Wabern speciell verlangt wirb. Die zweite Kammer hatte diesen Antrag acceptirt, während die erste Kammer denselben für unzweckmäßig hielt und dementsprechend ab- lehrtte. Auck hier beantragt der Ausschuß: Beharren auf dem früheren Beschluß.
Berlin, 26. Januar. Der Kaiser, der nach gut verbrachter Nacht zur ge- wöhnlichen Zelt aufgestanden war, nahm Vormittags die laufenden Vorträge entgegen «nd empfing mehrere Offictere zu Meldungen. Die Heiserkeit ist fast vollständig verschwunden.
— DaS Abgeordnetenhaus genehmigte heute mehrere Positionen des Etats des Handelsministeriums nach den Beschlüssen der Commission. Die Gesetzentwürfe, be- rrcffend daS Höferecht in der Provinz Hannover und die Errichtung eines Landgerichts in Memel, wurden in erster und zweiter Lesung genehmigt; der Gesetzentwurf, betreffend Abänderungen des Pensionsgesetzes vom 27. März 1872, wurde der Justizcommission überwiesen; das Gesetz, betreffend Abänderung des Gesetzes über die Staatsschulden« Commission, wurde in der Fassung deS Herrenhauses angenommen.
Nächste Sitzung Dienstag. Auf der Tagesordnung steht der CulutuSetat.
— Der »Deutsche Retchsanzetger" veröffentlicht das Gesetz, betreffend den «eiteren Erwerb von Prwatersenbahnen für den Staat, sowie die Verordnung über die Consulargerichtsbarkeit in Tunis.
— Die Jagdordnungs - Commission hat die §§ 3, 4 und 5 angenommen, § 4 mit einem Zusatz bezüglich der Waldgenossenschaften.
— Bel der am Montag in der Synagoge für LaSker stattsindenden Trauerfeier wird nach der Rede des Rabbiners der Reichstagsabgeordnete Kapp anstatt deS verhinderten Abgeordneten Stauffenberg die Gedächtntßrede halten. Das Comtte hat gegen 800 Einladungen zu der Feier erlassen- Bet dem Letchenzuge nach dem Friedhöfe gehen vor dem Leichenwagen der Handwerkeroeretn, eine Deputation des Arbeitervereins und der liberalen Vereine des ersten und zweiten Retchstagswahlbeztrks, hinter dem Leichenwagen Verwandte und Freunde Lasker's, die geladenen Gäste, die auswärtigen Deputationen, alsdann die Vertreter des dritten bis sechsten ReichstagswahlkretseS. Auf -em Friedhöfe wird auf eine kurze Rede des Rabbiners ein rituelles Gebet folgen. Die Vertreter der drei liberalen Fraktionen des Reichstags fordern alle Llberalen Berlins zur zahlreichen Bethetligung am Leichenzuge auf; die städtischen Behörden erscheinen in corpore.
— Die Leiche Lasker's ist Nachts 12 Uhr 40 Mtn. auf dem Lehrter Bahnhofe elngetroffen. Ein officieller Empfang fand nicht statt. Etwa 100 Personen, darunter eine Anzahl Damen, Vertreter fast sämmtlicher Berliner Zeitungen, Correspondeuten englischer und italienischer Blätter, Mitglieder des Vereins Waldeck und des Arbeitervereins waren anwesend. Die beiden Brüder Laskers hatten die Leiche hierhergeleitet, hie nach Bremen entsandte Deputation der liberalen Vereinigung kehrt erst heute zurück. Der mit Guirlanden und schwarz-weißen Schleifen geschmückte Waggon, worin der Sarg unter Blumen aufbewahrt ist, blieb geschloffen. Morgens halb 8 Uhr fand dte Feierlichkeit der Ueberführung der Leiche von dem Bahnhofe nach der Synagoge statt.
München, 26. Januar. Der Kaiser von Oesterreich ist heute früh hier eingetroffen und am Bahnhofe von dem Prinzen Leopold und dem Herzog Ludwig empfangen worden. Der Kaiser begab sich sofort in das Palais des Prinzen Leopold.
— Der Kaiser von Oesterreich nahm heute Frühstück und Diner beim Prinzen Leopold ein, besuchte Vormittags in bayerischer Uniform die Mitglieder des Königshauses und empfing darauf deren Gegenbesuche. Am Abend wird der Kaiser der Vorstellung im Gärtnertheater belwohnen. Sonntag findet ein Galadiner bei der Königin-Mutter statt. — Der Finanzausschuß der Abgeordnetenkammer bewilligte 205,000 JL für den unverzüglichen Gesammtumbau des Landtagsgebäudes und strich 106,000 vom Landtagsetat ab.
England.
London, 26. Januar. An den englischen Küsten und besonders auf dem Kanal wüthete den ganzen Tag über ein Orkan mit starken Regenfällen.
— Gestern Abend fand im Kanal zwischen den beiden Segelschiffen „City of Lucknow", von Adelaide nach London unterwegs, und „Simla", von London nach Sidney unterwegs, ein Zusammenstoß statt. Die „Simla" ging unter, etwa 80 Personen ertranken.
Wußlarrd.
Petersburg, 26. Januar. Wie Telegramme aus Samara uno Pensa melden, wurden die Leichen Kapitäns Delong und seiner 9 Gefährten von der „Jeannette", welche gestern und heute durchpassirten, von den Spitzen der Behörden und dem Publikum seierlichst empfangen und geleitet.
Aegypten.
Kairo, 25. Januar. (Telegramm des „Reuter'schen Bureaus.") General Gordon wird sich morgen Abend via Korosko nach Khartum begeben. Der Zweck seiner Mission soll darin bestehen, die vollständige Evakuirung des Sudans, einschließlich Khartums, in's Werk zu setzen. Der Khedive hat Gordon zum Generalgouverneur des Sudans ernannt und ihn mit den nöthigen Vollmachten ausgestattet. — Der Khedive richtete heute an den Emir Abdel Shakoor, den Sohn des verstorbenen Sultans von Darfour, die Aufforderung, sich zu unterwerfen und theilte ihm gleichzeitig mit, er wolle ihm die Provinz übergeben unter der Bedingung, daß die Handelsfreiheit aufrecht gehalten und der Sclaven- handel unterdrückt werde. Tribut solle nicht erhoben werden.
Telegraphische Depeschen.
WoLff'S teLrgr.
Berlin, 27. Januar. Der Kaiser schlief in der vergangenen Nacht zwar mit Unterbrechungen, sein Befinden ist aber ein durchaus gutes und erwünschtes; seine Genesung schreitet regelmäßig fort. Am Vormittag nahm der Kaiser die gewöhnlichen Vorträge entgegen, empfing später den Besuch des Prinzen Wilhelm und des Erbzroß- Herzogs von Baden, ertheilte dem Gouverneur Grafen Manteuffel eine Abschiedsaudienz und konserirte Nachmittags mit dem Minister v. Puttkamer.
Bet der Beerdigungsseter Lasker'S werden außer den vollzählig theilnehmen- den Mitgliedern der liberalen Vereinigung und Fortschrittspartei auch die Landtags-» frakttonen der Nationalliberalen, der Conservativen und deS Centrums durch Depu- tattonen vertreten sein; dte tn Berlin anwesenden RetchstagSmttglteder der National- liberalen werden sämmtlich thetlnehmen.
_ Januar. Dte diesjährige General-Versammlung des Vereins
deMscher Etsenoahn-Verwsltungen wird am 29. und 30. Juli d. I. tn Frankfurt a. M. ftattfinden.
. 27. Januar. Die Frau Prinzessin Georg ist nicht unbe
denklich an einem nervösen Fieber erkrankt.
Paris, 27. Januar. Der „Voltaire" schreibt, die Regierung wünsche die neue Anleihe so bald wie nur möglich zu emittiren, in Folge der vom Senate am außerordentlichen Budget vorgenommenen Abänderungen sei aber, selbst wenn die Berathung beschleunigt und ein Einverständniß beider Kammern über das außerordenlliche Budget hergestellt werde, der Erlaß des bezüglichen Anleihedekretes vor dem 1. Februar unmöglich. Die Zeichnung aus die Anleihe solle 10 Tage nach Erlaß des Dekretes erfolgen, der Emissions-Cours fei noch nicht festgestellt. Der „Voltaire" hält es für gewiß, daß man den Emissions- Cours nicht auf 75 seststellen werde, weil dies für den Staatsschatz zu beschwerend sein würde.
London, 27. Januar. Nach späteren Meldungen find bei der vorgestrigen Schiffs-Collision im Kanal 22 Personen um6 Leben gekommen.
— Der Proceß gegen Wolff und Bondurand wegen Besitzes von Sprengstoffen ist eingestellt worden. — Der gestrige Orkan hat in London, in den Provinzen und an den Küsten sehr großen Schaden angerichtet.
Madrid, 27. Januar. Die Provenienzen aus Rio de Janeiro find des gelben Fiebers wegen der Quarantäne unterworfen worden.
— In der vergangenen Nacht herrschte hier ein sehr heftiger Sturm, die telegraphischen Verbindungen sind nach vielen Nichtungnn hin erschwert oder ganz unterbrochen.
— Der heftige Sturm, welcher in der vergangenen Nacht wüthete, hat hier und in der Umgegend großen Schaden angerichtet, durch denselben ist auch eine ziemlich große Anzahl von Personen, die sich aus den Straßen oder im Felde befanden, zu Schaden gekommen. Heute war es windstill, es wechselten Sonnenschein und heftige Regengüsse.
London, 28. Januar. (Privat-Depesche). Aus allen Landestheilen kommen Nachrichten über die großen Verwüstungen des beispiellos heftigen Orkans am Samstag. Von den Küsten wird eine große Anzahl Schiffbrüche gemeldet. In der Kohlengrube Ponycray bei Rhonda (Wales) sand gestern eine Explosion statt. 11 Bergarbeiter getödtet, 3 bei den Rettungsarbeiten erstickt.
8 p f a I t i
Gießen, 27.Januar. ^Theater.) „Der Mennonit", Trauerspiel in 4Acten von Ernst von Wtldenbruch.
Dte Handlung spielt zur Zeit der tiefsten Erniedrigung Deutschlands, der napoleonischen Gewaltherrschaft. Der Dichter führt uns in eine Mennonitengemeinde tn der Nähe von Danzig. Die Franzosen herrschen mit dem Rechte beS Eroberers tn Deutschland, nur der Major v. Schill wagt es, für sich allein dem Beherrscher Europas Trotz zu bieten und mit einer Hand voll Leuten die Fahne der Freiheit aufzupflanzen. Seine Sendboten, von den Franzosen verfolgt und gehetzt, schleichen heimlich durch das Land, um zum Kampfe gegen den Unterdrücker aufzufordern und Freiwillige zum Eintritt tn dte kleine Schaar zu gewinnen. Der französische Commandant von Danzig hat Todesstrafe auf das Verbergen eines Abgesandten Schills, sowie auf den Besitz einer Proclamation desselben gesetzt. Die Mcnnontten leben, getreu ihren Satzungen, welche Blutvergießen, ja selbst den Besitz einer Waffe verbieten, in friedlicher Zurückgezogenheit; sie bekümmert die Noth des Vaterlandes nicht, denn ihnen ist der Begriff des Vaterlandes unbekannt, der jeweilige Herrscher ist ihnen die von Gott eingesetzte Obrigkeit, gleichviel wie diese heiße; sie verlachen die Menschen, welche von Vaterlandsliebe, von Ehre und Mannesmuth sprechen und sie fragen höhnisch, ob von all' dem etwas in der Bibel zu lesen sei.
Waldemar, der Aeltefte der Gemeinde, hat in seinen jungen Jahren selbst die Wftt gesehen, aber müde von ihrem Treiben zog er sich in dies Stillleben der Meunoniten zurück, in deren Lehren er den Ausfluß höherer Weisheit erblickt, wahrend bie übrigen Mitglieder in philisterhafter Bornirtheit das höchste Glück in friedlicher Sorglosigkeit sehen und Jeden als Thoren betrachten, der sich nicht von diesem ideallosen Vegetiren befriedigt fühlt.
Waldemar hat fdnen Pflegesohn Reinhold, an dem er mit inniger Liebe hängt, selbst in die Fremde geschickt, aus welcher er, wie er glaubt, gleich ihm selbst geläutert zurückkehren soll. Seine Tochter Maria, die halb unbewußt ihren Jugendgespiel liebt, überredet er, ihre Hand einem angesehenen Mitgltede, einer Stütze der Gemeinde, dem finstern Mathias, zu reichen. Reinhold kehrt in die Heimath zurück und findet mit Entsetzen die Geliebte als Braut eines Andern wieder. Vergeblich versucht er Maria zu bewegen, ihr noch wcht endgiltig gegebenes Wort zurückzunehmen und ihm anzu- gehören, in dem Kampfe zwischen kindlichem Gehorsam und Liebe siegt erstere. Da erscheinen französische Offiziere, deren einer sich Ungebührliches gegen Maria erlaubt. Ihr Verlobter, Matthias findet nur schwächliche und höfliche Redensarten zu ihrer Vertheidigung, Reinhold aber schleudert den Unverschämten mit Gewalt von Marien, und als dieser die Meunoniten als Feiglinge verspottet, da sie nicht wagen, einem Manne mit der Woffe in der Hand gegenüber zu treten, vergißt Reinhold die Gesetze seiner Gemeinde und fordert den Frechen zu einem Waffengange heraus. Maria, zur Erkenntniß ihrer wahren Gefühle gebracht, fällt dem Geliebten um den HalS, nun gehört sie ibm allein an.
Mathias, von Eifersucht verzehrt, beschließt das Dmll um jeden Preis zu vereiteln, um den verhaßten Nebenbuhler in den Augen seiner Gegner und feiner eigenen Geliebten herabzusktzen. Er verräth das Vorgefallene der Gemeinde, welche Reinhold befiehlt, von dem Kampfe zu lassen. Dieser bleibt anfänglich fest, doch endlich weicht er den Bitten seines Pflegevaters, aus dessen Werten er die Erfüllung seines heißesten Wunsches, die Vereinigung mit Maria, zu hören glaubt. Er gibt die Pistole, welche die französischen Offiziere dem Waffenlosen geliehen haben, an Waldemar: doch nachdem er die Waffe abgeliefert, erfährt er zu seinem Entsetzen, daß er sich getauscht, daß er selbst durch Preisgabe seiner Mannesehre den Besitz der Geliebten nicht errungen hat- Die französischen Offiziere, die ihn vergeblich erwarteten, erklären ihn für einen Feigling. In tiefster Verzweiflung bricht Reinhold zusammen.
In dieser Stimmung trifft ihn einer jener Sendboten Schills, der westfalische Bauer Hennecker, und desskn beredter Weckruf reißt ihn aus seinem dumpfen Brüten ; mit Begeisterung vernimmt er die Botschaft und er beschließt, in dem Kampfe für Deutschlands Freiheit die erlittene Schmach zu tilgen. Er reißt sich von dem „kalten Gotte der Mennoniten" los, nimmt aus Hennekers Händen die Proclamation Schills und verabredet mit ibm eine neue Zusammenkunft, um ihm sodann zu Schill zu folgen. Da tritt ihm Maria entgegen; sie gesteht ihm ihre Liebe, ja sie ist bereit, mit ihm zu fliehen. Reinhold erzählt ihr feine Begegnung mit Schills Boten und die Liebenden verabreden für den nächsten Abend ihre Flucht. Maria verbirgt selbst den todbringenden Aufruf Schills, den sie Reinhold entreißt. Die Unterredung der Liebenden wird aber von Mathias belauscht; er bedrängt Maria, deren Besitz er sich mit seinem ^§^igen erkaufen will; als aber diese, fast bereit, sich zum Opfer für dte Rettung des Geliebten darzubringen, schaudernd vor seinem Kuffe zurückweicht» verräth der Schurke seinen Nebenbuhler an die Gemeinde, nachdem er schon vorher die Franzosen- von der Anwesenheit der Boten Schills unterrichtet hat. Reinhold, der sich den Mennomten offen gegenüberstellt, wird von diesen überwältigt und gefangen gesetzt, während Mathias Alles vorbereitet, um Hennecker durch Verräth den Franzosen zu Überliefern. Maria aber wacht über den Geliebten, sie befreit ihn, während ihr Vater schläft und drangt ihn zur Flucht. Reinhold jedoch wartft, um zuvor Schills Boten zu retten. Mit der Pistole, die ihm Maria wtedergebracht, in der Hand, überfällt er Mathias und zwingt diesen, so lange stille zu halten, bis Hennecker Zeit zur Flucht gewonnen hat. Als Mathias einen Hilferuf ausstößt, schießt ihn Reinhold nieder und Überliefert sich dann selbst den inzwischen herbeigeeilten Franzosen.
M . Mathias verräth noch im Sterben, daß Maria sich im Besitze des Schill'schen Aufrufes besinde, und auch diese soll nun ergriffen und vor das Kriegsgericht gestellt werden, ^lv die Soldaten Hand an sie legten, bricht sie zusammen, das Uebermaaß des Grams hat sie getodtef. Reinhold aber wendet sich von der Leiche der Geliebten zu dem französischen Offizier, den er auffordert, morgen seinem Tode zuzusehen: „Ihr werdet sehen, wie deutsche Männer sterben".
,. . Dies eine Sftzze der Handlung! Den vielen Vorzügen des Dramas gegenüber,.
^^.^ulich hervorbehoben haben, fallen einige Schwächen kaum in das Ge- wicht. Zu diesen mochten wir manche mcht völlig befriedigende Motivirimgen rechnen; namentlich encheint e^ mcht genügend glaubhaft gemacht, daß der gutherzige Waldemar, ^CIp ™ne Ar •*0r-9 wie Reinhold, doch der Vereinigung der Beiden
aus Vernunftsgrunden sich fo schroff gegenüberstellt. Hier und da hemmen ferner ausgefuhrte lyrische Ergusie ein wenig den Gang der Handlung. Aber diese Mangel von Wildenbruchs Bedeutung gegenüber können sie
^Cr<rv^lt, ^C1-?net ?erden — vermögen den günstigen Gesammteindruck
der Dichtung tn feiner Weise zu beeinträchtigen.
Der Aufftihrnng haben wir Gutes nachzurühmen. Die Rolle des Reinhold stellt an den Schauspie^r, schon ihres ungewöhnlichen Umfangs halber, bedeutende Anforderungen. Herr Scholermann wurde ihnen in einer Weise gerecht, welche unbedingte Anerkennung verdient, Er spielte mit hinreißender Frische und Lebhaftigkeit. Seme


