Nr. 68 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderbefien)
2'./22. März M2
Beirachiungen am Gasthauslisch
Dr. Wilhelm Schoof.
und Dorothea".
er
Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!
** 82 Jahre alt. Am heutigen Samstag, 21. März, wird Frau Elise Huhn, geb.Trapp, Rittergasse 23 wohnhaft, die Frau des früheren Hoflohnkutschers Huhn, in bester körperlicher und geistiger. Frische 82 Jahre alt. Der Jubilarin gilt auch unser herzlicher Glückwunsch zum Geburtstag und für einen weiteren schönen Lebensabend.
** Eine öffentliche Beratung mit den Ratsherren hält Oberbürgermeister Ritter am nächsten Mittwoch, 25. März, nachmittags im
und Freitag nächster Woche statt.
** Sie Osterferien. Von der Hessischen Landesregierung wurden die Osterferien wie folgt bestimmt: Erster Ferientag Donnerstag, 2. April, letzter Ferientag Mittwoch, 8. April. Wiederbeginn des Schulunterrichts am Donnerstag, 9. April.
gerne annahm. Reger ist Dann nach jenem ersten Konzert, wo er Marteau begleitete, jahrelang bis zu seinem Tode regelmäßig und gern nach Gießen gekommen. Professor Walther, Det zahlreiche Bilder und Briefe Regers bewahrt,' hat berechnet, daß Reger, als Solist oder mit dem Meininger Orchester, im ganzen 134 Konzerte Jn Gießen gegeben hat: das ist gewiß eine ungewöhnlich stattliche Zahl, die allein schon Regers markante Stellung im Musikleben der Stadt kennzeichnet; seine persönlichen Be
ziehungen zu Gießen werden am besten dadurch charakterisiert, daß er Professor Walther, in dessen Besitz sich das Original befindet, eine Suite für Bratsche, dem Ehepaar Walther, bei dem er häufig
schlossenen Mut bewiesen, der Ihnen Ehre macht." Lili wurde das UrbiD der Dorothea in „Hermann
wachenden Liebe zu Frau von Stein will das Andenken an die verlassene Lili in Frankfurt nicht ganz verblassen.
Jetzt, wo er sich frei fühlt von dem Zwang der Verhältnisse, erblickt er Lili in verklärtem Licht. Die Reinheit und Schönheit ihrer Persönlichkeit wächst in der Erinnerung ins Ideale und gibt ihm die Anregung zu neuen Lili-Liedern. Mitten in der Einsamkeit des Thüringer Waldes packt ihn am 23. Dezember plötzlich die Erinnerung an sie:
„Holde Lili, warst so lang
All mein Lust und all mein Sang, Bist, ach, nun all mein Schmerz, und doch All mein Sang bist du noch."
len kann. Was der Gastwirt von sich aus mit gutem Gewissen möglich machen kann, wird er sicherlich immer tun, um seinen Gästen den Aufenthalt angenehm zu machen.
Ein „wunder Punkt" für manchen Gastwirt tritt namentlich an den Sonntagen, aber auch werktags und zur Abendbrotzeit dem aufmerksamen Beobachter in den Gesichtskreis. Man sieht da oft Gäste auftauchen, die unter den normalen Verhältnissen der Friedenszeit jedem Gaststätteninhaber sehr willkommen sind, jetzt aber im Hinblick auf die gerechte Verteilung aller Lebensrnittel es sich ernstlich überlegen müßten, ob sie in die Gaststätte zum Essen gehen sollten. Der Gastwirt kann heutzutage nicht alles das, was zur Ausstattung des Mittagstisches oder des Abendessens erforderlich ist, in unbe- schränktezr Mengen beziehen. Der Grundsatz der gerechten Zuteilung für jeden Versorgungsberechtigten ist heute mehr denn je oberstes Gesetz. Unter diesem Erfordernis haben die Gaststätten in erster
NBLMaster Dae A6C = pflafter ivärmt kräftig. Durch eine bedeutend gesteigerte Durchblutung der erkrankten Stelle werden Sieden Schmer? verursachen« Den Stoffe fortgeschwemmt. Schon bald tritt Linderung und Befreiung ein. Saubere Anwendung, keine Störung während Oer. Arbeit. Jn Apotheken zu RIK 1.31 erhältlich.
„Empfinde hier, wie mit allmächtigem Triebe Ein Herz das andere zieht. Und daß vergebens Liebe
Vor Liebe flieht."
Dann gewinnt allmählich die Liebe zu Frau von Stein die Oberhand, aber nur scheinbar. Vier Jahre nach seiner Trennung von Lili wurde eine mit dem Herzog Karl August unternommene Schweizerreise ihm ein willkommener Anlaß, seine Jugendbraut noch einmal wiederzusehen, ebenso wie er in Sesenheim durch Aussprache mit Friederike den Frieden seiner Seele wiederzugewinnen hoffte. _
Wie vieles hatte sich in den vier Jahren verändert: Goethe war in Weimar der Freund des Herzogs Karl August geworden und zu Amt und Würden gekommen, als genialer Dichter überall gefeiert und verehrt. Lili hatte sich nach ihrer Entlobung um die Mitte des Jahres 1776 auf Drängen, ihrer Mutter mit einem Herrn 23ern art) verlos, der ein Hüttenwerk in der Nähe von Straßburg befaß, aber, wie sich später herausstellte, in zerrütteten Lebensoerhültnissen lebte, infolgedessen seine Heimat verließ und verscholl. Die Folge dieser neuen schweren Enttäuschung war, daß Llli auf em langes, schweres Krankenlager geworfen wurde. Kaum zwanzig Jahre alt, verlobte sie sich 1778 zum dritten Mal, diesmal mit dem reichen und angesehenen Straßburger Bankier Friedrich vonTürkheim, der schon früher Lili, ehe sie sich mit Goethe verlobte, geliebt hatte. Er erfreute sich großen Vertrauens bei seinen Mitbürgern und bekleidete eine Reihe von wichtigen Aemtern.
Im Februar des nächsten Jahres übersandte ihr seine „Stella" mit den auf sie gemünzten Versen:
Berühmte Musiker in Gießen zu Gast
Zum bevorstehenden Jubiläum des Gießener Konzertvereins.
Seit dem 25. August 1778 war Lili mit Herrn von Türkheim verheiratet. Als Goethe sie im September 1779 in Straßburg besuchte, war sie Mutter eines sieben Wochen alten Kindes. Goethe gewann den Eindruck, daß sie recht glücklich verheiratet sei. Er war zweimal bei ihr zu Tisch und schied im besten Einvernehmen und tiefsten Frieden von ihr. Die Revolutionsjahre brachten über die Familie Türkheim, deren Haus Mittelpunkt der.ersten Gesellschaft geworden war, großen Kummer. Herr von Türkheim war 1792, als die Unruhen über Straßburg hereinbrachen, zum Bürgermeister der Stadt erkoren worden. Als Konservativer und Aristokrat dem Pariser Wohlfahrtsausschuß verdächtig, wurde er seines Amtes enthoben und aus Straßburg aus- gewiesen. Er siedelte darauf mit seiner Familie nach dem lothringischen Dorf Posdorf über, wo er ein kleines Gut besaß. Hier lebte die Familie anderthalb Jahre in Ruhe, bis Anfang Juli 1794 der Verhaftungsbefehl von der Schreckensherrschaft in Paris ausgesprochen wurde. Durch den Maire des Dorfes rechtzeitig gewarnt, kam er, als Holzhauer verkleidet, noch rechtzeitig über die Grenze und erreichte Saarbrücken. Auf feine Aufforderung kam Lili mit ihren fünf Kindern nach, nur begleitet von dem Hauslehrer der Kinder, Redslob. Das jüngste hatte sie in ein Tuch gebunden und trug es auf dem Rücken. Jn Mannheim stießen sie mit Herrn von Türkheim, der sich bereits auf das rechte Rheinufer begeben hatte, wieder zusammen. Von dort begab sich die Familie nach Erlangen, wo sie ein Jahr lang in tiefster Zurückgezogenheit lebte. Nach Beendigung der Schreckensherrschaft kehrte Herr von Türkheim im Juli 1795 nach Straßburg zurück. 'Im September konnte auch die Familie nachfolgen. Im Jahre 1800 erwarb er ein kleines Landgut in Kraut- ergersheim, wenige Stunden von Straßburg. Hier lebte Lili, verehrt, ja vergöttert von ihrem Gemahl und ihren Kindern, bis zu ihrem Tode am 17. Mai 1817. Ihre Söhne versahen während der napoleonischen Zeit Kriegsdienst in der französischen Armee. Am 14. Oktober 1806 erkannte Goethe in Weimar in einem französischen Husarenoffizier, der sich angelegentlich nach ihm erkundigt hatte, einen Sohn von Lili. Es war der jüngste, der 1840 als Oberstleutnant starb.
Goethe, der von dem Schicksal Silis Kenntnis erhielt, schrieb am 30. März 1801 voll Bewunderung an sie: „Sie haben in den vergangenen Jahren viel ausgeftanden und dabei, wie ich weiß, einen ent
uns in Gießen zu Gast. Er gab ein „großes Vocal- und Jnstrumental-Concert, dessen Originalprogramm, ein reizvolles musikgeschichtliches Dokument/ sich im Besitz von Professor Walther befindet.
Als Höhepunkte seiner persönlichen Erlebnisse im Gießener Musikleben hat Professor Walther die Jahre von 1909 bis 1915 bezeichnet, als — neben Richard Strauß unD Hans Pfitzner — Max Reger alljährlich in Gießen weilte und mit den Meiningern oder als Solist im Konzertverein spielte. Professor Walthers persönliche Bekanntschaft mit Reger wurde in Heidelberg geschlossen, wo der bedeutende ftanzösische Geiger Henri Marteau, der 1909 zuerst mit Reger zusammen in Gießen musizierte, die Uraufführung seines neuen Violinkonzertes spielte. Professor Walther fuhr zu diesem musikalischen Ereignis nach Heidelberg und schlug Max Reger vor, auch einmal zu uns nach Gießen zu kommen, eine Einladung, die d^r Komponist
In wenigen Tagen wird man das erste der Jubiläumskonzerte zu hören bekommen, mit denen der Gießener Konzertverein sein 1 5 0 j ä h - riges Bestehen festlich und würdig zu begehen gedenkt. Der Konzertverein, im Jahre 1792 als „Musikalische Gesellschaft" von Geheimrat Professor Dr. T h o m in Gießen begründet, darf sich rühmen, eine der ältesten, der Musikpflege dienenden Vereinigungen Deutschlands zu sein. Von seiner Bedeutung für das kulturell^ Leben in unserer Stadt wird zu gegebener Zeit noch zu sprechen sein; seine Geschichte — auch sie wird, wenigstens in großen Zügen, aus Anlaß des Jubiläums und der in Aussicht genommenen Festwoche überblickt werden — ist im wesentlichen bezeichnet durch die Tätigkeit seiner Dirigenten. Der erste musikalische Leiter des Konzertvereins war Dr. phil. Simon Gaßner, der, in Wien geboren, von Darmstadt zu uns kam und von 1816 bis 1826 als Universitätsmusikdirektor die Geschicke des Konzertvereins leitete. Im folgte von 1826 bis zu feinem Tode, 1863, Heinrich H o f - mann; dessen Nachfolger war, bis 1874, Wilhelm M i ck l e r. Dann kam von 1874 bis 1890 Adolf Felchner, dann, von 1896 bis 1926, der um das Gießener Musikleben hochverdiente und noch unvergessene Professor Gustav Trautmann. Seit Trautmanns Tode (1926) bis zum heutigen Tage leitet Universitätsmusikdirektor Professor Dr. Stefan Temesvary den Verein.
Ein reiches und vielseitig interessantes Material zur Geschichte des Konzertvereins und des Gießener Musiklebens überhaupt hat Professor Dr. weck. Heinrich Walther gesammelt. In seinem Hause hat er viele der bedeutenden. Gäste empfangen, die im Laufe der Jahre beim Konzertverein musiziert haben und, wie im besonderen Max Neger, einen hervorragenden Platz in der Geschichte der Gießener Musikpflege einnehmen. Frau Professor Walther hat uns, ihren zur Zeit erkrankten Gatten liebenswürdig und sachkundig vertretend, einen Einblick in das hier zusammengetragene reiche Material gewährt und uns aus ihren persönlichen Erinnerungen an berühmte Musiker erzählt, die oft und gern an den Abenden des Konzertvereins in Gießen gespielt haben. Einiges davon soll, als ein vorweggenommener kleiner Beitrag zUm Jubiläum, hier wieder- gegeben werden.
Schon lange vor der Zeit, In die persönliche Erinnerungen zurückreichen, war als erster großer deutscher Komponist der Schöpfer des „Freischütz", Carl Maria von Weber, im Jahre 1811 bei
umfangreiche Gästebuch, angefüllt mit Autogrammen, Bildern, Noten und Koyzertprogrammen, ist eine seltene und interessante Sammlung von Erinnerungen an berühmte Besucher und kann als eine Chronik des Konzertvereins und des Gießener Musiklebens im Spiegel erlauchter Dirigenten und Solisten gelten. Aus der großen Zahl derer, die sich hier verewigt haben, feien nur einige der markantesten Namen herausgegriffen. Nicht alle werden sich beispielsweise erinnern, daß auch Richard Strauß einmal bei uns gastiert und als Pianist und Begleiter des Tenors Hans Buff-Gießen eigene und fremde Lieder gespielt hat. Marie Wittich, bedeutendes Mitglied der Dresdener Oper, hat in Gießen gesungen. Der Thomaskantor und hervorragende Oraelmeister Günther Ramin hat sich vor allem durch feine Reger-Konzerte um das Gießener Musikleben verdient gemacht. Elly Ney ist 1910 zum ersten Male, bei uns zu Gast gewesen. Neben den Sängerinnen Sigrid Onegin und Lilly Lehmann seien die spanische Pianistin Teresa C a r e n o und der namhafte deutsche Musikhistoriker Professor Dr. Hans Joachim Moser genannt, der beim Konzertverein als Sänger gastierte.
Der große Pianist Wilhelm Backhaus hat oft in Gießen gespielt, zuerst als ganz junger Mensch im Jahre 1900, von Frankfurt kommend, wo er damals bei Eugen d'Alb ert seine Ausbilduna genoß. Während des Weltkrieges hat Backhaus sogar über ein Jahr in Gießen zugebracht, und zwar als Soldat.
Mit den Namen von Gretchen D e f j o f f, der Leiterin des Defsoffschen Frauenchors in Frankfurt a. M., der Pianisten Frederic L a m o n ö, Conrad Ansorge, Edwin Fischer und Walter Gieseking, des Geigers Professor Kulenkamps und des Baritons Heinrich Schlusnus sei die Reihe erlauchter Gäste des Gießener Konzertvereins und im Haufe Walther, die sich natürlich mühelos verlängern ließe, für heute beschlossen, -y-
Goethe und Litt.
Zu Goethes 11V. Todestage am 22. März.
Von allen Frauen, die in Goethes Leben eine Rolle gespielt haben, hat die Frankfurter Bankierstochter Lili Schönemann seinem Herzen am nächsten gestanden. Sie war nach ihrer ganzen Charakteroeranlagung vielleicht die einzige, die ihn wahrhaft hätte glücklich machen können. Dessen war sich Goethe selbst bewußt. Noch im Alter von achtzig Jahren sprach er, als die Rede auf sie kam, mit jugendlichem Feuer non ihr: „Sie war in der Tat die erste, die ich tief und wahrhaft liebte. Auch kann ich sagen, daß sie die letzte gewesen ... Ich bin meinem eigentlichen Glücke nie so nahe gewesen als in der Zeit jener Liebe zu Lili."
Wenn die Verlobung trotz dieser günstigen Vorzeichen auseinanderging, so lag die Ursache neben nichtigen äußeren Widerständen an Goethe, der sich nicht so früh für immer binden wollte. Er hat sich selbst dazu geäußert: „Die Hindernisse, die uns auseinanderhielten, waren im Grunde nicht unüber- fteiglich — und doch ging sie mir verloren." Wie tief feine Neigung zu ihr war, darüber wurde er sich erst klar, als er sich im Sommer 1775 für drei Monate von ihr getrennt hatte. UeberaU begleitete ihn ihr holdes Bild, ob fein Blick entzückt von den Bergeshöhen über den blauen Züricher See schweift, ob er den Rigi besteigt ober über den Vierwaldstättersee fährt.
„Wenn ich, liebe Lili, dich nicht liebte, Welche Wonne gäb mir dieser Blick!
Und doch, wenn ich, Lili, dich nicht liebte, Fänd' ich hier und fänd' ich dort mein Glück?" Ja, als er die Gotthardstraße erklommen hat und den Abstieg nach dem Land seiner Sehnsucht antreten will, ersaßt ihn auf der Paßhöhe im Angesicht des gelobten Landes eine übermächtige Sehnsucht nach ihr: Er kehrt um und ist Ende Juli wieder in Frankfurt. Aber nun quält ihn wieder die seelische Unrast, diese launenhafte Unbeständigkeit, die ihm seine Jugend so oft vergiftet hat. Mitte September ist die Verlobung aufgehoben. Sein Drang nach Lebensfreiheit hat die Oberhand behalten. Den pein- vollen Seelenzustand erleichtert ihm das Schicksal. Er folgt der Einladung nach Weimar. Und doch, auch in der Fülle neuer Eindrücke, die auf ihn einstürmen, selbst unter dem Einfluß der mächtig er-
Oer Körper im Schlafe.
Der Schlaf ist eine Wegwendung von den Ereignissen des Lebens, in der der Mensch untätig und unzugänglich wird. Wie aber verhalten sich die Körperorgane im Schlafzustande? Auf diese Frage gibt Viktor von Weizsäcker in der Wochenschrift für neue deutsche Heilkunde ,Hippokrates", in jöer er das Problem des Schlafes nach den Der* schied en en Seiten behandelt, eine eingehende Antwort. Im Schlafzustande sind die Tätigkeiten der Organe fast ausnahmslos verändert. Die Arbeit zahlreicher Drüsen, des Herzens und des Kreislaufs, Atmung, Temperatur, Stoffwechsel und Erregbarkeit werden herabgesetzt oder verändert, und diese Umstimmung ist allgemein. Während die meisten Derdauungsdrüsen und die Schweißabsonderung im Schlafe nicht stillgelegt find, erscheint die Tätigkeit der Speichel- und Tränendrüsen erheblich vermindert. Der Puls ist verlangsamt, die Gliedmaßen und die Haut sind etwas stärker durchblutet, vielleicht hat das Gehirn eine leichte Blutfülle, die Kreislaufgeschwindigkeit ist im ganzen herabgesetzt. Die Atmung wird mehr Brustatmung, die Pause nach der Ausatmung wird verlängert, die Erregbarkeit des Atemzentrums herabgesetzt, die Neigung zum periodischen Atmen vermehrt. Auch der Stoffwechsel kann etwas sinken, die Körpertemperatur neigt namentlich gegen Morgen im Nachtschlaf zum Absinken.
Andererseits bringt der Schlaf eine stärkere motorische Tätigkeit, besonders bei Kindern, aber auch bei Kranken, das Herumwälzen, Zucken, Schmatzen, Kauen, Zähneknirschen, Kopfwenden, auch das Schnarchen kann dazu gerechnet werden. Zu einem großen Teil find die motorischen Schlafbedingungen als sogenanntes Schlafzeremoniell zu verstehen: ob auf dem Rücken, dem Bauche, der linken ober der rechten Seite, ob gerollt oder gestreckt, flach oder steil, bei gebeugten oder gestreckten Handgelenken der Schlaf am besten eintritt — dies alles ist njcht nur individuell verschieden, sondern persönlich bedeutsam und darum Schlafbediügung, die Schlafpose ist ein gewordener Brauch des einzelnen. Sie ist jedoch nicht unentbehrlich; müde Menschen schlafen im Sitzen, Reiten und Stehen.
Ein Gasthausbesuch ist meist unterhaltend. Am Stammtisch kann man mit guten Freunden und Bekannten über mancherlei Dinge des gemeinsamen Interesses sich den Kopf warmreden oder auch ab- kühlen lassen. Aber auch abseits vom Stammtisch fehlt es dem aufmerksamen Beobachter nicht an Stoff zu erkenntnisreichen Folgerungen für das Leben des Alltags. Von diesen letzteren sei hier einiges zur Würdigung durch andere Gasthausbesucher mitgeteilt.
In erster Linie wird jedem Gast, vor allem dem täglichen Besucher zum Mittag- oder Abendbrottisch, die starke Belastung des Gastwirts und seiner wackeren Helferin im Geschäft, der Ehefrau, zu jeder Stunde bemerkbar, auch ohne Worte und Klagen vom Buffet her. Die Kriegsoerhältnisse haben es auch im Gaststättengewerbe mit sich gebracht, daß die Zahl der Helfer bei der Bedienung der Gäste gegenüber früheren Jahren erheblich geringer geworden ist, der Kreis der Besucher dagegen eine erhebliche Ausweitung erfahren hat, woraus sich für den Gastwirt und feine Frau zwangsläufig eine starke Vermehrung der Arbeitslast ergibt Nicht minder erschwerend wirkt sich für den Arbeitsablauf in der Gaststätte die unbedingt notwendige sorgsame Handhabung der Lebensmittelkarten und der peinlich genauen Bewirtschaftung der Vorräte aus, denn auch auf diesem Gebiete muß wie in jedem Haushalt mit strengen Maßstäben gewirtschaftet werden, wenn alle'© nach den Notwendigkeiten der Kriegs- ernährungswirtschaft und der gerechten Zuteilung an jeden Verbraucher klappen soll. Der Gastwirt am Schanktisch und seine Frau in der Küche sehen sich bei diesen Erfordernissen und dem starken Andrang der Gäste oft vor schwierige Aufgaben gestellt, die sorgsames Ueberlegen und unbeirrbare feste Haltung erforderlich machen und es nicht immer gestatten, den gelegentlich immer noch vorgebrachten Sonderwünschen von Gästen zu entsprechen. Bei dieser Sachlage sollten alle Gaststättenbesucher, insbesondere die Mittagstisch- und Abendbrotgäste, dem Gastwirt weitgehendes Verständnis entgegenbringen und von Verlangen Abstand nehmen, die er im ^Hinblick auf die dringende Notwendigkeit der Lebensmittelwirtschaft zur Zeit einfach nicht erfül-
Aus der Stadt Gießen.
. Frühlingsanfang.
Was der Wettergott auch unternehmen mag: am heutigen 21. März tritt Der Frühling an. Ob es regnet, ob die Sonne scheint oder der Blitz herniederfährt, an der Tatsache, daß sich nunmehr der Lenz im Lande befindet, ist nicht zu rütteln. Das ist ganz in der Ordnung, und diese Ordnung entdeckt zu haben, ist das Verdienst der Astronomen. Sie weisen nach, daß die Sonne auf ihrer scheinbaren Bahn um die Erde am 21. März den Frühlingspunkt erreicht, der uns die Tag- und Nachtgleiche bringt und gleichzeitig die Aussicht auf die bekannten linden Lüfte verheißt. Da sich diese Feststellung mit der Erfahrung paart, ist jeder Zweifel ausgeschlossen, so daß wir mit Fug und Recht dem Winter Ade sagen können, dem wir keine Träne nachweinrn werden.
Allerdings: in unseren Zonen Überrascht uns der Frühling selten über Nacht mit Blütenpracht und Farbenspiel. Er kommt allmählich, und manchmal scheint er sich erst zaghaft umzuschauen, ob der Winter auch wirklich das Feld geräumt hat. Denn mit dem bärbeißigen Gesellen ist nicht zu spaßen; „Schauer körnigen Eises" sendet er manchmal häufiger, als uns lieb ist. Daher ist es nicht ratsam, dem Frühling jetzt schon durch Ablegen des Mantels zu huldigen, man würde sich mindestens einen respektablen Schnupfen holen. Immerhin beginnt der Chor der gefieberten Sänger bereits mit feinen Hebungen, die Amsel ruft schon in der Morgenfrühe, und die Finken schlagen dann und mann, daß es eine wahre Freude ist. Und wer die Knospen am Kastanienbaum ober am Fliederstrauch beobachtet, kann die erfreuliche Feststellung machen, daß sie verheißungsvoll zu schwellen beginnen.
Der Frühling ruft die Dichter auf den Plan und die Kleingärtner. Jene stimmen gefühlvoll ihre Leier, mährend diese Spaten und Harke in Bereitschaft halten. Aber auch diejenigen, die weder ein Gärtlein der Poesie noch ihre Gemüsebeete zu bestellen haben, freuen sich des Wandels, der nun wie alle Jahre anhebt und immer wieder so begrüßt wird, -als sei noch nie zuvor der Lenz eingezogen. Das wachsende Tageslicht tut ein übriges, um den Optimismus zu beflügeln, der sich bald belohnt sehen wird durch das erste üppige Grün und die ersten zarten Blumen. Wenn aber einige Wochen vergangen sind, wird uns der Frühling alle jene Wunder bescheren, die seinen Ruhm zweifellos wieder in schönster Weise verklären. Sch.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 21. März. Auf Dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, XA kg 1,80 RsN., Matte 30 Rpf., Käse, das Stück 8 bis 9, Weißkraut, H kg 11, Rotkraut 15, gelbe Rüben 12 bis 15, rote Rüben 14, Zwiebeln 11, Blumenkohl 64 bis 70, Salat, Vio 40 Rpf.
und mit Vorliebe zu Gast war, das Klavier-Quartett in a-moll (op. 133) gewidmet hat.
Die Geigerin Alma Movdie, Den Gießener Musikfreunden aus manchem späteren Konzert rühmlich bekannt, hat, was nicht jedem geläufig sein wird, als blutjunge Anfängerin in Gießen Max Reger vorspielen Dürfen, Der sich zwar zuerst dagegen sträubte („Wunderkinder mag i net"), Dann aber von Der Leistung Der damals' 16jährigen so entzückt war, daß er sie mit nach Meiningen nahm. — Jp Marburg hat Der Meister 1912 seine Böck- lin-Suite Dirigiert. Unter Den Zuhörern befand sich auch, noch\unbetannt, der Münchener Franz Adam, damals Kapellmeister am Gießener Stadttheater, heute Leiter Des NS.-Symphonie-Orchesters. Als Franz Adam 1939 mit Diesem seinem Orchester selbst Die Böcklin-Suite 'spielte, hat er Das Ehepaar Walther an ihre gemeinsame erste Begegnung mit diesem Werke Regers vor 27 Jahren im benachbarten Marburg mit Vergnügen erinnert. In Marburg entstanden auch damals, von Der Hand des Malers Thielmann, einige Der witzigsten Karikaturen von Reger, an Denen Dieser, mit gutem Humor gesegnet, selber seine Freude hatte.
Von einem für Den Meisftr bezeichnenden Empfang Regers am Gießener Bahnhof erzählt uns Frau Walther: er kam eines Tages stürmisch begeistert von Köln hier an, wo ein erst 17jähriger, nachmcsts sehr bekannt gewordener Geiger sein Violinkonzert ganz erstaunlich gespielt hatte; dieses Stück hat als „Konzert gegen Die Violine" unter Den Musikkennern eine absonderliche Berühmtheit erlangt.
Das in Professor Walthers Besitz befindliche
Sitzungssaale des Stadthauses, Bergstraße, ab.
** Diphtherie-Schutzimpfungen der bis 1940 geborenen Kleinkinder finden am Dienstag gerne annahm. Reger ist Dann nach jenem ersten


