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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für VberWen)
Nr. 161 Zweites Blatt
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(Nachdruck verboten.)
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30. Fortsetzung.
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Briefe in Bareiros Hand
Roman von Anna Elisabet Weirauch
Rechte durch Carl DunSer Verlag, Berlin W 35.
zu sein. Ich bin nicht wieder ins Geschäft gegangen, ich bin den ganzen Nachmittag herumgestrolcht, wie ein schwänzender Schuljunge."
„Du Armer, ganz allein?" Irmela ringt sich die Worte ab, es liegt ein Stein auf. ihrer Brust, der ihr den Atem nimmt.
„Du warst ja nicht da!" Albrecht zuckt die Achseln und sagt nicht ja und nicht nein. „Was sollt' ich denn
Das Abendessen im Hause Sierinck verlauft ziemlich schweigsam. Irmela ist so blaß und so wenig imstande zu essen, daß fie vorgeben muß, Kopfschmerzen zu haben.
Gerd ist sehr mit Gedanken beschäftigt, Die er nicht laut werden lassen darf. Diese Gedanken smd unerfreulich, und das drückt sich auf seinem offenem Gesicht deutlich genug aus. Aber niemand beachtet es mit ungetrübter Aufmerksamkeit.
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gegenseitigen Eingehen des thematischen Anteils bei den ausführenden Instrumenten. Die Rezita- tivszene erstand aus den ihr eigentümlichen Bedingtheiten, in jedem Ton innerlich gewertet und hintergründig erlebt. So klar in seiner Engführungs- Thematik haben wir das lebensbejahende Finale mit seiner hohen Ausdruckskraft in letzter Zeit wohl kaum hier gehört.
Franz Schuberts Rondo brillant(op.70) war in seiner Einleitung voll bannender Kraft und reichem Wechsel der Empfindung. Das Hauptthema des Rondos hob sich mit seinem markanten Rhythmus durch Abwandlung des Tempos heraus und verstärkte sich im Wechsellichte der Seitengedanken.
Daß Roman Schimmer als gediegener Musiker auch das virtuose Gebiet in letztem Ausmaße sich zu eigen gemacht hat, bestätigte P a g a n i n i s Konzert in A - d u r , insbesondere durch die vom Konzertgeber verfaßte Kadenz. Sie war ganz aus dem Stil heraus entwickelt, und ließ in ihrer. Durchführung neben stärkster musikalischer Eindringungsgabe letzte technische Gelöstheit erkennen. Sara s a t e s „Romanze Andaluzza" und Pa- g a n i n i - P r i h o d a s „S o n a t i n e" waren gern gehörte geigerische Gaben, die eine mehr stimmungsgemäß erwachsend, die andere spritzig prickelnd in ihrer Figuration und von klanglicher Delikatesse in den Doppelgriffen.
Wenn Roman Schimmer zuletzt zwei eigene Sachen zu Gehör brachte, so zeigte er damit, daß er das schaffende Moment mit dem ausübenden wohl zu vereinigen vermag; eine Verbindung, die in früheren Jahrhunderten allgemeine Gegebenheit war. Auf jeden Fall wird gerade diese produktive Ader, die sich in den dargebotenen Proben mit geschliffenem Formensinn und feinem musikalischem Geschmack bezeugt, ihn vielleicht tiefer haben eindringen lassen in die Geheimnisse des musikalischen Kunstwerkes und seinen Darbietungen jenes hohe Maß an Reife gegeben haben, dessen Auswirkung sich keiner entziehen konnte.
Ein ganz vortrefflicher Begleiter und Kammermusikspieler war am Flügel Hermann Loux. Wo er Eigenes zu geben hatte, wie etwa im Tutti-Vor- spiel des Paganini-Konzertes, ganz besonders aber in der Sonate von Franck, war er stark als Nachschaffender mit besonders ausgeprägtem Sinn für die Plastik der Verwobenheit des Thematischen.
Starker, herzlicher Beifall feierte beide Konzertgeber. Dr. Hermann Hering.
Geesche Andersen, Zimmermädchen im Hotel Baltic, geht über den Korridor, sie hat einen Stapel Bettwäsche und Badetücher über dem linken Arm, daß sie kaum darüber hinaussehen kann, und mit der rechten Hand greift sie unter das Schürzchen nach dem Schlüssel, sie trällert dahei leise vor hin, das ist zwar nicht gestattet, aber sie vergißt sich manchmal, wenn sie ihrer guten Laune Ausdruck geben muß. Und um diese Stunde ist es unwahrscheinlich, daß jemand es hört.
Sie unterbricht allerdings das schöne Lied von Liebe und Mondschein, ehe sie kurz und gewohnheitsmäßig an eine Tür klopft, da niemand „Herein" sagt, öffnet sie mit dem Schlüssel, was einige Schwierigkeiten verursacht, weil nicht abgeschlossen ist.
Geesche Andersen betritt das leere Zimmer, es ist ein klein wenig dämmerig, besonders, wenn man von dem Gang hereinkommt, wo alle Lampen brennen. Ehe sie sich für ihre Arbeit Licht macht, will sie vorschriftsmäßig die Vorhänge zusammenziehen, sie geht also quer über den Teppich und stolpert über irgend etwas, das ihr im Wege liegt, ein Schuh.
Sie bückt sich mit ihrer Last, um den Schuh auf» zuheben, aber es ist nicht nur ein Schuh, es ist ein Fuß, ein Mensch, ein Mensch liegt auf dem Boden, eine lange dunkle Gestalt, da leuchtet weißlich eine ausgestreckte Hand, und da ist Blut.
(Fortsetzung folgt.)
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Gießener Konzertring
Violinkonzert Roman Schimmer.
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Er ist sehr unzufrieden mit sich, und das ist weit peinlicher, als mit andern unzufrieden zu sein. Er hat Albrechts Abwesenheit heute benutzt, um am Nachmittag die Arbeit zu schwänzen. Das war an sich nicht so schlimm, aber er hätte die Zeit besser verwenden sollen! Er hätte Susi abholen können, und sie hätten den schönen Tag benutzen können, um das Kanu instandzusetzen, es war so nett, sich mit Süsi herumzuzanken, sie war ein feiner Kamerad und ein hübsches Mädel, und der Gedanke, sie zornig und verlegen zu machen, weil sie — ja, weil sie eben ein bißchen in einen verliebt war, das lief einem doch wie eine warme Welle über das Herz. Und stattdessen mußte man zu diesem blödsinnigen Rennen fahren!
Ein Rennen an sich war zwar durchaus nichts Blödsinniges, sondern etwas sehr Schönes und Interessantes, wenn man nur nicht so verdammt schwach und charakterlos wäre, zu setzen! Aber wer konnte auch ahnen, daß diese verdammte Stute ausbrechen würde, wieder das Geld futsch, fast das ganze Monatsgehalt, und man hätte es so brennend gern verdoppelt, ekelhaft, einen Monat lang mit leeren Taschen heruckzulaufen!
Albrecht, der sonst der Schweigsamste war, ist noch der Redseligste von den Dreien. Er spricht, als ob die Stille lastend auf feinen Nerven liegt, er versucht immer wieder, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, aber es gelingt ihm nicht.
„Hast du Kopfschmerzen?!" bedauert er. „Das macht die Frühlingsluft, weißt du eigentlich, daß ich den ganzen Mittag versucht habe, dich zu erreichen? Aber du warst nicht da."
„Nein", sagte Irmela tonlos und zwingt sich zu einem halben matten Lächeln, „ich war nicht da.
„Schade — Verhoeven hatte mir nämlich abgesagt — im letzten Moment — das hat alles durcheinander geworfen — und da kriegt' ich plötzlich den Einfall, mit dir ein bißchen hinauszufahren.
„Sehr schade, das wäre nett gewesen." ,L>achf ich auch. Aber Madame beliebten aus
Er ist also nicht allein, ein paar Sekunden steht Irmela zögernd vor der Tür, dann allerdings ist es zwecklos, der. schwere Gang und das quälende Warten, alles zwecklos. r.. ...
„Dafür gibt es keine Erklärung! Dafür gibt c* keine Entschuldigung!" Hinter der Tür schreit eine kaum gedämpfte Frauenstimme tn heftigster Erregung. „Du bist weit weit schlimmer als ein Räuber und Mörder! Ein Schurke bist du, Jin erbärmlicher feiger gemeiner hinterlistiger schuft- ~in Erpresser! Das Verächtlichste, was es auf Gottes Erdboden gibt! Ausspucken müßte man vor dir! Und von so einem Menschen habe ich mir mein ganzes Leben zerstören lassen." .
Irmela ist schon längst weiter gelaufen, wie aus der Flucht. Aber die Stimme gellt hinter ihr her, sie qellt noch in ihren Ohren, als sie hastig die Halle durchquert, mit hämmernden Adern und zitternden Knien. x .. o r,,
Bloß hier weg! Auf die Straße! An die Luft!
Detlev Nehl sieht von seinem Beobachtungsposten aus die Glastüren schwingen, eine Dame lauft hastig auf die Straße, ist es vielleicht Concha, die ihm in der andern Richtung davonläuft? Er laßt den Wagen anspringen, und hat die eilende Gestalt sehr schnell erreicht, nein, es ist nicht Concha, es ist auch nicht die geringste Aehnlichkeit, aber die Dame kommt ihm sehr bekannt vor, irgendwo hat er Das Gesicht schon gesehen.
Aber nun kann er den Wagen nicht wenden, er hält auf einem nicht verabredeten Platz, zu uumm. Wie kann ‘ein Mensch so unüberlegt handeln! Wenn er um den Straßenblock herumfährt, kann Concha
im selben Moment herauskommen und ihn nicht finden, er läßt also den Wagen stehen und geht die hundert Schritte zurück, eine Weile geht er vor der Drehtür auf und ab und sieht sich die Leute an, die sie in Bewegung setzen, oder setzen lassen. Aber Concha sst nicht darunter.
Allmählich droht selbst seine Geduld zu reißen, das kommt von den halben Verabredungen, von Den unklaren Zuständen, er läuft in das Hotel hinein, aber er weiß nicht einmal, nach wem er fragen soll, er geht durch die Halle, bis hinten in den Wintergarten, überall sieht er sich suchend um, es könnte ja sein, daß Concha hier wartet, wenn sie den Wagen nicht gleich gesehen hat.
Ein höflicher Herr hält ihn an mit der Frage, ob er einen Platz suche, nein, er sucht gar nichts, feinen Stuhl und keine Person, er sagt nicht geradezu, daß er ungeschoren zu bleiben wünscht, aber es liegt etwas davon in feinem Gesicht und in feinem Ton.
Ziemlich ärgerlich steigt er wieder in den Wagen. Eigentlich hat er sich Den ganzen schönen Nachmittag verpatzt — er hätte auch etwas Gescheiteres damit anfangen können — arbeiten zum Beispiel. Diese ganze Affäre Concha hat im Grunde feinen Sinn. Man soll sich niemals in der Verzweiflung an einen Menschen flammern, man soll keinen Ersatz suchen für Unersetzliches, man soll die Zahne aufeinanderbeißen und arbeiten und lernen, allem ^Mt"mehr Kraft als unbedingt nötig, tritt er den
Aus -er Stadt Gießen.
Wiedersehen mit dem Ziehbilderbuch.
Da liegt es vor mir, das geliebte Bilderbuch meiner Kindheit und ein wenig wehmütig blättere ich in feinen Seiten, die schonen Bilder der kleinen Nichte weisend.
Bier solcher Ziehbilderbücher besaß ich, und ich liebte sie nicht nur zärtlich, sondern ihr Besitz erfüllte mich auch mit einem gewissen Stolz: nannte doch feins unter all den mir bekannten Kindern etwas ähnlich Köstliches sein eigen, und alle neideten sie mir meinen Schatz. Wie wundersam war das aber auch! Ein kindlich reizender Meggemdorfer- Vers begleitete jedesmal ein prächtig buntes, ganzseitiges Bild, auf dem sich alles luftig bewegte, wenn man an einer ein wenig heroorstehenden Pappzunge zog. Da schüttelten der Hans und die Grete so kräftig einen Birnbaum, daß die Früchte nur so herab- prasselten. Dort ritt Ludwig, mutig den Säbel schwingend, auf wild wiegendem Schaukelpferd in die Schlacht. Die nächste Seite zeigte „Gickerich" und „Gackerich" im grimmen Hahnenkampf aufeinander loshackend. Am Froschteich sah man Den Schnabel des schlau versteckten Storchs hinter einem Baumstumpf, kam Herr Stelzbein aber ganz hervor, so verschwanden die auf den Steinen Rat haltenden Frosche blitzschnell im Wasser, obwohl sie noch soeben mit hohem Froschmut dem Erbfeind Verderben geschworen hatten. Hier machte die böse Katze, mit glühendem Auge und schlappendem Maul, einen gierigen Satz nach dem vorwitzig hervorlugenden Mäuschen. Aber, Gottlob — ein tiefes Aufatmen aus Kinderbrust! — hurtig entwischte das Mäus- lein. Der Peter, „langsam wie ein Bär", wurde auf Dem Kasernenhof vom schnauzbärtigen Korporal gedrillt und mußte eine Kniebeuge nach der anderen ausführen, wozu der Vorgesetzte den Takt schlug. Und, siehe Da, Das fleißige Turnen nützte Denn: „Da ward Der Peter ein Soldat, Den jeder Feind gefürchtet hat!" Auf der nächsten Seite fährt, vom Jahrmarkt heimkehrend, eine Bäuerin mit ihrem Söhnchen über Den See; stark schaukelt Der Kahn, mächtig legt sich Der „Fischerfranz" in die Ruder. Und da: wie der Schmied emsig den Blasbalg tritt und dabei kraftvoll den Hammer auf das Eisen in der roten Glut herniedersausen läßt!
Im zweiten Ziehbilderbuch wiegt die Jungfer Köchin Spinat, der Schreiber führte eifrig den Federkiel, mit innigem Bemühen spielte ein Jüngling : Klavier („Mit Kopf und Hand spielt er sein Stück, Daß mans nicht hört, das ist fein Glück!" schließt der erläuternde Vers). Dann folgte ein Bild, das ich mit scheuem Unbehagen zu betrachten pflegte, denn: „Der HerrMagister, sehr ergrimmt, Den Buben bei den Ohren nimmt." Und wie er den Armen deutelte! Der „Liedersänger aus Tirol" spielte Gitarre und riß rollenden Auges den Mund beim Singen gar gewaltig auf. Fritzchen neckte den Kakadu mit Zucker, das Kätzlein schleckte die Milch aus.
Im Tierbilderbuch konnte man einen Esel bewundern, der kräftig ausschlug nach dem aus der Hundehütte herausspringenden Hofhund, die Störche fingen im Teich Frösche, die Hühner pickten eifrig ihr Futter, ein Bock leckte mit breiter Zunge das Bild des im Hintergrund verzweifelt sich gebärdenden Malers von der Leinwand, der Fuchs beschlich vergeblich Die Hühner, friedlich weidende Kühe wurden von einer aufzüngelnden Schlange auf gestört. Und zum guten Schluß fütterte ein Schwalbenpärchen die junge Brut und stopfte eifrig allerlei Getier in Die immer wieder heischend aufgesperrten Schnab- lein, ein Bild, das ich immer wieder zu sehen be-- gehrte. .
Gar manches der Bilder will sich nicht mehr |o recht bewegen lassen, und der vierte Band, wo ist er? Verweht, wie Die Blätter im Wind! Aber das ist schließlich nicht gar so verwunderlich, denn m das erste der Bücher hat die Hand der früh Heimgegangenen Patin eingetragen: „Dem braven Lieser! zum zweiten Geburtstag." Und seit dem Tag ist schon so manches Jahr verrauscht. Da mögen den heiteren Gestalten eines Ziehbilderbuchs wohl Die Gelenke ein wenig rostig werden — und den Menschen nicht minder. L. B.
Kür Tapferkeit vor öem ßemöe.
Dem Sanitätsunteroffizier Reinhard Burger aus Watzenborn-Steinberg, Gießener Straße 50, und dem Feldwebel Otto S ch n e i d e r aus Hassen- Haufen (Kreis Marburg) wurde für Tapferkeit vor Dem FeinDe bei den Kämpfen im Osten das Eiserne Kreuz II. Klasse verliehen.
Verdunkelungszeil:
11. Juli von 22.42 dis 4.43 Uhr.
12. Juli von 22.41 bis 4.44 Uhr^___________
Schon durch sein bedeutungsvolles Mitwirken in den Rundfunkkonzerten ist Roman Schimmer vielen bekannt geworden. Durch seinen Konzertabend in Gießen hat man ihn als eine GeiaerpeT- sonlichkeit von eignem Typus und hohem Können schätzen gelernt. Es würde schwer fallen, ihn zu einem der Geiger, die wir hier in Gießen im Laufe Der Jahre gehört haben, in wesenhafte Beziehung zu setzen; so charakteristisch prägt er sich als ein Eigner ab.
Wohl selten geht von dem äußeren Bild eines Podiumskünstlers eine solche beharrliche Rühe aus wie von ihm. Jede Bewegung vollzieht sich in harmonischem Ausgleich ohne jede Vordringlichkeit, ohne Exaltiertheit, ohne jede Pose. Sachlich hinge- geben, in sich geklärt, steht er da und läßt eigentlich ganz und gar das äußere Bild Der instrumentalen Betätigung vergessen und jeDen Anwesenden zum wirklichen, lauschenden Hörer werden und so die Musik in ihrem ureigensten Wesen auffassen, begreifen und erleben.
Roman Schimmer tritt als ein Fertiger vor seinen Hörerkreis. Seine Technik ist bis zum Letzten durchgebildet, und Die Beschwernisse körperlicher Funktionen beim Spiel sind restlos überwunden. Die linke Hand beherrscht das Griffbrett in allen Regionen mit ungemeiner Sauberkeit; ^Passagen, Figurationen, Arpeggien sind in jedem Stärkegrad willig, gefügig und klangvoll. Außerordentlich sind die Doppelgriffe in ihrer Reinheit und in ihrem Klangausgleich. Als eine ganz besondere Domäne Roman Schimmers kann sein gepflegtes Flageolettspiel gelten.
Dem vereint sich eine Bogenführung, die dem Ton wirkliches inneres Leben gibt, voll erfühlter Wärme und empfindungsgetragener Eindringlichkeit. Oftmals konnte man bei ihm den Eindruck eines Bogens ohne Ende haben, so ausgeglichen war sein Strichwechsel; andererseits aber ist sein Strich im höchsten Maße kultiviert, jede Vortragsmanier ergibt sich in verblüffend einfacher Natürlichkeit. Ganz besonders aber verdient seine Springbogentechnik heroorgehoben zu werden. Mit diesen Grundlagen verbindet sich tiefes musikalisches Eingehen und gründliches gewissenhaftes Gestaltungsvermögen. Da bleibt kein Ton, keine Wendung in ihrer organischen Bedeutsamkeit ungeachtet, alles fügt sich in natürlichem Flusse und formt sich zu vollendeter klanglicher Schönheit.
Caesar Francks Sonatein A -dur erklang so ganz ihrem eigenen Wuchs entsprechend im
1. Wissenschaft und Praxis.
Der Spruch: „Wissen ist Macht" ist oft zitiert ! worden und sicher auch oft überschätzt. Er ist auch in ■ dieser lapidaren Form nicht absolut richtig, Denn nicht das Wissen ist Macht, sondern das Urteil, das auf der Grundlage des Wissens gewonnen wird. Hier ist also die Vernunft mit im Spiel, nicht allein Der Verstand, und für jedes Urteil muß bei Dem Urteilenden ein Wertmaßstab vorhanden fein, ein Wertmaßstab, Der nun auch in Der Wissenschaft über das rein Sachliche des Wissens hinausgeht. Er ist überall Dem zu Wertenden angemessen, aber aüch wo es sich um reines Messen handelt, wird minde- tens die größte Sauberkeit verlangt, und wo es ich über die Gebiete des rein Naturwissenschaftlichen und Technischen hinausgehend um sittliche Werte handelt, kommt die sittliche Einstellung, Charakter und Persönlichkeit des Wertenden im Urteil zur Geltung. Nicht alle der gesuchten Werturteile und Ge- etze haben von vornherein praktischen Wert, und viele von ihnen sind gar nicht in Beziehung auf einen praktischen Zweck gesucht worden. Und dennoch ist es dieser unpraktischen — d. h. nicht auf die Praxis eingestellten — Wissenschaft gelungen, die allergrößte praktische Wirkung hervorzurufen, wenn sie absolute Gesetze festgestellt hat. Diese konnten von unabsehbarer Tragweite sein, wie z. B. Die Entdeckung der Röntgenstrahlen, oder Die Mendel'schen Regeln oder die Abstammungslehre. Es ist sogar gar nicht in allen Fällen nötig gewesen, daß diese zuerst als Theorien für eine beschränkte Anzahl von Fällen erwiesenen Tatsachen Allgemeingültigkeit besaßen. Es haben sogar oft auch Theorien sehr fruchtbar gewirkt, die nicht in ihrem vollen Umfange gültig waren. Schon dadurch, daß solche Theorien Widerspruch erregten, haben sie häufig außerordentlich anregend gewirkt und zu neuen Untersuchungen Anlaß gegeben, Die zu weiteren Ergebnissen führten. Es sind andererseits eine Unmenge Strahlen untersucht worden, und nur Die von Röntgen entdeckten haben Die Eigenschaften gehabt, Die ihnen die segensreiche Wirkung für die Menschheit sicherten. Aehnlich ist es mit bestimmten elektrischen Wellen als Heilfaktor, während andere in ihrer praktischen Bedeutung zurückstehen oder gar nicht von Bedeutung sind. Es sind somit wissenschaftliche Entdeckungen von weltweiter Bedeutung im Zuge Des Erkennt- nistriebes und Des Forsch er triebes gemacht worden, ohne — ober auf jeden Fall ohne entscheidende — Rücksicht oder Kenntnis spaterer Verwendungsmöglichkeit in Der Praxis. Die Wissenschaft hat in ihrem Erkenntnistrieb, wie schon oben erwähnt, zum völlig klaren Ausbau wissenschaftlicher Systeme auch eine überwiegend große Anzahl von Untersuchungen nötig, Die an sich gar keine praktische Bedeutung erlangen können, Die aber auch geleistet werden müssen, um die jeweils auch praktisch verwendbaren Ergebnisse herborzubringen. Und jede dieser praktischen epochemachenden Entdeckung in der Wissenschaft ruht auf einer großen Zahl von Ergebnissen früherer Forscher, denen eine praktische Bedeutung nicht oder nur in ganz bescheidenem Umfang zukam; hierbei wird vom Standpunkt Der Wissenschaft auch Die Leistung Der Vorgänger anerkannt, während Dem Laien nur Der Erfolg Der praktisch verwertbaren Entdeckung und ihr Entdecker besonders sichtbar und schätzbar wird. Darin liegt der Unterschied in der Bewertung, und man muß von wissenschaftlicher Seite jene Untersuchungen, Die Bausteine zum Weiterbau Der wissenschaftlichen Erkenntnis liefern, ohne praktisch wichtig zu sein, ebenso fördern und kann ihre Ergebnisse nicht etwa vom Standpunkt des krassen Praktikers mit Der Berliner Redewendung abtun: „Wat koof ick mir Dafür." In dieser Einstellung des Laien liegt auch häufig die schiefe Einstellung zur Person Des Wissenschaftlers, dessen Existenzberechtigung ihm aus x feiner praktischen Perspektive nicht verständlich werden kann.
2. Wissenschaft und kriegseinsah.
Wer möchte nicht alles, dessen er fähig ist, einsetzen, um in diesem Kampf um unsere materielle, aber auch vor allem kulturelle Existenz irgendwie zum Siege beizutragen! Die Mobilisierung Der Wissenschaft und Technik ist auch weitgehend geschehen, und viele ihrer Disziplinen finden schon an sich in unserer Verteidigung mittel- oder unmittelbar ihre Eingliederung. Bei einzelnen Fächern ist es schwieriger, ihnen einen unmittelbaren Einsatz im Kriege zu geben. Das liegt in Der Natur der Sache. Sie haben sich 'teils mittelbar nützlich machen können, sei es durch Vorträge zur Wehrmachtbetreuung oder auch für das zivile Publikum,
denn auch die innere Front ist dankbar für jede kulturelle Darbietungen, Die im Rahmen des Ganzen absolut ihre Bedeutung haben. Bei anderen Fächern ist nun aber fein besonderer Kriegseinsatz möglich, und man hat sich gelegentlich überlegt, ob ihre Vertreter nicht nutzbringender im Rahmen des Ganzen verwendet werden könnten. Diese Einstellung ist deshalb irrig, weil die Wissenschaft kein Handwerk ist, das man nach längerer Pause oder Abwesenheit unbeschadet wieder aufnehmen kann, sobald man es nur einmal gründlich erlernt hat. Die Aufgabe Der Hochschulwissenschaft beruht in Lehre und Forschung, und sollte Die Lehre einmal unterbrochen werden oder werden müssen, so ist das von nicht so einschneidender Bedeutung, als wenn die Forschung ruht. Die Forschung ist der Lebensbaum der Wissenschaft, Der organisch weiterwächst und Der auch auf Dem deutschen Ast.im Kriege weiterwachsen muß, wenn er nicht von fremden Aesten überwuchert werden soll. Die ihr Wachstum im Kriege nicht einstellen. Das ist gerade bei einer längeren Dauer Des Krieges wesentlich und gilt auch für Diejenigen Fächer und ihre Vertreter, die nicht in irgendeiner Form kriegswichtig sind oder zum Einsatz gebracht werden können. Gerade bei Der Totalität Des Krieges, Der ja in dieser Form auf allen Gebieten geführt wirb, ist Der Hochstand unD Das Hochhalten Der gesamten Wissenschaft als einer Sparte Der deutschen Kultur von ausschlaggebender Bedeutung, und dies gilt m. E. sowohl von den Naturwissenschaften als auch von den Geisteswissenschaften. Es gilt sogar ganz besonders von den Geisteswissenschaften, Deren grundlegende Bedeutung man in dieser Hinsicht leicht
zu übersehen geneigt ist. Darauf sei hier noch kurz verwiesen. ... c
Das neue Europa, für das wir kämpfen und das bei der seither einem einheitlichen Europa feindlichen Einstellung Englands schon zu unserer eigenen Sicherheit und in einer Form und Einheit entstehen muß, die über Politisches und Wirtschaftliches hinaus auch eine geistige Einheit bilden muß, stellt an die deutsche Wissenschaft besondere Aufgaben. Sie muß sich ihrer eigenen deutschen Stellung bewußt sein, diese begründen und erhärten und darüber hinaus sie als unsere Leistung Herausstellen in Gegensatz oder Uebereinftimmung mit den anderen europäischen Leistungen. Es wäre bedauerlich, wenn Die deutsche Wissenschaft nicht im neuen Europa führend märe, wo sie es schon zu einer Zeit war, als Die Deutschen noch als Volk Der Dichter und Denker bezeichnet wurden und ihnen nicht mehr als ein politisch zersplittertes und ohnmächtiges Vaterland zur Seite stand. Um wieviel mehr sind heute die Bedingungen auch für eine geistige Führung gegeben, wo das gesamte deutsche Volk geeint ist und unter einheitlicher und so erfolgreicher politischer Führuna steht. Hier stehen auch den Wissenschaften noch Ausgaben bevor, die sie nicht früh genug in Angriff nehmen können. Es gilt auch, Das neue Europa geistig zu binden und zu einen, und ein geistiges Band trägt auf feine Weise ebenfalls zur Konsolidierung bei. Anfänge dazu sind schon auf den verschiedensten Gebieten zum Austausch Der Geister gemacht, und sie werden zur gegenseitigen Befruchtung in viel stärkerem Maße und mit stärkeren Anforderungen an Die einzelnen Disziplinen herantreten, als bisher. Sie werden aus die-
Wissenschaft und Wissenschafts-Einsatz
Von Dr. F. Klute, ord. Professor der Geographie und Prorektor an der Ludwigs-Universität.


