Dr. Brüggers Patientin
Roman von Walter Klöpffer
31. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Fender lachte blöde, und sein Kopf fiel atemlos auf die Rückenlehne. Viel zu viel von dem netten, alten Alkohol —, dachte er gutgelaunt und schlief Lucia unter den Händen ein. Als er nun gar noch Schnarchtöne von sich gab, rückte sie beleidigt in die Ecke. Der letzte Abend und sich so zu benehmen.
Der Wagen brauste eine gepflegte, breite Chaussee dahin. Carlo Punz laborierte noch immer an dem Wort, „alter Pedant". Na, der würde er es noch einmal zeigen, ob er ein alter Pedant war. So em Lausdirndl! Es mochte eine Stunde vergangen . sein, da schlug Lucia dem Carlo auf die Schulter.
„Ich komme zu dir nach vorn, wenn du nichts dagegen hast." Und schon turnte sie auf den Sitz neben ihm. Carlo machte sich dünn und schwieg gekränkt.
„Schläft wie ein Sack, nichts zu machen. Feine Manieren. Ich bin ihm egal. Am liebsten möchte ich ihm etwas antun", sagte sie wütend.
Carlo witterte seine Chance und lachte hinterhältig. „Können wir ja, mein Baby. Probier's doch einmal mit dem alten Pedanten!"
„Mit dir?"
„Warum nicht? Ist das so ausgefallen? Er geht ja doch weg. In Italien gibt's auch hübsche Mädchen, habe ich mir sagen lassen." Er legte den freien Ärm um ihre Hüfte. „Did) habe ich mir schon lange gewünscht. Bloß mit einem Arm ist es nichts (Ye- Icheites. Aber wenn ich anhalte, wacht er auf. Ich kenne das."
„Ja, was tut man denn da?" fragte sie spitzbübisch und mit schräggerollten Augen«
„Weiß auch nicht", brummte er und trat en erreich auf den Gashebel. Die Sterne wurden blasser.
den Mitgliederbeitrag außerordentlich vorteilhaft gestaltet ist, soll besonders den für Abendvorstellungen ungünstig gelegenen Landeinheiten zugute kommen. Darüber hinaus bietet sie aber gerade den Jungen und Mädels, die bisher dem Veranstaltungsring noch nicht angehürten, eine gute Einführungs- Möglichkeit in dessen kulturelle Arbeit.
Eltern, versäumt es daher nicht, diejenigen eurer Kinder, die dieses Jahr erstmals Mitglieder des HI.-Veranstaltungsringes werden, in die Reihe B eintreten zu lassen. Die endgültigen Anmeldungen können ab 7. September bei den zuständigen Einheitsführern und Einheitsführerinnen des Bannes 116 erfolgen. Vo.
Der erste Schulweg in Gießen.
Am heutigen Tage der Schulaufnahme haben tat Gießen einschließlich Wieseck und Klein-Linden 748 Jungen und Mädchen ihren ersten Gang zur Schule angetreten. Ausgenommen wurden: in die Goetheschule 111 Knaben und 101 Mädchen, in die Schillerschule 106 Knaben und 98 Mädchen, in die Pestalozzischule 104 Knaben und 107 Mädchen, in Wieseck 50 Knaben und 46 Mädchen, in Klein-Linden 33 Knaben und 18 Mädchen. Den Kindern gelten unsere herzlichen Wünsche für ihren neuen Lebensabschnitt.
Essen - dann sofort gehen!
Familien essen zu Hause!
Wer heutzutage in Gaststätten essen muß, hat nicht immer seine Freude dran. Es sind nicht nur manche zeitbedingte Schwierigkeiten, die auch der eifrigste und sorgsamste Gaststätteninhaber nicht umgehen kann, sondern es sind häufig, ja sogar viel zu häufig gewisse Gäste selbst diejenigen, die Schwierigkeiten bereiten. Daß in den meisten Speisegaststätten um die Essenszeit, besonders in den Mittagsstunden, Hochbetrieb herrscht, ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen begreiflich und nicht zu umgehen, diese Sachlage muß also von jedermann hingenommen werden, auch wenn sie manchem nicht angenehm ift
Aber entschieden zu mißbilligen ist es, wenn Gäste, die ihre Mahlzeit eingenommen haben, anschließend noch ungebührlich lange Zeit sitzen bleiben, nur um mit Bekannten ein Schwätzchen zu halten. Häufin kann man in den Gaststätten auch jetzt noch die Wahrnehmung machen, daß Ehepaare oder ganze Familien, die sich zu Hause ihr Essen selbst bereiten könnten, schon von 11 oder HVt Uhr ab zur Mittagszeit m den Speiseräumen sitzen, um bei der Essenausgabe zuerst bedient zu werden^ nach dem Essen Uber noch länger dort verweilen, anscheinend um sich einer geruhsamen Verdauung hinzugeben. Beispielsweise ist es gestern! in einer bekannten hiesigen Gaststätte vorgekommen, daß drei Frauen nach ihrer Mahlzeit gegen V2I2 Uhr noch bis nach 13 Uhr sitzen blieben, obwohl der Gastwirt sie mehrmals hatte bitten, schließlich sogar nachdrücklich auffordern lassen, endlich zu gehen, da-, mit andere Gäste auch Platz finden konnten. Aber dickfellig blieben sie dennoch sitzen, bis schließlich ein anderer Anlaß sie bewog, beschleunigt das Feld zu räumen. Derartige üble Vorkommnisse sind durchaus keine Seltenheit in den Gaststätten.
Vor allem ist vom Standpunkt der gerechten Ver
sorgung und der gebührenden Rücksichtnahme aus dringend zu fordern, daß alle diejenigen, die sich z u Hause 0 erpfl,egen können — also hiesige Ehepaare und ortsansässige Familien, sofern die Hausfrau nicht krank und bei ihren Angehörigen ist, oder eine anderweitige Hilfe beschafft werden kann — gerade unter den jetzigen Verhältnissen zu Hause essen, auch wenn die Hausfrau dabei manche Schwierigkeiten mit in Kauf nehmen' muß. Ferner ist zu verlangen, daß alle. Gäste alsbald nach dem Essen fort- gehen, denn andere Hungrige haben auch das Bedürfnis, sich zum Essen setzen zu können. Für Schwätzchen ist um die Essenszeit, besonders mit- taas, in den Gaststätten unter den jetzigen Verhältnissen kein Raum!
Wenn in der hier angedeuteten Weise von allen Disziplin bekundet und durch verständnisvolles Verhalten die gebotene Rücksicht auf andere Volksgenossen, die aus zwingenden Gründen auf das Essen in den Gaststätten angewiesen sind, genommen wird, so werden sich für die Gaststätten-- inhaber und für die Gäste manche Schwierigkeiten mindern bzw. überhaupt vermeiden lassen, die bisher allen das Leben unnötig schwer gemacht haben. Wird aber von der Bevölkerung kein Verständnis gezeigt, so darf man nicht verwundert sein, wenn der jetzt schon in Gastwirtekreisen erörterte Gedanke, in den Gaststätten nur noch an Berufstätige und Auswärtige Essen abzugeben, die einen entsprechenden Ausweis besitzen, und im übrigen darauf bedacht zu sein, den Aufenthalt der Gäste zur Essenszeit, besonders mittags, nicht über das erträgliche Zeitmaß hinaus sich aus- dehnen zu lassen, zur Tat gemacht wird.
Also: Einsicht und Verständnis auch dem Gastwirt und den Mitgästen gegenüber!
Oie Versorgung mit Winterkartoffeln.
Vie Durchführungsanweisungen.
Für die Versorgung mit Winterkartoffeln hat der Reichs ernährungsminister jetzt die erforderlichen Einzelanweisungen herausgegeben. Wie bereits gemeldet, wird die Einkellerung ermöglicht. Allerdings kann und soll die Einkellerung von Winterkartof- feln nicht etwa jetzt beginnen, weil die frühen und die mittleren Kartoffelsorten für diesen Zweck nicht genügend haltbar sind. Für die Versorgung der Verbraucher, die mangels eigener Einkellerungsmöglichkeiten auf den laufenden Bezug von Speise- kartoffeln auch im Winter angewiesen sind, müssen erheblich größere Vorräte als bisher eingelagert werden. Das geschieht nicht nur in reichseigenen Kartoffellagerhallen, sondern in allen möglichen geeigneten Baulichkeiten, die evtl, behelfsmäßig herzurichten sind. Den Groß- und den Kleinverteilern wird die Haltung bestimmter Vorräte auferlegt, werden. Das gleiche gilt, für die Großverbraucher,' denen in bestimmten Fällen im Auflagewege eine über den eigenen Bedarf hinausgehende Einlagerung für die allgemeine Versorgung zugemutet werden muß.
Im übrigen wird für die Zeit vom 14. Dezember 1942 bis 25. Juli 1943 ein weiterer Bezugs- ausweis für Speisekartoffeln eingeführt. Er wird möglichst bald, spätestens mit den Lebensmittelkarten für die 41. Zuteilungsperiode ausgegeben und ist auf acht Zuteilungspe rioden ad- gefteüt. Die jetzt je Kopf und Woche aufgerufenen Kartoffelmengen werden allmählich auf eine Höchst- m^Nge von 4,5 kg erhöht werden. Die Einzelabschnitte des vom 14. Dezember 1942 ab gültigen Bezugsausweises werden wie bisher jeweils zu Beginn der Zuteilungswoche gültig: der laufende Bezug auf noch nicht fällige Abschnitte bleibt verboten. Dagegen berechtigen die einzelnen Abschnitte bis zum Ablauf der Zuteilungsperiode zum Kartoffelbezug, der letzte Abschnitt sogar jeweils noch
in der ersten Woche der folgenden Periode. Für den laufenden Bezug wird am bisherigen Verfahren mit Bestellschein grundsätzlich nichts geändert. Bei Umzügen, längeren Reisen usw. versehen die Kartenstellen, wenn der Reisende nicht in Gaststätten usw. verpflegt wird, die Einzelabschnitte mit dem Stempelaufdruck „Reise". Wehrmachturlauber erhalten auf Antrag Berechtigungsscheine zum Bezug von Speisekartoffeln. Hier beträgt die Höchstmenge bei einer Urlaubsdauer von weniger als einer Woche 3/i kg je Kopf und Tag.
Für den Winter kann der Versorgungsberechtigte eine Voll- oder Teileinkelleruüg durchführen. Die Höchstmenge beträgt bei Volleinkellerung für die Zeit vom 19. Oktober 1942 bis 25. Juli 1943, also für zehn Zuteilungsperioden, reichseinheitlich je Kopf 200 kg Speisekartoffeln. Bei der Teileinkellerung werden 20 kg je Zuteilungsperiode zugrunde gelegt. Der Zuschlag von etwa 10 v. H. gegenüber dem Wochensatz bei Nichteinkellerung wird zum Schwundausgleich gegeben. Um die Kartenstellen nicht übermäßig zu belasten, werden lediglich für den unmittelbaren Verkehr zwischen Erzeuger und Verbraucher reichseinheitliche „Ein- kellerungsscheine" eingeführt: sie lauten auf 50 kg bzw. 150 kg und ermöglichen die Zusammenstellung jeder gewünschten durch 50 kg teilbaren Menge. Wer unmittelbar vom Erzeuger Speisekartoffeln zur Einkellerung beziehen will, muß bei der Kartenstelle unter Vorlage seiner Kartoffelkarte die Ein- kellerungsscheine beantragen. Er wird mindestens einen Einkellerungsschein über nur 50 kg erhalten, auf den er zur Ueberbrückung bei einem Verteiler beziehen kann, wenn etwa die Winterkartoffeln nicht rechtzeitig eintreffen. Nicht belieferte Einkellerungsscheine werden gegen neue Bezugsausweise umgetauscht. Erfolgt Einkellerung durch Bezug beim Groß- oder Kleinverteiler, dann
samtlänge von 4000 Meter instandgesetzt. In diesen Ziffern sind die voM Reichsarbeitsdienst und von der Organisation Todt erbauten Brücken nicht enthalten. Bei den schweren Abwehrkämpfen in vorderster Front bewährten sich besonders auch einige Abteilungen des Reichsarbeitsdienstes. Zahlreiche Führer und Arbeitsmänner wurden für hervorragende Tapferkeit vor dem Feinde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.
Kleine politische Nachrichten.
Auf Einladung des Vereins deutscher Ingenieure im NS.-Bund deutscher Techniker hielt sich eine Kommission des Schweizerischen' Ingenieur- und Architektenvereins in Berlin und München auf, um die mit der Bewirtschaftung der Baustoffe zusammenhängenden Fragen zu studieren.
*
Nach einer Meldung des Londoner Nachrichtendienstes aus Rio de Janeiro ordnete der brasilianische Präsident Vargas die Verdunkelung ganz Brasiliens an.
Kunst und Wissenschaft.
Die dritte Gauausstellung der bildenden Künste im Kriege.
NSG. Am kommenden Samstag wird im Stä- delschen Kunstinstitut in Frankfurt a. M. die dritte Gauausstellung für bildende Künste durch Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger eröffnet werden. Die Ausstellung umfaßt wieder Plastik, Malerei und Graphik; sie dokumentiert zum dritten Male mit gesteigerter Leistung und reichern Ausdruck an bildnerisch-malerischer Phantasie und seelischen Kräften den Willen der deutschen Kultur zur reichsten Entfaltung ihrer völkischen Eigenart. Die Verleihung des Gau-Kulturpreises durch Gauleiter und Reichsstatthalter Sprenger wird Anerkennung des kulturellen Kriegsschaffens innerhalb unseres Gaues bedeuten, wobei in verstärktem Maße die Bewährung der nationalsozialistischen Kulturelemente in der härtesten Prüfung unseres Volkes berücksichtigt wird. Die Ausstellung selbst dürste dem Umfang der vorjährigen entsprechen; in der Plastik treten allerdings zeitbeschränkt die monumentalen Entwürfe und großspurigen -Bildwerke etwas zurück. Dagegen zeigt die übrige Plastik einen hohen Stand des Könnens, ebenso Malerei und Graphik. Die Beteiligung umfaßt die künstlerisch Schaffenden des ganzen Gaugebietes, mit besonderer Freude wird' man die Künstler aus Mainz begrüßen.
hochschulnachrichlen.
Der Führer hat den Dozenten Dr. Gerik B 0 l in Freiburg zum a. 0. Professor ernannt und ihm die durch den Tod des Prof. Dr. Reinhardt freigewordene Professur für Mathematik an der Universität Greifswald übertragen. Bol wurde 1906 in Amsterdam geboten. Er studierte in Leiden und arbeitete seit 1929 an der Unoerfrtät Hamburg, wo er 1931 sich für Mathematik, insbesondere Geometrie habilitierte. 1938 erhielt in in Freiburg einen Lehrauftrag. — Prof. Dr. Schlubach ist planm. 0. Professor für Chemie an der Universität und Direktor des Chemischen Staatsinstituts Hamburg ernannt worden. Schlubach ist 1889 in Hamburg geboren, studierte in München und Göttingen, promovierte 1912 in Göttingen, habilitierte sich 1923 an der Universität München. 1926 wurde er planm. a. 0. Professor in Hamburg. Seine Arbeiten über das Ammonium, das Tetra-aethyl-ammonium und andere Radikale sind bekannt. Andere Arbeiten richten sich auf die systematische Synthese von Disacchariden. — Dr. phil. habil. sWilhelm Magnus an der ,TH. Berlin wurde zum außerpl. Professor für Mathematik ernannt. Magnus wurde 1907 in Berlin geboren. Er studierte in Tübingen und Frankfurt und promovierte 1929 in Frankfurt. 1933 habilitierte er sich dort. — Der 0. Professor für Erb- und Rassenbiologie, Dr. med. Lothar Loefs- I e.r wurde von Königsberg an die Universität Wien berufen. 1901 in Erfurt geboren, studierte er in Berlin, Breslau und Tübingen und habilitierte sich 1931 in Kiel. 1934 wurde er nach Königsberg berufen. — Im Alter von 72 Jahren starb der emerit. Ordinarius für Kiefer- und Zahnheilkunde an der Staat!. Mediz. Akademie in Düsseldorf, Professor Dr. med. dent. h. c. Christian Bruhn. Er kam 1908 nach Düsseldorf, wo er 1923 a. 0. Professor und 1924 Ordinarius wurde. Er war Herausgeber des Handbuches der Zahnheilkunde und hat sich auf dem Gebiet der Kieferchirurgie bedeutende Verdienste erworben. — Dozent Dr. med. habil. Richard Fikentfcher ist zum oußerplanm. Professor für Geburtshilfe an der Universität Mün- • chen ernannt worden. Fikentscher wurde 1903 in Augsburg geboren, habilitierte sich in Halle und wirkt seit 1938 in München.
Aus der Gtadi Gießen.
»Besuchen Sie uns doch mal!*
Ich habe mich gerade von jemand verabschiedet. Als das Verabschieden fast zu Ende war, sagte der nette Mensch: „Besuchen Sie uns doch mal!" Und ich antwortete voller Freude: „Aber gerne, sehr gerne!" Dann kam der Schluß vom Abschied, und wir gingen auseinander.
Wenn der freundliche Herr darüber nachgedacht hat, weiß er. daß ich ihn nie besuchen werde, und ich weiß es sogar bestimmt, daß ich ihn nicht besuchen werde, trotz der sicherlich liebenswürdigen Aufforderung. Zum Teufel, „Besuchen Sie uns dpch mal" heißt gar nichts. Man könnte genau so gut sagen: „Schicken Sie uns gelegentlich Ihre Todesanzeige." Wenn ich schon einen besuchen soll, muß er sagen: „Besuchen Sie uns am nächsten Freitag um Viertel vor neun. Sie werden bei mir Herrn Meyer treffen und die Sängerin Anette Korn d'Anerie, und es gibt Pfefferminztee oder vielleicht auch Pfälzer Weißwein und selbstgebackene Plätzchen." Sehen Sie, das ist etwas, da weiß ich, woran ich bin. Aber mit „Besuchen Sie uns doch mal" kann man keinen Hund hinter dem Ofen vorlocken oder irgendeinen andern in seine Wohnung.
Die würden schöne Augen machen, wenn ich eines Tages bei ihnen plötzlich klingelte und an der Korridortüre stünde und sagte: „So, da bin ich, ich sollte Sie doch mal besuchen." Es wäre denen gewiß nicht angenehm, denn man hätte keine Plätzchen gebacken und kein Pfälzer wäre im Hause und womöglich nur Pfefferminztee. Vielleicht hätten sie gerade etwas anderes vor und ausgerechnet sogar Gäste. Mich aber erwarteten sie bestimmt nicht.
Früher, da war die Sache ganz anders, so zur Zeit meiner Eltern. Da hat man sich niemals „mal" besucht oder eine derartige Aufforderung an einen gerichtet. Da fuhr man am Sonntagoormittag' mit einem Einspänner herum ober ging auch zu Fuß und gab seine Karten ab. Auf der Karte stand der Name und wie man einen anzureden hatte. Nach schicklicher Zeit machten es die andern ebenso und gaben die Karte bei uns ab. Damit waren die diplomatischen Beziehungen hergestellt. Jetzt konnte eingeladen werden, und zwar mit Karte, aus der man ersah, wann man zu kommen hatte, und mehr oder weniger auch, was man vorgesetzt bekommen würde. Wenn man zu einem Teller Suppe geladen war, wußte man, daß damit ein handfestes Abendessen gemeint fei.
Sehr altmodisch war das, aber es hatte seine Vorteile. Hinter „Besuchen Sie uns mal" steckt gar nichts und hinter „Sehr gerne" ebensowenig: aber vielleicht hat das auch seine Vorteile. r. W.
Sprechstunde des Kreisleiters.
Die Sprechstunde des Kreisleiters findet am Donnerstag, 3. September, nachmittags von 15 bis 17 Uhr, in Gießen, Alicenstraße 10, statt.
Amt für Agrarpolitik.
Die Sprechstunde des Amtes für Agrarpolitik findet am Donnerstag, 3. September, nachmittags von 15 bis 17 Uhv, in Gießen, Alicenstraße 10, statt.
Nachmittagsvorstellungen im HZ -Veranstaltungsring 1942/43.
Wie bereits angekündigt, wird im Rahmen des diesjährigen HI.-Veranstaltungsringes auch eine Nachmittagsreihe als Reihe B zur Durchführung kommen. Diese Reihe wird insgesamt vier Theatervorstellungen sowie eine Morgenveranstaltung umfassen, die mit Ausnahme der letzteren, die am Sonntagmorgen stattfindet, jeweils an einem Samstag nachmittag aufgeführt werden.
Die Auswahl der in dieser Reihe zur Aufführung gelangenden Theaterstücke ist ebenfalls bereits getroffen. Als klassisches Schauspiel wird Grillparzers „Ein treuer Diener seines Herrn", im modernen Schauspiel die „Anke von Skoepen" des Frankfurter Dichters Friedrich Bethge gezeigt werden. Das Lustspiel ist durch Zerkaulens „Sprung aus dem Alltag" vertreten, während die Musik in der Oper von Weißmann „Die pfiffige Magd" zu ihrem Recht kommt. Die Morgenoeranstaltung bringt Platens „Tmrrn mit sieben Pforten".
Der Mitgliederbeitrag für sämtliche fünf Veranstaltungen beträgt lediglich 3,75 RM., in welchem Betrag die Verwaltungsgebühr eingeschlossen ist. Außerdem haben die Mitglieder dieser Reihe die Möglichkeit, die Veranstaltungen des Konzert- und Vortragsringes, sowie die Mittwochabend-Vorstellungen des Theaters der Universitätsstadt, soweit noch Karten vorhanden sind, zu erheblich verbilligten Eintrittspreisen zu besuchen. Auch wird ihnen beim Eintritt in die Reihe C des Veranstaltungs- ringes eine bedeutende Ermäßigung gewährt.
Die Einrichtung der Reihe B, die nicht nur hinsichtlich der Stückwahl, sondern auch in bezug auf Nebel kroch über die Wiesen und verfing sich wie Spinngewebe in den Baumkronen. Die Scheinwerfer schnitten einen flimmernden Kegel aus der Landschaft.
„Hier muß ich links abbiegen", sagte Carlo, als sie durch ein Städtchen kamen. „Zu dumm, daß man vor lauter Nebel die Straßenschilder nicht entziffern kann! Wo nur der Nebel herkommt? Muß ein Fluß in der Nähe fein. Ich bin die Strecke noch nie gefahren. Schließlich ist es einerlei, wo wir landen." \
„Na, hör mal, ich will nach Schongau."
„Schon recht. Vielleicht kommen wir hin."
Sie fuhren und fuhren. Plötzlich frohlockte Carlo: „Baby, ich habe einen Einfall: Rache ist süß. Schade, daß man auf so etwas nicht gleich kommt. Ick bremse langsam, daß er nicht aufwacht, und lasse den Motor weiterlaufen.
„Ein gescheites Kind! Na, mach's mal."
*
Fender, der langsam etwas' vermißte, was zu den Annehmlichkeiten dieser Sorte von Schlummer gehörte, vielleicht den Lustzug, vielleicht das sanfte Wiegen der Federung, erwachte. Als er soweit war, die Augen zu öffnen, erblickte er vor sich die Umrisse zweier Gestalten, die sich innig küßten. Er schleuderte mit einem Ruck alle Schlaftrunkenheit von sich und packte die beiden am Kragen. Er gab dabei nur wenige, aber deutliche Worte von sich. Denn er war voll wilder Wut über soviel Treulosigkeit. Das Weitere ging schnell und schmerzlos von statten. Er zerrte die beiden Sünder aus dem Wagen, stieß sie auf die Straße und setzte sich selber hinter das Lenkrad. Dann gab er Vollgas und donnerte im ersten Gang von bannen. Mochten die zwei Missetäter sehen, wie sie heimfanden. Diese Lektion würde sie bestimmt abkühlen.
Er hatte keine Ahnung, wo er war. Eine Straße wie jede andere, von Obstbäumen langweilig flan
fiert, lag vor dem Wagen. Die Gegend war nicht überschaubar, denn Nebel hinderte die Sicht. Fender schaltete und steigerte die Geschwindigkeit, so gut es ging. Er fuhr, bis ein größerer Ort kam, eine Stadt, wie er an hochragenden Türmen und Schloten erkannte. Er steuerte durch ihre aus gestorbenen Straßen, und es war ihm gleichgültige wo er sich befand. Irgendwie würde er schon zu? rückkommen. Dann lag wieder freies Feld vor ihm. Nach einer Halden Stunde konnte er die Scheinwerfer ausdrehen. Die Sterne waren erloschen. Morgendämmerung sank über die Erde, mit einem rosig züngelnden Schein im Osten. Die Straße stieg an, und der Nebel blieb in der Tiefe zurück. Die Umrisse eines Höhenzuges schoben sich näher. — So weit südlich? — dachte Fender erstaunt. Und mit einemmal empfand er wieder jenen tief ins Gedärm fahrenden Schmerz, jene unerklärliche Attacke, die ihn schon vorgestern halb übers Lenkrad geworfen hatte. Er bremste, bekam Schweiß auf die Stirn und wand sich in Qualen. Als das Aergste vorüber war, fuhr er langsam weiter. Auf der Höhe vor ihm zuckte ein einsames Licht wie eine tröstliche Verheißung. Fender fühlte sich stark von ihm angezogen und bog rechts ob. Ein schmaler, ungepflegter Weg führte bergan. Wo Licht ist, sind Menschen, wo Menschen, da Hilfe.
Er kam sich unfagbar verlassen vor, wie ein Ausgesetzter auf einem unbekannten Eiland. Zur Linken ragten zackige Berge, lieber ihren Spitzen loderte der frühe Tag. Es mußte zwischen fünf und sechs Uhr sein. Fender war zu apathisch, um nach der Uhr in der Westentasche zu greifen. Beim Näherkommen unterschied er eine dunkle Holzhütte zwischen betauten Motten, aus einem geschwärzten Blechrohr kräuselte Rauch. Fender ließ den Wagen stehen und legte das letzte Stück mühsam zu Fuß zurück.
Unter der Hüttentür stand ein bärtiger Mann, eine Hünengestalt, die das Keuchen des Motors ins Freie gelockt hatte. Ein weißer Spitz kläffte zwi- ; schon seinen Deinen und bellte sich dir Seele aus
dem Leib. Fender schleppte sich naher und fragte, ob er ein wenig rasten könnte.
„Scho recht", nickte der Mann gutmütig.
„Wd bin ich hier? Ich habe mich verfahren."
„Auf der Bündlesalpe, Herr. Ich bin der Senn, der Fidel Butscher."
„Bundlesalpe?"
„Ja, zwischen Wertach und Hindelang. Wo haben S' denn hinwolln?"
Der wieder stärker an schwellende Schmerz enthob Fender der Antwort. Der Mann Fidel Butscher sprang hilfreich zu, stützte seinen Gast und geleitete ihn ins Haus. Im Flur roch es nach warmer Milch und beizendem Rauch. Es wurde Fender ein bißchen Übel, aber das ging vorüber, sobald er in der hellen, geräumigen Stube stand, die anscheinend als Wohn- und Schlafraum diente. Er ließ sich erledigt auf den Stuhl sollen, den ihm der Senn rasch hinschob.
„So da la, da wären wir", sagte Fidel Butscher mit seiner tiefen, orgelnden Stimme und kämmte den viereckigen Schaufelbart. „Sind Sie a Reifender?"
„Nein. Ich bin Kunstmaler, aus München. Mein Name ist Fender."
„Wenn S' etwas zu trinken wolln? Vielleicht Milch? Ober an Schnaps?"
„Sie find sehr freundlich, aber ich brauche nichts als Ruhe. Ich hab's ein wenig in den Därmen. Es wird schon wieder aufhören", murmelte Fender.
„Wahrscheinlich eine Kolik."
„Das denke ich auch. Dürft ich mich auf das Bett da legen?"
„Freilich. Ich hab's erst vor ein paar Tagen frisch überzogen. Soll ich Ihnen den Doktor holen?"
„Nein, nein. Es geht schon so vorbei", wehrte Fender ab und streckte sich auf dem Bett aus.
„Ich muß jetzt nach dem Vieh schauen, Herr. Wenn S' was brauchen, klopfen S' auf den Blechhafen da. Und gute Besserung!" wünschte der Senn und ließ Fender allein.
(Fortsetzung folgt.


