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Politische Uebersicht.
Die Arbeitslöhne in Deutschland sind nach genauen Nachforschungen seit 1878 die niedrigsten in Europa, während die Preise der wichtigsten Lebensbedürfniffe bei unS nicht billiger sind, als in England und Frankreich, bedeutend höher aber als in Nordamerika. Nach diesen Ermittelungen beträgt in 21 verschiedenen Gewerben der Durchschnitttslohn in Deutschland pro Woche 15,9 Mk., in Frankreich 20,1 Mk., in England 29,4 Mk., in Nord-Amerika 54,1 Mk. Noch immer ist in Deutschlard keine genügende Arbeitsgelegenheit vorhanden. Nicht nur in Oberschlesien, auch im Voigt- ländjjchen, im Schwarzburgischen und im Thüringer Wald sind Nolhstände vorhanden, ebenso auch in Linden bei Hannover, wo die Industrie völlig dar- niedei liegt, und in einzelnen Berliner Vorstädten. Man berechnet, daß in Deutschland ungefähr 300,000 Arbeiter zur Zeit ohne jede Beschäftigung sind und nur durch Betteln das Leben fristen können. Das ist ein trauriger Zu- stand, dessen Abhülfe dringend geboten ist, wenn das deutsche Volk nicht mebr und mehr verarmen soll 1
Nachdem die Polen die Absicht einer Interpellation an die preußische Staaisregierung über den Oberschlesischen Nothstand angeregt hatten, griff das Centrum die Frage auf und der von ihr beabsichtigten Interpellation sind nunmehr alle Fraktionen beigeireten. Diese Einigkeit kommt zwar spät, aber ist dennoch erfreulich. Die Interpellation fragt an, welche Resultate bisher die amtlichen Ermittelungen ergeben haben, welche Maßregeln die Staatsregierung bereits ergriffen habe und ob dieselbe mit einer Credüvorlage au den Landtag hcranzutreten beabsichtige. Die Regierung will, wie man hött, ihre Maßnahmen bis zum Januar vertagen, aber auch sie sollte des Wortes eingedenk jein : Doppelt giebt, wer rasch giebt?
Das österreichisch-deutsche handelspolitische Provisorium soll auf der Basis der deutschen Vorschläge abgeschlossen worden sein. Der Appreturverkehr bleibt aufrecht erhalten, dagegen will die deutsche Regierung die Verkehlsfreihe-.l der österreichisch-ungarischen Bahnen sichern, bis der deutsche Reichstag die diesbezüglich cinzubringende Vorlage erledigt hat. Der Vertrag wird nach Erfüllung der röthigen Formalitäten beiden Legislativen in Wien und Pesth vorgelegi werden.
Das Vertrauensvotum, welches die französische Kammer dem Ministerium gegeben hat, hält zwar die Zerbröckelung des Ministeriums nicht auf und entwirrt nicht alle inneren Fragen, aber man nimmt es in Parts mit großer Geuugthuung auf, weil es vorläufig eine ruhigere Stimmung schafft imd insbesondere ist der Kleinhandel vergnügt, baß er zu Weihnachten oder vielmehr zum Neujahrsfeste Ruhe hat.
In Rußland vergeht kein Tag ohne Verhaftungen, kein Tag ohne Schreckensnachrichten, ohne Symptome herannahenden Sturmes. Petersburg tanzt auf einem Vulean. Sämmtltchen Mitgliedern des drplomaitschen Corps ist in Form eines Journals, „der nationale Wille", eine Art von Proklamation zugegangen, welche an Kühnheit und Drohungen alle bisher erschienenen revolutionären Druckschriften in den Schatten stellt. In Petersburg ist man übrigens der festen Ueberzeugung, daß Deutschland dem Fürsten Gortschakoff scharf auf die Finger sehe und bei der nächsten Jntrigue erklären wird, daß es dem russischen Treiben kein Vertrauen schenkt.
In der Türkei ist man in Besorgniß über die Verwicklungen mit Albanien und Montenegro. Weil man die Kraft zur Intervention nicht hat, möchte man die albanesischen Führer nach Konstantinopel locken und sich im Guten mit ihnen einigen. Von den Reformen hört man nicht viel und der Sultan hört am liebsten gar nichts davon; er erklärte den russischen General Lobanoff für einen charmanten Mann, weil er noch niemals von Reformen gesprochen habe. Was mag Sir Augustin Layard dazu sagen?
General Roberts scheint in Afghanistan trotz der Sieges-Bulletins, welche er von Zeit zu Zeit einsendet, in eine verzweifelte Lage geratheu zu fein. Seine Streitkräfte sollen nicht mehr den Afghanen gewachsen sein, an welche sich fortwährend neue Stämme von Eingeborenen anschließen.
In Japan hat Herr Aoki, der frühere Gesandte in Berlin, jetzt einen entschiedenen Einfluß und ist es ihm zu danken, daß die Har delssragen be- rüalich der Revision des Zolltarifs rasch gelöst werden.
Lokales.
Gießen, 20. December. (.Sitzung der Stadtverordneten am 18. December.) Anwesend: Herr Bürgermeister Bramm, Die Herren Beigeordneten Heß und Keller; von Seiten der Stadtverordneten die Herren Baift, Gail, Grüneberg, Honstein, Homberger, Lüde- k i n g, May, Ad. Noll, P f a n n nl ü l l e r, Scheel, Schopbach und SB ort mann.
Zum Zwecke der Vergebung von Freistellen an der Realschule für das Jahr 1879 SO war Herr Realschuldireetor Soldan in heutiger Sitzung zur Berathung gezogen worden, welcher tie in der Lehrer - Konferenz beschlossenen Vorschläge von würdigen und bedürftigen Schülern der Versammlung unterbreitete, worauf 9 Freistellen vergeben wurden auf 28 eingegangene Gesuche.
Die Prüfung der Rechnung der Realschule aus dem Zeitraum vom 1. Januar 1878 big 31. März 1879 hat Seitens der betr. Deputation keine Anstände ergeben, weßhalb deren Genehmigung erfolgte. Dieselbe ergab folgendes Resultat: Dom 1. Januar 1878 bis 31. März 1879
Einnahme . . 49858 03
Ausgabe . . . 49696 „ 03 „
Ueberschuß . . '162 X
welcher in Ausständen besteht.
Dem cingegangenen Anträge auf Anbringung einer Blendwand im Hofe der neuen Mädchenschule nach dem Schoorgraben hin tritt die Versammlung zustimmend bei, desgleichen demjenigen auf verschiedene, auf die innere Ausstattung dieses Gebäudes bezügliche Anschaffungen, wie Anstrich von Tischgestellen, Anschaffung einer neuen Tafel, 22 Stück Schirmhaltern, 3 Kratzeisen, einer Strohdecke und eines Aetenschrankes.
Die in Betreff des Umbaues des Bahnhofs der Main-Weser-Bahn inzwischen gepflogenen Verhandlungen veranlassen die Versammlung, auf ihren am 20. November gefaßten Beschlüssen zu verharren.
Zur Aufstellung von Gaslaternen vom Wallthor nach dem Justizgebäude und von da nach dem Neuenwegerthor wird Genehmigung ertheilt, dagegen die Ausstellung von Laternen auf der ReichensandBahnhofstrafie bis nach einer nochmaligen Unterhandlung mit der Gasfabrik verschoben. Bezüglich der Aufstellung von Gaslaternen vor dem Wallthor an der Marburger Straße soll vorerst Kostenvoranschlag eingefordert werden.
Ein Gesuch mehrerer Hausbesitzer am Seltersweg um Entschädigung für Abfuhr des Straßenkehrichts wird auf Antrag der Baudeputaiion abgelehnt.
Die schlechte Beschaffenheit der Bleichstraße gab mehreren Bewohnern derselben Veranlassung zur Einbringung eines Gesuchs um Herstellung dieser Straße. Diesem Gesuch wird auf Antrag der Baudeputation dahin entsprochen, daß an fraglicher Straße die Herstellung eines 11/2 Meter breiten Fußweges und die Aufstellung zweier Laternen beschlossen wird; ferner soll der Stadtbaumeister mit der Herstellung von Trottoirs auf der Schillerstraße beauftragt werden, wenn die dabei interessirten Eigenthümer dies gestatten.
Das Gesuch des Bäckermeisters Heinrich Fast um pachtweise Ueberlassung eines Holzlagerplatzes wird auf Widerruf auf die Dauer eines Jahres gegen ein zu entrichtendes Pachtgeld von 10 JL genehmigt; desgleichen das Gesuch des Kaufmanns Karl Schwaab um Er- taubniß zur Anlegung eines erhöhten Trottoirs vor seinem Hause, jedoch nach Angabe des Stadtbaumeisters uno ebenfalls auf Widerruf.
Außer verschiedenen Kostendecreturen ertheilte di-. Versammlung Genehmigung folgenden Gesuchen:
a) des Peter König um Erlaubniß zum Bau an der Ludwigsstraße;
b) der Handelskammer um Ueberlassung des alten Rathhaussaales zur Abhaltung der Ht.ndelskammerwahl;
c) des Altee-Vereins um Ueberlassung des Conferenz-Zimmers im allen Realschulgebäude zur Abhaltung von Sitzungen.
Dem Vorschläge des Herrn Bürgermeisters, die Stadt Gießen möge, gleich mehreren größeren Städten Deutschlands Dem Verein zur Beförderung des Wohles der arbeitenden Clafsen „Concordia" als korporatives Mitglied mit einem iahrlichen Beitage von 25 Jt. beitreten, schließt sich die Versammlung an, worauf die öffentliche Sitzung beendet war.
Vermischtes.
Osterode. In der hiesigen evangelischen Kirche spielte sich vor einigen Tagen eine für die Betheiligten höchst unangenehme Scene gelegentlich einer Trauung ab. Als der Prediger die Trauungsceremonie beendigt hatte und der Choral zu Ende gesungen werden sollte, stellte es sich heraus, daß der Organist an der Orgel fest eingeschlafen und durch Zeichen nicht zu ermuntern war, weshalb der Prediger den Küster rief. Aber auch dieser schlief den Schlaf »es Gerechten auf einer Bank. Der Prediger mußte nun den Altar verlassen, um den ihm zunächst befindlichen schlafenden Küster zu wecken. Mit dem Auftrage, den Organisten zu wecken, lief dieser aber in der Schlaftrunkenheit, statt auf den Chor in die Wohnung desselben und so blieb dem Prediger weiter nichts übrig, als auch den Organisten selbst aus den Armen des Traum- gottes zu befreien, damit der Schlußchoral gesungen werden konnte.
Assenheim. Auch hier wurde eine Suppenanstalt am 16. December eröffnet. Graf Solms-Rödelheim hat in dankenswerther Weise die Initiative hierzu ergriffen und auch die entsprechende Räumlichkeit in den Schloßlokalitäten zur Verfügung gestellt.
— Ein ergötzliches Jagdgeschichtchen wird aus Zittau berichtet. Dort hatten zwei Nimrode zusammen neun Hasen geschossen, von denen sie, da ihnen Die Beute zu schwer wurde, fünf an kenntlicher Stelle im Schnee vergruben- Tags darauf wird ein Boote aufs Feld geschickt, um dieselben heimzuholen, doch o Schreck! Der Männ kommt mit der Meldung zurück, das Versteck sei geöffnet und geplündert. Spornstracks eilt der Jagdpächter selbst hinaus, um das Unglaubliche zu schauen. Es war so, wie der Herold verkündet. Nur noch ein Hase, der kleinste, war geblieben, die anderen waren geraubt, lieber den schnöden Räuber konnte fein Zweifel sein, Die Spuren im Schnee deuteten unwiderleglich darauf hin, daß einer aus dem Geschlecht der Füchse sich die feisten Braten zu Gemüthe gezogen. Nicht ohne ingrimmige Verwünschungen wendet sich unser Jäger, die 20 Prozent der Masse In den Händen, zum Gehe», da sieht er, kaum 30 Schritt enfernt, Meister Reinecke selbst sich gegenüber. Der Edle war zweifellos gekommen, sich auch den letzten Mohikaner zum Schmaus zu holen, hatte sich aber, wie man sieht, ein wenig verspätet. Außer sich vor Aerger, daß er kein Gewehr bei sich hatte, um dem Frechen Den Rückweg zu ersparen, schleudert der Betreffende mit aller Wucht den Leichnam des Hasen nach dem Fuchse, dieser aber nicht faul, ergreift beutefroh Den todten Lampe und reißt aus. Der Rothkops soll dabei noch ein ganz malitiöses Gesicht gemacht haben. Das Ende vom ganzen Lied war natürlich eine abermalige Bewahrheitung des Satzes, daß Derjenige, der den Schaden hat, für den Spott nicht zu sorgen braucht.
Offenbach, 17. December In Offenbach scheint die Suppenanstalt keinen großen Anklang zu finden. Die „Offenb. Zig." meldet nämlich: Mir einigem Befremden haben wir vernommen, daß Die seit Montag im Hause großer Biergrund 23 eröffnete Suppenanstalt nicht in dem Maße benutzt wird, wie man es hätte erwarten sollen. Es werden täglich 300 Portionen verlangt, während 1200 geliefert werden können, und 6oo nöthig sind, um die Selbstkosten zu decken. Es wird eben auch hier manches Dorurtheil überwunden werden müssen, ehe sich das gemeinnützige Institut in weiteren Kreisen Eingang verschaffen kann. So meinen Manche, es sei Schande, Dort sein Essen zu holen. Ist das nickt Thorheit? Wer billig leben muß, uno oas müssen jetzt leider nur allzu Viele in allen Ständen, dci hat hier Gelegenheit, zu sparen, und soll Niemand Dank schulden, Denn Almosenspende ist die Suppenabgabe nicht. Sparsamkeit ist zu allen Zeiten nichts weniger als Schande gewesen. Wieder Andere hauen der Güte Der Speisen nicht. Denen können wir versichern, daß beste Robproducte dazu verwandt werden, vor allen Dingen gutes Ocksenfleisch, nicht etwa Vferdefleisck, und wer sich davon überzeugen will, daß Reinlichkeit in der Anstalt herrscht, der ist freundlichst eingeladen, Küche und Speisezimmer zu besuchen. Wir möchten daher Die fleißige Benutzung Der Suppenanstalt noch einmal dringend empfehlen.
Darmstadt, 16. December. fMeteor.j Heute Abend 10 Minuten nach 6 Uhr zeigte sich am nordöstlichen, völlig heiteren Himmel in einem Sehwinkel von etwa 40 Graden ein erst blaß, dann intensiv weißglänzendes und schließlich in blauer Färbung verschwindendes Meteor. Die Dauer der Erscheinung mag 2 Secunden betragen haben. Im Augenblick Der größten Lichtstärke waren die Straßen wie von einem weiß-bengalischen Lichte hell erleuchtet. — Wie uns nachträglich mitgctfaeilt wird, ist das Meteor auch hier in Gießen und zwar in südöstlicher Richtung bemerkt worden. Zwei Herren, welche an dem fraglichen Abend über die Neue Anlage gingen, sahen dasselbe in dem Augenblicke, als es sich^ in mehrere Theile zerthetlte.


