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Rr. 72.

Dienstag den SS. März 1884

ictzener Attzeiger Amts- und Auzeigeblatt für den Kreis Gießen.

BUttaU t Schulstraße 7.

Erscheint-lich mit Ausnahme des MorrtagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohrr.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 60 Pf.

Deutschland.

Darmstadt, 22 Mär,. Seine KSntgltche Hoheit der Großherzog w-hnten heute Vormittag dem Feldgott-Sdienst auf dem Infanterie - Sxercierplatze bei. Nach Be­endigung der gotieSdienstlich-n Feier nahmen Seine Königliche Hoheit den Parademarsch der Truppen ab.

Zur Feier deS Allerhöchsten Geburtsfeftes Seiner Majestät deS Kaisers findet heute Abend 7 Uhr im Großherzoglichen Neuen Pala'S Galalafel statt.

Das Allerhöchste Geburtsfest Seiner Majestät deS Kaisers wurde gestern Abend m 1 einem großen Zapfenstreich sämmtlicher Mustkcorps der hiesigen Garnison «ingeleitet. Heute haben die staatlichen, die städtischen und viele Prioatgebäude FesteS- schmuck angelegt. In der Frühe fand Reveille statt. Um 10 Uhr wurde auf dem Jnfanterie-Exercierplatz eine Parade über sämmtliche hier garnisontrende Truppen ab- izehalten. Die Aufstellung stand unter dem Commando deS Generalmajors und Com- mandeurS der 49. Infanterie <- Brigade v. Grote. Sie war in zwei Treffen formirt. DaS erste bildeten unter dem Commando deS Obersten v. Seebeck die Großherzogltche Garde-Unterofficier-Compagnte und die drei Bataillone des 1. Großh. Jnfanterie(Leib- garbe) Regiments Nr. 115; das zweite Treffen bestand auS 5 EscadronS der Großb. Dragoner-Regimenter Nr. 23 und Nr. 24, dem Großh. Feld Artillerie-Regiment Nr. 25, der Großh Traincompagnie und wurde von dem Obersten von DreSky befehligt. Auch die Truppen des zweiten Treffens waren zu Fuß auSgerückt. Da der DioistonS-Com- manbeur Generallieuteuant Prinz Heinrich von Hessen, Großherzogliche Hoheit, sich zur persönlichen Gratulaston nach Berlin begeben hatte, so nahm bet nächstälteste General der Division, Generalmajor und Commandeur der Großh. (25.) Cavalleriebrigade Frhr. b. Locquenghien die Parade ab. Nach dem dreimaligen Hurrah auf ©e. Maj. den Kaiser und »bersten Kriegsherrn intontrten die sämmtlichen in der Parade stebenden MusikcorpS die Nationalhymne: gleichzeitig begann die Salutlrbattcrte die üblichen .«101 Schüsse zu lösen. Demnächst formtrten fich die Truppen zum FeldgotteSdtenst, welchen der DioisionSpsarrer v. Strack celebrtrte. Zum Schluffe wurde ein einmaliger Parademarsch auSgesührt, von der Infanterie in Zügen, von der Cavallerte in Halb- cScadronS-, von der Artillerie in Halbbatterie-Fronten.

Darmstadt, 21. März. Wie ein AuSfchreibcn deS Großherzoglichen Ober» Gonsisivrium» besagt, haben nach alter frommer Sitte deS Großherzogs Königliche Hoheit auf den Sonntag Palmarum die Feier eines allgemeinen Buß- und BettagS «ngeordnet und folgende Bibelstellen zu Texten für diesen Tag ausgewählt: Für den Vormittag: Psalm 34,25, Laß vom Bösen und thue Gutes, suche Frieden und jage ihm nach. Für den Nachmittag: 1. Cor 16,13. 14. Wachet, stehet tm Glauben, seid männlich und seid stark. Alle Eure Dinge lastet in der Liebe geschehen.

Der Ertrag der am Sonntag Palmarum in den evangelischen Kirchen Vor- und Nachmittags zu erbebenden Collecte soll zur Unterstützung derjenigen hülfsbedürftigen inländischen Gemeinden verwendet werden, welche an Orten mit überwiegender katho­lischer Bevölkerung bestehen.

Berlin, 22. März. Die Geburtstagsfeier des Kaisers wurde heute Morgen mit der von einem Kavallerie-Trompetercorps von Der Schloßkuppel gebla­senen Reveille eröffnet. Alle Staatsgebäude und viele Privatgebäude waren beflaggt und theilweise mit Blumen geschmückt. Auf dem Palais des Kron­prinzen wehte neben der Kronprinzen-Standarte die englische Flagge, auf den Botschaftspalais der Gesandtschaften die betreffenden Nationalflaggen. In den Schulen finden Festakte statt, in den Theatern Festoorstellungen. Vielfache Vor­bereitungen zur Illumination sind bemerkbar. Sämmtliche Morgenblätter brin­gen dem Kaiser in Festartikeln ihre Glückwünsche dar.

Berlin, 22. März. Zur Feier des Geburtstages unseres Kaisers war heute die Stadt reich beflaggt. Seit dem frühen Morgen waren Die Linden mit einer nach Tausenden zählenden Menschenmenge erfüllt, welche Se. Majestät den Kaiser, als er sich um 8 Uhr am Fenster zeigte, enthusiastisch begrüßte. Die Auffahrt des Königs von Sachsen, der Prinzen und Prinzessinnen, sowie der anderen Fürstlichkeiten gestaltete sich sehr glänzend. Gegen 11% Uhr fuhr Fürst Bismarck, von dem Publikum lebhaft begrüßt, nach dem Kaiser!. Palais, nin an der Spitze des Ministeriums dem Monarchen die Glückwünsche darzu- bringen; er erschien dann nochmals mit den landsässigen Fürsten. Bei der Paroleausgabe waren die Generalität, die Admiralität und das gesammte Officier-Corps im Gala-Anzuge erschienen. Die Parole lautete: Es lebe Se. Majestät der Kaiser und König! Mittags 12 Uhr feuerten 8 Geschütze auf dem Königsplatz das Königssalut von 101 Schüssen.

Der Kaiser ernannte heute den Korvetten-Kapitän Freiherrn v. Secken­dorf zum Flügeladjutanten, Die erste derartige Ernennung in der Marine, und den Fürsten Hatzfeld-Trachenberg zum Oberstschenken. Ferner verlieh der Kaiser Den Staatsministern Goßler, Scholz und Bronsart v. Schellendorf den rothen Adlerorden 1. Klasse mit Eichenlaub, dem Admiralitäts-Chef Caprivi den Kronenorden 1. Klasse mit Schwertern am Ringe. Prinz Heinrich ist zum Kapitän-Lieutenant und General-Lieutenant Biehler, Chef des Jngenieur- Corps, zum General der Infanterie ernannt. Orlow nimmt an dem heutigen Diner bei Bismarck Theil; vorgestern Dinirte dort auch Saburow.

Zur Soirö im Schlosse sind etwa 750 Einladungen ergangen, außer an Prinzen, Prinzessinnen, fremden Fürstlichkeiten, an landsässige Fürsten, Für­stinnen, Botschafter, Missionschefs mit ihren Damen, Staatsminister nebst Ge­mahlinnen, Feldmarschälle, Generalität, Regiments-Commandeure, Garde-Corps, Militärbeoollmächtigte, ferner an anwesende Mitglieder des Bundesraths, ver­schiedene Mitglieder des Reichstags, Vertreter der städtischen Körperschaften, der Kaufmannschaft, an Rotabilitäten der Künste und Wissenschaften und viele an» bere Personen von Bedeutung. 2)ie, Illumination am Abend war äußerst glänzend. Außer zahllosen Privathäusern, welche bis in den entferntesten Stadt- lheilen im Lichterglanze strahlten, waren besonders wirkungsvoll illuminirt das Reichskanzler-Palais, das Palais des Fürsten Pleß, des Grafen Stolberg, des Grafen Rhedern, des Herzogs v. Ratibor, des Herzogs v. Sagau, die Minister- Mels, sämmtliche Botschafter-Hotels, die amerikanische Gesandtschaft, die Reichsbank, das Opernhaus, dessen Rampe zum erftenmale electrisch beleuchtet

war, das Rathhaus rc. Eine ungeheure Menschenmenge durchwogte zu Wagen und zu Fuß die Straßen -her Residenz. Die Ordnung wurde nirgends gestört. Fremde Fürstlichkeiten nahmen theils zu Fuß, theils zu Wagen die Illumination in Augenschein. Aus Dresden, Leipzig, München, Stuttgart, Darmstadt, Kassel und vielen andern Städten des deutschen Reiches liegen Festberichte vor.

Berlin, 22. März. Die Wahlprüfungs-Commission des Abgeordneten­hauses faßte gestern Abend den Beschluß, eine ihr von der Regierung zugegan» gene Rechtfertigungs-Schrift des Regierungs-Präsidenten Steinmann dem Abgeordnetenhause durch einen Nachtragsbericht mitzuthellen. Ferner beschloß die Commission, ihren früheren Beschluß ausrecht zu erhalten, jedoch in Be­tracht der gegen den Regierungs-Präsidenten Steinmann beantragten Unter- suchung den bezüglichen Antrag Dem Abgeordnetenhause in folgender Fassung zu unterbreiten: Die Staatsregierung zu ersuchen, das strafrechtliche Ermitte- lungsverfahren einzuleiten.

Hannover, 22. März. Die Feier bt§ G-buriSiagS Sr. Majestät des Kaisers ist gestern Abend mit einem großen Zapfenstreich etngeleitet worden- Heute früh durch­zog eine Militär-Reveille die Stadt. In den Kirchen wurden Vormittags Gottesdienste abgebalten, nach welchen große Paroie-AuSgabe stattfand. Am Nachmittag vereinigten sich Officiere. Beamte und Bürger zu FestbinerS.- ben Abenb ist eine allgemeine patttottfche Feier im Palmengarten arrangtrt.

Kiel, 22. März. Der Korvetten-Kapitän Frhr. v. Seckendorf ist zum Flügeladjutanten ernannt. Wie dieKieler Ztg." rnittheilt, hat Se. Maj. der Kaiser hierbei ausgesprochen:Er freue Sich, durch Diese Ernennung der ganzen Marine einen Beweis Seines gnädigen Wohlwollens und der vollen Zufriedenheit mit ihrer fortdauernden, gedeihlichen Entwickelung geben zu können."

Dresden, 22. März. Die Masernerkrankung des Prinzen Georg nimmt einen regelmäßigen Verlauf. Heute war der Patient fieberfrei und hat etwas Nahrung j)U sich genommen.

Leipzig, 22. März. Die Stadt prangt im reichsten Fahnenschmuck. Die Reveille wurde von sämmtlichen Militär-Musikcorps ausgeführt. In allen Schulen und Lehranstalten finden Festakte statt. In dem Krystallpalast ist eine Festtafel veranstaltet, an welcher die Spitzen der Behörden theilnehmen werden; außerdem ist in vielen Lokalen für den Abend eine patriotische Feier vorbe­reitet. In dem Theater wird eine Festvorstellung stattfinden und die öffentlichen Gebäude und Plätze werden glänzend illuminirt werden.

Straßburg, 22. März. Der Geburtstag des Kaisers wurde beim schönsten Wetter festlich begangen. Während früh Choräle vom Dome herab den Festtag begrüßten, wurde mit einem von den Bauleuten veranlaßten feier­lichen Akte der erste Quaderstein zum neuen Kaiser-Palaste, dessen Fundamen- tirungs-Arbeiten nahezu vollendet sind, eingelassen.

Hesierreich.

Wie«, 22. März. DieWiener Abendpost" schreibt: Seine Majestät der deutsche Kaiser, der erlauchte Freund und Verbündete unseres erhabenen Herrscherhauses, begeht heute unter den Segenswünschen der gesammten deutschen Nation in voller geistiger und körperlicher Frische das 87. Geburtsfest. Gleich ihrem erhabenen Monarchen begleiten auch die Völker Oesterreich-Ungarns dieses schöne Fest im deutschen Kaiser- Hause mit den innigsten Wünschen und den herzlichsten Sympathien, von der Ueber- zeugung durchdrungen, daß der feste Bund der beiden befreundeten Regentenhäuser von Deutschland und Oesterreich - Ungarn als die sicherste Bürgschaft des Friedens nicht blöd den beiderseitigen Völkern, sondern ganz Europa zum Heile gereicht.

Wien, 22. März. Die Gesellschaft der Wiener Aerzte beschloß, die deutsche Cholera-Commission bei ihrer Rückkehr aus Indien auf der Durchreise in Wien feierlich zu begrüßen.

Schweiz.

Bern, 22. März. Der Bundesrath hat die Anarchisten Kennel (Bayern), Schultze (Schlesien), Falk (Steiermark), Lissa (Böhmen) aus der Schweiz ausgewiesen.

Bern, 22. März Als Motiv für die vom Bundesrathe angeordnete Ausweisung der Anarchisten Kennel, Schultze, Falk und Lissa aus dem Bundesgebiete wird angegeben, daß dieselben nahe Beziehungen zu den in Wien verhafteten Anarchisten Stellmacher und Kammerer unterhalten hätten. Die Thatumstände thäten eine eigentliche Theil- nähme derselben an den von Stellmacher und Kammerer begangenen Verbrechen zwar nicht dar, sie kämen einer solchen doch aber nahe, auch hätten Kennel und die drei anderen Ausgewtesenen die Behörden bet den Nachforschungen nach den Urhebern der Verbrechen irregeleitet.

Norwegen.

Christiania, 22. März. Das Reichsgericht verurtheilte heute auch den Staatsrath Helliesen zur Amtsentsetzung.

Amnkreich.

Paris, 22. März. General Millot meldet unterm Heutigen, daß die von dem General Briere genommene Citadellr Thai - Ngnyen von Chinesen vertheidtgt gewesen sei; man habe große Munittonsvorräthe darin vorgefunden. General Brtere werde morgen nach Hanoi zurückkehren; derselbe bringt eine Menge Fahnen und 40 Bronce- kanonen als Sicgesbeute mit. Die französischen Truppen hätten keine Verluste gehabt, diejenigen der Feinde seien beträchtlich. General Negrier sei am 20. d. M. mit einer Batterie Kruppscher Kanonen zurückgekehrt.

England.

London, 22. März. DerTimes" wird unterm 15. ds. aus Khar­tum gemeldet, daß Der von Gordon entsandten Expedition es gelungen, die 500 Mann starke Garnison vor Halfaya zu entsetzen. Zahlreiche Rebellen