Nr. 171. Freitag den 25. Juli 1881
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzcigeblatt für den Kreis Gießen.
Brrrea« r Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheil.
Betreffend: Die Förderung des Obstbaues. Gießen, den 23. IM 1884.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzoglicherr Bürgermeistereien des Kreises.
Wir sehen längstens bis zum 15. August I. I. Ihrem Bericht darüber entgegen:
1) ob in Ihren Gemarkungen Gemeinde- oder Privatbaumschrrlen bestehen, fowie bejahenden Falls, welchen ungefähren Flächengehalt sie haben und wie viele Bäumchen etwa jährlich daraus abgegeben werden können;
2) ob Ihre Gemeinden oder Angehörigen derselben sich an einem von dem landwirthschafllichen Bezirksverein für diesen Herbst in Aussicht genommenen gemeinschaftlichen Bezug von Obstbäuwen betheiligen wollen, und eventuell wie viele Stämmchen alsdann, sowie von welchen Obstarten bestellt werden. Bemerkt wird dazu, daß diese Bäume zum Einkaufspreis abgegeben, daß also die Kosten des Bezuges anderweitig gedeckt werden sollen., t
Dr. Boek mann._____________________
Betreffend: Sicherung der Kirchen- und Pfarrbesoldungs-Kapitalien. Gießen, am 22. Juli 1884.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die evangelischen Kirchenvorstände des Kreises.
Das in rubr. Betreffe erschienene Amtsblatt Großherzoglichen Oberconsistoriums Nr. XVII vom 11. er. lassen wir Ihnen zur genauen Beachtung durch die Post zugehen und beauftragen Sie, die Kirchenrechner von dem Inhalte derselben in Kenntniß zu setzen.
Dr. Boekmann.
Politische Ueberstcht.
Gießen, 24. Juli.
Der Kaiser erfreut sich in Gastein unausgesetzt des besten Wohlbefindens trotz der kühlen Witterung, welche dort während der letzten Tage herrschte. Am Sonntag gab es in Gastein sogar Schneefall, weshalb auch die gewohnte Promenade des Kaisers an diesem Tage unterblieb.
Die „saison morte“ ist nunmehr vollständig in unsere innere Politik eingezogen und einzig aus dem Mangel an paffendem Stoff kann man es sich erklären, wenn immer noch die Mähr von der liberalen „Kanzler-Verschwörung" hie und da in den Spalten der Zeitungen wieder auftaucht. Auch der Eifer, mit welchem die „Nordd. Allg. Ztg." sich immer wieder an der „Karlsr. Ztg.", dem amtlichen Organe der badischen Regierung, zu reiben sucht — wegen des bekannten Artikels desselben gegen den adeligen Großgrundbesitz — dürfte auf den Mangel an geeigneterem Stoff zurückzusühren sein. Unter diesen Umständen zieht das große nationale Fest, welches gegenwärtig in Leipzigs Mauern gefeiert wird, das achte deutsche Bundesschießen, die Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße auf sich. Das schöne Fest, welches nicht nur Tausende von „Schützenbrüdern" aus allen Gauen Deutschlands und auch aus dem stammverwandten Oesterreich, sondern auch zahllose Schaulustige, zum Theil aus weiter Ferne, nach Leipzig geführt hat, ist bis jetzt in der gelungensten Weise verlausen und hat der großartige Festzug am Sonntag nicht nur bei seinen Teilnehmern, sondern auch bei der nach Zehntausenden zählenden Zuschauermenge einen mächtigen uno nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Einen erhebenden Moment während des Festzuges bildete die begeisterte Ovation, welche die Schützen dem König Albert vor dessen Palais darbrachten. Die Reden, welche auf dem Augustus- platze gelegentlich der Uebergabe des Bundes-Banners Seitens der Vertreter der Stadt München an die Stadt Leipzig, sowie am Sonntag Abend auf dem Festbanket in der Festhalle gehalten wurden, waren sämmtlich von ächt nationalem Geiste durchweht und legten Zeugniß davon ab, wie sehr auch noch in unserer Zeit derartige Feste dazu dienen, den patriotischen Sinn zu wecken und zu pflegen. — Am Montag bildete in dem Bundesschießen das „Fischerstechen", das einzige noch erhaltene Volks- und Handwerkersest Leipzigs, eine bemerkens- werthe Episode. Die originelle Feier wurde durch die Anwesenheit König Alberts ausgezeichnet, welcher auch den Festplatz wiederholt mit seinem Besuche beehrte, hierbei überall von den Volksmassen stürmisch begrüßt.
In dem märkischen Städtchen Freienwalde a. O. wurde am Montag die 200jährige Gedenkfeier der Eröffnung des dortigen Gesundbrunnens durch den Großen Kurfürsten im Beisein des deutschen Kronprinzen und des Prinzen Heinrich von Preußen festlich begangen. An demselben Tage begannen in Frankfurt a. M. die Verhandlungen des deutschen Handwerkertages.
Bezüglich des Standes der Cholera-Gefahr im Süden Frankreichs ist zu constatiren, daß Toulon und Marseille zwar noch immer die Hauptherde der Epidemie bilden, daß aber auch in anderen Städten der Provence, wie Arles, Nimes, Pierresen, Hyöres u. s. w. fortgesetzt vereinzelte Cholera-Todesfälle vorkommen. Auch in Paris selbst sind schon zwei Cholera- Todesfälle registrirt worden, welche ofsiciell aber als cholera nostras erklärt werden. In Wien sollten ebenfalls drei Erkrankungen an cholera nostras vorgekommen sein, darunter zwei mit tödtlichem Ausgange; es stellt sich jetzt jedoch heraus, daß die betr. Personen an Hitzschlag und Sonnenstich gestorben sind. Von Marseille scheint die Cholera bereits nach den englischen Gewässern verschleppt zu sein. Auf dem englischen Dampfer „Saint Dustan", welcher, von Bombay nach Liverpool bestimmt, in Marseille anlegte, starben während der Fahrt von Marseille nach Liverpool zwei Matrosen an der Cholera und wurde deshalb der Dampfer sofort nach seiner Ankunft in Liverpool unter Quarantäne gestellt.
Die Verfassungs-Revision in Frankreich droht für dieses Jahr in's Wasser zu fallen. Die Senats-Commission zur Vorberathung des
Revisions-Entwurses hat denselben erheblich modificirt, hauptsächlich lehnen es die Beschlüsse der Commission ab, die finanziellen Befugnisse des Senats einer Revision zu unterziehen. Nimmt das Plenum Des Senats die Beschlüsse seiner Commission an, so geht die Revisions-Vorlage wieder an die Deputirtenkammer zurück; da es aber sehr zweifelhaft erscheint, ob die Kammer der Vorlage in der Gestalt, welche ihr der Senat gegeben hat, zustimmen wird, so kann man sich immerhin auf das Scheitern der Verfassungs-Revision gefaßt machen. — Die Reise des Herzogs von Chartres nach Toulon und Marseille, die derselbe gewacht hatte, um die von ihm für die Cholerakranken gespendeten 50,000 Frcs. persönlich dem Präsecten von Marseille zu übergeben, wird von einem Theile der Pariser radikalen Blätter heftig angeseindet und als ein Versuch der Orleans bezeichnet, die Epidemie politisch zu verwerthen.
Die in England gegen das Oberhaus wegen dessen ablehnender Haltung in Sachen der Wahlreform-Frage hervorgerufene Bewegung nimmt immer gewaltigere Dimensionen an. Am Montag hat im Hydepark zu London eine großartige Demonstration gegen das Oberhaus stattgefunden. An der imposanten Versammlung nahmen die radikalen Clubs, zahlreiche liberale Vereine, die Mitglieder der 239 Dörfer und Städte umfassenden Kent- und Sussex- Landarbeiter-Vereinigung und andere Arbeiter-Verbände aus allen Theilen des Landes Theil. Die Zahl der Theilnehmer an der Kundgebung wird auf 50- bis 70,000 geschätzt.
Der Präsident des ital. Senats, Tecchio, hat seine Entlassung gegeben und dieselbe mit Gesundheits- und Altersrücksichten motivirt. Die eigentlichen Gründe für seine Demission müssen aber wohl in seiner bekannten anti-österreichischen Ansprache gesucht werden, welche Tecchio anläßlich des Todes des italienischen Dichters Prati, eines geborenen Süd,Tyrolers, gehalten hatte. Die Rede erregte in Oesterreich großes Aergerniß und man daher kaum irren, wenn man annimmt, daß Tecchio mit seinem Demissionsgesuche einem Wink der italienischen Regierung gefolgt ist, wenngleich Ministerpräsident de Pretis Tecchio pro forma ersucht hat, das Präsidium weiterzusühren.
Der Besuch des russischen Kaisers in Warschau steht nunmehr trotz aller Attentats-Gerüchte fest. Es wird ganz bestimmt aus Warschau gemeldet, daß dieser Besuch im August erfolgen werde. Die Vorbereitungen seien im vollsten Gange und eine Militärbewachung von 13,000 Mann für den Bahnkörper von Petersburg nach Warschau designirt. Auch heißt es, daß alle Russen, die sich nicht legitimiren könnten, vor Ankunst Kaiser Alexanders aus Warschau ausgewiesen werden sollten.
Obwohl der Mudir oon Dongola sich als Verräther demaskirt hat, scheint er seltsamer Weise noch in osficiellen Beziehungen zu der Regierung in Kairo zu stehen. Wenigstens ist dieselbe von dem Mudir benachrichtigt worden, daß er ein Schreiben Gordon's empfangen habe. In demselben berichte Gordon, daß Khartum und Senaar unbeschädigt seien, verlange aber Verstärkungen, da er nur noch über 800 Mann Truppen verfüge.
Der diplomatische Feldzug zwischen Frankreich und China dreht sich jetzt, nachdem China eingewilligt hat, seine Truppen aus Tongking innerhalb eines Monats ganz zurückzuziehen, nur noch um die Entschädigungs- Frage. Dem Vernehmen nach verlangt Frankreich für die Affaire von Lang- son das Sümmchen von 100 Mill. Frcs. und hat Admiral Courbet Ordre, mit seinem Geschwader einstweilen vor Foutchou, dem Kriegshasen der Chinesen, liegen zu bleiben.___
Darmstadt, 23. Juli. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: , , . ~
Am 9. Juli den Secretariats-Assistenten bei der Centralstelle für die Gewerbe und den Landes-Gewerbeverein, Wilh. Möser, zum Fabrik-Jnspector für das Großherzogthum Hessen zu ernennen.


