Nr.90 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für VberWen)18./19. April |942
————————7i um 11 wrw^w
Heinrich
Von Dr. Karl Jordan, Pros
Die Gestalt Heinrichs des Löwen steht wieder in besonderem Maße im Mittelpunkt des historischpolitischen Interesses. In den Jahren 1935—40 ist die Gruft des Herzogs im Braunschweiger Dom auf Anordnung des Führers erneuert und in würdevoller Form zu einer Gedenkstätte des deutschen Volkes ausgestaltet. Die deutsche Geschichtswissenschaft der letzten Jahre ist in steigendem Maße be» müht gewesen, die Stellung, die der große Welsenherzog in einer gesamtdeutschen Geschichtsbetrachtung einnimmt, immer deutlicher zu umreißen und hsrauszuqrbeiten.
Es entsprach dem Gegensatz kleindeutschen und aroßdeutschen Geschichtsdenkons, daß Friedrich Barbarossa und Heinrich der Löwe als die Vertreter zweier Richtungen in der deutschen Geschichte angesehen wurden, die in einem schroffen Gegensatz zueinander stünden. Das Urteil über den Herzog fiel dementsprechend sehr verschieden aus. Den emen galt er als der Vorkämpfer einer nationalen Politik, den anderen als der Rebell gegen Kaiser und Reich. Friedrich Barbarossa oder Heinrich der Löwe, das war die Fragestellung, von der man lange Zeit ausging. Der Prozeß und der Sturz des Herzogs mit seinen politischen und verfassungsgeschichtlichen Folgen bildete immer wieder das Kernproblem der wissenschaftlichen Diskussion. Man übersah dabei nur zu oft, daß dem letzten tragischen Zusammenstoß zwischen Kaiser und Herzog ein Vierteljahrhundert engster politischer Zusammenarbeit vorangegangen war und daß diese 25 Jahre eine Zeit der Machtentfaltung des mittelalterlichen Reiches ohnegleichen gewesen sind. Es mußte deshalb die Aufgabe der deutschen Geschichtswissenschaft sein, Heinrich den Löwen endlich aus dem leidigen Gegensatz zum Staufenkaiser herauszureißen und ihn als den bedeutendsten deutschen Landesfürsten des 12. Jahrhunderts in seinem Werk in Sachsen und Bayern zu würdigen.
Diesem Ziel bjent vor allem ein Werk, das im Jahre 1936 begonnen wurde und trotz des Krieges äu Ende geführt werden konnte, die Sammlung und Ausgabe der Urkunden und Briefe des Herzogs m den Monumenta Germaniae histvrica, die das Reichsinstitut für ältere deutsche Geschichtskunde vor einigen Monaten der wissenschaftlichen Oeffentlich- teit vorgelegt hat. Diese Urkundenausgabe, die den ersten Band einer Reihe deutscher Fürsten- und Dynastenurkunden der deutschen Kaiserzeit bildet, soll die kritische Grundlage für alle weiteren Arbeiten zur Geschichte Heinrichs schaffen.
Sein Name ist vor allem aufs engste mit dem erneuten Einsetzen der großen Ostbewegung des deutschen Volkes im 12. Jahrhundert verbunden. Den Spuren seines Großvaters, des Kaisers L o - t h a r, folgend, hat er den damals aus Dem Mutterland e immer stärker nach Osten drängenden Zug der deutschen Bauern und Bürger tatkräftig gefördert und im Raum an der Ostsee die politischen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Besiedlung des Landes zwischen Elbe u.nd Oder geschaffen. Die Neugründung der drei Bistümer Lübeck, Ratzeburg und Schwerin durch den Herzag läßt das Fortschreiten dieser deutschen Landnahme in seinen wichtigsten Etappen erkennen. Die Gründungsurkunden für diese Bistümer zeigen uns deutlich die politischen Ziele, die Heinrich hier verfolgte. Er bediente sich dabei der Formen der kirchlichen Organisation, die nach den Verhältnissen der Zeit die beste Möglichkeit bot, die beim Land ausbau wirksamen Kräfte der deutschen Siedler zusammenzufassen. Voraussetzung aber dafür war es, daß die kirchliche Verwaltung nicht neben der staatlichen stand, sondern in sie eingegliedert wurde. Die Lösung, die man dabei fand, erinnert in vieler Hinsicht an die Form der
!>er Löwe.
essor an,bei Universität Kiel.
Landeskirche in den deutschen Territorien des späteren Mittelalters. In der Zusammenfassung der well- lichen und geistlichen Kräfte sollte hier aus dem neugewonnenen Boden des Ostens ein politisches und wirtschaftliches Machtgebilde entstehen, das die Möglichkeit einer einheitlichen Staatsbildung gab, wie sie im Altreich bei der Zersplitterung der politischen und rechtlichen Verhältnisse in dieser Form nicht mehr möglich war.
Diese Bistumsgründungen in Holstein und Mecklenburg vollzog der Herzog nicht aus eigener Machtvollkommenheit, sondern auf Grund königlicher Ermächtigung. Ausdrücklich hat ihm Friedrich Barbarossa die königlichen Rechte für die Errichtung neuer Bistümer übertragen. Heinrich erscheint hier als der Vertreter der Reichsgewalt. Diese Tatsache widerlegt auch am besten die oft vertretene Ansicht, die Staufenkaiser hätten die Fragen des deutschen Ostens gegenüber der Jtalienpolitik vernachlässigt. Während Friedrich I. die Reichsidee auf italienischem Baden gegen kuriale Machtansprüche verteidigte, hat er die Sorge für den deutschen Nord- osten seinem Vetter Heinrich übertragen. Es ist eine Aufgabenteilung großen Stils, die der Kaiser damit bezweckte.
Parallel mit der Erweiterung des deutschen Volksbodens durch die SiedlungAbewegung geht die Erschließung und Gestaltung des O st s e e r a u m e s durch das deutsche Bürgertum. Ausgangspunkt dafür wurde die Stadt Lübeck. An der Neugründung der Stadt im Jahre 1158 war Heinrich entscheidend beteiligt. Politische Macht und faufmän= nische Initiative reichen sich hierbei die Hand. Dieses deutsche Bürgertum schafft sich bald darauf für seine eigene Ostseeschiffahrt auf der Insel Gotland einen ersten Stützpunkt. Als die Existenz dieser jungen Kaufmannssiedlung durch Zwistigkeiten mit der einheimischen Bevölkerung bedroht wird, greift Heinrich — abermals als Vertreter der Reichsgewalt — ein und sichert den Deutschen auf Gotland Rechtsschutz und Frieden und hat durch Handelsverträge mit den Staaten des Nordens und Ostens den deutschen Ostseehandel weitgehend gefördert.
Die gleiche tatkräftige Politik entfaltet er in der Verwaltung seiner beiden Herzogtümer Sachsen und Bayern. Die Stadt München ist von ihm
Aus her G<
Es steckt an.
Die Pädagogen gaben sich große Mühe, es uns beizubringen, damals, als wir noch klein waren. „Ich will das haben", sagten wir als kleine Kerle kurzweg. Die ganze Verwandtschaft bis zum Onkel zweiten Grades sah uns mißbilligend an und hob erzieherisch die Zeigefinger. „Wie heißt das?" fragten sie streng, und wir, angesichts der gebieterisch hochgezogenen Augenbrauen, sagten brau und wak- ker: „Bitte, ich möchte das haben." Und bann deka- lyen wir .es. Und wenn mir nicht „danke" sagten, reckten sich wieder die pädagogischen Zeigefinger empor. So bekamen wir manchen Wink, wie nützlich es doch sei, höflich zu sein, und wir sollten cs uns merken, hieß es.
Wenn ich mich fetzt als Erwachsener so umsehe, kommt es mir vor, als ob mir sie uns doch meist nicht gemerkt hätten, die goldenen Lebensregeln über den Wert der Höflichkeit. Und dabei läßt sich mit Höflichkeit so viel anfangen und erreichen, die meisten ahnen anscheinend gar nicht, wie viel. Sie treten uns mit der größten Selbstverständlichkeit einen halben Absatz vom Schuh, sie bohren uns im Gedränge ihre Ellenbogen in die Flanken, sie sind kurz angebunden und von ausgesuchter Unliebenswürdigkeit, und sie sind geradezu noch beleidigt und empört, wenn wir hierauf die Augenbrauen Hochziehen. Sie sich entschuldigen? Lächerlich!
Nun ist es wahr: .ein abgetretener Absatz wird nicht wieder ganz durch ein höfliches Wort der Entschuldigung. Aber wohltun würde es doch, der Verlust käme uns doch nicht ganz so schwer an. Es ist nämlich so, daß sich mit Höflichkeit leichter und an-
gegründet, und auch Braunschweig verdankt als Stadt dem Welfen seinen Ursprung. Hier m Braunschweig wird die Pfalz Dankwarderode nach dem Vorbild königlicher Pfalzen als herzogliche Residenz erbaut, als Zeichen seiner Macht wird im Burghof die Gestalt des Löwen errichtet. Der Hof Heinrichs wird ein Mittelpunkt für die künstlerischen und wissenschaftlichen Bestrebungen der Zeit; gerade mit diesem Kunstkreis Heinrichs des Löwen hat sich die neuere deutsche Forschung wiederholt beschäftigt.
Sa ersteht vor uns die Gestalt eines mächtigen deutschen Landesfürsten. Es wäre aber falsch, in ihm einen grundsätzlichen Gegner der deutschen Steifer; und Jtalienpolitik zu sehen. Die Notwendigkeit einer solchen ordnenden Polllik, die getragen ist von der Verantwortung des Reiches für Europa, wird jedem aus der neuen politischen Sicht unserer Zeit heraus ohne weiteres deutlich; sie ist aber auch von den Zeitgenossen erkannt. Heinrich der Löwe selbst hat Frieorich Barbarossa auf seinen beiden ersten Jta- lienzügen mit starker Kriegsmacht unterstützt und bei der Kaiserkrönung Friedrichs sich selbst mit dem Schwert den rebellischen Römern entgegengeworfen und sie niedergeschlagen. Die Gründe, die ihn veranlaßten, bei jener bentroürbigtn Zusammenkunft mit dem Kaiser zu Chiavenna im Jahre 1176 dessen Hilfegesuch abzulehnen, werden wir bei den widerspruchsvollen Angaben der Quellen wohl niemals restlos klären können. Wir wissen heute, daß der Herzog zu einer solchen Hilfeleistung rechtlich nicht verpflichtet war; wohl aber durfte der Kaiser in diesem Augenblick schwerster Gefahr erwarten, daß ihn sein Vetter nicht im Stich ließ. Es ist die tra- aische Schuld Heinrichs, daß er verkannte, daß seine Macht in Deutschland auf dem Einvernehmen mit dem Kaiser beruhte- Nicht minder tragisch ist es aber, daß der Sturz des Herzogs nicht der Stärkung der Reichsgewalt diente, sondern den partikularen Kräften in der deutschen Geschichte zugute kam.
Aber nicht der Ausklang seiner Geschichte darf unser Urteil bestimmen. Es geht nicht an, wie dies noch jüngst in einer populären Biographie des Herzogs geschehen ist, Heinrich gegen Friedrich Barbarossa ausspielen zu wollen und dessen Reichspolitik als undeutsch abzutun. Beide, Kaiser und Herzog, haben eine der beiden Aufgaben erfüllt, die der deutschen Geschichte damals gestellt waren, die Landnahme im Osten und das Ringen des Reiches um feine Selbstbehauptung, und nicht ihr letzter Zusammenstoß, sondern dieses Miteinairder und Nebeneinander gibt ihrem Zeitalter seine geschichtliche Bedeutung.
genehmer (eben läßt als ohne. Unhöflichkeit verdrießt, und ein verdrossener Mensch ist — unhöflich.
„Unverschämtheit!" denken wir hinter einem Menschen her, der es an Höflichkeit fehlen läßt, und sind ärgerlich und verdrossen. Unhöflichkeit und Verdrossenheit aber fressen um sich, verheerend wie ein Wolf in den besten Jahren. Und es wäre doch so schön, wenn wir alle höflich zueinander wären. Und so gesund. Und so billig. Und es ist auch gar nicht schwer. Los, versuchen Sie es einmal! Ich meine: Bitte, versuchen Sie es einmal. H. J. T.
Oie Offizierslaufbahn in der Luftwaffe.
In Ergänzung der bisherigen Veröffentlichungen gibt der Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe bekannt: Schüler der 6. bis 8. Klasse der höheren Lehranstalten des Jahrganges 23 und älter sowie des Jahrganges 1924, die die Offizierslaufbahn in der Luftwaffe (Fliegertruppe, einschließlich Jngenieuroffizierslaufbahn, Flakartillerie, Luftnachrichtentruppe) anstreben, müssen ihre Bewerbung bis 30. 6.1942 bei einer Annahmestelle für Offiziersbewerber der Luftwaffe eingereicht haben. Für unseren Bezirk ist die Annahmestelle 2 in Hannöver, Escherstraße 12, zuständig.
Gleichzeitig mit der Bewerbung ist bei dem Wehrbezirkskommando der „Meldevordruck für die Einstellung von Freiwilligen (vorgesehen zur späteren Uebernahme als Fahnenjunker) in die Wehrmacht" auszufüllen. Erst damit ist eine Verwendung des Betreffenden in der Luftwaffe sichergestellt. Die erfolgte Ausfüllung ist unter Angabe des Datums der zuständigen«Annahmestelle für Offiziersbewerber der Luftwaffe mitzuteilen. Nur diejenigen Bewerber, die bis 30.6.1942 ihr Gesuch bef einer An
nahmestelle eingereicht haben, können berücksichtigt werden. Schüler der 6. bis 8. Klassen des Jahrganges 1923 und älter erhalten den endgültigen Annahmeschein bis 1. 7.1942. Die Schüler der 7. und 8. Klassen dieses Jahrganges werden spätestens bis 1. 7.1942 durch Gestellungsbefehl einberufen; Schü, ler, die sich zur Zeit in der 6. Klasse befinden, werden zu einem späteren Zeitpunkt einberufen. Schüler der 6. bis 8. Klassen des Jahrganges 1924 erhallen zunächst einen vorläufigen Annahmeschein. Die endgültigen Annahmescheine werden ihnen spätestens ab 1. 7.1942 zugestellt.
Kür Tapferkeit vor öem Kemüe.
Dem Unteroffizier und O.-A. Paul Diehl aus Ruppertsburg wurde für Tapferkeit vor dem Feinds das Eiserne Kreuz II. Klasse verliehen.
Gietzener lvochenmarktpreije.
* Gießen, 18. April. Auf dem heutigen Wochen« markt kosteten: Markenbutter, % kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, das Stück 8 bis 9, Kartoffeln, 5 kg 45, gelbe Rüben, kg 13 bis 15, rote Ruben 10, Spinat 23 bis 25, Unterkohlrabi 9, Zwiebeln 17, Meerrettich 70, Feldsalat, Vio 20, Lauch, das Stück 8 bis 10, Sellerie, % kg 36 bis 37, Blumenkohl, das Stück 65, Salat, kg 3 RM., Rettich, das Stück 10 bis 15 Rpf.
Theater der Universitätsstadt Gießen.
Aus dem Dramaturgischen Büro wird uns geschrieben: Die 8. Morgenveranstaltung bringt das einaktige Lustspiel „Die kleinen Verwandten" von Ludwig Thoma in der Inszenierung von Earl Maria Zeppenfeld. Es wirken mit: Hella Henzky, Käte Jaenicke, Annemarie Schwind, Hans Bergmann, Gerd Fritz, Ludwig und Ottmar Mayr. Bühnenbild: Karl Löffler. — Am Montag, 20. April, wird die 1. Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft „Universität und Theater" als „Tag der Universität" durchgeführt. Der morgens statt findenden Grillparzer-Feierstunde in der Universität folgt am Abend im Theater als „Fünfter Festabend dramatischer Bühnenkunst" die Aufführung von Grillparzers Trauerspiel „Sappho" in der Inszenierung von Oberspielleiter Wilhelm Michael Mund. Mitwirkende: Bianca Blacha, Hilde Kneip, Anja Rau, Kurt Bosny, Carl Bruno Schmidt und Karl Volck.
*
** Betriebsanlage - Guthaben und Warenbeschaffungs - Guthaben April 1 9 4 2. Die Finanzämter nehmen Einzahlungen auf Betriebsanlage-Guthaben und Warenbeschaffungs- Guthaben April 1942 bis zum 30. April 1942 entgegen.
** D i e Schuhtausch stelle der NS.» Frauenschaft befindet sich ab Montag, 20.4., im Wirtschaftsamt, Äebigstraße 18, III. Stock, Zimmer Nr. 90.
** Goldene Hochzeit. Die Eheleute Heinrich Malkemus, Dammstraße 43 wohnhaft, können am kommenden Montag, 20. April, das Fest der goldenen Hochzeit begehen. Dem Jubelpaar bringen auch wir unsere herzlichen Glückwünsche dar.
** 8 5 I a h r e a l t. Frau Elisabethe Keil Wwe., Lindenplatz 7 wohnhaft, kann am kommenden Montag, 20. April, in aller Rüstigkeit ihren 85. Geburtstag begehen. Der Jubilarin gelten unsere herzlichen Glückwünsche.
** Gießener Vortragsring. Im Rahmen des Gießener Vortragsringes werden die Volksbildungsställe Gießen der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", der Goethe-Bund und die Kulturelle Vereinigung am Freitag, 24. April, einen neuen und schönen Kunstgenuß vermitteln: der Vortrags- meifter Ernst Hameister, wohl einer der größten Fritz-Reuter-Jnterpreten der Gegenwart, wurde zu einem Fritz-Reuter-Abend gewonnen. Hameister wird nicht nur den urwüchsig-heiteren Reuter, den Satiriker und Lobsinger übermütiger Frohlaune zu Worte kommen lassen" sondern auch den ernsten, bisher nicht übertroffenen Prosaerzähler.
** D i e H u n d e st e u e r für das Rechnungsjahr 1942 ist unverändert in der bisherigen Höhe festgesetzt worden. In den nächsten Tagen werden die Hundebesitzer die Anforderungszettel für die Steuer erhalten.
Wenn Äugen versagen Magnus-Brillen tragen!
Moltke und Marie.
Zmn 100. Hochzeitstage am 20. April.
An einem Frühlingstag des Jahres 1841 fuhr der damals beim Generalkommando des IV. Armeekorps unter dem Prinzen Karl von Preußen als General- stabsoffizier tätige Kapitän Helmuth von Moltke mit der vierspännigen Postchaise von Berlin in das Stadttor von Itzehoe im Holsteinischen ein. Er kam in bescheidener bürgerlicher Tracht, und ein einfacher Reisesack, der er am Arm trug, war fein ganzes Gepäck. Eine Frau und zwei Mädchen, hatten sich zu seinem Empfang eingefunben: seine. Schwester Auguste, die Ehegattin des fast immer von Europa abwesenden Farmers B u r t, und ihre beiden Stieftöchter Jeanette und Marie, die ihr Mann aus seiner ersten Ehe mit der frühverstorbe- uen Ernestine von Staffeldt mitgebracht hatte.
Für die um zehn Jahre jüngere Schwester des Kapitäns war es ein Wiedersehen nach langer Zeit, seine zugeheirateten Nichten, von denen besonders die 16jährige brünette Marie, das „Kaffeeböhnchen", wie sie in der Familie genannt wurde, mit ihrem edlen schmalen Gesicht und ihren großen heiteren Augen als eines der schönsten Mädchen weit und breit im Holsteinischen galt, sah 'Moltke damals zum erstenmale. Er begrüßte die Verwandten in seiner wohl freundlichen, aber zurückhaltenden Art, und die beiden Mädchen waren zunächst sogar ein wenig enttäuscht von dem Onkel, den sie von ihrem Großväter immer als Kriegshelden gepriesen gehört hatten, der kurz vorher nach vierjähriger erfolgreicher Tätigkeit als Instrukteur der türkischen Truppen mit großen Gunstbezeugungen des Sultans entlassen unb, nach Berlin zurückgekehrt, von Friedlich Wilhelm III. mit dem Orden Pour le mdrite ausgezeichnet worden war. Nein, einen „HeNen" hatten sie sich in ihrer Jungmädchenphantasie jedenfalls anders vorgestellt, und sie gestanden sich das auch gegenseitig ein, wobei die bei aller kindlichen Unbefangenheit besinnliche Marie schließlich allerdings meinte, wenn er eben nicht anders sei, so könne ihn wohl nichts und niemand ändern, jedenfalls sei der Onkel sehr klug, und kluge Männer sprächen niemals und hätten wohl auch sonst ihre Eigenarten. „Onkel, warum bist du so klug?" war auch einmal ihre Frage an ihn, als er schon einige Tage
lantz ihrer Hausgemeinschaft angehörte und Marie immer wieder den Blick seiner hellen und fernen Äugen zu ergründen versucht hatte. Er sei gar nicht so besonders klug, meinte er, vielleicht weniger als andere in seiner Stellung und in seinem Alter. Die Stellung sei übrigens nicht groß, aber das Alter sei es. „Du bist doch noch nicht alt", antwortete sie darauf. „Immerhin 41", gab er zurück, „mein Lebensalter ist leicht nachzurechnen, ich gehe mit dem Jahrhundert." — „Und ich bin erst 16, noch ein Kind ... Aber es gibt doch gar kein Alter! Bist du anders als damals, da du 16 warst?"
Bei solchen Gesprächen tauchten vor dein Kapitän immer wieder die Bilder der wenigen Frauen auf, die bisher durch sein Leben gegangen waren, flüchtig wie die Schatten von Wünschen ohne Erfüllung, wirklich nahegekommen war er keiner. Er hatte die Frauen bisher nicht kennengelernt, er hatte sie" auch nicht gesucht, sie waren ihm fremd geblieben, Blumen, bte der Reiter am Wegrand sieht, bei denen es aber kein Verweilen gibt. Nun aber fühlte er etwas wie Dankbarkeit gegenüber diesem Kinde, das seine Jahre nicht zählen wollte und mit einem Vertrauen zu ihm aufsah, wie es ihm bisher nirgends noch begegnet war. Nein, sagte er sich, es ist ja nicht möglich — aber es ließ ihn nicht mehr los, immer und überall stand bas Kind Marie vor ihm, in der Heiterkeit und im Ernst, und eines Tages, als er mit der Schwester allein war, konnte er nicht mehr schweigen. Von ihr konnte er Verständnis erwarten, auch ihr Mann war kein Jüngling mehr gewesen, als er um sie gefreit hatte, er kam darauf zu sprechen und stellte dann die Frage, wie sich wohl ihre beiden Stieftöchter zum Heiraten stellen würden. Sie seien ja Kinder, meinte die Schwester, und dächten noch gar nicht daran. — Wenn aber ein anderer daran denken würde? — „Wer?" — „Ich!" — „Nein doch", lacht die Schwester, wie sie ihm aber ins Gesicht sieht, erfaßt sie etwas wie Ergriffenheit. — „Jeanette oder Marie?" fragt sie leise./— „Marie", antwortet der Kapitän. — Die Schwester kennt keine Sentimentalität, sie sieht die Dinge, wie sie sind, und sie versteht den Bruder. „Gott segne dich und Marie, und Burt wird sich freuen", damit reicht sie ihm die Hand, und zwischen den beiden herrscht Klarheit. Als die Mutter später der Stieftochter die Werbung ihres Bruders eröffnet, spricht diese kein Wort, sondern küßt ihr nur
still die Hand und geht aus dem Zimmer. Die Mutter aber weiß, daß in diesem Augenblick bas Kind zur Frau geworden ist, die das Geheimnis der Liebe, die auch in ihr längst brennt, nicht mehr preisgibt. Moltke selbst, der nach ursprünglicher Absicht schon reisen sollte, holl sein Jawort in der Form, daß er Marie fragt: „Soll ich nun reisen oder bleiben?" Das' Mädchen, das errötet und gesenkten Blickes vor ihm steht, hebt die Lider und lacht ihn aus unendlich strahlenden Augensternen an: „Bleiben!"
Am 20. April 1842 wird dann der Kapitän Helmuth Carl Bernhard von Moltke in der Lanren- ziuskirche zu Itzehoe mit Marie Burt zur ehelichen Gemeinschaft verbunden. Am Tage der Hochzeit erhält er — eine liebenswürdige Aufmerksamkeit seines Königs — die Beförderung zum Major.
Was nun folgte, waren 26 Jahre einer Ehe, die zu den edelsten und innigsten Herzensgemeinschaften chhlt, die uns bekannt sind. Die kleine Marie, die später eine der bezauberndsten Frauen Preußens genannt wurde, schien noch ein Kind, als sie mit dem weit mehr als doppelt so alten Mann an den Traualtar trat. Aber das war wirklich noch ein Kind, das knapp zwei Monate vor der Hochzeit solches an den Bräutigam schrieb: „Ich weiß wohl, daß es im Mollkeschen Charakter liegt, sich ein wenig zu äußern und mitzuteilen. Mag die Welt Dir denn auch öfter eine Aeußerung des Gemütes geraubt haben, so trägst Du ja doch einen Schatz von Reichtum, Weisheit und Adel des Herzens in Dir, wie man es gewiß bei Männern nicht mieberfiubet. Und selbst von Frauen gibt es wenige, die Dich an Wärme des Gemüts und an so rührend tiefem Mitgefühl für andere übertreffen. Was mich bei Dir so rühren kann, ist die übergroße Bescheidenheit deines Charakters und vor allem die Gutmütigkeit, die Du bei feder Sache an den Tag legst." So schrieb damals die 16jährige — aber schreibt so ein Kind? Nein. Diese wenigen Zeiten bezeugen, wie die Liede das Mädchen zur tief verstehenden Frau gewandelt hatte.
Die Wärme des Gemüts, sie - wurde jetzt allerdings erst wirklich lebendig, als der Mann- der bisher immer nur die Härte der Pflicht und vor allem die Härte gegen sich selbst gekannt hatte, alles im Leben überstrahlt von der Liebe sah. Marie war
der helle Stern, der ihm in allem und jedem voranleuchtete, wie seine klassischen Briefe an sie bezeugen, bei ihr barg er seine Sorgen und das Glück der Erfüllungen, etwa, als er die Kabinettsordre empfing, die ihn zum Chef des Generalstabes machte, als er 1864 feinen ersten großen Sieg von Dänemark heimbrachte, und als der Tag von Koniggrätz feinen Namen für immer in das Buch der Geschichte geschrieben hatte. Beim Siegeszug in Berlin, als alle Glocken läuteten, die Musikkapellen spielten, die Batterien Salut schossen, als Moltke zum ersten- mal seinen Namen von Tausenden Stimmen rufen härte, da sah er doch nur sie, wie sie ihm von der Tribüne auf dem Pariser Platz entgegenwinkte. Eine Dotation von 200 000 Talern, die der Preußische Landtag dem siegreichen Feldherrn bewilligte, ermöglichte Moltke, der Zeit seines Lebens schwer mit Geldsorgen zu kämpfen hatte, das Gut Kreisau bet Schweidnitz in Schlesien anzukaufen. Hier blühte beiden noch ein kurzes abendfriedliches Glück, bis am-Weihnachtstag 1868 das Licht erlosch und Marie, nicht älter als ihr Mann bei der Hochzeit gewesen war, plötzlich dahingerafft mürbe. In einer kleinen Grabkapelle auf einem Waldhügel nahe dem Gutshof schuf Moltke seiner freuen Lebensgefährtin die letzte Ruhestätte. Sein Werk war noch nicht abgeschlossen, ihm stand noch 1870, die Vollendung, bevor. Sein Herz aber blieb bei Marie zurück, wie er es in einem der wenigen Briefe, die uns aus dem Jahre 1869 erhalten sind, bekannt hat: „Es ist ein schlechter Trost, jemand zu vergessen; mir ist es stets eine Freude, über Marie mit jemand zu sprechen, der sie gekannt und, was dasselbe ist, sie lieb gehabt hat ..Hanns Änderte.
Zeitschriften.
— Das große Frühjahrsheft der ,,M oben» ro e 11" (im Deutschen Verlag, Berlin) zeigt auf vielen, zum Teil bunten Seiten die neue Mode dieses Jahres. Leichte Mäntel, Jackenkleider, Kleider für Vormittag und Nachmittag. Es gibt reizende sportliche Modelle, Kleider für nicht ganz Schlanke und für junge Mädchen, Neue Rvckförmen werden beschrieben, neuartig gemusterte Stoffe werden gezeigt. Man findet auch reizende Kinder-Modelle, modische Kleinigkeiten und im Handarbeitstcil oller* lei zum Sticken.


