Sauberkeit im Munde hilft Zahnkrankheiten verhüten.
Wir haben deshalb die Pflicht, die Zähne mor* gens und erst recht abends gründlich zu pflegen.
Ch lorodont
weist den Weg zur richtigen Zahnpflege. Sparsamer Verbrauch von Chlorodont hilft über die unvermeidliche, zeitbedingte Verknappung hinweg;
Ur. 52 Zweites Blatt Siebener Anzeiger <S«nera!-Mzeiger für Gberh-i!-n)Vienrtag,Z.Mrz M2
Lebensmittelkarten für Gonderzulagen.
Aus der Stadt Gießen.
Beliebte und unbeliebte Kunden.
Zeit ist Gelb. Es gibt aber immer noch Menschen, die das nicht einsehen und ihre Mitmenschen um viele Zeit schäbigen. Zu diesen gehören auch mehr Besucher der Geschäfte/ als man vermuten könnte; durch Beobachtung läßt sich das leicht feststellen. Die Geschäftsleute kennen ihre Pappenheimer und teilen ihre Kunden in beliebte und unbeliebte ein. Da kommt z. B. ein Mann in einen Lebensmittelladen und reicht der Verkäuferin, die ihn bedienen will, einen Zettel mit den Worten: „Diese Sachen möchte ich gerne haben." Das Fräulein liest die Bestellung schnell durch und streicht, was momentan nicht vorrätig ist; dann nimmt sie den Zettel mit und bringt in zwei oder drei Gängen alle Sachen herbei, schreibt die Preise hinter die einzelnen Posten und bekommt gleich das Geld; in kurzer Zeit ist das Geschäft zur beiderseitigen Zufriedenheit erledigt; der Mann ist ein angenehmer und beliebter Kunde.
Zur selben Zeit hat eine Frau den Laden betreten; eine Verkäuferin fragt nach ihrem Begehr, muß aber auf die Antwort warten, weil die Frau erst einen Klatsch mit einer Bekannten beginnt, die auch einkaufen will; endlich ist sie soweit, daß sie sich
Verdunkelungszeit:
3. März von 20.04 bis 7.33 Uhr.
auf den eigentlichen Zweck ihres Erscheinens besinnt, und da sagt sie: „Ja, was wollte ich denn nun alles holen?" Brockenweise bringt sie ihre Wünsche vor; wegen jedem einzelnen Posten muh die Verkäuferin laufen, manchmal sogar mehrmals, weil der Käuferin die Ware nicht gleich paßt; natürlich bauert es auch immer eine gute Weile, bis die richtige Lebensmittelkarte gefunden ist, und dann gibt es noch allerlei Fragen oder Klagen wegen der Entwertung; schließlich geht es ans Bezahlen, aber bas Portemonnaie hat sich in der Tiefe der Einkaufstasche irgendwo boshaft versteckt oder überhaupt in eine falsche Tasche verirrt; endlich ist alles erledigt und die Frau geht ab, jedoch nicht, ohne schnell noch mit einer andern Bekannten „ein paar" Worte gewechselt zu haben, wodurch diese wieder vom Einkäufen abgehalten wird. Solche Käuferinnen gehören zu den unangenehmen und unbeliebten Kunden, um deren Bedienung die Angestellten sich kein Bein ausreißen.
Gegen Ende der Woche ist in einem Kaufhaus Großbetrieb; die Verkäuferinnen haben alle Hände voll 311 tun. Da kommt ein Herr an den Stand für „Wäscheartikel" und sagt: „Ich möchte ein Hemd mit zwei Kragen, Halsweite 40, Farbe nicht zu hell, Preislage 10 bis 12 Mark." Er bekommt einige Hemden vorgelegt, deutet auf eines davon und sagt: „Das hier nehme ich." In kurzer Frist ist der Handel getätigt. Gleich darauf erscheint eine Frau; sie will für ihren Mann ein Hemd kaufen. „Welche Halsweite?" — „Halsweite? Das' weiß ich nun aber wirklich nicht; mein Mann hat einen ziemlich dicken Hals, was nehme ich da am besten?" — „Vielleicht 43 oder 44 oder 45!" — „Sicherheitshalber nehme ich 45, aber unter Vorbehalt des Umtausches, wenn es nicht paßt!" Aehnlich geht es wegen der Form (Sporthemd oder Normalyemdi, wegen der Farbe, wegen der Preislage usw., so daß in der Zeit, die diese Kundin braucht, eine Menge anderer Kunden hätte bedient werden können.
Die Fälle lassen sich ins Beliebige vermehren; hier sind nur zwei Geschäftszweige herangezogen worden, die heute am meisten besucht werden und daher auch die meisten Beispiele aufweisen. Nun soll aber nicht gesaut sein, daß die Männer nur angenehme und beliebte Kunden und alle Frauen nur unangenehme und unbeliebte Kunden sind; es gibt auch manche Männer, die sich unbeliebt machen, und manche Frauen, die beliebt sind. ph. g.
Kür Tapferkeit vor dem Heinde.
Der Obergefreite Erwin Hahn aus Leihgestern wurde für Tapferkeit vor dem Feinde im Osten mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.
Aus dem Gängergau Hessen-Nassau.
Der Sängergauführer Dr. Meißner hat für eine Reihe von Sängerkreisen des Sängergaues Hessen-Nassau des Deutschen Sängerbundes Gaubeauftragte bestellt. In unserer engeren Heimat wurde Dr. Friedrich Schmidt (Bad-Nauheim) für die Sängerkreise Gießen, Ohm-Lumda, Alsfeld, Vogelsberg-Nord und -Süd, Nidda, Chattia-Wetter- tal. Wetterau, Friedberg zum Gaubeauftragten bestimmt. '
Das Verfahren bei der Zuteilung besonderer Lebensmittelzulagen für Einzelverbraucher (kranke und gebrechliche Personen, werdende und stillende Mütter, Wöchnerinnen, Blutspender, Hochzeiten usw.) ist durch einen Erlaß des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft vereinfacht worden. Mit Beginn der 33. Zuteilungsperiode (9. März 1942) erhalten diese Verforgungsberechtigten die Zulagen entweder in Form von Berechtigungsscheinen oder von neu eingeführten Lebensmittelkarten und von Reise- und Gaststättenmarken. Die neuen Lebensmittelmarken werden hauptsächlich von den Ernährungsämtern (Kartenstellen) ausgegeben, bei denen wegen der großen Zahl der Zulage-Empfänger das Ausfällen des Berechtigungsscheine eine zu starke arbeitsmäßige Belastung darstellt, während in kleineren Bezirken, insbesondere also auf dem flachen Lande, wie bisher Berechtigungsscheine ausgeschrieben werden.
Die neuen Lebensmittelmarken die im gesamten Reichsgebiet gültig sind und mit Ablauf des 31. Dezember 1942 verfallen, sind auf weißem Wasserzeichenpapier (Dreiecksmuster) mit farbigem Unterdrück hergestellt und lauten über 62,5 g Butter (gelber Unterdrück), 62,5 g Margarine" (hellbraun), 62,5 g Schlachtfette (hellgrün), 125 g Quart (violett), 500 g Nährmittel (rosa) und ein Ei (dunkelgrün). Diese Marken können auch beim Austausch von Lebensmittelmarken in Reise- und Gaststättenmarken verwendet werden. Dies ist z. B. zweckmäßig, wenn ein Versorgungsberechtigter auf einer Reise sich selbst verpflegt und deshalb die 5-g-Marken nicht benötigt.
Die von einzelnen Ernährungsämtern eingeführ
ten, örtlich beschränkt gültigen Sonderausweise für Kranke, Hochzeiten usw. verlieren am 8. März ihre Gültigkeit. Es bleiben also nur die örtlichen Haushaltsausweise und Bezugskarten, die der Versorgung der Gesamtbevälkerung, insbesondere mit Mangelwaren dienen, in Kraft.
EmeGonöerzuteilunganKondensmilch
Der Reichsernährungsminister gibt bekannt, daß in der 35. Zuteilungsperiode für Lebensmittel, also in der übernächsten Kartenperiode, die Inhaber der rosa Nährmittelkarten als Sonderzuteilung je eine Normaldose Kondensmilch zu 170 Gramm erhalten werden. Soweit große Dosen Kondensmilch zu 400 bis 450 Gramm geliefert werden, ist eine größere Dose zwei Normaldosen gleichzustellen. Damit die Kleinverteiler sich die erforderlichen Vorräte rechtzeitig beschaffen können, wird folgendes bestimmt: Die Inhaber der rosa Nährmittelkarten lassen bei den Kleinverteilern vom 2. März an die Abschnitte N 28 / N 29 der Nährmittelkarten 34 zusammenhängend abtrennen. Die Kleinverteiler haben den Stammabschnitt der Nährmittelkarte mit ihrem Firmenstempel oder ihrer Firmenaufschrift und dem Zusatz „28/29" oder „Kondensmilch zu versehen. Die Kondensmilch darf zur gegebenen Zeit nur auf den dafür bestimmten Abschnitt bei gleichzeitiger Vorlage des vom Kleinverteiler in der erwähnten Weise gekennzeichneten Stammabschnitts der Nährmittelkarte 34 abgegeben werden. Die Zuteilung von Kondensmilch ist nicht für Selbstversorger bestimmt. Die an Juden ausgegebenen Nährmittelkarten berechtigen nicht zur Vorbestellung.
Das Tragische im germanischen Heldenlied.
Grimm-Zeier der Universität.
Die Philosophische Fakultät, I. Abteilung, der Universität hatte zur diesjährigen Grimm- Feier im großen Hörsaal eingeladen. Professor Dr. Rauch als Dekan hieß die Spitzen der Behörden, Kollegen, Kameraden und die Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Universität — Theater willkommen. Die Feier solle einen bescheidenen Ausschnitt aus dem Rechenschaftsbericht der Fakultät geben und für die Aufrechterhaltung der großen Arbeitsgemeinschaft des deutschen Volkes zeugen. Nach einem Hinweis auf die bedeutenden Aufgaben der geistigen Durchdringung Europas nach dem deutschen Endsiege erteilte Prof. Rauch Professor Dr. Kurt Wagner das Wort zu seinem Vortrage „lieber das Tragische im germanischen Heldenlie d". Ausgehend von einem Rückblick auf die Entwicklung der deutschen Altertumskunde und einer knappen Würdigung der bis in die Gegenwart wirkenden Leistung der Brüder Grimm auf diesem Gebiete bemerkte der Redner, daß der tragische Gehalt der germanischen Heldenlieder schon früh erkannt worden sei. Er grenzte das sogenannte Preislied und das an den Höfen der Völkerwanderungszeit entstandene Heldenlied gegeneinander ab, die in ihrem geistigen Gehalt grundverschieden seien. Im 6. Jahrhundert war das Heldenlied gemeingermanisch überall verbreitet. Die Entwicklung der Liedformen, der Wechsel der Inhalte und
„Geheimakte 8. L."
Ein Bavaria-Film im Gloria-palass.
Ein Film wie dieser könnte zu keiner Zeit aktueller wirken als jetzt, und es trifft sich besonders aut, daß er im Anschluß an die neueste Wochenschau läuft, die einen sehr interessanten Bildbericht von den jüngsten Operationen deutscher Unterseeboote in in den Gewässern unmittelbar vor Neuyork enthält. Welch ein Kontrast zwischen diesen übrigens auch technisch verblüffenden Aufnahmen und den Bildern des Films. Man sieht hier — im Spielfilm und in der Wochenschau — sozusagen den Ausgangspunkt und den (vorläufigen) Endpunkt einer epochemachenden technischen Entwicklung. Nach den Bildern der über enorme Strecken hin militärisch hervorragend einsatzfähigen modernen U-Boote wirken die.Aufnahmen jenes plumpen Kastens, der auf primitivste Weise mit Menschenkraft bewegt wurde, einigermaßen grotesk, zumal die Besatzung mit altfränkischen Schoßröcken und hohen Zylinderhüten ausgestattet ist. Aber es läßt sich nicht verkennen, daß mit dem Ungetüm, welches den Namen „Eiser-
Problemstellungen wurde aufgewiesen. Zur Entwicklung des Begriffs des Tragischen diente eine Charakterisierung einiger der ältesten Stücke, so des Hunnenschlachtliedes, des Sigurd-Liedes und des Hildebrandsliedes als des einzigen auf deutschem Boden erhaltenen. Handlungsaufbau, Motiventwicklung und Charakterdarstellung dieser frühen Zeugnisse wurden herausgearbeitet. Als tragischer Konflikt in dieser epischen Sphäre erscheint etwa der Eidbruch der Schwurgemeinschaft; aus dem Begriff der persönlichen Ehre und aus der Bewährung im Tode wurden charakteristische Züge des frühen Heldenliedes abgeleitet. Entgegen der Hebbelfchen Forderung kennt das Heldenlied nur feststehende, nicht sich entwickelnde Charaktere; Größe des Willens, nicht (im christlichen Sinne) des Erleidens, die Ehre als Leitstern des Handelns, das Sippengefühl, die heldische Tat sind entscheidende Züge des Heldenliedes frühgermanischer Prägung: in ihm hat die heroische Auffassung des germanischen Menschen ihren reinsten Ausdruck gefunden. Mit einem Ueberblick über die Entwicklung der tragischen Formen und des tragischen Lebensgefühls ließ Prof. Wagner seine gedanken- und beziehungsreichen Darlegungen (deren Problemfülle sich hier nur andeuten läßt) ausklingen. — Mit Dankesworten Prof. Rauchs an den Vortragenden und mit dem Gruß an den Führer wurde die Feier beschlossen. —
ner Seehund" führte und im Kieler Hafen seine ersten Tauchversuche machte, im Prinzip der erste Schritt zur praktischen Verwirklichung dessen getan war, was heute eine gewaltige Seekriegswaffe von mitentscheidender Bedeutung darstellt.
Der Film, welcher unter Benutzung des Romans „Der eiserne Seehund" von Hans Arthur Thieß für die Kamera von Curt I. Braun und Franz Weiche nm ayr bearbeitet wurde, während Walter Zerlett-Olf enius und der Regisseur Herbert Selpin das Drehbuch verfaßten, schildert die abenteuerliche, ereignisreiche und folgenschwere Ge- schichte des bayerischen Unteroffiziers Wilhelm Bauer und seiner Erfindung des „Submarineschiffs", die anfänglich verspottet wurde, aber nach den recht überzeugenden ersten Versuchen schnell Aufsehen erregte und alsbald eine europäische Bedeutung gewann. Diesem Bauer, der von seiner Idee besessen ist und unerschütterlich an fein Werk glaubt, gelingt es wahrhaftig, ein Schiff zu konstruieren, das „wie
ein Seehund" mal über, mal unter Wasser fahren kann, das nach Belieben tauchen und wieder an die Oberfläche kommen, mit dem man sogar — ein entscheidender Schritt in der Entwicklung des technischen wie des taktischen Grundgedankens — unter Wasser schießen kann. Die Anwendung der Binsenweisheit, daß der Prophet in seinem Vaterlande nichts gilt, auf die historischen Vorgänge gibt dem Schicksal Bauers und seiner Erfindung die zeitgeschichtlichen Hintergründe; das ist lehrreich und in den Schlußfolgerungen überaus zeitnah. Die Situation um die Mitte des vorigen Jahrhunders ist gekennzeichnet durch die politische Zerrissenheit unseres Vaterlandes unter dem Regime des Deutschen Bundes. Der deutsch-dänische Konflikt gibt England eine willkommene Gelegenheit zum Eingreifen; dis deutsche Flotte wird kurzerhand versteigert; englische Agenten arbeiten, da man drüben die Bedeutung der Bauerschen Erfindung schneller erkannt hat als bei uns, mit den skrupellosesten Mitteln, um Bauer entweder zu vernichten (was' beinah gelingt) oder ihn für England zu gewinnen. Rußland ist großzügiger in seinen Angeboten, und Bauer nimmt an, was er den Engländern ablehnte; aber Rußland ist ebenso großzügig in der Auslegung der mit Bauer getroffenen Vereinbarungen: nur ein kühner Handstreich läßt den Durchbruch des genialen Konstrukteurs und der Seinen aus dem Hafen von Kronstadt gelingen, wo man ihn fest- halten will, um sein Tauchboot für Rußland auszuwerten.
Die Spielleitung von Herbert Selpin stellt zunächst eine technisch beachtliche Leistung bar (an der Kamera: Franz Koch); außerdem wohnt den aeschickt aufgebauten Vorgängen eine handgreifliche Aktualität und eine starke Spannung inne: vor allem den Szenen in Kiel und Kronstadt. (Nur erscheint es wenig sinnvoll, die britischen Gegenspieler unter sich deutsch mit englischem Akzent sprechen zu lassen.) Wilhelm Bauer in der Darstelluna des Münchener Generalintendanten Alexander Galling ist ein Mann von ruhiger Klarheit, Energie des Willens und glühender Hingabe an seine Idee. Günther Lüders und Willy Rose spielen mit mundartlich gefärbtem Humor seine treuen Helfer am Werk. Herbert Hübner gibt dem Admiral Brommy markante Züge. Gustav Waldau ist der leutselige König Maximilian, Eva Jmmermann mit zarter Empfindung Bauers Braut und Richard Häußler, elegant und energisch, der Großfürst Konstantin. Hans Thyriot.
Es bleibt länger hell.
Insgesamt nimmt im Laufe des März die Helligkeitsdauer um 2 Stunden und 15 Minuten zu, im gleichen Maße auch die mögliche Dauer des Sonnenscheins bet erheblich höherem Sonnenstand und entsprechend verstärkter Sonneneinstrahlung. Unter Berücksichtigung der Sommerzeit ergibt sich, daß im Laufe des März der Beginn der Tageshelle sich um 1 Stunde 10 Minuten vorverlegt, so daß es um die Mitte des Monats bereits um 7 Uhr deutscher Sommerzeit und Ende März um 6.30 Uhr deutscher Sommerzeit hell ist. Dunkel wird es zu Beginn des März nach deutscher Sommerzeit um 19.45 Uhr, um die Mitte des Monats kurz nach 20 Uhr und am Ende des Manats gegen 20.30 Uhr. Ende des Monats scheint also um 19 Uhr noch die Sonne.
*
** D i e Umwechslung der Kupfermünzen. Die außer Kurs gesetzten Kupfermünzen werden von den Reichs- und Landeskassen noch bis 30. April gutgeschrieben bzw. umgewechselt. Es liegt im Interesse der Kassen und Inhaber von Kupfermünzen, wenn der Umtausch am besten in der Monatsmitte und möglichst zu Beginn der Kassenstunden erfolgt.
Landkreis Gießen.
* Großen-Linden, 1. März. Eine unserer ältesten Einwohnerinnen, die Witwe Katharine Elisabeth Volk, geb. Schmidt, Bahnhofstraße, feierte ihren 8 6. Geburtstag. Die Greisin ist trotz ihres hohen Alters körperlich noch recht rüstig und auch geistig frisch.
Der feurige Ofen
Boman von Hans von Hülsen
29. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Fontana hatte sich erhoben, mit etwas theatralischen Handbewegungen, halb winkend, halb abwehrend, dankte er nach allen Seiten. Aber dann ging er auf Marion zu, verbeugte sich und sagte:
„Frau Baronin machen uns doch gewiß die große Freude, etwas zu fingen? Die Canzonetta aus „Donaunixe", ja?"
Und er führte sie zum Flügel und setzte sich wieder und ließ ihr Zeit, sich zu sammeln.
Fehr sah sie von der Schwelle aus, wo er am Türpfosten stand. Mit einem Blick, trunken von Glück, umfaßte er ihre zierliche Gestalt, die in der schwarzen Rundung des Flügels wie in einer Gondel lehnte. Ja — wie ein Paradiesvogel war sie unter allen diesen grauen! Jung, schön und — fein ...! Er suchte ihren Blick, sie lächelte ihm zu — da begann Fontana zu spielen, ein paar perlende Takte als Vorspiel — und dann fiel Marions Stimme ein, leise zuerst und trällernd, aber immer mehr und mehr ins Forte gesteigert, so daß sie warm und golden den ganzen Rgum erfüllte ...
Fehr lehnte in der Tür. Halbgeschlossenen Auges dachte er an den Abend zurück, da er sie zum erstenmal diese Canzonetta hatte fingen hören, in München im Theater. Damals war er durch die ganze Weite des Hauses, durch Orchester und Rampe, von ihr getrennt gewesen — war das wirklich erst vier Monate her? Und jetzt — jetzt war sie sein! Und er würde sie in die Arme nehmen, wenn erst diese Menschen alle ... diese fürchterlich gleichgültigen Menschen gegangen wären, und das stille Haus fein Glück wieder umfinge wie eine Muschel!
Der losbrechende Beifall riß ihn aus feiner Träu
merei. Selbst die Agrarier, Gräf und Manzel, von Pfunds und Demblin, hatten sich durch den „Sirenengesang" (wie der Nieder-Lappersdorser Pächter sich ausdrückte) aus ihren Klubsesseln locken lassen und standen neben ihm in der Tür, die Zigarre im Mundwinkel und rührten die dicken Hände.
Marion neigte nach allen Seiten den Kopf mit dem dunklen Haar, das im milden Kerzenlicht seidig schimmerte. Fehr empfing ihr verstohlenes Lächeln und gab es zurück.
Er konnte im Stimmendurcheinander nicht hören, daß die Landrätin zu Abbeg sagte:
„Aber das war ja enorm, finden Sie nicht auch, Herr Direktor? So aus dem Handgelenk! Und was für eine herrliche Stimme für eine Dilettantin!"
Abbeg ließ die Fischaugen zu ihr hinüber wandern. Aha!, dachte er: Die Gute hat keine Ahnung! Der Herr Baron hat es für richtig befunden, die Vergangenheit seiner Coeurdame für sich zu behalten!
„Dilettantin? — Aber, meine gnädigste Frau, davon kann wohl keine Rede sein. Ich ahne nicht, wie oft die Frau Baronin diese Rolle in München gespielt und gesungen hat ..."
Die Landrätin war klug genug, keine lieber» raschung zu zeigen.
Aber als sie fünf Minuten später Frau Manzel aus dem Musikzimmer verschwinden sah, da schloß sie sich ihr an.
„Wie finden Sie den Gesang unserer liebenswürdigen Gastgeberin, Beste?"
Frau Manzel zog die Nase kraus.
„Ich schätze solche Frivolitäten nicht", sagte sie mit ihrer tiefen Stimme: „Früher waren sie auf Lappersdorf nicht Mode. Das Ganze riecht etwas nach Theater."
„Theater? Allerdings ...! Sagen Sie, Beste, haben Sie gewußt, daß die Baronin von der Bühne herkommt? Direktor Abbeg sagte es mir eben ..."
„Ach nee! — Meinem Mann hat Fehr doch ge
sagt, daß sie aus einer Bankiersfamilie im Rheinland stammt ...?"
Sie gingen ins Herrenzimmer.
Herr Manzel füllte, als er feine Frau auf der Schwelle erblickte, sofort ein Glas und trug es ihr entgegen.
„Clara", sagte er und sah sie aus etwas unsicheren Augen an: „Wenn du eine solche Nachtigallenkehle hättest!"
„Eugen", erwiderte sie streng, „sei froh, daß deine Frau nicht beim Theater gewesen ist!"
„Theater — wieso?"
Sie wollte es ihm gerade erklären — aber da trat Fehr ein. Und sie verstummte sofort.
Im Musikzimmer klappte Arnold Fontana den Flügel zu:
„Ich wäre glücklich, Frau Baronin, wenn Sie mir Gelegenheit gäben, öfters mit Ihnen zu musizieren ..."
„Aber das ist doch ganz selbstverständlich, lieber Freund! Daß Sie da oben im Jagdhaus wohnen, ist ja ein sehr glücklicher Zufall. Wißen Sie, mir ist manchmal vor dieser Waldeinsamkeit ein bißchen bange ..."
„Musik ist die beste Trösterin."
„Ja. Wir werden einen Tag in der Woche festsetzen ..."
Abbea trat hinzu.
„Darf ein simpler Hüttendirektor Ihnen auch sein Kompliment machen, Baronin? — Phänomenal! — Es ist, objektiv gesprochen, wirklich ein Unrecht, daß solch eine Stimme der Bühne entzogen wird. So etwas sollte verboten sein! Herr Fontana, dem fortan eine glänzende Darstellerin fehlt, wird mir beistimmen ..."
„Nicht übertreiben, Direktor! Ich bin überzeugt, Herr Fontana zieht den Spatzen in der Hand vor. Wir haben gerade verabredet, allwöchentlich Musik zu machen."
„Wenn Publikum dabei nicht unerwünscht ist, halte ich mich zu Gnaden empfohlen ..."
Gräf und Frau tarnen, sich zu verabschieden. Sie
hatten den weitesten Weg, bis Körnerswalde war's eine Autofahrt von dreiviertel Stunden — bei den Schneeverhältnissen!
„Und wenn Sie einmal Dr. Wulflam treffen", sagte Frau Gräf und hatte dabei rote Flecke auf den Wangen: „Sagen Sie ihm doch bitte, Baronin, er soll sich mal wieder bei uns melden..."
„Nee, nee, nee!", lachte Gräf schallend: „Solange alles gesund ist, will ich von keinem Arzt was wissen!"
Marion brachte die beiden bis zur Tür.
Zurückkehrend schob sie die Portiere ein wenig auseinander.
Draußen flammten schon die großen Lichter vieler Autos.
Der allgemeine Ausbruch war nahe.
Schade!
Am nächsten Vormittag saß Christian Fehr in seinem Arbeitszimmer über vielen Papieren, als es an die Eichentür klopfte.
Fontana hatte ihn gestern im Vorübergehen an feine Zusage, das Jagdhaus betreffend, erinnert, die durch das viele Hin und Her der letzten zwei Monate ganz in Vergessenheit geraten war: nun studierte er alte Aufzeichnungen und Grundsteuer-- bescheide, um herauszufinden, mit welcher Summe ber Besitz zu Buch stand. Morgens, beim Frühstück unter den großen Blattpflanzen des wohlig durchwärmten Wintergartens, hatte er mit Marion darüber gesprochen; sie hatte ihm lebhaft zum Verkauf zugeredet und immer wieder betont, wie unschätzbar eine solche musikalische Nachbarschaft auf die Dauer für das einsame Lappersdorfer Schloß sei.
„Herein!" — Er hob den Kopf: „Oh, Riemchen! Sie persönlich? Was verschafft mir die Ehre?"
Das alte Fräulein Riem mar leise eingetreten und kam mit kleinen vorsichtigen Schritten übeiden Teppich. Sie hatte die altmodische Stahlbrille auf der Nase und hielt die Hände im Schoß gefaltet
(Fortsetzung folgt)


