner von

Albach, Birklar, Dorf-Gill, Eberstadt mit Arnsburg, Ettings­hausen, Garbenteich, Grüningen, Holzheim, Lich mit Albacher Hof, Kolnhausen und Mühlsachsen, Münster, Muschenheim mit Hof-Güll, Nieder-Bessingen, Ober-Bessingen, Ober-

Hörgern, Steinbach.

E. Zu (Srünberg.

Am 8. November 1902, vormittags 9 Uhr 15 Mim, am westlichen Ausgange auf der Straße nach Gießen

für bie Bewohner von

Allertshausen, Beltershain, BerSrod, Gellshaufen, Göbelnrod, Grünberg mit der DickelSrnühle, Neumühle, Stadtmühle, Stemmühle, Obere und Untere Ziegelhütte, Latzmühle, Hattenrod, Harbach mit der Kolbenmühle und Sommer­mühle, Keffelbach mit der Rabenauischen Papiermühle, Lauter mit der Artzmühle, Bingmühle, Georgenhammer, StrelleS- mühle und Walkmühle, Lindenstruth, Londorf mit der Burg Rabenau, Burgmühle, Schrnittrnühle, Reitzenmühle und Ziegel­hütte, Lumda (Groß- und Klein-), Odenhausen mit Appen- bömer Hof, Queckborn, Reinhardshain, Reiskirchen, Rüddings- hausen, Saasen mit Bollenbach, Veiisberg und Wirberg, Stangenrod, Stockhausen, Weickartshain, Wettershain mit dem Hamer-Hof, Winnerod.

Befreiungsgesuche sind bis längstens 8 Tage vor dem Appell auf dem Dienstwege (durch das Haupt-

Aie ZlniversttätsöivlioLheL in Kietzen.

C. PL Gießen, 1. Nov. 1902.

Ter modernen praktischen Welt ist die Romantik fremd. Die eigenartige Entwicklung der Neuzeit, für die es kein Analogon in der Geschichte giebt, hat die äußerste Aus­nutzung der Zeit, des Geldes, des Bodens, selbst der kleinsten Werte, die sich in den Beziehungen des Lebens finden, zu ihrem wichtigsten Prinzip gemacht und dadurch winzigen Platz nur gelassen für das, was auf die Romantik der früheren Zeiten hinweist oder da^u Bedingung ist. Ter kaltherzige, nüchterne Egoismus, der mit dieser Lebens­auffassung verbunden ist, begegnet uns im privaten Leben ebensosehr wie int öffentlichen, wo er mit besonderer Schärfe in den öffentlichen Bauten hervortritt. Und zwar in d e n öffentlichen Bauten, die vorwiegend ideellen Inter­essen dienen, die leine greifbaren Zinsen ab werfen, deren Segen zwar sehr groß, aber doch nur mittelbar ist, weshalb er nur von wenigen Weiterblickenden in seinem vollen Um­fange gewürdigt werden kann. Oeffentliche Bauten dieser Art werden daher von Bielen skeptisch angesehen und meist erst geschaffen in dem Augenblick, wo die Notwendigkeit dazu zwingend hervortritt. Die Ausstattung derselben ist denn auch oft so kümmerlich, daß der ideelle Zweck in keiner Weise erreicht wird. Es fei hier z. D. an die Schulen er­innert, die bei uns in Hessen außen durchgehends passable Gebäude, innen leider immer noch fast allenthalben un­säglich einfach und kahl gehalten find, fodaß fie auf Lehrer und Schüler einen unfreundlichen und fremden Eindruck machen. Es ist ja .selbstverständlich, daß eine reiche, ge­diegene Innenausstattung eine sehr viel höhere Bausumme erfordern würde, aber Mehrforderungen hierfür wären nichts weniger als nutzlos. Man darf als Grundprinzip für die öffentlichen Bauten nicht allein deren praktische Lerwendbarkeit gelten lassen; mindestens ebenso wichtig ist das künstlerische, das sittliche, das ästhetische Moment, das dabei in Frage kommt.

Wir sagten, daß die Schulen außen ganz passable Ge­bäude, innen aber unfreundlich und chtern seien. Das trifft nun leider bei öffentlichen Gebäuden auf die große Mehrzahl äu. Wir vermissen alles, was wir an Hen Gebäuden früherer Zeiten bewunderten, und was heute

ihnen den eigenartigen Zauber des Romantischen verlecht. Wir vermissen die dicken Mauern mit ihren lauschigen Winkeln und stillen Nischen, in denen es sich so prächtig träumen ließ, die trotzigen Säulen, die Wucht der schweren Portale und ihrer festen Thüren, die einsamen Galerien, die kleinen behaglichen Zimmer. . . wir sehen nur überall die strengste Sparsamkeit, die sich mit dem Nötigsten begnügt.

Und wenn früher auf den Grundlagen einer massiven Bautechnik, die nicht mit dem Millimeter und dem Pfennig zu rechnen brauchte, sich die so selbstbewußte und doch elegante Architektur heranbildete und aus dem schweren Gebäudekern herausgliederte, so machen wir heute die Ent­deckung, daß die Architektur Haupt- und Selbstzweck bei dem Gebäude ist, daß sie den Gebäudekern nur so weit gebraucht, als sie unbedingt einer Stütze bedarf. Die Architektur ist nur noch eine Koulisse, und würden wir sie sortnehmen, so stürzte der ganze monumentale Prachtbau zusammen.

Unter den öffentlichen Profanbauten steht, wenn wir von den Unterrichtsanstalten abfehen, hinsichtlich ihrer Be­deutung und Wichtigkeit für die Bildung des Men­schengeschlechts das Bibliotheksgebäude obenan. Frei­lich nicht für diejenigen, die die Bedeutung eines Bau­werks nach ihrem eigenen materiellen Vorteil bemessen, sondern für die, die sich eine höhere Auffassung vom Werte der Kultur, von der Erhabenheit und Größe der Geistes­bildung geschaffen haben. Mehr wie in den Museen, den Gemäldegalerien, Theatern rc. vereinigt sich in der Biblio­thek alles, was im Laufe der Jahrtausende Großes erdacht und geschaffen wurde; hier umweht uns der Geist jener gewaltigen Kette von überragenden Gestalten, die die Kultur begründet haben, hier können wir uns verlieren in die Anfänge unseres sagenhaften Seins und können vordringen bis ans Ende der Zeitlichkeit, hier finden wir alles, was gut und schön, was abstoßend und häßlich ist, hier ist die Quelle der Wissenschaften, der edelsten Güter, des gesamten geistigen Lebens. Wer den Fuß in diesen Bau setzt, der empfindet die sittliche Weihe, die über der unermeß­lichen, hier aufgefpeicherten Arbeit liegt. Und er wird das Bedürfnis haben, sich loszulösen von dem Irdischen, dem Materiellen, von allem, was ihn mit dem realen Leben verbindet: er will den weisen Lehren der alten Gesetzgeber lauschen, will mit Aristoteles durch die Laubengänge wandeln

und am Symposion des Platon teilnehmen, er will die ganze Schönheit des griechischen Lebens genießen, oder er will in stillem Studium den Ursachen nachforschen, aus denen sich ein Imperium Romanum entwickeln konnte, er will überhaupt die Geschichte der Menschheit studieren, sie mitempfinden, miterleben, um so zu den höchsten Höhen der Menschheit zu gelangen, von denen herab der Geist die Welt regiert, und wo der reinere Odem des Göttlichen alle Gedanken an die irdische Erbärmlichkeit und Ver­gänglichkeit aus unserer Nähe verbannt.

Um die großen geistigen Schätze, die in einer Biblio­thek aufgespeichert sind, in solcher Weise genießen zu können, um, wie Seneca in seinen Briesen an Lucilius fagt,neben sich die Götter, unter sich die Menschen zu sehen", bedarf es in unferm Zeitalter mehr denn je einer stimmungsvollen Arbeitsstätte. Tie Nervosität der Gegen­wart, das rücksichtslose Hervortreten des Egoismus, der uns die notwendige Andacht überall zerstört, erfordert ein Heiligtum, das der geistigen Arbett geweiht ist, das ein Asyl ist für alle diejenigen, die sich aus dem brutalen, materiellen Leben flüchten wollen an die stillere Stätte der Wissenschaft. Und ein solches Heiligtum kann nur eine Bibliothek sein, die alles besitzt, was zum Hervorrufen jener eigenartigen Stimmung notwendig ist.

Wenn wir uns nun die neue Gießener Bibliothek an- schauen, so werden wir leider enttäuscht sein. Ein kalles, modernes Gebäude zeigt es in seinem vorderen Teile allerdings eine, von künstlerischem Geschmack entworfene, verhältnismäßig reiche Architektur, die uns indessen ledig­lich daran erinnert, was der leitende Baumeister hätte schaffen können, wenn ihm die Hände nicht durch zu ge­ringe Mittel gebunden worden wären. Innen ist die Bibliothek unsagbar praktisch gebaut, da fehlt nichts, aber auch rein gar nichts, um sie zu einem großen Nachschlage­werke zu machen. Tas tritt auch äußerlich in dem hcnteren Teile des Gebäudes, der großen Bücherkiste, zu tage. Tiefes entsetzliche Büchermagazin! Praktisch, kolossal praktisch ist es ohne Zweifel, aber was wir noch von der künstlerisch, empfundenen Architektur des Hauptgebäudes sagen konnten, trifft auf die Bücherkiste nicht mehr zu. Sie hat eine un­leugbare Ähnlichkeit mit einem Gefängnis. Und ein solches ist sie ja auch. Als eine viereMge steinerne Hülle