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22.12.1895 Viertes Blatt
 
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1891

Sonntag den 22. December

Viertes Blatt.

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Weßener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.

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Alle Annoncen-Burcaux deS In« und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen, all 1 !!WWiM

KrrMeton.

Weihnachtsbilder.

Plaudereien für denGießener Anzeiger".

(Nachdruck verboten.)

III.

Das WeihaachtSpacket.

Dr. M. Beladen, bepackt bis zum letzten Plätzchen durch, rasselt der gelbe Postwagen schwerfällig unsere Straßen. Er stöhnt förmlich unter der Last, die Knecht Ruprecht ihm auf- gezwungen hat. Eine volle Woche und noch etwas drüber muß er die beträchtliche Erhöhung des Normalgewichts er- dulden, denn noch den ganzen ersten WeihnachtStag nimmt die Packetbeftellung ihren Fortgang, und wo der gelbe Wagen hält, regen fich bei den Jnsafien der Häuser unbestimmte Erwartungen, und wer kein Geschenk aus der Ferne zu hoffen hat, betrachtet doch wenigstens mit einer gewiffen ob' jecliven Neugier den reichen Segen, der da aufgestapelt liegt und zu dessen Bewältigung die fünffache Arbeitskraft der gewöhnlichen Zeit erforderlich ist.

In der Geschichte deS WeihnachtSpacketS möchte ich folgende Stadien unterscheiden: die Herstellung, die Abgabe amSchalter, die Beförderung per Bahn, die Austragung.

Wenn die Hausfrau vor Weihnachten erleichtert auf- athmend die Worte spricht:Gott Lob, unsere Packete find fort!" so bedeutet das einen riesigen Schritt vorwärts auf der Bahn der festlichen Zurichtungen, gleichsam die glück- liche Lösung einer sehr complicirten Aufgabe. Wenn diese Arbeit, bester gesagt: diese Liebesmühe, nun auch alljährlich mit Kalendergesetzmäßigkeit wiederkehrt, so gibt sie doch immer wieder zu den gleichen Bedenken und Sorgen Anlaß:Wenn nur unsere Packete fort wären! Wenn nur erst unsere Packete angekommen wären!" Diese Stoßseufzer gehören nun einmal auch in das allgemeine Weihnachtsbild.

El» solches WeihnachtSpacket, das wird ganz anders be­handelt als so eine gewöhnliche Postsendung, mit ganz aparten Gefühlen! Selbstverständlich wüsten wir die Famtltenpackete scharf von den Firmenpacketen sondern, waS auch gar nicht schwer ist, denn sie unterscheiden sich gleich sehr auffällig durch Form und Art der Verpackung. An letzteren haftet etwa« Uniformes, Schablonenmäßiges. DaS liegt ja schon in der

Natur der Dinge. Aber bet den Familtenpacketen ist es, als wenn eine liebe Hand erst weich darüber hingestrtchen hätte, als ob sich in das Knistern des blutrothen Siegel- lacks, der auf den Kordelverschluß niedertropfte, das Flüstern deS Segenswunsches gemischt hätte:Komm' gut an und mach'Freude!" Ja, wer alle die WeihnachtSrunen entziffern könnte, die da geschrieben stehen!

Mit welch behutsamer Delicatesse solch ein Weihnachts­päckchen zubereitet werden kann! Wenn alles, was gesch'ckt werden soll, hübsch beieinander ist, dann erfolgt die symetrische Anordnung, daS Zusammenfügen nach den räumlichen und quantitativen Verhältnisten. Ich behaupte, daß sich prak­tischer und ästhetischer Sinn bet diesem Geschäft die Hand reichen können.

Am Schalter herrscht während der Weihnachtszeit ein Leben und Treiben, eine rührige Bewegung wie sonst nie im Jahr, und wer darauf auSgeht, Stoff für humo­ristische Wethnachtsscenen zu suchen, der kann am Poftschalter das, was er braucht, zuweilen in Fülle finden.

Natürlich Hais Jeder eilig, Jeder möchte gerne schnell befördert sein, und in der allgemeinen Weihnachtsaufregung, die bet der Packetabgabe durchaus nicht immer im Zeichen der Mahnung steht: Zehe deinen Rock aus und gieb dem, der keinen hat! nimmt man fich kleine Durchstechereien nicht übel, freut sich vielmehr herzlich der List, wenn es gelingt, daS Packet dem Postbeamten früher als die Reihe kommt, in die Hand zu schmuggeln. Gewöhnlich sind die Vordermänner gutmülhig und lasten die Mogelei durch, aber zuweilen bricht auch ein Sturm der Entrüstung los über den Egoisten, der sich widerrechtlich vorgeschoben hat. Da muß dann der dtenstthuende Beamte schlichtend dazwischen treten, oft thut erS in humoristischer Weise, oft aber auch fährt er mit wetternder Commaudostimme in die Jncorrect- heilen hinein, und letzteres wirkt fast immer auf solche Ge- müther, die, um mit unserem Schiller zu sprechender frommen Bitte unzudringlich waren."

Man braucht jetzt nicht mehr zu fürchten, daß die Weih- uachtSpacktte erst die Strecke eines combinirten Rundreise- BilletS abfahren, bevor sie ihren Bestimmungsort erreichen. Die Technik der Beförderung hat in den letzten zwanzig Jahren eine staunenswerthe Entwickelung erlangt. Sehr, sehr selten passirt daSVerschicken" und selbst der größte

Andrang vermag keine eigentliche Stockung im Betriebe hervorzuheben.

Wer um diese Zeit viel Eisenbahn fährt und häufig Postzüge benutzt, kann sich freilich eine Anschauung von dem Packetmaterial verschaffen, das da im Zeitraum einiger Minuten aus- und eingeladen werden muß. Natürlich haben die meisten Züge Verspätung. Darauf muß man sich gefaßt machen und man erträgt es mit Resignation, indem man sich im Stillen sagt, daß man ja auch redlich sein Scherf- lein zu dem Berg beigesteuert hat, den nun die Beamten abtragen muffen. Man verkürzt sich die längere Wartezeit auf den Zwischenstationen damit, daß man interessirt zu- schaut, wie die großen und kleinen Formate sorglich und sauber in den Räumen deS Postwagens geborgen werden und man stellt seine Vermuthnngen über den Inhalt an.

Dieses feste, solide, quadratförmige, in graue Lein­wand genähte Pack, das stammt wohl auS einer wohlhaben­den bürgerlichen Haushaltung, es riecht ordentlich nach Weih­nachtsduft! Wohin mag es wohl gehen? DaS Laternchen vorn an der Brust des Schaffners ist so gefällig, die Adreffe zu beleuchten: Nach Straßburg. Aha! Straßburg ist Uni­versität. Ich kann mir also ausmclen, daß ein Bruder Studio diese Sendung erhalten wird, daß Mutter und Schwester ihm alle möglichen guten Sachen zusammengepackt haben, von den guten, festen Leinwandtascheniüchern an, die regelmäßig in der Wäsche gegen baumwollene eingewechselt werden, bis hinauf zu den leckeren Conservenbüchsen und den feinen Cigarren.

Aber dieses kleine zierliche Kästchen, was mag das wohl enthalten? Art der Umhüllung und die BezeichnungWerth- packet" lasten auf etwas Kostbares schließen- auf Ring, Arm« band, Halskette vielleicht! Wer schickt solche Geschenke? Ja, meistens schickt sie die Liebe, die, welche man so die Liebe par excellence heißt! Die Hand schmückt man gerne mit einem Ringe, einem Reif, die man überhaupt nicht mehr loslasten möchte!

Uad so könnten wir mit unseren Vermuthungen noch lange, lange fortfahren, und die Hunderte von Packeten müßten uns ihre Geheimniste verrathen, trauliche, gemüth- liche Gesichter, die man am liebsten durchgeht, wenn die Glocken läuten und die Christbaumkerzen knistern.

(Schluß folgt.)

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