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Nr. l Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Aeliag, 2. Januar 1942

Da schämt man sich ja..."

Gespräch an der Wohnungstür über die Wollsammlung.

Wer schämt sich und weshalb schämt man sich'? Die Gründe können verschiedenster Art sein; wer sich aber schämt, der empfindet so etwas wie ein Schuldbewußtsein, er weiß also, daß er etwas Dum­mes getan oder etwas Gescheites nicht getan hat Das Schämen zeugt also im Grunde von einem guten Kern dessen, der vielleicht etwas hatte ver­bergen wollen, es aber doch nicht fertig br-achte.

Dieser Tage stand ich vor einer Wohnungstür, um nach warmen Sychen für unsere Sol­daten nachzufragen. Eine junge Frau öffnete; kaum hatte sie mich erkannt, meinte sie mit rotem Kops und das stand ihr gar nicht schlecht: ,Hch weiß schon, was Sie wollen, was Warmes für unsere Soldaten. Aber ich kann Ihnen noch nichts geben. Ein Paar Pulswärmer habe ich ja ge­strickt; aber diese allein abzuaeben, kriege ich nicht fertig, da schämt man sich jar'Wieso mühten Sie sich denn schämen", frage ich. Darauf sie sehr be­stimmt:Na, ich weiß doch, wie es unfern Soldaten draußen ergeht, ich habe ja selbst meinen Mann im Often; Pulswärmer sind sehr schön, -ober doch zu wenig; wissen Sie, das ist doch nur eine Zugabe. Sie brauchen vor allem Ohrenschützer, Handschuhe und dann was Warmes ouf den Leid. Pelzgefütterte Handschuhe kann ich leider nicht fertigbringen, da­zu fehlt mir der Pelz; aber eine warme Jacke muß noch fertig werden. Ich habe dazu meinen alten Lodenmantel geopfert, der mir bei schlechtem Wet­ter immer noch gute Dienste leistete. Aber unsere Soldaten brauchen warmes Zeug viel notwendiger. Den Stoff doppelt genommen und Rücken und Brust noch gefüttert, ich glaube, wer diese Jacke bekommt, wird sich freuen. Und ich freue mich mit, jedenfalls möchte ich mich nicht beschämen lassen. Außerdem habe ich noch einige Reste für Fußlap­pen. Davon hat mir mein Vater, der den Weltkrieg mitmachte, viel geschwärmt. Nicht jeder versteht

damit umzugehen, wer sie aber richtig zu legen versteht, bekommt keine kalten Füße. Ja, mein Vater war ein alter Praktiker, der knobelte so allerlei aus. Er trug Fußlappen Sommer wie Winter. Im Winter zog er zunächst wollene Strümpfe an, dann die Fußlappen schön sauber darüber. Als damals in Rußland die bittere Kälte war, legte er zwischen Strümpfe und Fußlappen entweder eine Filz- oder Strohfohle oder auch eine dünne Schicht Heu oder Stroh. An kalten Füßen hat er aber nie gelitten. Deshalb suchte ich noch nach Geeignetem weichem Stoff für Fußlappen. Und alles sollen Sie bis zum 4. Januar haben."

Das ist eine deutsche Frau von Millionen- in be­scheidenen, aber glücklichen Verhältnissen lebend, weiß sie das Leben zu meistern und die Zeit zu verstehen. Man braucht sich auch nur ihre drei frischen Kinder anzusehen, um zu wissen, daß sie ihren Mann" auch in der harten Kriegszeit steht. Sie hat auch wirklich keinen Grund, sich zu schämen.

Po.

Oie Gießener Sammelstellen.

Die Sammlung erfolgt bis zum ljanuar 194 2. Die Gegenstände werden von Beauftragten der NSDAP, in den Wohnungen gegen Quittung abgeholt, können aber auch in Gießen an folgenden Sammel stellen täglich (auch fonntags) von 9 bis 11 und 15 bis 17 Uhr abgegeben werden, und zwar:

Ortsgruppe Witte: Goetheschule, pari Ortsgruppe Nord: Schillerschule, pari Ortsgruppe 0 st: Orfsroaltung der DAF., Llcher Straße, und der Geschäftsstelle der NSDAP., Kaiserallee 6,

Ortsgruppe Süd: Liebigbau, I. Stock, Zimmer 5.

Theater der Universitätsstadt Gießen.

Otta Schwartz und Carl Mathern:Oer Meisterboxer".

Am Silvesterabend begab sich in drei turbulenten Akten das FamiliendramaDer Meisterbarer" von Schwartz und Mathern. Es ist die Geschichte des Marmeladefabrikanten Friedrich Breitenbach der sich, um dem sportlichen Ehrgeiz und den vege­tarischen Prinzipien seiner Gemahlin zu entrinnen, für einen preisgekrönten Boxer ausgibt, um un­gestört mit seinen Freunden imgoldenen Engel" männlichen Lastern fröhnen zu können; er türmt um sich und die Seinen ein Lügengebäude von phantastischen Ausmaßen, das in einem wllhäus- lerischen Chaos von Familienkrach, Verwechslung und gehäuften Mißverständnissen zusammenbricht, als der richtige Sportsmann Breitenbach auf der Bildfläche erscheint, der sich inzwischen mit der Tochter des Hauses verlobt hat. Es ist natürlich.un­möglich, auf die grotesk gesteigerten Einzelheiten der Handlung einzugehen (die Geschichte von dem ins Wasser gegangenen Mann" und seiner weh­klagendenWitwe" scheint uns in heutiger Zeit selbst für Silvesterverhältnisse ziemlich stark) die Andeutungen mögen genügen, die raffiniert aus­geklügelte Mechanik dieser Schwankdramaturgie und ihre Wirkung auf die Lachlust des willig mit« gebenden Auditoriums zu ermessen.

Unter Herrn Vo Icks in derlei familiären Kata­strophen geübter Regie erfuhr das Stück eine Wie­dergabe, in der jede Pointe aufs Stichwort kam

und einschlug. Herr B o s n y machte den Marme­lade-Boxer, blind in sein Verhängnis verstrickt, mit wendiger Erfindungsgabe schwindelnd, in höchster Not und im Sportdreß, auf den Ofen fliehend. Die mit Energie geladenen Ehefrauen Hilde Kneip und Hella H e n z k y , Herr Bergmann als un­verkennbar sächsischer Pantoffelheld, Anja Rau als Tänzerin Coletta mit südländischen Temperaments­ausbrüchen, Herr Schmidt als strammer Sports­mann, die Damen Thomas und Bamberger und die Herren V o l ck und L e n d r i ch vervoll­ständigten das Schwank-Ensemble. Dazu ein ge­fälliges Bühnenbild von Herrn Löffler.

*

Den Auftakt bildete ein kleines Kabarettpro- gramm. Herr Payer brachte als Ansager das Publikum in Stimmung. Apart vorgetragene Chansons der Damen F r e i h e n und Schwind fanden mit Recht allgemeinen Anklang. Herr E c s y sang sehr reizend etwas ganz Wienerisches. Herr Kratz erntete mit einer mehr als zeitgemäßen Alkohol-Arie Applaus; Brigitte Dietz, Edith Stolls Katja Kröck und Andreas V o l p e r t be­lebten das Programm mit heiter parodistischen Tänzen. Am Flügel: Carl Willi Hahn. Das vollbesetzte Haus dankte mit großem Beifall.

Hans Thyriot.

Anrechnung von Fleisch auf die Bedarfsnachweise

Die Schlachtviehmarktordnung für das Jahr 1942 bringt für die Anrechnung, von Fleisch und Fleisch­waren auf die Bedarfsnachweise einige Neuerun­gen. In der doppelten Menge werden abgegeben: Schweineköpfe, Eisbein, Kalbshaxen, Kalbsgekröse, ganze Geschlinge, Rinderschwänze, Lungen, Euter, Brägen, Herz, Milz, Knochenausputzfleisch, Schwei­nemagen und Schwarten, ferner Ochsenmaulsalat,

Sülze und Gänseleberwurst, wenn bei der Her­stellung bewirtschaftetes Fleisch verwendet worden ist. In der oierfadyen Gewichtsmenge gibt es Rin­derköpfe, Kalbsköpfe, Schafköpfe, Spitzbeine, Ochsenmäuler, Kälberschwänze, Fleck, Schweine- ' schwänze, Schweineohren, Sehnen, Flexen, Fleisch- 1 salat, Schweinekammknochen, Speerknochen, Bauch­rippen und Rindermarkknochen. Ohne Anrechnung auf die Bedarfsnachweise können nachgeputzte Knochen mit Ausnahme der Rindermarkknochen ab­gegeben werden. Ferner wird in der Anordnung

Aus der Stadl Gießen.

Oer zweite Zanuar.

Der zweite Januar ist wichtiger als der erste. Spare alle deine guten Vorsätze, mit denen du ins neue Jahr trittst, für diesen Tag auf, zum minde­sten beginne am zweiten Januar mit dem tätigen Wahrmachen dessen, was du in den geruhsameren Stunden zwischen Weihnachten und Neujahr mit dir selbst und zu deinem Besten beschlossen hast..

Ein fröhes neues Jahr, so heißt es gewöhnlich leichthin! Man sagt das so. Sage es aber weniger zu anderen als zu dir. Es ist nicht so wichtig, daß du zur Mitternacht der Jahreswende mit fröhlichem Lachen das Glas schwingst da kann jeder lachen! wichtiger ist, daß dein Antlitz am zweiten Januar morgens, wenn du in der Straßenbahn sitzt und wieder zum Dienst fahren muht, nicht mürrisch aussiehst. Am zweiten Januar in der Morgendämmerung das personifizierte frohe neue Jahr mit lächelndem Mund und leuchtenden Augen darstellen das wirkt als gesunde Ansteckung selbst auf die, die noch Rückstände an Mißmut zu überwinden haben.

Der erste Arbeitstag im Jahr ist der bedeutsamste für unsere guten Vorsätze. An ihm beginne dich in all dem zum Besseren zu wandeln, was an dir noch verbesserungswürdig ist. Nachbarliche Unfreundlich­keit, unausgeschlafene Verdrießlichkeit, mißmutiges An-die-Arbeit-gehen das find so kleine Uneben­heiten im Seelendasein, die sich leicht am zweiten Januar, wenn man nur ernstlich will, mit etwas herzhafter Energie ausplätten und glätten lassen.

Verschwende an diesem zweiten Tag des Jahres vor allem nichts von dem, was dein kostbarster Be­sitz ist von der Arbeitszeit. Keine gute Stunde bietet sich zweimal dyr. Wenn du aber.lächelnd und frohgemut in das Arbeitsjahr hineinfteigst, beginnt es bestimmt mit einer guten Stunde, die unersetzlich ist, wenn du sie nicht sofort mit deinen besten Kräften 'füllst. Morgen ist auch ein Tag, bleibt das typische Sprichwort der immer Mißmutigen. Was du dem Augenblicke ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück, sagen die frisch und froh Zu- faffenben.

So wirkend und mit deinem eigenen Pfunde wuchernd, wirft du schnell noch etwas anderem auf die Spur kommen: daß, wer so mit heiterem Gemüt und ernstem Willen sich ganz in das ihm vom Schicksal zugewiesene Werk hineinwirft, gesegnet wird durch etwas, was nur mit Gnade der Arbeit bezeichnet werden kann. Plötzlich wachsen in dem sich ganz dem Schaffen zum Wohle des Ganzen Hingebenden, dem, der sich dabei selber ganz und gar vergißt, gerade dann jene Tatgedanken zu, die ihn vor den andern als eine sehr eigentümlich ge­prägte Persönlichkeit erscheinen lassen. Das Wunder vollzieht sich an ihm: sich für die anderen opfernd genießt er selbst den köstlichsten Lohn für dieses. Opfer, weil seine besten Kräfte ihm selbst zur Ver­wunderung dann ins Blühen und Glühen geraten wie nie zuvor.

Probier's! Am zweiten Januar, dem ersten Ar­beitstag des Jahres F A. H.

Oer Feldpostverkehr nach dem 4. Zanuar.

Die bestehenden allgemeinen Beschränkun­gen im Feldpo st verkehr sind ab 5. Januar 1942 wieder aufgehoben. Es sind bann Briefe bis zu 100 g und Feldvostpöckchen bis zu 1000 g zugelassen. Soweit die Verkehrslage in ein­zelnen Gebieten die Beförderung von Sendungen über 50 g noch nicht zuläßt, werden diese dem Ab­sender mit folgendem Hinweis zurückgegeben: Zurück. Zur Zeit nicht zu befördern. Nur Sen­dungen bis zu 50 g zugelassen." Die Aufhebung dieser Beschränkung wird bei Besserung der Ver­kehrslage durch Presse und Rundfunk erneut be­kanntgegeben.

Oie Ausbildungskosten der Hebammen

Mit Wirkung vorn 1. Januar ab sind die Kosten der Ausbildung und Fortbildung der Hebammen und Wochenpflegerinnen in der Hebammenlehr- anftatt und Frauenklinik zu Mainz nach einer An­ordnung des Reichsstatthalters in Hessen Lan­desregierung neu festgesetzt worden.

Explosion in Raum5

Roman von H.C. Hansen

Copyright by Prometheus-Verlag Dr.Eldiadcer, Crftbenxell b.Mfindien

26. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Verflucht und zugenäht", polterte Kammin los, bas ist doch die Höhe! Wie kann so etwas nur vorkommen?"

,Hch bitte um Entschuldigung, Herr Kommissar, aber ich habe mir tatsächlich alle Mühe gegeben."

Was nützt mir die Versicherung jetzt?! Das Un­glück ist nun geschehen. Diese beiden Kerle, von denen Sie sprechen, sind vielleicht wichtiger als die Barkow. Geben Sie Ihren Bericht noch schriftlich herein, und sagen Sie Herrn Schneider, er soll das gleiche tun!"

Zornig ging Theo Kammin anschließend zu Kri- minaldirektor Doktor Ball und berichtete stöhnend, er sei ein vom Unglück geplagter Mann, der am besten alles selbst mache, weil auf niemanden Ver­laß sei. Ball hörte aufmerksam zu und rief dann die beiden Assistenten zu sich, um alle Einzelheiten zu erfahren. Es war aber nicht mehr, als sie Kammin schon berichtet hatten.

Wer mögen die beiden Kerle nur gewesen sein?"

Wenn wir das wüßten, wären wir ein Stück weiter."

Oder auch nicht. Vielleicht handelt es sich nur um eine ganz alltägliche Liebesgeschichte. Der erste Mann hat, um das Mädchen kennenzulernen, einen nicht einmal neuen Trick angewandt"

Oder die beiden gehören zu der Bande, die wir hinter dem Unfall Wand vermuten."

Dann hätten sie die Barkow aber nicht auf so komplizierte Weise anzusprechen brauchen "

Auch wahr. Ich rechne jedoch mit der Möglich­keit, daß sie nach dem Mord nicht mehr mittun will, jede Verbindung mit den ihr bisher bekannten Mitt gliedern ablehnt und daß deshalb die Bande mit neuen Mittelsmännern arbeitet"

Sie verrennen sich, lieber Kammin!" Ball hob abwehrend die Hände.Der Fall Wand hat Sie bisher nur geärgert, und Sie sind unbewußt be­strebt, jetzt auch die harmlosesten Geschichten zu

kriminellen Anhaltspunkten zu machen. Das ist ein Fehler, in den jeder von uns einmal verfällt.

Was sollen wir jetzt tun? Ick bin für weitere Beobachtung.. Vielleicht bringt uns das auf die Spur dieser Burschen, die sich auf so merkwürdige Art an ein Mädchen heranmachen."

Es ist durch kein Gesetz verboten, eine Dame kennenzulernen." Ball wollte von seinem Stand­punkt nicht lassen.Verdächtig ist mir nur die Bar­kow, und zwar aus den Gründen, die wir am Frei- tagabend besprochen haben. Was wissen Sie über ihre Lebensführung?"

Anscheinend alles, was offen zutage liegt. Sie bezieht zweihundert Mark Gehalt brutto, wohnt in dem Zimmer, das sie jetzt innehat, feit zwei Jahren und acht Monaten und hat den besten Ruf im Haufe, empfängt nie Herrenbesuche, lebt solide und kommt nur selten später als zehn Uhr abends nach Hause. Sie treibt keinen besonderen Kleiderauf­wand, trägt sich aber immer gut und geschmackvoll. Einen Freund besitzt sie nicht, wenigstens seit zwei Jahren nicht. Nach nicht Nachprüfbaren Gerüchten soll sie bis dahin mit einen Studenten befreundet gewesen sein, dessen Name und Herkunft unbekannt sind. Die Eltern der Barkow sinh tot, die Mutter seit fünf, der Vater seit sieben Jahren. Geschwister hatte sie nicht. Ihre nächsten Verwandten wohnen in Breslau. Es ist eine Schwester ihrer Mutter mit Mann und fünf Kindern. Das ist alles. Es besagt, genau besehen, nichts."

Doch, einiges. Das Mädchen hat einen guten Ruf, lebt zurückgezogen, treibt keinen Luxus, der viel Geld erfordert, und benimmt sich viel besser als manche Altersgenossin."

Uns Hilst bas nicht."

Richtig, wenn man nicht von dem Standpunkt ausgeht, daß eine besonders kluge Komplizin von Verbrechern es sich zum Prinzip macht, unauffällig zu leben und keine Ausgaben zu machen, die mit ihren laufendem Einkommen nicht in Einklang stehen."

Verzeihung, Herr Kriminaldirektor, aber jetzt suchen Sie nach Verdachtsmomenten, die normaler^ werfe keine sind."

Wir wollen nicht darüber streiten, lieber Kam­min. Ich bin dafür, die Barkdw einmal hierherzu- holen und gründlich ausjufragen. Vielleicht ergibt

sich dabei ein Fingerzeig. Gleichzeitig können wir eine Haussuchung vornehmen."

Dann will ich gleich Austrag geben. Sie ist jetzt im Dienst. In einer halben Stunde haben wir sie hier."

Es ging alles den gewohnten Gang. Ein Beamter wurde beauftragt, Aenne Barkow im Büro abzu­holen und zum Präsidium zu bringen. Er erlebte, daß das sonst so selbstsichere Mädchen entsetzt zu­sammenzuckte, als sie das Wort Kriminalpolizei hörte.

Man brachte sie sofort in das Zimmer Kam- mins, der einen anderen Beamten in die Wohnung der Barkow mit dem Auftrage geschickt hatte, nie­manden in das Zimmer zu lassen, bevor der Kom­missar selbst gekommen sei. Theo Kammin musterte das Mädchen nur kurz und rief Doktor Ball an, um ihm Bescheid zu geben. Er wartete bann, bis dieser ins Zimmer trat, ehe er die Barkow an­sprach.

Sie sind Fräulein Aenne Barkow, 28 Jahre alt, Sekretärin der Inhaber der Firma Kaspar, Wand und Kobelt?"

Ja", sagte sie gepreßt.

Wissen Sie, weshalb wir Sie hier hergeholt haben?"

Zum Erstaunen der beiden Beamten sagte sie er­neutJa" und begann, haltlos zu meinen. Ihr ganzer Körper wurde von krampfartigem Schluch­zen erschüttert, so daß selbst die beiden Beamten, die ähnliche Szenen seit Jahren gewöhnt waren, leicht ergriffen wurden und sich bemühten, das völlig zusammengebrochene Mädchen zu beruhigen. Das gelang erst nach geraumer Zeit.

Kammin sagte so sanft wie möglich.Wollen Sie uns nicht erzählen, wie alles gekommen ist?" Er ging von der Voraussetzung aus, daß man zuerst den Verbrecher, der bereut und den Wider­stand aufgibt, ruhig feine Last vorn Herzen reden lassen soll.

Ich hatte doch solche Angst, die Wahrheit zu sagen", begann Aenne Barkow. Sie sprach mühsam und immer wieder von Schluchzen unterbrochen. Aber ich habe eine so gute Stellung, daß ich sie nicht verlieren wollte. Herr Kaspar ist streng und

jetzt genau aufgezählt, bei welchen Fleischarten, sofern diese handelsüblich ohne Knochen verkauft werden, ein Abzug gemacht werden kann. Beim Rindfleisch handelt es sich um Filet, Rostbeef, Schmorfleisch, Gulasch und Rouladen, beim Schwei­nefleisch um Filet, Schnitzel und frischen Schinken, beim Kalbfleisch um Filet, Schnitzel und Keule. Ferner gilt diese Regeluna für Hackfleisch, Gehack­tes, Hackepeter und Schabefleisch. Auf Verlangen des Käufers ist innerhalb der durch die Bedarfs­nachweise gedeckten Menge eine Knochenbeilage zu machen, gesondert zu wiegen und zum Knochen­preis zu berechnen. Sie Darf bei Schweinefleisch 20 v. H., bei Rindfleisch 25 v. H. und bei Kalb­fleisch 30 v. H. nicht übersteigen. Wird eine Knochen­beilage nicht gewünscht, so vermindert sich die Ge­wichtsmenge um den angegebenen Prozentsatz. Hammelfleisch ist nur mit eingewachsenen Knochen abzugeben.

Oie Hausbrandversorgung im Zahre 1942/43

Der Reichsbeauftragte für Kohle hat eine Anord- nuna über die Hansbrandversorgung im Kohlen­wirtschaftsjahr 1942/43 veröffentlicht, das am 1. April 1942 beginnt. Danach werden die Vor­schriften, die für die Kohlenversorgung der Haus­haltungen, Behörden, Landwirtschaft, Wehrmacht usw. für das jetzt laufende Kohlenwirtschaftsjahr erlassen worden sind, bis zum 31. März 1943 ver­längert. Grundsätzlich bilden die Kohlenmengen, welche die Kohlenhändler und die Verbraucher für 1941/42 erhalten haben, die Grundlage für ihre Be­lieferung auch für 1942/43.

Wie bisher kann im einzelnen bestimmt werden,' in welchem Umfange die zulässigen Bestellungen der Kohlenhändler und die in den jetzigen Kunden­liften eingetragenen Kohlenmengen der Verbraucher geliefert werden.

Feststellung der S-irituosenbestände.

Nach einer Anordnung des Reichsnährstandes haben die Hersteller, Großverteiler und Kleinver­teiler oop Trinkbranntwein und trinkbranntwein­ähnlichen Erzeugnissen ihre Bestände am 31. 12. 1941 nach Geschäftsfchluß festzuftellen. Die Be­stände dürfen nach dem 31.12. nur nach ausdrück­licher Freigabe und entsprechender Weisung ab­gegeben werden. Wegen Einzelheiten der Bestands- feftfteUung, -meldung. und -Verwertung wird auf die Veröffentlichung im Verkündungsblatt des Reichsnährstandes und in den Fachzeitungen ver­wiesen.

Verdiente Schäfer werden ausgezeichnet.

~ Eine einmalige Auszeichnung ist verdienten Schäfern zuteil geworden. Der Reichsernährungs­minister hat an Schäfer, die sich durch Leistungen und Berufstreue besonders hervorgetan haben, An­zug- und Mantelstoffe vergeben, die aus der' Wolle der eigenen Schafe hergeftellt sind. Es handelt sich um eine Ehrung und Anerkennung für die gesamte deutsche Schafzucht.

** Goldene Hochzeit. Die Eheleute Rentner' Phllipp K r a u 11 und Frau Susanna, geb. Schu­macher, in Gießen, Fröbelstraße 8, können am 2. Januar 1942 in körperlicher und geistiger Frische das Fest der goldenen Hochzeit feiern. Wir grätu- lieren!

** Stadtbücherei Gießen. Im Monat De­zember wurden 1970 Bände ausgeliehen. Davon kommen -auf Romane 1113, Jugendbücher 410, Reife- beschreibungen 120, Geschichte und Kriegsgeschichte 175, Technik und Naturwissenschaften 68, Seewesen 51 und Politik 33 Bände.

Oer Sohn eines Friedberger Ehrenbürgers zum Gesandten ernannt.

Lpd. Friedberg, 1.Jan. Dr. Adolf Wind- e ck e r, Sohn des verstorbenen Ehrenbürgers der Stadt Friedberg Geh. Justizrats Adolf Windecker, wurde vom Führer zum Gesandten in Riga er­nannt.

Vom Lastwagen otgedrückt.

Lpd. Friedberg, 1. Jan. In der gefährlichen §-Kurve in Nieder-Mörlen stand die 12jährige Tochter des Lehrers Schwickert an einem Hof-

leicht aufgeregt. Wenn er gewußt hätte, daß ich einen Fremden für ihn gehalten hätte, würde er mich sicher sofort entlassen haben."

Was sagen Sie da?" fragte Theo Kammin ge­spannt und beugte sich weit über die Tischplatte vor, als traue er seinen Ohren nicht ganz.Erzählen Sie einmal genau der Reihe nach!"

Es war an dem Tage, als Herr Wand durch die Explosion ums Leben kam, am 11. Mai. Herr Kaspar ging ungefähr um ^6 Uhr nach Haufe. Ich wußte, daß feine Frau Geburtstag hatte, und er­wartete ihn nicht mehr zurück. Dann war ich etwas verwundert, als er nach zwanzig Minuten vielleicht, es mag zehn Minuten vor sechs gewesen fein, auf einmal wieder zurückkam. Er sagte nur ganz unbeut lief)Guten Abend" und brummte etwas vor sich hin vonvergessen" undnoch zu erledigen". Ich habe mich nicht weiter darum gekümmert. Er hat oft Stimmungen, in denen er nicht verträgt, ange­sprochen zu werden.

Während er in feinem Zimmer war, arbeitete ich weiter. Auf einmal ging die Klingel, die von Herrn Kaspars Schreitisch zu mir führt. Ich nahm an, er wolle mir noch einen Brief diktieren, und begab mich sofort zu ihm. Ganz gegen feine Gewohnheit hatte er den Hut auf dem Kopfe und sah mich ver­wundert an, als ich eintrat. ,Sie haben geklingelt, Herr Kaspar', sagte ich und wollte Platz nehmen. Zuerst antwortete er nichts. Dann begann er zu sprechen, und ich wunderte mich, wie heiser die Stimme auf einmal klang, so, als wenn er stark getrunken oder sich erkältet hätte. Er sagte so etwas wie: ,Danke, Fräulein. Es war ein Irrtum/ Trotz­dem blieb ich noch einige Augenblicke stehen, weil mir das seltsam vorkam. Er sagte sonst nie Fräulein zu mir, sondern immer Fräulein Barkow. Weil er es aber wollte, ging ich wieder hinaus. Wenig später trat Herr Kaspar aus der Tür, sagte ,Guten Abend/ und verschwand auf dem Korridor. Ich blickte ihm noch nach, bis er draußen war, und überlegte, was ihn wohl so in Aufregung gebracht haben könnte. Denn die Zeitspanne, die zwischen seinem Weggang und dem Wiederkommen lag, war zu klein, als daß er hätte viel Alkohol trinken können. Und erkältet war er bis ^6 Uhr bestimmt noch nicht.

(Fortsetzung folgt)