Ausgabe 
23.5.1942
 
Einzelbild herunterladen

Nr. »4 Zweiter Bla#

Siebener Anzeiger iSeneroi-Anzeiger für vberheiien)

23./24'.maU442

Oer Funken unter der Asche.

Von Ernst von Niebelschütz.

Der Krieg ist in ein Stadium getreten, in dem es ein Recht auf Eigenleben nicht mehr gibt, das Private keinen Betätigungsraum mehr hat und die Selbstgenügsamkeit > zum Frevel am Ganzen wird. Bis in den letzten Winkel erstreckt sich der Totale tätsanspruch des Krieges, und wer da glaubt, er könne sich mit Hilfe einer Philosophie, die ihn gegen das allgemeine Schicksal blind macht, seiner rauhen Hand entziehen, merkt schon im nächsten Augenblick, wie sehr er sich geirrt hat. Frauen arbeiten in den Waffenschmieden des Staates, Jünglinge, eben dem Knabenalter entwachsen, halten sich zum Einsatz be­reit, und selbst die Kinder blicken anders denn sonst, ahnungsvoller, als wüßten sie insgeheim um das große Mysterium der Opferung. Die Magnetnadel unserer gesamten Existenz steht auf Krieg, kein Handgriff, kein Gedanke, kein Gefühl, die nicht auf ihn zurückgingen und sich nicht anders äußerten, wenn er nicht wäre.

Unter solchen Umständen hat, wie es scheint, der geistig Schaffende einen schweren Stand. Soll seine Arbeit fruchtbar werden, bedarf er der Stille, der inneren Sammlung und der Kraft des Glaubens an, das Ewige in der Menschennatur, und seine ganze Umwelt scheint -ihm höhnisch zu­zurufen: Tor, der du bist! Hörst du nicht den Lärm, unter dem die Erde erbebt, merkst du nicht, daß der inwendige Mensch, auf den du dich berufst, eine Worthülse ohne Inhalt geworden ist und Kriege nicht um des Ewigen, sondern um des Zeitlichen willen geführt werden?

Es wird Augenblicke geben, in denen der Dichter, der Künstler, der Gelehrte sich von her Scheinwahr­heit dieser Stimmen überreden lassen, daß ihre Arbeit, solange die Waffen sprechen, unproduktiv sei, daß sie besser daran täten, Feder und Pinsel beiseite zu legen und sich in der riesigen Maschinerie des Krieges eine Stelle zu suchen, die ihnen gemein­nützigere Aufgaben zuweist. Gerade besonders ver­antwortungsbewußte Menschen werden heute von solchen Zweifeln gequält und finden auf die Frage nach dem Sinn ihrer Berufstätigkeit nicht die Ant­wort, die eine bündige Rechtfertigung enthält und sie von der eingebildeten Schuld, in einer Welten­stunde, die kein Sondersein erlaubt, ein insulares Privatleben zu führen, ohne Einschränkung frei­spricht.

Allein die Stimmen lügen. Oder besser: sie gehen von der irrigen Voraussetzung aus, daß der Krieg Selbstzweck sei. Das war unter Barbaren so: der Wilde kriegte, weil ihn das Stillesitzen beschäfti­gungslos machte und darum unerträglich war. Kul­tivierte Völker führen den Krieg allein um des Friedens willen, das heißt zur Er­reichung wünschenswerterer, menscherwürdigerer Zustände, als die waren, die den Krieg erzwangen. Kein weichherzigerPazifismus" darf den ehernen Gang des Krieges stören und den harten Willen zum Siege auch nur einen Augenblick dämpfen, aber Kurzsichtigkeit tpäre es, mitten im Getümmel der Waffen nicht an die Zukunft der Na­tion zu denken, die über den Krieg hinausreicht. Darum müssen schon in der turbulenten Gegenwart geistige Kräfte tätig sein, von der Notwendigkeit und Bedeutung ihrer kulturellen Aufgabe leiden­schaftlich erfüllte Menschen, die sich aus höherem Antrieb berufen fühlen, den Samen auszuwerfen, der das Kommende vorbereiten und möglich machen soll.

Bleibt auch die Mehrzahl von ihnen unbeachtet, wird ihr stilles Wirken auch von den Stimmen, die jetzt mit vollem Recht die Stunde regieren, über­tönt, so ist ihre Arbeit doch nicht vergeblich und wird, wenn die Zeit erfüllt ist, einmal Frucht tragen. Es ist wahrhaftig keine schöne Redensart, wenn wir die Studierzimmer der Dichter und Den­ker, die Werkstatt des Künstlers, die Laboratorien der Wissenschaft, die Redaktionsstuben der Zeitun­gen, das Haus, in dem eine Mutter ihre Kinder

Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!

erzieht, Rüstungsbetriebe nennen, Werkstätten eines Krieges, dessen Soldaten auch fÜL. Deutschland mar­schieren und nicht weniger unter dem allgemeinen Gesetz des Gehorsams und der Zucht stehen als die Kämpfer vor dem Feinde. Auch in ihnen wer­den Waffen geschmiedet, die Waffen des Geistes und des Herzens, von deren Beschaffenheit es ab­hängen wird, wie sich die deutsche Zukunft, die jetzt noch geschlossene Frucht dieses weltumspannenden Ringens, gestaltet.

Wir reden so viel von einerinneren Fron t". Sie sollte mehr sein als nur der Aus­druck für den unerschütterlichen Widerstandswillen, der eine Selbstverständlichkeit ist. Aus ihr muß sich, gehärtet und gereift in aller Drangsal des Krieges, das herauskristallieren, was wir mit Recht unseres Volkes ewigen Wesenskern nennen, das in allem Wechsel Dauernde und Eigentliche, das den inneren

Wert der Nation ausmacht und um dessentwillen es sich lohnt, ein Deutscher zu sein. An dieser Ge­burt rnitzuhelsen ist die Aufgabe derer, die den Ruf vernommen haben. Sie meint Goethe, als er in einem Briefe vorn 27. November 1813 die auch heute gültigen Worte niederschrieb:Jndeß bei dem gegenwärtigen wichtigen Kampf ein großer Teil der hoffnungsvollen deutschen Jugend aufgeopfert wird, so haben diejenigen, welchen die Verhältnisse er­lauben, in ihrer stillen Werkstatt zu verharren, eine doppelte Pflicht, das heilige Feuer der Wissenschaft und K u n ft, und wäre es auch nur als Funken unter der Asche, sorgfältig zu b e - wahren, damit nach vorübergegangener Kriegs­nacht bei anbrechenden Friedenstagen es an dem unentbehrlichen prometheischen Feuer nicht fehle, dessen, die nächste Generation bedürfen wird."

SeM-ilaliemsche SWsalsgememschast.

Von Geheimrat Dr. Karl Brandt, o. Professor der Geschichte an der Universität Göttingen.

Die Schicksalsgemeinschaft Deutschlands und Ita­liens beginnt mit der deutschen Kaiserzeit, und in ihrem Hintergründe erhebt sich, wie überall, die mächtige Figur Karls des Großen, der 774 mit dem Frankenreich das Langobardenreich ver­band und zu dem ohnehin in Oberitalien stark ent­wickelten germanischen Recht noch Elemente des fränkischen Rechts hinzufügte. Da die Blüte der Rechtswissenschaft in Pavia, Padua und Bologna überall an die alte römische Rechtstradition an­knüpfte, fanden die jungen Deutschen, die hier in späteren Jahrhunderten ihre Studien trieben, schon eine sehr universale, von deutsch-rechtlichen Ele­menten und von den Erfahrungen des fortschreiten­den Verkehrs durchsetzte Wissenschaft vor. Hier also ein früher und guter Austausch, wie er ebenso auf kirchlichem Gebiet die Jahrhunderte er­füllt hatte. Wenn auch das äußere Gefüge der römischen Kirche völlig aus der altrömischen Kaiser­zeit übernommen war, so wirkte doch bei der Ueber- nahme der religiösen Inhalte von vornherein auch der germanische Geist stark mit und brachte in werk­tätigen Orden, in unzähligen anderen korporativen Gestaltungen und in den tieferen Welt- und Le­bensanschauungen das zu Wege, was wir eben das mittelalterliche germanisch - roma­nische Christentum nennen, weit abgerückt bereits vom antiken, vollends vom frühchristlich- orientalischen Wesen.

Entscheidend aber wurde das Politische. Die deutschen Könige sammelten die Kräfte der deutschen Stämme, das will sagen: es gelang der jeweils führenden Familie edlen Blutes die durchaus über­schaubaren anderen großen Familien, mit ihrem Anhang, oft genug erst in schweren Kämpfen, zur inneren und äußeren Einheit wenigstens der fest­ländischen Germanen zu führen. DasReich" um­schloß bereits im 9. Jahrhundert alle Stämme dies­seits der Alpen, zu denen Otto der Große er­neut das früher langobardifche oberitalienische Königreich hinzufügte. Wie hier und in einem gro­ßen Teile des seit dem 11. Jahrhundert ebenfalls zum Reich gehörigen Burgund überwiegend roma­nische Dialekte gesprochen wurden, so umgriff das Deutsche Reich auch im Osten und Südosten alle germanischen Herrschaftsgebiete einschließlich ihrer fremdsprachlichen Elemente, etwa in Böhmen, eine große einheitliche mitteleuropäische Führung.

Mit der deutschen Reichsidee verquickte sich nun ebenfalls als ein Vermächtnis der Karo­linger die römische R e i ch s i d e e, die vollends einen universalen Charakter hatte, über das weltlich Politische in das Providentielle hineinreichte und erst recht den Kulturaustausch mit den Deutschen förderte. Die alte Lehre von den vier Weltmonar­chien gewann wieder Raum, deren letzte das römische Reich bleiben sollte. Da nun die deutsche Reichsidee auf dieser Stufe innerlich mit der deut­schen Reichsidee verschmolz, umkleidete sich die Herrschaft der deutschen Kaiser des Mittelalters mit dem doppelten Schimmer der Germanen und der Römer: sie erfüllte sich zugleich mit der Weihe gött­licher Bestimmung. Im Schutze dieser Reichsidee konnten die deutschen Könige sowohl die uralte Nei­

gung zur Teilung des Reichs unter den Erben, wie das Sonderstreben der Stämme überwinden. Die Einheitsidee ging als heiligstes Vermächtnis von Generation zu Generation, getragen von weltlichen und geistlichen Kräften.

Zwar erwuchs dem Reich, das mit der Zeit auch das ganze Italien einschließlich des Normannen­staates von Neapel und Sizilien umfaßte, eine ge­fährliche Gegenmacht nicht nur in den Hoheits­ansprüchen, sondern vor allem in dem weltlichen Staate der Päpste, dem sogenannten Kirchen­staat, der von den Karolingern und den kraftvolleren Kaisern durchaus nur als ein Bereich von Gütern und Hoheiten innerhalb des Reichs gedacht war, sich aber ^um Herde des Widerstandes gegen das herrschende Kaisertum auswuchs. Nicht in der Lage, ihren Staat selbst zu verteidigen, bedurften die Päpste von jeher gegen innere oder äußere Feinde des kaiserlichen Schwertes und bei Streitigkeiten mit dem Kaiser selbst erst recht der auswärtigen Hilfe. So waren es die Päpste, die zwar Italien eine große Stellung in der Kirche gaben, aber immer wieder die Fremden ins Land riefen.

Als nun das letzte große Kaisergeschlecht der Hohenstaufen mit Friedrich II. ins Grab gesunken war, kam über Deutschland auf 20 Jahre.diekaiser- lose schreckliche 3?it", für Italien auf viele Jahr­hunderte. In Deutschland wurde zwar das König­tum durch Rudolf von Habsburg und feine Nach­folger hergestellt, aber die Einheitsidee nahm an Stärke ab, und die Territorien, Fürsten und Städte bildeten schließlich nur noch einen von Jahrhundert zu Jahrhundert mehr ausgelockerten Bund. In Italien blieb vom alten Reich nicht einmal ein solcher Bund: vielmehr bekämpften sich die großen in die Kaiserzeit zurückreichenden Parteien der Guelfen und der Ghibellinen ebenso leidenschaftlich wie die Städte und Herrschaften untereinander. Damit waren für Italien erst recht die Bedingungen gegeben für das Eingreifen der Fremden, der vom Papste gerufenen französischen Anjou und ihrer Gegner der Könige von Aragon oder einzelner deutscher Könige, die sich wieder auf den Wegen der alten Kaiserpolitik bewegten, bis sich vom Ende des 15. Jahrhunderts an das erstarkte Frankreich und das geeinte Spanien auf dem Boden Italiens in wechselnden Bündnissen an der Seite des Papstes oder gegen ihn dauernd be­kämpften: das Erbe der spanischen Habsburger sollten später die österreichischen Habsburger werden.

Das Elend des so zerrissenen Italiens ließ schon den ersten und größten Dichter in der italienischen Volkssprache, den Florentiner DanteAlighieri nach den deutschen Königen rufen, damit sie dem kaiserlichen Lande den Frieden gäben vergebens. Dantes Kaisertraum wurde die letzte Verklärung der Reichsidee auf dem Boden Italiens: in feinem Gesichtskreis lag bereits das weitere ursprünglich von einem einheitlichen Volksstamm, wie er meinte, besiedelte und nur sprachlich in verschiedene Ge­biete und Dialekte zerfallene Europa. Nach ihm ver­suchte .es Petrarca mit dem Bilde einer Her­stellung des alten römischen Imperiums; seine Sehnsüchte blieben vollends im Bereich der Poesie.

Aber das tiefe Verlangen nach der alten Macht und Größe des sprachlich geeinigten Italiens starb nicht ab und überdauerte allen Jammer der Fremdherr­schaften. Die' stärkste Stimme in diesem von Jahr­hundert zu Jahrhundert weiter gegebenen Klage­lied Italiens war der Florentiner Nicolo Machia - velli, der nur zu deutlich sah, daß vor allem der Kirchenstaat eine Einigung Italiens unmöglich mache. Leidenschaftlich rief auch er die Fürsten und Städte seiner Tage auf zur Befreiung Italiens von den Barbaren. Er verband damit die von ihm so großartig zuerst vertretene Meinung von der Notwendigkeit eines Volksheeres anstatt der Söld­ner.Die Wehrkraft Italiens braucht nur . aufge­boten zu werden; es gibt keine besseren Soldaten als hier." Auch er rief nach dem Führer wie Dante, auch er vergebens.

Die Hoffnungen Deutschlands und Italiens über­standen alle Prüfungen und Verwüstungen der Zeiten Richelieus und Ludwigs XIV., sogar die Katastrophen der napoleonischen Zeit und die drückende Unbill der Restauration, um dann immer machtvoller das Ideal der nationalen Einheit anzurufen. Aus den bis aufs Blut miß­handelten Ländern mit ihren Dynastien von Napo­leons oder Metternichs Gnaden ging nun um so sicherer auch die Erneuerung hervor: das Deutsch­land der Befreiungskriege und des zweiten Reiches mit seiner Sehnsucht nach wahrer nationaler Ein­heit und in der gleichen Gesinnung das Italien des Risorgimento. Die Bewegung der Ju­gend erfüllte die Herzen, wie es nur je Petrarca oder Machiävelli, bei uns Hutten oder Ernst Moritz Arndt ersehnt oder gesungen hatten. Für Italien war das Ergebnis, daß seit 1859 die italienische Ein­heit, jetzt getragen von einer alles bezwingenden politischen Idee, unter Führung des einzigen alt­italienischen Fürstenhauses von Savoyen gegen die Oesterreicher nicht als Deutsche, sondern als Erben der spanischen Habsburger erkämpft wurde; zuletzt 1866 doch an der Seite Preußens, das auch Deutschland bald in Kaiser und Reich wiederher- stellte, wenn auch leider ohne das stammverwandte Oesterreich.

Aber es bedurfte noch aller Leiden und Enttäu­schungen des ersten Weltkrieges und zudem der genialsten Führung, um in beiden Völkern über die äuffere nationale Einigung hinaus den völkischen Willen einer inneren Verbundenheit zum Durch­bruch zu bringen und die letzten Schwierigkeiten und Mängel der wahren nationalen Einigung zu über­winden. Benito Mussolini liquidierte die These Machiavells vom Kirchenstaate in dem Sinne, daß ein weltliches Territorium nicht zu den unumgäng­lichen Bedürfnissen einer Kirche gehört. Die Citta del Vativano ist kein Hindernis der nationalen Einheit mehr; der Duce gewann statt eines welt­historischen Gegners den sicheren Freund. In Deutschland hat ebenso Adolf Hitler die Wunden von 1866 geschlossen und geheilt, die Verantwortung Deutschlands für den Donauraum als Erbe Oester­reichs und des alten Deutschen Reichs wieder auf sich genommen. Großdeutschland und das italienische Jmpero haben in ihrem Zusammenschluß die histo­rischen Aufgaben des alten Reichs gemeinsam über­nommen, ein Bollwerk des europäischen Friedens und die Gewähr der Wohlfahrt ihrer Völker zu fein. Denn nur ein starkes Mitteleuropa gibt diesem Erdteil den Schwerpunkt, dessen er zur eigenen Festigkeit bedarf. Nur in ihm liegt die Sicherung gegen alle Mächte der Barbarei des Oestens, aber auch gegen die Wiederkehr der Europa ewig beunruhigenden Rivalitäten der Westmächte' untereinander oder der imperialen Politik Eng­lands auf Kosten des kontinentalen Europa.

verdunkelungszeil:

23. Mai von 22.23 bis 4.44 Uhr.

24. Mai von 22.24 bis 4.43 Uhr.

Der Welt älteste fotochemis^ej|abjik

Oie Giganten.

Von Carl Hans Watzinger.

Bevor Michelangelo Buonarroti für fein Standbild des David vor den Konsuln der Wollenweberzunft in Florenz den Platz neben der Tür des Palastes der Signorie, also den Ort, wo die Judith Donatettos stand, verlangte, hatten die in der Stadt lebenden KünsÜer schon im großen Saal der Signorie getagt und ihre Meinungen über die Möglichkeiten der Aufstellung der achtzehntausend Pfund schweren Marmorstatue ausgesprochen. Sie hatten sich ;edoch nicht einigen können. Der Architekt Monciatto wollte sie der Kirche Santa Maria del Fiori übergeben, nach dem alten Bildhauer Cosimo Roselli joUte sie am besten im Palast der Signorie stehen, was der berühmte Maler Sandro Botticelli befürwortete. Und der nicht minder berühmte Baumeister Giuli­ano di San Gallo sagte, man solle den Daorb doch in die Loggia bei Lanzi stellen, wo die Judith noch vor etlichen Jahren ihren Platz gehabt hatte Auch Messer Lionardo, der hochgerühmte Maler, ^estunqs- architekt und erfahren in der Kunst, Wasserbauten anzusegen, bekannte sich zu dieser Ansicht. Wie so die Meinungen durcheinanderschwirrten, ohne daß die Konsuln sich dazu äußerten, sagte plötzlich der Goldschmied Saloestro:Lasset jenen, der das Standbild geschaffen hat, den Platz oeftimmen!" Der Vorschlag gefiel, Messer Michelangelo wurde geholt.

So trafen sie zum erstenmal zusammen, Lionardo und er, Michelangelo Buonarroti. Sie wechselten nur wenige Worte, denn sie waren sich 'emd von Anbeginn. Lionardo galt als der erste Maler Ita­liens, als er, von seinem Schüler Boltrassio- und dem schönen Jüngling Salainos aus Mailand ge­folgt, Florenz betrat. Michelangelo beanspruchte den Ehrentitel des ersten Bildhauers. Ader Lionardo, wie man hörte, wollte auf allen Gebieten der Herr­lichste sein. Michelangelo konnte solches nicht un­widersprochen hinnehmen. Dach er mied den Ge­waltigen, um nicht etwa mit ihm vor aller jefrent- lichkeit in Streit zu geraten. Nun sahen sie sich von Gesicht zu Gesicht und waren kühl zueinander. Michelangelo sagte zu den Konsuln:Einzig der Platz der Judith vor der Signorie ist meines Da­vids würdig. Alle Welt soll den Giganten sehen. Er warf einen Blick auf Lionardo, der aber mit starrer Miene in der Runde sah. Auch er hatte an

einem Giganten gearbeitet, an dem Reiterstandbild des Francesco Sforza, des Vaters seines Herrn L-udovico il Moro, dem er so lange treu gedient hatte. Aber sein Werk war nur bis zum Modell ge­diehen. das dann übermütige gascognische Arm­brustschützen zu ihrem Ziel genommen hatten. Sech­zehn Jahre hindurch hatte ihn das Modell immer wieder beschäftigt. Michelangelo hatte nach wenig mehr als zwei Jahren den David vollendet, obgleich der neun Ellen hohe Block aus Carrara, aus dem er ihn schlug, bereits behauen gewesen war und für jegliche neue Formung unbrauchbar geschienen hatte. Allein, Messer Michelangelo hatte den Stein bezwungen. Tag um Tag hatte er in ungeheurem Fleiße den Meißel geführt, und auch in den Näch­ten ruhte er nicht. Da hing ihm am Stirnreif die Laterne vor dem Gesicht, bei ihrem Licht hieb er den carrarischen Marmor, daß ein großes Werk entstehe, seinen Ruhm endgültig zu festigen. Und es gelang ihm. Lionardo hatte den Stein einst aus- geschlagen. Neidete er dem Siegreichen den Triumph? Niemand wußte es. Ader alle dachten zur Stunde an das zerschossene Modell der Reiter­statue des Francesco Sforza.

Mitten im Frühling, so um Pfingsten, zogen die Arbeiter der Signorie, deren vierzig man dazu be­ordert hatte, den David von der Werkstätte, wo er, den Blicken der Neugierigen durch einen Bretterver­schlag verborgen, bis zu diesem Tag gestanden, nach dem Regierungspalast. Messer Cronaco hatte ein Gerüst erfunden, in dem die Figur, an Hanfstricken aufgehängt, pendeln konnte. Das Gerüst aber wurde durch Winden auf geölten Balken fortgezogen. Erst nach drei Tagen kam man auf den Platz der Signorie. In den drei Nächten mußten Wachen um das Gerüst aufgestellt werden; denn man wollte die Statue durch Steinwürfe zerstören, ehe sie den Platz der Signorie erreichte. Die Kunstfreunde in Florenz waren in zwei Lager gespalten, die einen hingen Lionardo an, die andern verehrten Michelangelo. Und da mochten sich wohl die Anhänger Lionardos, ohne daß ihr Meister davon wußte, zchammengetan haben, den Sieg des Gegners zu verhindern. Jedoch der Gigant gelangte heil auf den Platz der Signo­rie. Man entfernte die Judith, die, wie der Aber­glaube ging, nur Verderben über die Stadt ge­bracht hatte, von ihrer Stelle und setzte das Meister­werk Michelangelos hin. Die Volksmenge stand, als das Standbild sich nun von der Mauer des Palastes der Signorie im Hintergrund hell abhob, von dem Anblick ergriffen da. Die fröhlichen Rufe, die feinen

Zug durch die Stadt begleitet hatten, waren ver­stummt,- keiner vermochte zu reden angesichts des strahlenden Jünglings mit der Schleuder. Wie dann nach dem ersten Staunen und der ersten Bewunde­rung die Lust über die Schönheit der makellosen Ge­stalt die Herzen überwältigte und die Gemüter be­geisterte, augenblids brach da der Schrei über den weiten Platz der Signorie:II gigante! II gigante! Und jetzt erfaßte ein Taumel die Menschen, sie war­fen die Arme hoch, umarmten einander, und ihre Rufe wollten kein Ende nehmen.

Der Meister des Giganten aber, Messer Michel­angelo Buonarroti, saß zu dieser Stunde im Gar­ten seines Hauses und war gefoltert von den Lei­denschaften, die seinen Geist riefen, sich nicht immer nur. an Steinen zu erproben, sondern auch an den Menschen. Aber er liebte niemanden, er war ganz einsam. Lionardo war glücklicher, Michelangelo fühlte es. Und es liebte ihn wohl auch kein Mensch, am wenigsten eine Frau, denn er, Michelangelo, war häßlich von Gesicht.

Schön aber war seine Seele.

Der Brautmarkt zu Pfingsten.

Daß mit dem Pfingstfest ein altheidnisches Früh­lingsfest verschmolzen ist, geht aus der großen Zahl von Dolksbräuchen hervor, in denen Liebeslust und Fruchtbarkeit gefeiert wird. Diese uralte Bedeutung eines Liebesfestes hat mancherorts einen merkwür­digen Ausdruck gefunden. So werden in Griechen­land, auf Cypern und auch anderwärts noch jetzt zu Pfingsten Tänze vorgeführt, in denen der Kult der antiken Liebesgöttin Aphrodite fortlebt. Bei uns spielt der altgermanische Brauch desMai- lehens", durch den ein Mädchen einem Burschen zugesprochen wurde, in die Pfingstfeier hinein. So ist es ein beliebtes Pfingstspiel, daß sich jeder Jung­geselle eineMaibraut" wählt ober daß man die Maibräute im Grünen suchen geht. Am eigenartig­sten aber hat sich die Rolle, die Pfingsten als Lie­besbote und Heiratsvermittler spielt, in den Braut- märtten ausgeprägt, die zu Pfingsten hier und da abgehalten werden.

Die Pfingstmärkte sind Einrichtungen, die sich schon im frühen Mittelalter nachweistn lassen. Nach der notgedrungenen Abgeschlossenheit während des Winters strömte an diesen Feiertagen das Volk auf großen Jahrmärkten zusammen, auf denen alles und jedes zu hoben war. Dabei ging es natürlich

im Hochgefühl der Frühlingslust recht ausgelassen zu, und bald bekamen diese Pfingstmärkte den Ruf, daß sich auf ihnen eine besonders günstige Gelegen­heit biete, zarte Bande zu knüpfen.

Mit der Verlegung des Mailehens, das nach altem Rechtsbrauch mit einer Versteigerung der Mädchen an den Meistbietenden verknüpft war, auf Pfingsten bildeten sich auf diesen Pfingstmärkten richtige Brautversteigerungen heraus. In der Pfalz sind diese noch bis weit ins 19. Jahrhundert all­gemein üblich gewesen, finden auch heut noch bis­weilen statt. Aus Hauenstein wird z. B. über eine solche Pfingst-Auktion berichtet:Zur festgesetzten Stunde erschien der Notar, mit Aktenbündel und Brille ausftaffiert, begleitet von Schreiber und Aus­rufer und gab zunächst die Bestimmungen bekannt, nach denen wie alljährlich dieGemeindehölzer" verneint waren die Mädchen versteigert werden sollten. Jedes einzelne Mädchen kommt zum An­gebot, und zwar werden sie so beschrieben, daß alle wissen, wer gemeint ist. Da heißt es z. B.:Es kommt jetzt brau eine zwanzigjährige Tanne, schlank unb schön gewachsen; der zum Abholen nötige Abfuhrschein ist erhältlich bet N. N. (Name des Mädchens). Wer biet' an?" Es werben Preise, meist nicht über eine ober zwei Mark geboten, und ber Erlös wird in Bier und Tabak angelegt. Die also ersteigerten Mädchengehen" mit den Bur­schen eine Zeit lang, woraus bann nicht selten eine Ehe entsteht."

Noch origineller ist die Brautversteigerung in Sizilien. Hier soll schon aus bem grauen Altertum die Sitte überliefert sein, baß sich die heiratslustigen Mädchen und Männer des Dorfes auf einer Wiese versammeln. Zuerst kommen bie jungen und schö­nen Mädchen dran, für die hohe Preise geboten werden. Je älter und weniger verlockend die Weib­lichkeit wird, desto geringer ist der Eifer des Bie­tens, und dann wird das Geld, das für die be­gehrten Schönen erlegt wurde, dazu verwendet, den Häßlichen eine Mitgift zu geben. Die Mädchen, die auf diese Weise unter die Haube kommen, hei­ßenPfingstbräute". Don reichen und verliebten Leuten werden für eine Schone nicht selten viele tausend Lire geboten. Berühmt war auch ber belgische Heiratsmarkt von Ecaussines, der an jedem zweiten Pfingstfeiertag stattfand, ber jedoch aus einem alten Volksbrauch zu einem internationalen Rummel geworden war, zu dem dieJunggesellen aller Länder" eingeladen würben unb auch zahl­reich erschienen» G.&