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Aus der Stadt Gießen.

Das innere Gesetz.

Mit Pfingsten ist das Frühjahr auf seinem Höhe­punkt angelangt. Das Leben verkündet seine All­macht in einer verschwenderischen Fülle blühender Gärten und Felder, es verkündet sie in der Sprache der Schönheit, die leichter den Weg zum Herzen firidet. Wie klein und kalt ist so vieles, was der Mensch über das Göttliche sagt, gegenüber der ein« dringlichen Größe, mit der das Werk selbst seinen Meister lobt! Nur ein völlig erstorbenes Gemüt empfindet in diesen Tagen nichts von der Schönheit der Stätte, die dem Menschen für sein Leben und Schaffen bestimmt ist.

Aber die Blüte ist nicht der Sinn des Lebens, sondern die Frucht. Um Pfingsten geht die Welt aus dem Zustand des Blühens in den Zustand des Reifens über, und jedes Gewächs strebt, wie es der Sinn seines Daseins verlangt, seiner Bestimmung zu, sich aus der bunten Fülle des Ganzen lösend. Ein Gang durch die Felder läßt uns wieder und wieder staunen über den Reichtum der Formen, der sich da vor uns ausbreitet. Nicht e i n Ding ist dem andern gleich, nicht e i n Halm ist völlig wie der andere beschaffen, nicht ein Blatt, nicht ein Baum, nicht eine Blume gleicht völlig der andern. Alles hat seine Eigen-Art und sucht sie zu be­haupten; das Lebendige paßt sich wohl, wenn es die äußeren Bedingungen fordern, bis zu einem gewissen Grade der Umwelt an, aber sein eigent­liches Wesen gibt es nie auf, lieber geht es zu­grunde. Das ist das innere Gesetz, das in allen Ge­schaffenen lebt, und das es treibt, sich gegen seine Umgebung durchzusetzen, jedes bleibt in dem Rah­men, den ihm die Vorsehung schöpferisch gesetzt.

Auch der Mensch hat sein inneres Gesetz, nach dem er sein Dasein formt und das ihm vorschreibt, sein geistiges Wesen und seine sittliche Ueberlegen- hett gegen seine Umwelt zu wahren. Es ist das Göttliche, das von Anfang an in ihn gelegt ist und ihn dazu beruft, die anderen Regungen, die abseits von seinem Wesen und seiner Bestimmung führen wollen, zu beherrschen oder zu unterdrücken. Frei­lich wird ihm die Entscheidung häufig erschwert, wenn das Sichtbare und Greifbare sich gegen das Gebot des Geistes zu stellen und den Menschen dazu zu bringen sucht, das innere Gesetz zu umgehen und sich den äußeren Umständen anzupassen. Man pflegt dann das Ausweichen zu entschuldigen mit der Ausflucht: So ist nun einmal die Welt, die anderen machen es auch so, die suchen sich auch um dies oder das zu drücken, mitzunehmen, was mitzunehmen ist und sich auf Umwegen einen Vor­teil zu verschaffen, warum soll ich's nicht ebenso machen? Aber das ist nicht das Entscheidende. Nicht was die anderen tun, sondern was d u tust, hast du vor deinem Gewissen und vor dem Rechtsgefühl deines Volkes zu verantworten.

Das innere Gesetz steht über der Wirklichkeit. Das zwingt vielleicht manchmal, gegen den Strom zu schwimmen, aber Siege werden auf die Dauer nur auf diese Weise errungen, im Persönlichen wie im Weltgeschehen. Wenn der Führer nach der Rück­kehr aus dem Weltkrieg sich nur nach den anderen gerichtet hätte ach was, die tanzen, die verdienen, die spielen, die schieben, warum soll ich's nicht machen wie sie?, wenn er nur auf die äußeren Zustände, auf den völligen wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch, auf die scheinbare Aus­weglosigkeit unserer Lage gesehen hätte, dann gäbe es heute wohl kein deutsches Volk mehr. Aber er gehorchte dem inneren Gesetz, er glaubte an dessen Macht auch in anderen Menschen, er stellte den Geist und den Glauben, den Willen und die Kraft unseres Volkes gegen die Umwelt und siegte.

Das Vorrecht des Geistes, die Freiheit der sitt­lichen Selbstbestimmung hochhalten auch in den Kleinigkeiten des täglichen Lebens, nicht dem Zug nach unten, sondern dem Zug nach oben folgend das ist Pfingsten. W. F.

Kür Tapferkeit vor üem Kemöe.

Der Kriegsfreiwillige ^-Sturrnrnann Heinrich Battenfeld aus Lollar wurde für Tapferkeit vor dem Feinde bei den Kämpfen im Osten mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.

Giehen-Wiekeck.

Am heutigen Samstag wird unser Mitbürger Zigakrenfabrikant Heinrich Bi er au II. 85 Jahre alt. Der alte Herr, der körperlich und geisttg noch sehr rüstig ist, gründete im Jahre 1905 in Wieseck eine Zigarrenfabrik. Aus anfänglich kleinsten Ver­hältnissen hat sich im Lause der langen Jahre ein moderner Betrieb entwickelt. Herr Bierau, der in feilten jungen Jahren ein eifriger Turner war, ist auch heute noch von dem edlen Sport begeistert, und man sieht ihn noch bei jeder größeren turnerischen Veranstaltung. Dem Jubilar gelten auch unsere herzlichen Glückwünsche.

Warnung aus Stendal

Roman von A. Lothar Philipp

37. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Warum fragen Sie mich denn, wenn Sie dann doch erst das Gegenteil machen?" murrte Krähe. Dann packte er die Maschine und die Akten zu­sammen und ging ins Nebenzimmer, um seinen steifen Hut und seinen Schirm zu holen.

Sie fanden Lanos gesund und munter in seinem Bett sitzend.

Ein Krankenbesuch", lachte er, als sie eintraten, wie nett von Ihnen. Und wo sind die Blumen und die Aepfel und der Guglhupf?"

Der Ausdruck Guglhupf läßt mich darauf schlie­ßen, daß Sie Ostmärker sind, Herr Lanos", gab Wenig zur Antwort und setzte sich an das Bett.

Nicht ganz, Ungar. Mein Vater war ein ehr­barer Beamter im Wirtschaftsministerium und be­kam graue Haare, als er merkte, daß ich Artist werden wollte. Meine Mutter flammte aus Kecs- femet kennen Sie Kecskemet?"

Nein."

Seien Sie froh und versuchen Sie die Götter nicht. Es ist eine ungarische Kleinstadt, und ein Artist kommt dort gleich hinter einem Topfbinder. Machen Sie sich einen Begriff davon, was das unter diesen Umständen bedeutete, Arttst zu werden. Ich habe es nicht leicht gehabt, und erst als ich den Entschluß faßte, einfach durchzubrennen und mich einer umherziehenden Zigeunerkapelle anzuschlie­ßen/ hatte ich es besser."

,^ch dachte, Sie sind Zigeuner", fragte Wenig.

Nein, wirklich nicht. Aber ich war lange Zeit bei Zigeunern. Sie müssen die ungarischen Zigeu­ner nicht mit den deutschen verwechseln. Die unga­rischen sind musikalische Genies, die deutschen kaum etwas mehr als Vagabunden und Gauner. Das ist der Unterschied. Die Norodna ist Zigeunerin, und

Vorschläge für pfingstwanderungen

►Puddingpulver

Reese-Gesellschaft. Hameln

über den Großen Rothenberg mit unterwegs präch­tigen Blicken auf den Dünsberg sowie auf Königs­berg zur Obermühle leiten, von wo wir das Bieber­tal abwärts zum Endziel Bieber gelangen. Dauer der Wanderung etwa 424 Stunden.

Gießen Fernewald Albach Lich.

Wir beginnen unsere Wanderung an der Uni­versitäts-Bibliothek und folgen der vom VHC. Gie­ßen angelegten Blauen-Punkt-Markierung, die uns über den Schreiberweg, das Nizza und hierauf die Alte-Steinbacher-Straße entlang führt. In der Nähe des Forsthauses Hochwart überschreiten wir die Licher Straße und kommen in den schönen ein­samen Fernewald, Nach einiger Zeit stoßen wir auf gelbe Striche, denen wir nunmehr nachgehen. Auf prächtigen Waldwegen kommen wir nach zwei­stündigem Marsch nach Albach, wo gute Unterkunft ist. Hinter dem Orte erreichen wir alsbald den großen, wenig bekannten. Walddistrikt, die Meil- bach, die wir bis zum Schnittpunkt der Lich-Hatten- röd er Strafte durchschreiten. Hier verlassen wir die Markierung und wenden uns rechts, um nach wie­derum zweistündiger Wanderung auf schöner Wald- strafte zu unserem Endziel Lich zu gelangen. Beim Austritt aus dem Walde hübscher Blick auf den Vogelsberg. Diese Wanderung ist, da sie viel durch Wald führt, für die jetzige Jahreszeit mit dem maienfrischen Grün besonders zu empfehlen.

Gießen Kinzenbach Schwalbenbachtal Bieber.

Wir gehen die Rodheimer Straße entlang bis zum Abzweig schwarzes Dreieck, das uns an der Heuchelheimer Mühle vorüber nach dem hochgele­genen Kinzenbach führt. Von da benutzen wir die Straße nach Atzbach und treffen am Bahnübergang auf den Schwalbenbach, dem wir jetzt aufwärts folgen. Kurz hinter der idllisch gelegenen Schwab benmühle stoßen wir wieder auf unser altes Zei­chen, das uns durch ein liebliches Waldtälchen führt. Unterhalb Bubenrod verlassen wir das seitherige Zeichen und folgen jetzt gelben Strichen, die uns

könnte, würde manches von dem, was wir hl« unten treiben, was wir in Angriff nehmen, und was uns geschieht, vielleicht einen nicht unähnlichen Anblick bieten. Was die Ameisen betrifft, so ist es für den Menschen, von seiner riesigen Höhe herab, nicht leicht, sich in ihrem Gemeinwesen zurechtzu­finden.

Oberhessische Landschaft.

Wir treten aus dem durchsonnten Waldwege ins Freie. Dem Blick öffnet sich ein sehr anmutiges und für die oberhessische Landschaft chorakteristtsches Bild. In flachem Bogen von der dunklen Kulisse des Waldes eingerahmt, breitet sich, nach rechts hin sanft ansteigend, ein weiter Wiesengrund vor uns aus. In das satte Grün der Gräser mischt sich ein leuchtendes Gelb: hier wachsen Löwenzahn und Hahnenfuß über und über. Im Grunde, schräg von links her in die Tiefe des Bildausschnittes ver­laufend, zieht sich die mit blühenden Obstbäumen bestandene Sttaße. Dahinter zeichnen sich die regel­mäßigen Rechtecke der braunen Ackerstreifen ins Blickfeld: auf ihnen, als einzige figürliche Staffage weit und breit, ein paar Bauern mit Pferden und Wagen. Seitlich über dem Walde zieht ein Habicht feine schwingenden Kreise. Es ist -ganz still; das Ohr vernimmt nur das vietönige Orchester zarter Vogelstimmen. Einmal schaukelt ein Zitronenfalter vorüber.

Begegnung am Zaun.

Ein anderes Wiesenstück, kleiner und von einem Drahtzaun umgrenzt, liegt jenseits der Lahn, eine Pferdekoppel an der Hardt. Da weidet eine große, braune Stute, den Hals ins Grüne gesenkt, geruh­sam rupfend und malmend; sehr bedächtig tut sie hin und wieder einen Schritt weiter, ohne den Kopf zu heben. Eng an ihrer Seite das Fohlen, braun wie die Mutter, mit einem weißen Stern auf der Stirn, auf hohen, noch unbeholfenen Beinen, mit einem aufgeregt wedelnden, struppigen Fohlen­schwanz. Einmal stupst es die Mutter mit der Nase in die Flanke, als ob es trinken möchte, aber die Mutter ist jetzt beschäftigt und läßt sich auf nichts ein. Allmählich, Schritt für Schritt, kommen die beiden näher zu uns heran an den Zaun. Das Fohlen schaut neugierig herüber, läßt sich locken und stelzt zutraulich schnuppernd herbei. Zwar haben wir nichts, was wir ihm anbieten könnten, aber es hält mit feinem guten, weißgestirnten Kopf geduldig still, läßt sich streicheln und krauen und mit halblauter, zärtlicher Stimme sich zusprechen. Das weiche Maul stteckt sich zwischen den Drähten, durch uns entgegen und streicht suchend über das Gewand der fremden Besucher. Eine Kinderhand . langt hinüber und betastet das warme Fell und die famtige Weichheit der spielenden Ohren. Dann wendet sich das Fohlen langsam zur weidenden Mutter zurück. Die schaut nicht auf, sie rupft be­dächtig und geruhsam von der saftigen Wiese. Auch hier ist es ganz still. Man kann lange davorstehen und zusehen: ein friedliches Bild.y

Zwischen Gleiberg und Gchiffenberg

Kleiner Streifzug durch den Gießener Frühling.

Oie Arbeitsdienstpflicht -er Mädchen.

Um Mißverständnissen entgegensutreten, wird von der Reichsarbeitsdienstleitung klargestellt, daß es Befreiung von der Ableistung der Arbeitsdienst­pflicht für die weibliche Jugend, zu der grundsätz­lich nur ledige Mädchen herangezogen werden, nicht gibt. In dringenden Fällen können lediglich be­fristete Zurückstellungen erfolgen. Die Entscheidung hierüber wird von dem Leiter des Reichsarbeits­dienstmeldeamtes nach den geltenden Bestimmungen bei der zur Zeit stattfindenden Musterung getroffen.

Unzulässige Ausnutzung

-er Kriegsverhältniffe.

Es ist in letzter Zeit wiederholt wahrgenommen worden, daß Personen, die ihre Arbeit in fremden Haushalten verrichten, wie Wäscherinnen, Aufwarte­frauen, Hausschneiderinnen, Gärtner u. a., ihre Ar-

siehe, diesmal gelingt es: ein schönes Küchelchen, frisch und lecker, formvollendet und ohne Tadel. Die Sonne bescheint zwei rosige Kindergesichter.

Das Drama in der Schneise.

_ Wer unter dieser Überschrift die blutrünstige Schilderung eines Groschenromans oder die Repor­tage eines aufregenden Kriminalfalles erwartet, wird sich entäuscht sehen. Der Schauplatz ist irgend­wo im Schiffenberger Wald, in der Gegend der vierten Schneise. Neben dem Wege erhebt sich ein aewaltiger Ameisenhaufen. Der Blick auf dieses Gemeinwesen, aus der Vogelperspektive gewisser­maßen, ist verwirrend; es erscheint unmöglich, in der pausenlosen Geschästtgkeit dieses tausendfältigen Gewimmels den ordnenden Sinn, das staaten­bildende Prinzip zu erkennen. In der Mitte des Hügels wächst wie der schiefe Turm von Pisa ein verrotteter Kiefernast heraus, wer weiß, wie lange der da schon steckt, er gehört zum Ganzen; wenn man ihn ein wenig herauszieht, vervielfältigt sich das Gewimmel da unten so sehr, daß man es in der tiefen Stille des Waldes leise und beständig rauschen hört.

Ein Stück weiter, auf einem sonnigen Waldwege, ist abermals eine auffallende, diesmal geringere Bewegung zu entdecken: wieder Ameisen, herüber und -hinüber laufend in ständiger, emsiger Be­wegung. Eine von ihnen hat der Fuß des Spa­ziergängers gestreift und verletzt, sie liegt, hefttg zappelnd, aber zur Fortbewegung unfähig, auf dem Rücken. Man müßte sie wohl vollends auslöschen; aber was wird geschehen, wenn eine der Ihren sie findet? Es dauert nicht lange, da kommt eine Ge­sunde an die Stelle, wo die Verwundete liegt, stutzt, umkreist jene und stürzt sich auf sie, heftig arbeitend; es sieht von oben aus, als wollte sie die Verunglückte kurzerhand auffreffen, hilflos wie sie ist. Am Ende packt sie die Getroffene und schleppt sie eilig ein Stück fort, läßt sie liegen, läuft weiter. Nach einer Weile kommen mehrere, die umkreisen die Zap­pelnde, unternehmen aber nichts; bei ihnen ist auch eine kleine, junge, ein neugieriges Ameifenkind. Die Getroffene liegt, zuckt und zappelt. Wieder kommt eine Gesunde, umkreist die Liegende, stürzt sich über sie, packt sie, zerrt und schleppt sie ein Stück mit sich, läßt los, läuft fort, kommt wieder, packt nochmals zu und' schleift die Zappelnde mit sich; jetzt haben sie den Wegrand erreicht und ver­schwinden beide im grünen Gewirr eines Gras­büschels. Man sieht sie nicht mehr.

Das kleine Drama das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet: Handlung ist zu Ende. Es hat nur zwei oder drei Minuten gedauert, die Darsteller waren winzig und ganz stumm. Wenn man aus sehr großer Höhe auf die Erde schauen

Wenn einer eine Reise tut, bann kann er was erzählen. Aber das ist nichts Besonderes, und außer­dem haben wir oft genug gehört, daß man heute nicht reifen soll, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Wenn einer keine Reise tut, sondern statt dessen bloß einen Frühlingsspaziergang macht, kann er auch was erzählen, mindestens etwas erleben, feine gro­ßen und erschütternden Dinge, nur dies und das, Erfreuliches und Nachdenkliches. Der Schauplatz ist vom Schiffenberg hüben und vom Gleiberg drüben begrenzt. Eine Zulassungskarte ist nicht erforderlich, nur offene Augen und Ohren, um unterwegs wahr­zunehmen, was es zu sehen und zu hören gibt

Blick in einen Schrebergarten.

Es lohnt sich beispielsweise schon, im Hinschlen­dern für einen Augenblick im ursprünglichen Sinne des Wortes stehen zu bleiben, an den ver­witterten, mit rostigem Stacheldraht ausgeflickten Zaun zu treten und in den blühenden Schrebergar­ten zu schauen: kleine, eng umgrenzte, friedliche Welt. Die Fliederbüsche, in dreierlei Violett, ver­schwenden ein betäubendes Aroma. Am Wege, der zur Gartenhütte führt, stehen vollentfaltet die roten und gelben Tulpen, und am Zaun entlang in dicken Büscheln die zärtlichen kleinen Vergißmeinnicht. Neben dem Angenehmen und Schönen das Nütz­liche und Notwendige: Stachelbeeren und Johannis­beeren haben gut angesetzt, die Erdbeeren werden auch das Ihre tun. Fett, breit und saftig wuchert das Rhabarbergebüsch: nicht von ungefähr lehnen die vorjährigen Bohnenstangen an der Laubenwand. Appetitlich, locker und grün steht der junge Salat.

Auf dem Acker.

Da drüben geht mit ruhigen, gleichmäßigen Schritten ein Bauer über sein Feld und zuckert. Vor ihm das Pferd, mittelfchwerer, kräftiger Schlag, durchmißt mit starken, raumgreifenden Bewegungen die ganze-Länge des Ackerfeldes, hinauf und hin­unter in einem stetigen Rhythmus: ein Bild der kernigen Gesundheit, des tätigen Lebens; es ist gut und wohltuend zu sehen, wie der Mann und das Pferd hier die uralt-friedliche Arbeit tun und das Feld bestellen, indessen draußen, weit jenseits un­serer Grenzen, die Welt in Flammen steht. Die Sonne spielt auf dem kraftvoll arbeitenden Tierleib in der schönen Stetigkeit und Beharrlichkeit feiner Bewegung und wirft warme, glänzende Lichter auf das glatte, helle Braun, das sich am Schenkelansatz und Bauch ins Weiße verliert. Ab und zu kommt ?in Windstoß und weht ein Staubwölfchen aus der Erde über das Gespann.

Beharrlichkeit in der Sandkiste.

Auf dem Spielplatz steht eine Sandkiste. In der Sandkiste sitzt ein kleines Kind, ein Bübchen, zwei Jahre alt vielleicht ober auch etwas mehr. Es hat ein verschossenes blaues Kittelchen an, die warme Maisonne macht sein blondes Haar noch heller. Der Kleine sitzt ganz allein, mit schmutzigen Händen, hingegeben und vertieft in fein Spiel: Kuchen backen. Er hat ein verbeultes, blechernes Sandförm­chen in feiner winzigen Faust, das füllt er ver­schwenderisch gehäuft, streicht das Ueberstehende mit- der anderen Hand sorgfältig ab und haut bas Förmchen bann, schwupp, mit einem feierlich-er­wartungsvollen Schwung auf bas Ranbbrett, bas die Sanbkiste einfaßt. Aber leiber kommt kein Kuchen zustanbe, weil ber Sand viel zu trocken ist. Lauter breite, zerfließende, unansehnlich gestaltlose Häufchen. Ein anderes Kinb würbe es vielleicht nach einer Weile aufgegeben haben; dieses nicht. Es wertt mit der gleiche», unverdrossenen Beharrlich­keit wie bas große Pferb auf bem Acker. Einmal, vielleicht, wer kann es wissen, gelingt boch noch ein richtiger Kuchen. Der ganze Ranb ist schon mit ver­unglücktem Gebäck bebeckt, aber der Kleine läßt nicht nach. Er rutscht auf feinem verblichenen Hosen­boden am Rande entlang durch den Sand, er schöpft, streicht ab und kippt sein Förmchen um. Das kann noch lange dauern. Aber das Kind ist ohne Zeit.

Und dann geschieht In dieser winzigen Welt etwas, was die Alten auf ihrem Theater als das Ein­greifen des deus ex machina bezeichnet haben: wie jener schicksalwendendeGott aus der Maschine" erscheint aus dem Hausgang nebenan ein kleines Mädchen/ ein Jahr älter vielleicht als der beharr­liche Kuchenbäcker in ber Sanbkiste: sie schleppt ein Sanbeimerchen mit Wasser herbei, verspritzt das meiste unterwegs, aber ben Rest bringt sie freube- strahlenb zum Ziel und kippt es knapp vor dey Beinen des Kleinen klatschend in ben Sand. Es ist ein Tropfen auf einen heißen Stein, aber schon hackt sie daneben und rührt begeistert im Teig: bas ist das Wahre. Der Kleine kann es kaum erwarten, bis er mit seinem Förmchen in bie Masse fahren kann. Er patscht es verklärt auf den Rand, und

es hat mich viel Mühe gekostet, aus ihr eine gute Artistin und einen leidlich anständigen Menschen zu machen. Ganz ist mir das nie geglückt, sie wurde immer wieder etwas rückfällig"

Und bann?"

Lanos lachte etwas verlegen.

Legen Sie Ihre Maßstäbe von Kultur nicht an die Maßstäbe ber Zigeuner", sagte er bann,sie bekam immer mal ein paar Ohrfeigen von mir, unb die brachten sie bann wieder zur Vernunft."

Eine etwas brastifche Erziehungsmethode", meinte Wenig.

Ich würbe niemals eine Frau schlagen", ver­teidigte sich Lanos,aber Zigeunerinnen sind keine Frauen. Sie sind ein Mittelding zwischen einer wilden Katze, einer Krähe und einer Natter. Auf alle Fälle Bestien."

War die Norodna eigentlich am Tage jenes Mordes in Ihrer Wohnung?" Wenig benutzte diese Gelegenheit, um bie Frage auf ein heikles Gebiet zu bringen.

--ja", gab Lanos nach einigem Zögern zur

Antwort, aber sie hat keinen Anteil daran. Bar­thold kam zu mir herauf unb bedrohte mich, holte eine Waffe heraus und wurde tätlich, daraufhin verteidigte ich mich, unb zwar so unglücklich, daß er tot liegen blieb. Ich verlor den Kopf und packte meine Sachen zusammen und verschwand. Das ist alles."

Und dabei wollen Sie bleiben, Herr Lanos?" fragte der Kriminalrat. Dann lächelte er und kniff das rechte Auge zusammen.

Lanos seufzte.

Es ist eine verfluchte Lage, in der ich mich be« finde", stöhnte er,Ihre Mimik zeigt mir, daß Sie es besser wissen. Wenn ich nur wüßte, was Sie wissen, dann wäre mir vieles erleichtert"

Würden Sie dann die Wahrheit sagen?"

Jetzt lächelte Lanos.

Mein Lieber, die Wahrheit ist oft recht brutal und unhöflich. Nein, ich würbe meine Aussage etwas mehr Ihrem Wissen anpassen."

Das ift sehr deutlich", warf Krähe ein.

Im Gegenteil, sehr undeutlich", entgegnete Wenig.Demnach müßte also der Staatsanwatt Anklage gegen Sie wegen Totschlags oder Körper­verletzung mit Tobesfolge erheben, und Sie wür­den einwenden, in Notwehr gehandelt zu haben. Nein, das geht nicht, Lanos, Horen Sie? Sie müssen die Wahrheit sagen."

Ich habe ohne Not noch niemals die Wahrheit gesagt", meinte Lanos.

Machen Sie sich nicht schlechter, als Sie sind", tadelte ihn Wenig.

Das ist gar nicht möglich."

Wenig seufzte.

Was soll ich nur aus Ihnen machen?"

Bitte, machen Sie was Sie wollen, und wohin Ihre Begabung Sie treibt. Man soll der Begabung eines Menschen keinen Zwang auferlegen."

Sie antworten so geistreich, Herr Lanos", sagte Wenig,daß ich saft annehmen muß. Sie sind sich des Ernstes Ihrer Lage gar nicht bewußt. Es geht um Kopf und Kragen, Monn, Sie sind in Gefahr, wegen Mattles zum Tode verurteilt zu werden."

Das wäre auch nicht schlecht. Ich würde dann einen spritzigen Artikel über die Gedanken eines zum Tode Verurteilten schreiben"

Wenig machte eine abwehrende Handbewegung.

Ich weiß", rief Lanos,Sie wollen sagen, das hat Victor Hugo schon getan. Aber ich bitte Sie, der ist vollkommen veraltet. Ich würde das ganz anders aufziehen, mit mehr Humor, denn auch in dieser Situation steckt ein gewisser Humor, der sogenannte Galgenhumor, der bisher viel zu wenig erforscht worden ist"

Sind Sie ein Dichter?"

Ein Stegreifdichter, als solcher hatte ich einst ein Engagement in einem Kabarett und erzielte großartige Erfolge. Jetzt schreibe ich ein modernes Lustspiel mit guten Dialogen, unb sobald ich aus dem Gefängnis herauskomme, werde ich es her­ausbringen. Sie werden Tränen lachen."

Wenig wandte sich zu Krähe um, der starr auf

Lanos sah und mit gerunzelter Stirn feine Ohkett bewegte.

Was sagen Sie dazu, Krähe?"

Verrückt", gab Krähe zur Antwort,er will ben Jagdschein haben."

Verrückt", wiederholle Lanos,bas würde füs mich ein Beweis sein, an der Grenze des Genies zu stehen. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, daß alle Genies ursprünglich als verrückt angesehen wurden. Ich erinnere nur an Galilei lesen Sie darüber den großartigen Roman meines Lands­mannes Zsolt von Harsany, ich erinnere an Co­lumbus, an Graf Zeppelin und andere. Goethe hat sich ausführlich darüber ausgelassen, und Lombroso brachte Genie und Irrsinn in die nahesten Be­ziehungen, von Nietzsche gar nicht zu reden. Sie machen mir ein Kompliment, wenn Sie mich für verrückt hallen, leider bin ich es nicht. Ich werde auch jeden auf Pistolen fordern, der in der Ver­handlung etwa dieses Thema anschneiden sollte. Ich, bin leider nur zu normal."

Ja, soll ich denn diesen Quatsch mitschreiben?" fragte Krähe.

Natürlich nicht. Wir wollen einmal bei ber Sache bleiben, Herr Lanos. Sagen Sie die Wahr­heit, es ist in Ihrem Interesse!"

Wenn ich nur wüßte, welche Wahrheit ich Ihnen sagen soll.", seufzte Lanos,bie Norodna mar da, schön, das ist anscheinend nicht mehr zu leugnen. Barthold kam heraus unb wollte mich töten. Ich tötete ihn. Notwehr. Aus. Und jetzt bin ich mübe und möchte schlafen."

Er legte sich in sein Kissen, drehte den beiden Beamten unhöflich ben Rücken zu unb antwortete nicht mehr.

Das Protokoll war sehr mager. Wenig hoffte, aus ber Norobna mehr herauszuholen.

Er überlegte sich, ob das Verhalten des 23er- hafteten wirklich echt ober nur gespielt war. Schließ­lich hanbelle es sich boch um ben Tod eines Men­schen, und von diesem Gesichtspunkt aus war sein Verhallen mehr als fonberbac. (Forts. folgtH