Lokales»
Gießen, 23. December. I« der heute Abend im Caf« Balzer stattzehabten, von Angehörigen verschiedener Politiker Parteien besuchten Versammlung wurde em- stimm'g beschlossen, die nachstehende Adresse an den Fürsten BtSmorck zu erlassen:
Seiner Durchlaucht dem Reichskanzler
Fürsten Bismarck.
Das Votum der deutschfreisinmg-ullramontanen Reichstagsmehrbett vom 15. De- cember hat uns den traurigen Beweis geliefert, daß diese unnatürliche Coalttion in ihrer Verblendung und Verbitterung bereits bet Schritten angelangt ist, welche nicht nur jeden vaterländisch fühlenden Deutschen aufs Aeußerste empören, sondern auch Deutschlands Ansehen im Auslande heradsctzm müssen.
Wir können eS nur tief beklagen, daß in einem Augenbl ck, wo ganz Europa die neuesten großen Ergebnisse friedfertiger deutscher Politik bewundert, im deutschen Reichstag eine Mehrheit zu finden war für ein dem Schöpfer dieser Politik zu erthetlrndeS Mißtrauensvotum.
Unverständig und unpatriotisch müsstn wir es nennen, wenn die demokratischklerikale Parteiverbtndung durch ihr Verhalten bet Deutschlands Widersachern den Glauben erweckt, dem deutschen Volke sei die Dankbarkeit für die Verdienste, das Verständntß für die Erfolge, daS Vertrauen in die Bestrebungen Eurer Durchlaucht abhand n gekommen.
Tie Unterzeichneten, verschiedenen politischen Parteien angehörig, empfinden es gemeinsam als ein patrtot.sches Bedürfruß, auch aus unserer Stadt Protest zu erheben gegen diese Fälschung der wahren Gefinnung des deutschen Volkes.
Wir verbinden damit die Versicherung unserer unbegrenzten Dankbarkeit und unseres e nsten Entschlusses. Alles, was in unseren Kräften steht, aufzubteten, um den nationalen Bestrebungen Eurer Durchlaucht zum Stege über engherziges und un- patriotisches Parte« gemebe zu verhelfen.
M.t dem Ausdrucke aufrichtiger Verehrung und Ergebenheit verharren
Eurer Durchlaucht
Gießen, den 23. December 1884.
(Folgen die Unterschriften.)
Die Adresie wird von heute ab In der Ferbe r'schen Universitäts-Buchhandlung, sowie in der W enzel'schen UntoersitätS - Druckerei zur Unterzeichnung aufliegen, auch in der Stadt circultren.
G. Gießen, 24. Decemder. ^Sterblichkeit in Gießens Die Zahl der Todesfälle betrug während der Woche vom 14. bis 20. December im Ganzen 7, wovon sich 4 bet KrnLern ereigneten. Eins derselben starb wenige Stunden nach der Geburt an allgemeiner Schwäche, ein zweites, ebenfalls «och im ersten Lebensjahre, an Abzehrung. Von 2 älteren Kindern starb eins an Lungenentzündung, ein von auswärts hierher gebrachtes an häutiger Bräune. Bet den erwachsenen Personen war Todesursache: Bauchfellentzündung, Krebs, Herzkrankheit je einmal.
Vermischte-,
Mainz, 19. December. Ein Pfefferverfälschungsproceß beschäftigte heute daS hiesige Schöffengericht- Anfangs dieses Jahres wurde, wie die „Franks. Ztg " berichtet, bei verschiedenen Händlern in Straßburg gemahlener Pfeffer zur Untersuchung amtlich erhoben. In drei Fällen ergab d'.e chemische und mikroskopische Untersuchung, daß weißer Psiffer gefälscht, bezw. mit bedeutenden Quantitäten minderwerthiger vegetabilischer Stoffe vermengt war. Auf Vorhalten erklärten die Kaufleute, bet welchen der gefälschte Pfeffer gefunden wurde, daß sie solchen als unverfälscht von der hiesigen Großhandlung Gebrüder Landauer bezogen hätten. In der hierauf gegen die genannte Firma auf Grund des NabrmigsmttttlgesttzeS eingeleiteten Untersuchung trat zu Tage, daß von dem gleichen Pfeffer auch größere Partien nach Baden und nach Bayern, besonders nach Bamberg, verkauft wurden, wcßhalb man auch dort Proben erheben ließ, deren Untersuchung das gleiche Resultat hatte. Uebrreinstimmend mit der Untersuchungs- Anstalt in Erlangen erklärten in der heutigen Schöffengerichtssitzung die Herren Dr. Amtor von Straßburg, Dr. Egger, Vorstand der Provtnzial-UntersuchungSanftalt von Rheinhessen und Dr. Thurn von hier, es sei in dem erhobenen Psiffcr eine solche Menge fremder Substanzen enthalten, daß ein zufälliges Htnzukommen ausgeschlossen erscheine und nur eine thatsächltche und absichtliche Fälschung angenommen werden könne. Nach der Angabe der Experten sind über 33 pCt. fremder Stoffe, wie Roggen, Buchenmehl, Palmkörner und sonstige Stä.kekörner dem Pfeffer zugesetzt. Der Strafantrag gegen jeden der beiden Geschäftstheilhaber, welche die Fälschung enischieden in Abrede stellen, lautete auf 14 Tage Gefängn'ß und 600 JL Geldbuße. Das Urtheil wird in der nächsten Woche veröffentlicht.
— sTragische Komik-j Zwei Gymnasiasten in Mittau, noch Schüler der Tertia, haben c8 für nothwendig erachtet, wegen einer unglücklichen Lieb: sich zu duelliren und zwar mit Pistolen. Die Secundanten haben ein Gymnasiast und ein Realschüler gespielt. So komisch die Sache auch klingt, hat dieselbe leider doch ein trauriges Ende genommen, denn der tapfere G- hat seinem unglücklichen Gegner I. an solch einer Stelle verwundet, daß derselbe verstarb. G- dagegen ist flüchtig geworden. Die Dame, um derentwillen bas Duell stattgefunden, besucht dort die Schule.
—- [@in Opfer der Schnürbrust^ Aus Basel, 21. December, wird uns geschrieben: Gestern Abend war großer Militärball in der Burgvogtethalle, Klein-Basel, der erste Ball der Saison. Auf einmal, <8 war gegen 11 Uhr, brach die Musik mitten in einem Walzer ab, Alles drängte sich um eine kleine Gruppe, in deren Mitte man eine ohnmächtige Tänzerin gewahrte. Sofortige ärztliche Hülfe war zur Hand — aber umsonst, daS junge Mädchen, dessen elegante zierliche Gestalt eben noch den Neid einiger Damen erregt hatte, starb, wie sich sofort herausstellte, an den Folgen zu starken Schnürens, an einem Lungenschlag. Selbstverständlich war der Ball zu Ende und mehrere Tänzerinnen sollen sofort nach Hause geeilt fein, um — sich ein wenig Luft zu machen nach dieser eindringlichen Lehre.
BreSlau. Kürzlich ist hier eine militärische Uebung beendet worden, wie sie zum ersten Male in diesem Jahre für die preußische Armee angeordnet worden ist. ES handelt sich darum. Anhaltspunkte über den Einfluß der jetzigen kriegsmäßigen Verpflegung auf die körperliche Beschaffenheit der Infanteristen bet einer anstrengenden Marschthätigkeit zu gewinnen, rote sie im Felde gefordert wird. Zu diesem Zwecke ist bet jeder Division ein Detachement formtrt worden, daS für den Bereich der 11. Division vom 2. Bataillon 1. Schlesischen Grenadier-RegimentS Nr. 10 aus 10ffizier (Premier- Lieutenant Dietrich) und 50 Mann combinirt wurde. DaS Detachement hatte die Aufgabe, innerhalb 13 Tagen, unter Anrechnung von 2 Ruhetagen, also in 11 Tagen, bet feldmarschmäßiger Ausrüstung eine Entfernung zurückzulegen, die derjenigen von Oppeln biS Berlin entspricht und durfte während dieser ganzen Zeit als Verpflegung nur das anwenden, was unter normalen Verhältnissen dem Soldaten tm Kriege zu Gebote st?ht. Es waren daher Conserven, Zwieback, Kaffee rc. verabfolgt worden, während dagegen der Genuß von Bier und Schoaps streng untersagt war. Dem Offizier war eö anbeimgestellt. die Dauer und Richtung der täglichen Märsche zu
bestimmen, er hatte nur die oben erwähnte Marschleistung bei der vorgeschrtcbenen Ernährungsweise auSzuführcn. So war die Abtheilung tn den letzten Tagen früh nach Ohlau marschirt, hatte dort abgekocht und traf Ab-ndS wieder tn BreSlau ein, so daß an diesem Tage ca. 7 Meilen zurückgelegt wurden. Nach der Rückkehr von einest derartigen Marsche wurden die Mannschaften zur strikten Durchführung der angeordnetea Verpflegungsmaßregeln auch während der dienstfreien Zeit unter Aufsicht gestellt. Die nun beendete Uebung hat etn sehr günstiges Resultat ergeben, da trotz der anstrengenden Marschleistung sich Niemand krank gemeldet hat.
— Ueber einen neuen Fall von SeekanntbaliSmus berichten amerikanische Blätter. In der letzten Nooemberwoche fuhr der Lootse Berttano mit dem Dänen Hansen und dem Norweger Swansen von dem Lootsenschooner Turbey weg, um zwei Lootsen an Bord des Dampfers .Pensylvanla* zu bringen. Sie entledigten sich threS Auftrages, verloren aber auf der Rückkehr die Richtung und trieben auf dir off-ne See hinaus Das Wetter war außerordentlich finster und stürmisch und die Schiffer hatten weder Lebensmittel, noch genügende Kleidung; es war dazu grimmig kalt. Vom (Sonntag. Morgen bis zum Mittwoch trieben die Unglücklichen auf der See; am Sonntag Abend halten sie den letzten Bissen gegessen. Der etne der Matrosen, Swansen, erlag der Erschöpfung und dem Froste und die beiden andern tranken von seinem Blute und aßen «streifen Fletsch, die sie au6 dem Leichnam herauSschnitten. AIS sie bann am Mittwoch Mittag endlich von einem Schiffe bemerkt wurden, warfen sie den tobten Körper über Borb. Es wirb untersucht, ob die beiden nicht den Swansen gelobtet haben, um das eigene Leben zu fristen. Sie behaupten tm Gegentheil, Swansen habe sie mit einem Messer bedroht, fei aber zu entkräftet gewesen, um den Mord auszuführen. Im Boote lag etne große Blutlache.
— sAmerik^ntsches Deutsch.j Man schreibt auS Newyork: Wenn englisch- arnerikaniscye Blätter deutsche Namen ober gar deutsche Cltatc drucken, so entsteht tn den meisten Fällen eine arge Verstümmelung. Aus jedem Schützenfest machen sie ein .Scheutzenfeast", aus jedem Lieberkranz machen sie ein „Leiderkranz- u. s. w. DaS Bebeutendste bat aber kürzlich bk Newyorker „World" geleistet, deren Redacteur ein Oesterreicher, Josef Pulitzer, ist. Kurz vor der Wahl hielt Josef Pulitzer in Ncwyork eine große Rede in deutscher Sprache. Am nächsttn Morgen erschien natürlich etn vollständiger Bericht in seinem Blatte und darin, als bk Perle beö ganzm Berichte-, Goelhe's bekannte Verse als Eitat in beutfeber Sprache unb zwar so:
„Wer nie sein Brod mit T ächnen aß, Wer nie bie kumpelvollen nächte Auf sienem Bedde oienand sazz, Der kämmt Euch nicht, Ihr himmlischen Mägde."
— sMerkwürdtge Briefadresse.^ Eine der „Papier-Zeitung" vorliegende Briefaufschrift eines englischen Haus s, welches sich um Speditionen u bergt, bewirbt, verdient In weiteren Kreisen bekannt zu werden. Dieselbe lautet: „Gennany. Monsieur Achtungsvoll, Schriftgiesserei Flinsch, Frankfurt a. M.“
— Ja der am 16.—19. b. M. stattgefunbenen Ziehung der »Lotterie von Baben* sinb folgende größere Gewinne auf bie badet verzeichneten Nummern gefallen:
50000 JL auf Nr. 9232. - 20000 auf Nr. 506. - 10 000 auf Nr. 4646. — 5000 auf Nr. 15881. — 3000 auf Nr. 82307. - 2000 A auf Nr. 63720. — 1000 JL auf Nr. 32779 36515, 57180, 67799, 72761. - 500 JL auf Nr. 1508, 9679, 13882 15126, 22009, 42662. 44329, 53482, 53857, 63348 37067, 35293. — 200 auf Nr. 848. 6312, 6691, 7369, 14575, 22456, 24420, 31071, 31438, 35586, 35645, 37230, 47231, 51488. 52213, 55295, 65661, 70530, 72137, 84290.
Kirchliche Anzeigen -er Stadt Gießen.
Evangelische Gemeinde.
Gottesdienst.
1- Weihnachtsfeiertag, 25. December.
Vormittags 9% Uhr: Pfarrer Dr. Naumann.
Nachmittags 5 Uhr: Piarrer Dinge ldey.
Nach beiden Gottesdiensten Kollekte für die hiesige Kleinkinder - Bewahranstalt.
2. Weihnachtsfeiertag, 26. December.
Vormittags 9Va Uhr: Pfarrer Schlosser.
Nachmittags 5 Uhr: Pfarrer Dingeldey.
Nach beiden Gottesdiensten Kollekte für die Armen unserer Gemeinde- Sonntag nach Weihnachten. 28. December.
Vormittags 9% Uhr: Pfarrer Dr. Nanmaun.
Nachmittags 5 Uhr: Pfarrer Dingeldey.
Die Pfarrgeschäfte während der Weihnachtstagc besorgt noch Pfarrer Dingeldey vom Sonntag, den 28. December bis 3. Januar Pfarrer Dr. Naumann.
Der neue Kirchen-Kaleuder für 1885 enthält 1) Mittheilungen über daS kirchliche Leben der evang Gemeinde Gießen, 2) Iahresgcschichte der Gemeinde aus 1883/84, 3) Erzählungen- Der Kirchen-Kalender wird der Gemeinde zur Annahme und Beachtung freundlichst empfohlen.
Katholische Gemeinde.
Heiliges Weihnachtsfest.
Um 5 Uhr: Christmette und Predigt. 8 Uhr: Frühmesse und Austheilung der hl. Communion. % 10 Uhr: Hochamt und Predigt. 2 Uhr: Festandacht, hierauf Beichte.
Von 7 Uhr an: Beichte. 8 Uhr: Frühmesse und Austheilung der hl. Communion. VzlO Uhr: Hochamt und Predigt.
Gotterdienll in der Zqnagoge.
Freitag Abend 4 Uhr, Samstag Morgen 8?0 Uhr, Samstag Mittag 3 Uhr, Samstag Abend 4<5 Uhr.
Altkatholischer Gottesdienst
Sonntag, 28. December, Vormittags 11 Uhr, Hochamt und Predigt in der Stadtkirche.
Montag, 29. December, Vormittags 9 Uhr, eine Seelenmesse für den verstorbenen Pros. Dr. Anton Bernhard Lutterbeck, ebendaselbst.
AllgeMeiner Anzeiger.
Geschäfts-Verlegung.
Von heute an befindet sich mein Geschäft 8428
Bahnhofstraße 11, Ecke der Aaplansgasse.
Philipp Bopp
Eledr. Haos-, Betel- <t Schellenanlagen
etc. etc. 5373
übernimmt unter Garantie und mäßigen Preisen Carl Heyer.
Das Schwitzen der ?et^olenrn!nm^en beseitigt.
Garantie! D. R-P. 25404. Garantie!
Umänderung alter Lampen besorgt billiget jeder Klempner.
Die kleinen Konten der Umänderung machen sich durch die Ausnützung des sonst ausgeschwitzten Petroleums in einem Winter bezahlt. Nicht schwitzende Petroleumlampen in allen Lampenhandlungen käuflich.
Werl. Lampen* u. Broneewaaren-Fabrik. 8036
vorm. C. H. Stobwasser & Co., Act.-Ges. Berlin W. 41.
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sowie sömmtliche Colouialwaareu empfiehlt billigst 8247
( . Roth, am Lindenplaß.


