— Die beiden französischen Osficiere, welche unter dem dringenden Verdachte der Spionage in Koblenz verhaftet wurden, sind wieder in Freiheit gesetzt worden. Ihr Vergehen scheint demnach nicht gerade schwerer Natur gewesen zu sein, da man doch nicht annehmen kann, daß sie, falls sich die gegen sie erhobenen gramrenden Anklagen als wahr erwiesen hätten, nur aus purer Cour- toisie gegen Die französische Regierung sreigelafsen worden seien.
IranLreich.
iX Paris, 23. August. Der grenzenlose Leicytsinn der südsranzösischen Bevölkerung in Sachen der Gesundheitspflege geht aus folgendem öffentlichen Aus- schreibm des Maire von Toulon hervor: „An die Einwohnerschaft von Toulon! Das Nachlassen der Seuche, welche zwar noch jeden Tag einige Opfer in unseren Mauern fordert, hat leider schon zur Folge gehabt, daß viele unserer Mitbürger die Vorsichtsmaßregeln versäumen, welche sowohl die Hygieine, als das öffentliche Wohl gebieterisch erheischen. Schon versieht man sich nicht mehr, wi.e unlängst, mit den Desinfectionsmitteln, welche die Luft im Innern der Häuser rein erhalten; statt den Unrath in den vorgeschriebenen Stunden in die Goffe zu leeren oder das Vorbeifahren des Rollsaffes abzuwarten, kehrt man zu den alten Gewohnheiten zurück und leert zu allen Tagesstunden; statt die Küchenabfälle im Augenblick des Vorbeisahrens der Mistkarren^ in einem bedeckten Gefäß aufzustellen, schüttet man sie wieder auf die Straße, die sogleich nach jeder Säuberung wieder so schmutzig ist, wie zuvor; statt sich aber dessen zu enthalten, was die Entwickelung der schrecklichen Krankheit fördert, ißt man wieder unmäßig viel Obst, ungekochte Liebesäpfel, Melonen u. s. ro.; endlich achtet man schon nicht mehr die Diarrhöen, sondern giebt sich einer übertriebenen Zuversicht hin, welche sich noch alltäglich in einzelnen Fallen grausam rächt. Im Namen des berathenden Gesundheits-Comitös, im Namen des ge- sammten ärztlichen Corps, im Namen Eurer Interessen beschwören wir Euch, verdoppelte Vorsicht und Klugheit zu üben. Das Anhalten der Hitze und die Heimkehr der Ausgewanderten, welche noch allzuoft für ihre Hast büßen müssen, machen es Euch zur unumgänglichen Pflicht."
— Die Nachrichten von den deutschen Erwerbungen in Südwest-Asnka werden hier mit einem gewissen Wohlwollen ausgenommen, weil man meint, daß sie die Engländer schwer ärgern werden. Die „Röpubl. Franyaise" führt dm Engländern in's Gedächtniß zurück, daß sie seit zwei Jahren ununterbrochen den Satz gepredigt haben, daß ein englisch-französisches Bündmß oder Emvernehmen nicht nur für Frankreich, sondern noch mehr für England höchste Wichtigkeit habe. Das französische Bündniß „habe England gleich einem Schilde gegen alle Eifersüchteleien und Feindseligkeiten anderer Mächte geschützt", und so lange das Einvernehmen zwischen England und Frankreich bestanden habe, „seien die Colo- nialttäume des Herrn v. Bismarck in einem nebelhaften Zustande geblieben- und sein Ehrgeiz habe sich in Stillscheigen gehüllt." Jetzt nun, also nachdem die Freundschaft zwischen England und Frankreich gebrochen, wage Deutschland sich plötzlich hervor, führe seine Colonialpläne aus, zerreiße englische Fahnen rc. Die „Republ. Fran^aise" giebt den Engländern am Schluß einen praktischen Rath: man möge sich wohl hüten, Loro Northbrook als englischen Proconsul nach Egypten zu schicken, denn der edle Lord könne dort den englischen Interessen mehr schaden als nützen. Ein vernünftiger Egoismus bestehe oft darin, die Interessen und Rechte anderer Nationen nicht ganz und gar zu verkennen. Trotz dieser Drohung ist es klar, daß das ministerielle Blatt nichts sehnlicher wünscht, als die Wiederkehr der vielberühmten „entente anglo-fran^aise.“
— In den letzten 24 Stunden starben an der Cholera in den Ostpyrenäen
Paris 23. August. Die „Ageuce Havas" erklärt die Nachricht von einer Unterbrechung der Kabelverbindung zwischen Hongkong und Shanghai für unbegründet» nur die telegraphische Verbindung mit Amoy set unterbrochen.
— Gutem Vernehmen nach erhielt der chinesische,Gesandte Lt-Fong-Pao gestern Abend eine längere Depesche seiner Regierung, in Folge derm er den Covsetlprüsidentell Ferry benachrichtigte, daß er seine Abreise von Pari« verschoben bade. Das' Journar „PariS" will wissen, Zweck der Depesche sei, von LirFong»Pao Auskunft darüber
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19S, Dienstag den 26. August 1881
WWW Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme ves Montag». Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtli cher £ li c i i.
Bekanntmachung.
Donner»taa d«n 28. l. M., Nachmittags l'/r Uhr. findet eine Generalv-rfammlang des landwirlhfchaftlichei, B-zirkS- nxteiit» Gieffrn zu Grünberg in dem Wagnerischen Ganensaaie statt, wozu alle Mitglieder des Vereins und freunde der ^andwirthschaft hiernnt freundlichst eingeladen werden. a .
1 Tagesordnung:
1) Vortrag über die Frage: „Welche Bedeutung haben Molkereigeaoffenschaften für den kleinen Mann?", von Gutsbesttzer Schlencke
2) VerhMdlung°über die Hebung der Obstbaumzucht im Kreise, insbesondere durch Anstellung von Wanderbaumgärtnern, und wegen gemein- schaftlichen Bezugs von Obstbäumen; .... „ . m ,
3) Weitere Besprechung der Frage wegen Abschaffung de» Doppeljoch» unter Vorzeigung von ein Paar wurtembergischen Halb,ochen zur Bespannung für Zugochsen mit dem dazu gehörigen Riemwerk nebst Zugsträngen;
4) Fortsetzung der Berathung wegen Errichtung eines Saatenwarkte» in Grunberg;
5) Wahl von zwei neuen Mitgliedern zum Vereins-AuSschuffe;
® i e Tt^ ben *22 3lMuftttlS84lttnd<11* Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen.
yteyen, oen zz. zruguu 100». Nover, Kreisassessor.
AeutMand.
Darmstadt, 23. Aug. Se. Künigl. Hoheit der Grobherzog empfingen heute den Premierlieutenant v. Zakrzewski vom Train-Bataillon Nr. 5, den Steuerrath Psannmüller, den Realschnl-Director Nodnagel von Sieben, den Ministerial-Secretär Linb, den Obersörster Weigand von Butzbach; zum Vortrag Den Ministerial-Prästdenten Weber.
Berlin, 23 August. Se. St K. Hoheit der Kronprinz verließ gestern früh Osborne, um sich, soweit bestimmt ist, über Antwerpen, Ostende, Metz, Straßburg, Basel nach der Insel Mainau zu begeben.
- Der „Krenz-Ztg." und der „Post" zufolge würbe eine Zusammenkunft beS deutschen Kaisers mit dem Kaiser von Rußland am 1. September statt- ftnben. Betreffs bei Ortes verlautet noch nichts Bestimmtes. Von der „Kreuz- Zeitung" wirb auch Stettin als Zusammenkunftsort genannt.
Berlin, 23. August. Die Entfaltung ber deutschen Flagge an einem zweiten Punkte ber Westküste Afrikas, an ben Orten Cameruns und Simbia - Guinea) ist in Deutschland mit berselben sreubigen Genugthuung begrüßt war- den wie bie Besitzergreifung von Angra Pequena. Heber tue jüngsten Vorgänge an ber westafrikanischen Küste waren zuerst verschiebentliche sich wldersprechenbe und unrichtige Nachrichten eingelaufen. So hieß es, die deutsche Fahne fei auf den Besitzungen des Hauses Wörmann in Hamburg südlich vom Congo aufge- pflanzt worben, welche Melbung sich insofern als irrthümlich erweist, als tue Firma Wörmann südlich vom Congo überhaupt keine Besitzungen hat. Ebenso bat sich bie gleich Anfangs bebenklich erscheinende Mittheilung, die Mannschaft des deutschen Kriegsschiffes „Möve" habe an dem Platze „Bageida" die englische Flagge niedergeholt und durch die deutsche ersetzt, als unrichtig heraus- gestellt. Der Vorfall klärt sich jetzt vielmehr dahin auf, daß die Negerstamme in der Nähe von Bageida drohten, die an diesem Platze befindliche Factorei der deutschen Firma „Wölber und Brohm" zu zerstören, wenn die Factorei nicht binnen 7 Tagen geräumt würde. Darauf hin dampfte die in Little Popo vor Anker liegende „Möve" sofort nach Bageida, hißte die deutsche Fahne zum Schutze ber Factorei auf unb zugleich würbe ber Ches ber Factorei, Herr Naudad, zum deutschen Consul ernannt, worauf die Negerstämme versprachen, sich aller weiteren Feindseligkeiten gegen die Deutschen in Bageida zu enthalten- Was nun die andern in Rede stehenden Oertlichkeiten anbelangt, wo durch den deutschen Generalconsul Dr. Nachtlgal dir Reichsflagge ausgehißt worden ist, so sei hierüber kurz Folgendes bemerkt: Cameruns ist eine Landschaft am Meerbusen von Guinea, gegenüber der den Spaniern gehörenden Insel Fernando Po, unter dem 4. Grad nördlicher Breite gelegen. In ihr ragt der gewaltige Cameruns-Berg in der Höhe von ca. 14,000 Fuß empor, ein Gelnrgsstock, der mit seiner Basis eine Fläche von beinahe 10 Quadratmeilen entnimmt Hier . ergießt sich der Hauptstrom der Gegend, der Camerun, in's Meer, welcher durch zwei Arme, den Matumas und den Mordecai, mit dem Bimbia in Verbindung sieht. Nach dem Camerunsfluß und dem Bimbia sind die deutschen Factoreien (die Firmen „C. Wörmann" und „Janssen und Thormählen") benannt, welche nunmehr unter dem Schutze des Reiches stehen. Unzweiselhast werden die nächsten Tage noch weitere Mittheilungen über dieses Gebiet bringen.
— In der bekannten Affaire des „Diederich" sind nun wohl bald diplomatische Schritte der deutschen Regierung zu erwarten. Die gerichtliche Ver- nchmung des Kapitäns des „Diederich" und seiner Mannschaft hat die That- fache, daß man es hier mit einem seeräuberischen Attentat englischer Fischer argen den genannten deutschen Handels-Kutter zu thun hat, zur Evidenz bestätigt und so dürsten der weiteren Verfolgung der Angelegenheit formelle Hindernisse nicht mehr im Wege stehen. Was die Entsendung des Kanonenbootes „Cyclop pm Schutze der deutschen Nordsee-Fischer gegen englische Uebergriffe anbelangt, , sig ist es demselben nicht gelungen, eine der Fischersmacks, welche den Angriff aus den „Diederich machten, auszugreifen und dürsten dieselben wohl längst m einem englischen Hasen in Sicherheit sein,


