Ausgabe 
3.11.1889 Drittes Blatt
 
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Nr. 257. Drittes Blatt.

Sonntag den 3. November

1889.

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Locales uttö provinzielles.

Gießen, 2. November.

Se. Königl. Hoheit der Großherzog hat unterm 30. October der durch die Stadtverordneten-Berfammlung erfolgten Wahl des Herrn Oberamtsrichter i. P. Gustav Langsdorfs zum Bürgermeisterei-Beigeordneten der Stadt Gießen die Bestätigung ertheilt.

* Zur Orientirung der Wähler für die bevorstehenden Stadtverordneten-Wahlen thetlcn wir nachstehende, die Städte­verwaltung betreffende Einzelheiten mit. Die Städtcordnung, sowie die Verwaltung der Städte des Großherzogthums Hessen, welche für alle Gemeinden des Großherzogthums von über 10,000 Einwohner Gültigkeit haben, fußen auf dem Gesetze vom 13. Juni 1874. Nach diesem Gesetze werden zu Stadtverordneten gewählt

in Städten von 3000 bis 4000 Einwohner 12 Mitglieder,

4001

10000

15

10001

20000

//

18

2(001

30000

30

30001

60000

//

36

über

60000

//

42

ausschließlich der Beigeordneten, und zwar auf die Dauer von 9 Jahren. Stimmberechtigt bei der Wahl der Stadt­verordneten sind 1) alle in der Gemeinde (Stadt) gründ-, gewerb- oder cinkommensteuerpflichtigen Ortsbürger, 2) alle männlichen Einwohner, welche die deutsche Reichsangehörigkeit besitzen, seit zwei Jahren ihren Unterstützungswohnsitz in der Gemeinde erworben und nicht versäumt haben, spätestens vor­dem Schluffe des Jahres, welches dem Jahre, in dem die Wahl stattfindet, vorhergegangen, im Amtslocale des Bürger­meisters die Erklärung abzugeben, daß sie ihr Stimmrecht in Anspruch nehmen. Die deutsche Reichsangehörigkeit besitzt Derjenige, welcher die durch Abstammung, Legitimation, Ver- heirathung, Aufnahme, Naturalisation und Anstellung zu er­werbende Staatsangehörigkeit eines deutschen Bundesstaates (mit Ausnahme Bayerns und Elsaß-Lothringens, in wel­chen das Unterstützungswohnsitz-Gesetz nicht eingeführt ist) besitzt. Fernere Bedingungen der Stimmberechtigung sind, daß die Betreffenden 25 Jahre alt und vom 1. Januar an des vorangegangenen Jahres, in dem die Wahl stattfindet, zur Einkommensteuer bezw. Communalsteuer herangezogen sind. Ausgeschlossen von der Stimmberechtigung sind alle Per­sonen, welche unter Vormundschaft stehen, über deren Ver­mögen Concurs gerichtlich eröffnet ist, welche eine Armenunter­stützung aus öffentlichen oder Gemeindemitteln beziehen oder im letzten der Wahl vorhergegangenen Jahre bezogen haben, sowie solche Personen, denen der Vollgenuß der bürgerlichen Ehrenrechte entzogen ist. Außerdem können Diejenigen ihres Wahlrechts zeitweise für verlustig erklärt werden, welche mit Entrichtung ihrerCommunalabgaben 2 Monate im Rückstände sind. Wählbar zum Stadtverordneten ist jeder Stimm­berechtigte, welcher nicht infolge Verurtheilung unfähig zur Bekleidung eines öffentlichen Amtes ist. Ausgeschlossen von der Wählbarkeit zu Stadtverordneten sind Militärperso­nen während des Dienstes, Geistliche und Schullehrer, sowie diejenigen activen Staatsbeamten, welche einer dem Gemeinde­vorstand vorgesetzten Verwaltungsbehörde angehören, die Be­amten der Staatsanwaltschaft und die Polizeibeamten, Bürger­meister und Beigeordneten. Sonstige Staatsbeamte bedürfen zur Annahme des Amts eines Stadtverordneten der Ein­willigung ihrer vorgesetzten Behörde. Stadtverordnete dürfen weder unter sich, noch mit dem Bürgermeister oder einem Beigeordneten in aus- oder absteigender Linie verwandt sein, es schließt z. B. ein Bruder den andern aus. Die Hälfte der Stadtverordneten muß aus dem höchst besteuerten Drittel der Wählbaren gewählt werden. Die stimmberechtigten und wahlfähigen Personen sind verpflichtet, die Stelle eines Stadt­verordneten oder eines Mitgliedes einer Deputation anzu­nehmen, sowie eine angenommene Stelle während der Dauer einer Wahlperiode oder mindestens drei Jahre zu versehen. Als Ablehnungsgründe gelten nur: anhaltende Krankheit, eine häufige oder lang andauernde Abwesenheit mit sich bringende Geschäfte, ein Alter über 60 Jahre, eine früher stattgehabte Verwaltung einer unbesoldeten Stelle für die nächsten drei Jahre, die Verwaltung eines öffentlichen Amtes und sonstige Verhältnisse, die nach dem Ermessen des Gemeinderaths eine gültige Endschuldigung begründen.

Eisverein. In der gestrigen Generalversammlung wurde mit Rücksicht auf die erhöhten Anforderungen, welche an den Verein gestellt werden, insbesondere mit Rücksicht auf ver­schiedene vorzunehmende bauliche Veränderungen der Jahres- Beitrag um 50 Pf. erhöht. Derselbe beträgt nunmehr 1 M. 50 Pf., während für jedes weitere Familien-Mitglied nach wie vor 50 Pf. zu entrichten sind. Bezüglich der Entrichtung

der Beiträge ist eine Aenderung insofern cingetreten, als die­selben für die Folge kostenlos durch den Vereinsdiener er­hoben werden. Die Eisordnung hat eine Erweiterung da­hin erfahren, daß das Mitbringen von Hunden auf die Eis­bahn unbedingt untersagt ist. Personen, welche Hunde mit sich führen, werden daher überhaupt nicht mehr zur Eisbahn zugelassen, falls sie die Hunde nicht außerhalb des eingefrie­digten Raumes anbinden. Im Weiteren mag noch mitge- thcilt werden, daß im vorigen Jahre die Unterhaltung der Eisbahn etwa 2400 M. Kosten verursachte, daß ferner für die Folge Anmeldungen zum Eisverein auch an der Kasse'der Eisbahn entgegen genommen werden. Als Vorstandsmitglieder wurden gewählt die Herren: Dietz, Vorsitzender, Kirch, Stellvertreter, Laspeyres, Netto, Wolff, Großmann, Erb, Geiger, Balser, Gnauth, Fresenius, Wißmann.

f Unter Mitnahme von 3200 M. verschwand am Don­nerstag Abend ein in einem hiesigen Geschäft bedienstet ge­wesener Commis. Derselbe ist von hier gebürtig und hat bereits wegen Sittlichkeitsverbrechen Strafe erlitten. Man vermuthet, daß er sich in Begleitung eines Frauenzimmers auf die Reise begeben hat.

f Eine gefahrvolle Fahrt in die Tiefe eines Brunnens unternahm jüngst eine Bauersfrau aus einem benachbarten Dorfe. Dieselbe war im Hofe mit Zubereitung von Butter beschäftigt und legte einen gefertigten Butterweck auf den Mauerrand des Ziehbrunnens. Ein nicht aufgeklärter Zufall wollte es, daß der Butterweck in die Tiefe stürzte; kurz ent­schlossen stieg die Bäuerin in den Brunneneimer und ließ sich von ihrem herzugerufenen Ehemanne hinab, um des auf so tückische Weise verschwundenen Butterwecks wieder habhaft zu werden. Die Rettung des köstlichen Kleinods gelang ihr auch wirklich, dagegen war trotz dem Aufgebot aller seiner Kräfte der Ehemann nicht im Stande, sein Ehegespons an's Tages­licht zu fördern, weshalb Zuziehung weiterer Hilfskräfte nöthig wurde. Erst die gemeinsamen Anstrengungen machten die Befreiung der Frau aus ihrem unterirdischen Gefängniß möglich.

LS. Der Verein Frohsinn feierte am 19. und 26. v. M. sein 25jähriges Stiftungsfest und verdienen die Herren, welche das Arrangement dieses wohlgelungenen Festes über­nommen hatten, alles Lob. Den ersten Theil des Festes bildete ein solenner Commers im festlich geschmückten Saale des Postkellers, welcher unter Betheiligung der eingeladenen Gäste, einiger Gründer des Vereins und vielen früheren und jetzigen Mitgliedern, in denkbar schönster Weise verlies. Unter Gesängen und Reden eilten die festlichen Stunden nur allzu­schnell dahin, welche bei allen Teilnehmern sicherlich lange Zeit in froher Erinnerung bleiben werden. Der zweite Theil des Festes war derFrohsinnsball", welcher am 26. v. M. im prachtvoll decorirten Saale des Cafe Leib stattfand. Die Musik intonirte den Frohsinnsmarsch und nachdem ergriff der derzeitige Vorsitzende des Vereins Herr Collin das Wort, hieß die Anwesenden alle herzlich will­kommen und schloß seine Ansprache mit einem Hoch auf die Damen. Das erste TheaterstückchenWer ist der Herr Pfarrer" ging unter allgemeinem Beifall über die Bretter, ebenso das andere StückchenPaulas Geheimniß"^ und ver­dienen die mitwirkenden Damen und Herren mit Recht volle Anerkennung, welche auch durch reichen Applaus dankbarlichst bethätigt wurde. Das lebende Bild, den Frohsinn als Hul- diger der Musik, des Gesanges und des Tanzes darstellend, war ebenso sinnig als geschmackvoll arrangirt, wie auch der von 12 Damen und 12 Herren ausgeführte Costümreigen in seinen Ausführungen nichts zu wünschen übrig ließ. Der sich nun anschließende Ball hielt Alt und Jung in fröhlichster Stimmung bis zum frühen Morgen beisammen und alle trennten sich, wohl befriedigt von dem Gebotenen, und mit dem Gefühle einen fröhlichen Abend in dem Verein Frohsinn verlebt zu haben. An dieser Stelle aber wünschen wir dem Vereine, daß er noch recht lange die Stätte bleibe, wo Froh­sinn, Freundschaft und Bruderliebe gedeihen, wachsen und blühen mögen.

m. Theater.Epidemisch", Schwank in 5 Acten von Dr. I. B. v. Schweitzer. Wir sind der Direction des Neuen Theaters für den Eifer, mit dem sie sich die Bethä- tigung des lateinischen Sprichworts ^variatio delectat (die Abwechselung macht Freude) angelegen sein läßt, aufrichtig zu Dank verpflichtet. Nachdem sie uns am Sonntag ein Schau­spiel höheren Stils und Dienstag ein Lustspiel ernsteren Characters vorgeführt hatte, waren der Donnerstag und Freitag Abend wieder ganz der heiteren Muse gewidmet. Ueber dieNervöse Frauen" ist bereits bei ihrer Neu­aufführung eine eingehende Besprechung in diesen Blättern

erschienen. Der SchwankEpidemisch" von gestern Abend, der vor einem leidlich zahlreichen er hätte eine größere Zuhörerschaft redlich verdient aber sehr animirten Publikum in Scene ging, verfügt über eine große Anzahl höchst amü­santer und unterhaltender Situationen. Die Character- zeichnung ist treffend und drastisch, die Handlung spannend und geschickt durchgeführt. Die Darstellung ließ wenig oder nichts zu wünschen übrig. Den Rahm von der Milch schöpfte dieses Mal Herr Max Jaskowski, der als Major v. Sturrwitz ein ebenso characteristisches wie erheiterndes Bild des alten Soldaten lieferte. Die Rolle seines Collegen war dem Herrn Otto Frank zngetheilt und wurde von diesem zur vollen Befriedigung gegeben. Seiner von ihm arg verkannten Minna (Fräulein Luise Maas) wollen wir wenigstens völlig gerecht werden, indem wir feststellen, daß sie eine reizende junge Frau war. Wenn es Herr v. Gallas noch nöthig hätte, so hätte er in den letzten Wochen reichlich Gelegenheit gehabt, sich in Lieutenantsrollen einzuleben. Seine Leistung von gestern als Kuno v. Seldeneck stellte sich denjenigen als Offizier in denAugen der Liebe" und den Goldfischen" würdig zur Seite. Kunos Bruder Alfred fand in Herrn Albert Ullrich einen geeigneten Vertreter. Eine große Freude bildete für uns das Auftreten des Herrn Reiners, der sich für eine Woche penfionirt hatte. Die Wiedergabe seiner leider nicht sehr großen Partie war wiederum eine wirklich mustergiltige. Fräulein Luise Neu­schilling als Erna entsprach durchaus unseren Erwartungen, die unserer Kenntniß der Dame gemäß keine geringen waren. Frau Jaskowski schließlich als Commissionsräthin Stumm gab den Typus für jene große Klasse von Leuten, die auf Einrichtungen nur so lange gut zu sprechen sind, als sie selbst davon Nutzen und Gewinn haben, in ergötzlichster Weise ab. Die Damen Pauli und Martin machten aus ihren kleinen Rollen alles, was daraus zu machen war. Wir wollen nicht versäumen, auf baS- nächsten Sonntag zur Aufführung kommende StückStadt und Land" alle Diejenigen aufmerk­sam zu machen, die das famose Stück auch seinem Rufe und Namen nach noch nicht kennen sollten.

t Gestohlen wurde gestern einem in einem Neubau an der Ostanlage beschäftigten Arbeiter die Summe von 9 M. Der Thäter fand sich in der Person eines an demselben Bau Beschäftigten, der bereits einen Theil des entwendeten Geldes verausgabt und den Rest in dem Ban versteckt hielt.

* Nomrod, 1. November. Bei der gestern in den Districten der O b er försterei Romrod, Bennhecke, Radenstruth, Romröderberg rc. stattgehabten Jagd, zu welcher von Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzog außer einer großen Anzahl sonstiger Gäste die Herren Professoren Dr. Heß und Dr. Wimmenauer von Gießen geladen waren, wurden zur Strecke gebracht 10 Rehböcke, 12 Rehe, 31 Hasen, 7 Füchse und 1 Dachs.

Friedberg, 30. October. Die dem ehemaligen Seminar­lehrer und Tondichter Pfarrer P. Müller errichtete Büste in der Burg Friedberg, nahe beim Lehrerseminar, wird am Montag den 4. November, Nachmittags, in feierlicher Weise enthüllt werden. Es findet ein Festzug, unter Mitwirkung der obersten Behörden, der Familienglieder, der Lehrer des leises, der Schüler des Seminars und der obersten Stadt­schulklassen, um 1 Uhr von der Nähe der Stadtkirche aus zur Enthüllungsfeier, die mit Ansprachen und Gesängen wechselt, sowie ein Festessen gegen 2 Uhr im Hotel Trapp, verbunden mit Ansprachen und musikalischen Vorträgen statt.

Lauterbach, 31. October. Bei der heutigen Beigeord­nete nw ah l fielen auf Herrn Ferdinand Stichtenoth 147, auf Herrn Gemeinderath Pfannmüller 110, zersplittert waren 2 Stimmen. Ersterer ist somit gewählt. Von 561 Wahl­fähigen hatten nur 259 von ihrem Rech? Gebrauch gemacht.

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