Nr. 8 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderdefien)
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Oie Geburtsstunde der Elektrotechnik.
Vor 75 Jahren erfand Werner v. Siemens die Dynamomaschine.
Von Hans Dominik.
Unsere Aufnahme aus dem Film „Das hohe Lied der Kraft" zeigt den Augenblick der Erfindung der Dynamomaschine. Auf Grund der Erinnerungen des Werkmeisters Müller konnte der Arbettsraum genau nachgebildet werden. — (Scherl-Bilderdienst sNaturfilm Schongerj.)
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Mehr als irgendeine andere technische Leistung der neueren Zeit hat die Erfindung der Dynamomaschine durch Werner von Siemens die moderne Zivilisation geformt und die Entwicklung zahlreicher Gebiete der Wissenschaft und der Technik gefördert. Mit der unscheinbaren Maschine, die am 17.Ia- nuar 1 8 6 7 Werner v. Siemens einem Auditorium von Wissenschaftlern zum erstenmal praktisch vorführte, nachdem er im Dezember des vorausgehenden Jahres seine Dorversuche abgeschlossen hatte, beginnt das Zeitalter der Elektrotechnik. Der auch den Lesern des Gießener Anzeigers bekannte Autor technischer Zukunftsromane, Hans Dominik, hat es unternommen, Umstände und Auswirkung der Erfindung der Dynamomaschine in einem Buche „Geballte Kraft" zu schildern, dem wir den nachfolgenden Abschnitt mit Genehmigung des Verlages Wilhelm Sintpert entnehmen. In der Induktorwerkstatt saß an einem klaren Spätsommertag des Jahres 1866 Werkführer Müller und schaute sinnend durch die Glasscheiben seines Derschlages nach der kleinen Hoppeschen Säulendampfmaschine, deren liebevoll gepflegtes Gestänge eilfertig in der Sonne auf und nieder blitzte. Sie war sein besonderer Stolz, diese einzige Dampfmaschine im ganzen Betrieb, aber heute hatte er keinen Sinn für ihre Reize. Er war müde. Trotz seiner 25 Jahre hatte ihm die rastlose Tätigkeit der letzten acht Tage arg zugesetzt. Er dachte daran, wie er vor zwei Jahren mit der „Ham- monia" nach Amerika wollte, den Kopf voll hochfliegender Pläne. Die Tränen der Mutter und das eindringliche Zureden eines wohlmeinenden Verwandten hatten ihn aus Hamburg zurückgeholt. War es gut so gewesen?
Er dachte zuruck, wie diese tolle Zeit des ständigen Gehetztseins begonnen hatte: Da stand in der Werkstatt ein großer Ofen, in dem die Stahlmagnete für die Induktoren gehärtet wurden. Zwischen ein paar Fässern mit Wasser, Del und vielleicht auch noch anderen Flüssigkeiten zum Abschrecken der erhitzten Magnete hantierte der einzige alte Arbeiter, der die Geheimnisse dieses wichtigen Vorganges beherrschte. Aber ein gewaltiger Haufen
Wenn Augen versagen -Magnus-Brillen tragen!
teils schon verrosteter Magnete, der in einer Ecke 1 hinter Dem Ofen ein verachtetes Dasein führte, bewies doch, daß die Kunst dieses alten Hexenmeisters nicht unfehlbar war. Die Magnete wollten noch lange nicht immer so, wie er wollte; sie verzogen sich oder waren aus sonst einem nicht immer auffindbaren Grunde häufig nicht verwendbar. So sammelte sich hinter dem Ofen ein Kapital für damalige Begriffe an, so daß es einen gewissenhaften Werkführer jammern konnte. Waren die Magnete einwandfrei aus dem Fegefeuer des Härteofens hervorgegangen, so wurden sie polarisiert. Dazu diente ein großer, schwerer, von einer galvanischen Kette gespeister Elektromagnet, der infolge seiner rätselhaften und gewaltigen Kräfte in der Werkstatt fast ein Gegenstand abergläubischer Verehrung war.
Sollte man nicht einn solchen Elektromagneten auch an Stelle der Stahlmagneten in den Induktoren benutzen können? Bei der ewigen Schererei mit den Stahlmagneten, die so schwierig zu beschaffen und zu behandeln waren, lag dieser Gedanke sehr nahe.
Heute war es nun so weit. Die Maschine stand bereits in der Werkstatt; ob sie allerdings den Anforderungen des gestrengen Herrn genügen würde? Es war eine tolle Hetzjagd gewesen, und manches hätte in ruhigerer Arbeit sorgfältiger gemacht werden können. Müller hatte auch mehrfach versucht, den Anker der Maschine zu drehen und dabei ge- fanden, daß dies verdammt schwer ging. Auch die Anker feiner gewöhnlichen Induktoren setzten der Drehung einen gewissen Widerstand entgegen, aber doch nicht in dem Maße. Er hatte die Maschine wieder auseinandernehmen und die Lager nachsehen lasten, aber niemand hatte einen Fehler finden können; so sah Müller mit etwas gemischten Gefühlen dem Augenblick entgegen, in dem Werner Siemens kommen würde, um die neue Maschine zu prüfen.
Ein Gehilfe bat um eine Auskunft, und als sie zusammen in die Werkstatt traten, sah Müller, daß Werner Siemens bereits an der Versuchsmaschine stand. Dieser hatte kaum bemerkt, daß Müller mit ehrerbietigem Gruß zu ihm getreten war. Die Hände in den Taschen fest verankert, stand er vor der Maschine und ließ seinen scharfen Blick von einem Teil zum anderen gleiten. Dann versuchte er zu drehen. Ra, nun geht das Donnerwetter los, dachte Müller; aber nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil, die Sttrnfalte war zweifellos geglättet. Nun sollte Müller die Drahtverbindung der Batterie lösen. Das ging dem Alten aber zu langsam, und schon hatte er Müller den Schraubenschlüssel aus
der Hand genommen, warf die abgespalteten Drähte beiseite wie etwas' Ueberflüssiges und verband nun das freie Ende der Magnetwicklung irgendwie mit den Schleiffedern am Kommutator Das alles ging so schnell, daß Müller kaum die geänderte Schaltung zu erkennen vermochte. Nachdem in den An- kerstromkreis noch ein Galvanoskop eingeschaltet war, mußte Müller drehen. Herrgott, das arme Galvanoskop! Das war nie wieder zu gebrauchen!
Aber Werner Siemens klopfte dem verdutzten Werkmeister auf die Schulter und sprach zu ihm wie zu einem Freunde, was er früher nie getan hatte. Er sprach und sprach, und seine Augen leuchteten noch mehr als sonst. Was er eigentlich sagte, verstand Müller nicht recht vor lauter Verwunderung über das veränderte Wesen des Alten. Nur so viel hörte er heraus, daß Werner Siemens dieses Ergebnis erwartet hatte, und daß der natürliche Magnetismus des Eisens bei dem Vorgang eine wichtige Rolle spielte.
Als der „Alte" nach dem Vorderhaus davon
gestürmt war, nahm Müller kopfschüttelnd sein ruiniertes Galvanoskop und ging nachdenklich an sein Pult zurück. Das Galvanoskop war das Opfer des ersten in einer Dynamomaichine erzeugten elektrischen Stromes geworden, und Earl Müller war der einzige Augenzeuge der ersten Verwirklichung des dynamo-elektrischen Prinzips gewesen.
„Pegasus auf Reisen".
lieber 35 neue Porträts von Dichtern der Gegenwart wird ein Geschichtenbuch „Pegasus auf Reisen" enthalten, das im Kanter-Verlag, Königsberg, für das Frühjahr angekündigt wird. Professor Olaf Gulbransson zeichnete u. a. Agnes Miegel, Knut Hamsun, Wilhelm von Scholz, Mans. Hausmann, Bruno Brehm, Heinrich Zerkaulen, Hans Franck, Heinz Steguweit, I. M. Wehner, M iu Barthel, Roland Betsch, Hans Schwarz, Hermann Claudius und v. a. m. Das Buch wird von Heinz Groche herausgegeben.
Das Beste ist gerade gut genug!
Endspurt in der Wintersachensammlung. — Hast Du wirklich alles gegeben?
Viele Tausende von Volksgenossen waren erfreut, als die Verlängerung der Sammlung von W o l l -, Pelz- und W i n t e r s a ch e n für die Front bekanntgegeben wurde — nicht, wett sie saumselig waren, sondern wett viele Frauen die Verarbeitung der Wollfachen mit dem besten Willen nicht schaffen konnten und doch ihren Beitrag abliefern wollten. Während die ersten Waggons längst nach Osten gerollt sind, melden die Sammelftellen noch immer neue Spenden. Wir haben uns in den letzten Tagen an den verschiedenen Arbeitsplätzen dieses gewaltigen Einsatzes etwas umgesehen: es übertrifft wirtlich alle Erwartungen.
„3d) hab nur die eine Decke!"
In eine der vielen Sammelftellen kommt in diesen Tagen als erste am frühen Morgen ein Mütterchen mit einem Paket unter dem Arm. Ob sie da zur Wollsammlung für die Soldaten recht sei, fragt sie, sich etwas verschnaufend, und schnürt dann das Paket auf. Eine prächtige Kamelhaardecke kommt zum Vorschein. ,Hch habe nur die eine", meint die alte Frau, „aber ich brauche sie wirklich nicht so nötig." Und dann setzt sie, als sie merkt, welche Freude ihre Spende auslöst, froh hinzu: „Jetzt bin ich nur froh, daß die Sammlung verlängert worden ist. Ich war nämlich auswqrts, mein Enkel war auf Urlaub da..."
Bierwagen, beladen mit Skiern.
Vor einer anderen Sarnmelstelle fährt ein Wagen vor, ein breiter, schwerbeladener Bierwagen mit zwei starken Rössern davor. Geladen aber hat er diesmal nicht Fässer, sondern Skier. Vorne hängt ein Plakat dran: „Ortsgruppe L., 5. Wagen." Also fünfmal schon ist der*Wagen dieser Ortsgruppe zur Sammelstelle gerollt. Wir unterhalten uns mit dem Ortsgruppenleiter, der selber als Sammler dabei ist. „Ja, das waren heiße Tage — aber es hat sich gelohnt. Man weiß nicht, wer sich mehr freut: die Spender oder mir, die Sammler. Alle sind mit ihren Herzen habet. Da kam", berichtet er weiter, „ein alter Mann an drei aufeinanderfolgenden Tagen zu mir und brachte einmal einen Schal, dann eine Pelzkappe und schließlich Ohrenschützer. Sicher hat er die Sachen noch bis zuletzt getragen — und es sollte mich wundern, wenn er in diesen letzten Tagen nicht noch einmal kommt. Ich sah manchen — ich kenne ja meine Leute —, der mit der Spende dieses oder jenes Stückchens wirklich viel gegeben hat."
pelzschau in der Turnhalle. •
In der Turnhalle einer Volksschule, zwischen Bergen von Wollsachen und hochgetürmten Mauern von Skiern hantieren Frauen und Soldaten, sichten und prüfen, packen und bündeln. Die eine Längsseite der Halle ist eine richtiggehende Pelzschau. Prächtige Stücke sind darunter und beweisen, daß die Spender es mit der Parole hielten: für unsere Soldaten ist das Beste gerade gut g,enug. Eben wird wieder eine Ladung Skier hereingetragen. Manche Spender haben ein Kärtchen an den Brettern befestigt; da schreibt z. B. ein Mädel: „Lie-
ber unbekannter Soldat, ich schicke dir meine Brettl. Ich verdanke ihnen manche frohe Stunde. Schreibe mir, wie du mit ihnen zufrieden bist — M B." — Der Kreisbeauftraxste tritt zu uns: „Ja, mit den Skiern ist das so eine Sache. Am Anfang tröpfelte es, da kamen dritte und zweite Garnituren. Aber dann ging es los: sehen Sie nur — lauter erst- affige Skier mit allen Schikanen... es ist sicher manchem nicht leicht gefallen, sich von den geliebten Brettern zu trennen. Aber jeder Sportler freut sich von ganzem Herzen, daß er hier unferen Soldaten einmal direkt helfen kann." Mit Kennerblick sortieren die dafür eingesetzten Landser die eingelieferten Skier und schmunzeln, wenn wieder ein .^Hunderter" fällig ist...
Sich selber übertroffen...
Wohl fetten hatte eine Sammlung einen so durchschlagenden Erfolg aufzuweifen. Mit geradezu leidenschaftlicher Hingabe setzen sich all die freiwilligen und unbekannten Helfer und Helferinnen für diese! große Sache ein. Das goldene Herzderdeut- schen Volksgemeinschaft hat sich wieder einmal selber übertroffen. Allen, die mitgeholfen haben, hat jener Kreisleiter aus dem Hetzen gesprochen: „Wir haben die Feiertage und die freien Abende geopfert, aber wie reich sind wir dafür de-» lohnt worden. Es ist für uns unvergeßlich, diesen Strom der Liebe zu sehen, der in den Spenden und ihren Spendern in unsere Sammelftellen fließt. Nein, unsere Soldaten sollen sich nicht in uns getäuscht haben, wir sind stolz, ihnen das so sichtbar beweisen zu dürfen."
Gründliche Razzia vor Toresschluß.
Bevor nun am Sonntag die Sammel« st eilen ihre Pfortenendgültig schließen, halte, lieber Leser, liebe Leserin, zum guten Schluß noch einmal eine kur.ze, aber gründliche Gewissenserforschung: Habe ich wirklich nichts mehr zu spenden? Habe ich alles getan, was in meinen Kräften steht? Die Skier, ja, die sind längst abgeliefert, denn unsere Soldaten brauchen sie ja in den weiten Schneefeldern des Ostens. Aber wie steht es mit den warmen Sachen? — Siehst du: die Pulswärmer, die Socken, der überzählige Schal.. Heute noch, spätestens morgen wollen wir noch einen letzten Gang zur Sammelstelle machen!
Die Plakette aber, die dann eines Tages das Fa* milienarchio zieren wird, soll Kindern und Kindeskindern künden, daß Deuttchlands Söhne und Töchter in großer Zeit auch groß und edel gedacht und gehandelt haben. A. Sch.
Man verlange
Reese-Gesellsdiäft, Hameln
„Lind sie bewegt sich doch!"
Zum 300. Todestage Galileis.
Galileo Galilei, Hofastronom und Hof- mathematiker non Florenz, der Begründer der modernen Physik und Bahnbrecher der neuen Astronomie, war der erste unter den Astronomen, der das Fernrohr mit einem kaum zu ahnenden Erfola auf das Firmament gerichtet hat. Mit diesem „allwissenden Augenglas", das Kepler für „kostbarer als jegliches Königszepter" hielt, durchforschte er feit dem Jahre 1609 unermüdlich den Himmel und machte bald eine Reihe von Entdeckungen, die die heißumstrittene Lehre des Kopernikus von der Bewegung der Ende und der Planeten um die Sonne immer mehr bestätigten.
Durch das von ihm verbesserte Fernrohr sah er zunächst den Mond so nahe, als ob er kaum einen Erddurchmesser von her Erde entfernt wäre. Entgegen der Lehre der scholastischen Astronomie, die die Mondoberfläche als eine glatte Kugel ansah, bemerkte er wie auf her Erde bald bergartig sich erhebende, bald schluchtenartig sich vertiefende Gebilde. Dann beobachtete er häufig und mit unglaublichem Vergnügen die Fixsterne und die Planeten und sah mit dem Fernrohr die bis dahin verborgen gebliebenen Wunder des Weltenraumes. In den Plejaden z. B., die für das menschliche Auge sonst nur sechs gut sichtbare Sterne zeigten, zählte er mit verschärftem Auge über 40 Sterne, und die Milchstraße löste sich als eine Ansammlung von unzähligen Sternen aller Größen auf. Was die Planeten anbetrifft, so entdeckte er die vier Monde des Jupiter, ferner die Ringform des Saturn, die Sichelform der Venus usw. In der denkwürdigen Schrift „Sternbote" gab er der erstaunten Welt seine Erstlingsentdeckungen bekannt.
Es blieb nicht aus, daß sich die Vertreter der scholastischen Wissenschaft gegen diese Entdeckungen und gegen die für das Kopernikanische Weltsystem gezogenen Folgerungen mit aller Heftigkeit und Ge- Hastigkeit wandten. Es gab einige Gelehrte, die in feiner Weise zu bewegen waren, einen Blick durch das Fernrohr zu tun, es gab andere, die aus den alten Texten herauszulesen meinten, daß es auf dem Mond unmöglich Berge und Täler geben
könne. Aus einem aufschlußreichen Brief Galileis an Kepler erfahren wir darüber folgendes: „Und was sagst Du dazu: die ersten Philosophen der hiesigen Fakultät, denen ich tausendmal freiwillig meine «Untersuchungen vorführen wollte, weigerten ich mit der beharrlichen Trägheit einer vollgestes- enen Schlange, Planeten, Mond oder Fernrohr zu eben. Fürwahr, wie jene ihre Ohren, so ver- chließen diese ihre Augen vor dem Lichte der Wahrheit. Diese Menschensorte meint, die Philosophie sei ein Buch wie die Aeneis oder die Odyssee, und man müsse die Wahrheit nicht in der Welt ober in der Natur suchen, sondern — um mit ihren eigenen Worten zu reden — in der Vergleichung der Terte!" Ein Professor erklärte sogar, daß sich die Erde schon aus dem Grunde nicht bewegen könnte, weil sie keine Gliedmaßen und Muskeln hätte wie die Lebewesen, die sich mit Hilfe ihrer Gliedmaßen bewegen könnten.
Die Gefährlichkeit der Gegnerschaft von feiten der scholastischen Wissenschaft und Theologie, deren Anhänger er zur Anerkennung der neuen Astronomie zu gewinnen hoffte, bestand vor allem darin, daß sie diese Entdeckungen und die Lehre des Kopernikus von her Erdbewegung um die Sonne, die Galilei aus seinen Entdeckungen folgerte, als schriftwidrig hinstellten. Galilei erwiderte darauf, daß die Heilige Schrift nicht wörtlich ausgelegt werden dürfe; denn bann müßte man Gott Füße, Hänbe, Augen zuschreiben, ihm menschliche Empsin- bungen, wie Zorn, Reue, Haß beilegen. Im übrigen — so bemerkte Galilei weiter — habe auf der einen Seite hie Lehre des Kopernikus mit bem Seelenheil her Menschen nichts zu tun, auf her anderen Seite sei die Bibel fein Lehrbuch der Naturwissenschaft und der Astronomie. Als Galilei feinen- berühmten „Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme, das ptolemäische und das kopernikanische" im Jahre 1632 veröffentlichte, kam es zu dem schmählichen Inquisitionsprozeß, in besten Verlauf her nahezu 70jährige Greis zum W i b e r r u f gezwungen und die kopernikanische Lehre als schriftwidrig oerbammt würbe. Erst im Jahre 1822 wurde bas Verbot biefer Sehre zurückgenommen; feit bem Jahre 1835 befinden sich auch Galileis Werke nicht mehr auf bem Inbex der verbotenen Bücher.
Während der Jahrs nach seiner Verurteilung ar
beitete Galilei in erster Sinie an der Grundlegung einer neuen Physik, insbesondere an der Lehre von der Bewegung. Im Jahre 1638 gab er sein letztes großes Werk heraus, nämlich „Dialoge über zwei neue Wissensgebiete", in welchen er Mathematik und Experiment, b. h. Denken unb Erfahrung in einzigartiger Weise verband und bamit bie Grunblage für bas großartige Gebäude der modernen Physik und her neuen Astronomie legte. Als Galilei sein schicksalreiches Leben in Arcetri bei Florenz am 8. Januar 1642 beschloß — in dem Bewußtsein, daß sich die Lehre des Kopernikus trotz alledem durchsetzen würde, hatte wenige Tage zuvor einer der größten Astronomen, nämlich Newton, das Licht der Wett erblickt, Newton war es bann, her mit Hilfe bes von ihm erfunbenen Gravitationsgesetzes bie Bewegung der Planeten um die Sonne erfchöpfenb erklärte.
Dr. Konrad Karkosch.
Theater in alter Zeit.
Von Christian Bock.
Die Schauspieler bes klastischen Altertums würben, wie man bei Lukian nachlesen kann, vom Direktor ihrer Truppe, der sich selbst immer bie Hauptrolle zufchanzte unb alle an bie Wand spielte, verprügelt, wenn sie ihm ober dem Publikum nicht gefielen.
Die Schauspieldirektoren pflegten herkulisch gebaute Herren zu fein. Eine Voraussetzung erfolgreicher Regie.
Ludwig XIV. brachte — immerhin zum Schutz des.Schauspielers — eine Anorbnung heraus, nach her es bem Publikum verboten wurde, „mit Steinen und Pulver auf die Bühne zu schießen".
Nach her gleichen Anordnung aber wurde her Schauspieler, der seine Rolle nicht gelernt hatte, vom Profos ins Gefängnis gesperrt. Sein Rottenbuch bekam er mit, und er konnte sich nach einer gewissen Zeit beim Profos melden, daß er feine Rolle jetzt beherrsche. Der Profos hörte ihm die Rolle ab und entließ ihn wieder, wenn er sie konnte.
Eine hannoversche Theaterhausordnung von 1871 enthält den folgenden Paragraphen:
„Gegen die Schicklichkeit wird oft gesündigt, besonders bei Eß- und Trinkszenen, wo manche Schauspieler meinen, sie müßten wirklich trinten, wenn davon gesprochen wird, wirklich Tabak rauchen, wenn sie es vermittels einer Tabakpfeife nur zu tun scheinen sollen, wirklich knallen, wenn sie eine Peitsche als Requisite tragen. Es wird daher weder Trink- noch Eßware als Requisite geliefert, wo es mittels undurchsichtiger Becher, Flaschen und anbei« rer Gesäße oermieben werden kann. Sollte ein Darsteller bas Publikum auf diese Surrogate absichtlich aufmerksam machen, so wird er mit einem Reichstaler und zwölf Silbergroschen beftraft."
Es war nämlich vorgekommen, baß der Komiker des Theaters mit den Fingerknöcheln laut auf den hohlen, aus Papier hergestellten Napfkuchen klopfte und ins Publikum rief: „Der ist nicht von Pappe!"
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In einer Theaterordnung aus der gleichen Zeit heißt es: „Außer der Vorschrift des Verfassers darf nicht geküßt werden. Es darf nie geschehen, daß man ein Frauenzimmer zu sich hinaufhebt und küßt. In keinem Fall muß ein Mann ein Frauenzimmer auf den Mund küssen. Hat der Verfasser den Kuß mit der Handlung verknüpft, so küsse man bie Wange ober Stirn — Wer gegen einen dieser Punkte handelt, bezahlt acht Groschen ©träfe."
Es gab um diese Zeit in Deutschland mehr als dreihundert solcher Theatergesetze, die alle gleich drakonisch waren. Unter den Schauspielern ging damals eine ergänzende Hausordnung von Hand zu Hand, die den Ton der Hausgesetze so persiflierte: „Wer einen Hund hat, zahlt zehn Mark Strafe Wer einen Vogel ins Theater bringt, zahlt eine Monatsgage. Auch die Damen sind berechtigt, aber nicht verpflichtet, Gage zu verlangen. Von jedem Mitglied werden von Anbeginn der Saison fünfundzwanzig Prozent der Gage für eventuell nicht einbringbare Strafen zurückbehalten. Wer an einen Vorschuß denkt, zahlt zehn Mark Strafe. Wer das Wort Vorschuß ausspricht, zahlt eine Manatsgage. Ist jemand durch nicht mehr einbringbare Strafe in Vorschuß gekommen unb stirbt er, so ist der Direktor berechttgt, die Leiche noch dvck Tage als Requisit zu benutzen/


