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Beilage ;u Ur. 197 des „Gießener Anzeiger".
Flandern und Brabant,
zwei deutsche Länder.
(Schluß.)
Dort spricht man sein uraltes vtämtscheS Deutsch nach wie vor. Brüssel bildet also keine Sprachgrenze, sondern jeder Schritt auf'S Land hinaus beweist, daß alle die französtrten Dorfnamen eine echte germanische Bevölkerung bergen. Was allein die Sache entstellt, da« ist der welsche Zopf, den nach dem Vorbllde der Potentaten des vorigen Jahrhunderts der belgische Hof in dem überwiegend niederdeutschen Lande immer noch nicht abwerfen mag, in der Meinung, es sei richtiger, französisch als national zu erscheinen, während da« erwachsende VolkSbewußtsetn den Widerspruch eines TageS recht unangenehm fühlbar machen könnte.
In Deutschland aber sollte man endlich aufhören, diesem Hofe zu Liebe das alte einstige deutsche Land für eine französisch redende Gegend anzusehen, vielmehr wolle man die sprachlichen Anstrengungen der vlämsichen Literaten nur kräftig unterstützen und man wird sich bald genug ohne Französisch verständigen.
Die Unterschiede zwischen VlämtngelN und Wallonen sind auf den ersten Blick erkennbar. Erstere erscheinen ganz deutsch, mit hellblondem oder flachSgelbem Haar, blauen Augen, weißer Gesichtsfarbe, letztere sind dunkler gefärbt mit schwarzen Augen und Haaren. Der Wallone ist rascher, aber schnell müde; der kleine gedrungene Vlämmger ist phlegmatisch, aber er dauert aus wie der Holländer. Der Erscheinung nach ist freilich der Wallone hübscher, flotter, weil der Vlämtnger leicht zu schwerfälliger Corpulenz neigt, waS den Frauen mit der Zett etwas unangenehm steht. In Brabant habe» sich die Rassen schon häufig vermischt, da dort die meisten Berührungspunkte liegen und dort hat sich auch ein Dialekt entwickelt, den anderswo weder die Vlämtnger noch dte Wallonen verstehen. Im Allgemeinen besteht aber gegen letztere eine lebhafte Abneigung und sehr bezeichnend sagt das vlämtsche Sprüchwort- „Was walsch tS, walsch iS."
Bet den Wallonen herrscht eben eine gewisse Tücke vor, die sich sehr oft in mörderischen Angriffen auf Andere äußert, so daß es selbst tm Heere schwer ist, dte Elemente friedlich zusammenzuhalten. Die Regierung hat geglaubt, sie könne durch Einführung des Französischen tn Schule und Amt den Ausgleich herbetführen und natürlich sollte sich dem der deutsche Töffel ruhig fügen, trotz seiner Ueberzahl; aber dte germanische Art ließ sich hier, wo man mit ernstem Willen an ihr festhtelt, noch viel weniger verrathen, als tm Elsaß, wo sie jetzt auch langsam wieder zu Ehren und Geltung kommt. Der Vlämtnger hatte dazu noch eine große, stolze Vergangenheit, eine an Stegen, sogar über französische Könige, reiche Geschichte aus feiner alten Grafen- zeit und so mußte er sich eher noch fühlen können, als der Elsäffer, dessen Land tn Dutzende kleiner Reichöbrocken zersplittert gewesen war. Dte Wallonen als Vertreter des Gallterthums tmpontren auch nicht sehr und so kam es endlich doch -dahin, daß selbst der belgische Thronfolger den Titel eines Grafen von Flandern erhielt-
Die Bewegung ist jetzt so lebendig, daß Belgien eine künftige Zertheilung fürchten müßte, wenn nicht Handel, Industrie, Bergbau und Schifffahrt überall so reich entwickelt wären und bas starke Bindeglied bildeten, welches schon tn feinem Entstehen beide Rassen umfaßte. Schon vor Jahrhunderten waren Gent, Brügge und Löwen reiche Fabrtkstädte, Antwerpen und Brüssel tüchtige Handelsemporten, wahrend Namur und Lüttich sich entwickelten; in Eintracht standen alle gegen die Macht der Fürsten im Felde und schützten ihre Rechte. Vom „bösen Blut von Lüttich" sprach der Burgunder Karl der Kühne, und von den „harten Köpfen von Flandern" Kaiser Karl V, den seine eigene GeburtSstadt Gent einst gefangen hielt. Muthtgcr haben deutsche Reichsstädte nirgends gegen AdelShochmuth gestritten, als eben dort im Niederlande. Damals fanden sie sich als Ganzes und lernten einander achten, als Ganzes schufen sie eine hohe vaterländische Blüthe der Kunst und Industrie, und die Kirche wie die weltliche Herrschaft achtete stets die Eigenarten des Völkchens, das auf seinem Willen mit eiserner Beharrlichkeit zu bestehen weiß.
Es ist darum kein Akt großer Klugheit, wenn das jetzige ultramontane Regiment btm Lande die bereits tn ihrem Werthe erkannten Volksschulen wieder nehmen will und sicher wird eher ein Sturz des Cabinets erfolgen, als daß der Volkswille sich diesen ultramontanen Paragraphen fügte. Durch dte ganze moderne olamffche Literatur geht etn fretsinntger, ttefernster Zug, der bet seinem nationalen Emporstreben dem Romanismutz unmöglich behagen kann, und um so mehr sollte Deutschland an jener Literatur theilnehmen.
Aber auch eine Reise durch Belgien lohnt sich sehr. Man besuche nur das große schöne Antwerpen, wo der geistige Blick so weit hinausfltegt nach fernen Gestaden und wo er auch rückwärts schauend sich vertiefen kann in dte große Vergangenheit Da sind die Meisterwerke eines Rubens, van Dyck rc. bewahrt, da lebten auch die neuen Meister Wappers, de Keyser rc.; da gibt es hohe prächtige Bauwerke und alte, dunkle, mittelalterliche Gassen, aus deren Winkeln noch die spanische Zeit zu lauern scheint- Da schrieb Conscience seine herrlichen Werke und van RySwik seine Satyren wider das Franzosenthum am Hofe und dort begründete man die kampfgerüstete vlämische Literatur, dte dem Volke von den stolzen Tagen des Strettes wider dte Fremdherrschaft erzählte. Antwerpen ward in Gestalt jener Ltteraturrepublik zu einer Hochburg des Germanen- tdums und von dort au6 ward dte Liebe zum Vaterlande, zur eigenen besonderen, wie zur gemeinsamen deutschen Art wieder belebt, so daß die geistige Anlehnung an Deutschland immer enger wird.
Gerade der mächtige Widerspruch gegen die ultramontane Wtederbesettigung der Volksschule ist ein echt deutsches Zeichen und wir dürfen hoffen, daß in einem Jahrzehnt dte germanische Ueberzahl ebenso wie dte Schweizer in deutscher Mundart werden lesen und schreiben können. „ . ,
Brüssel ist ebenfalls heiter und lebensfroh, Löwen aber, das einst durch seine Tuchweber so berühmt war, sieht einsam aus und dte streng ultramontane Hochschule kann Ihm keinen freudigen Anstrich geben; Gent hingegen ist noch sehr gewerbflettztg; besonders interessant aber ist Brügge, einst, tm 13. Jahrhundert, der größte Handelsplatz tm Niederlande, wo Griechen, Italiener, Spanier sich mit den Kaufherren des Nordens trafen und alle Maaren Astens, selbst aus dem fernen China, zu finden waren. Damals hatte Brügge an 50,000 Häuser und 60 Kirchen, sogar das Recht 0 Noch immer sieht man dte Kaufhäuser der Genuesen, Florentiner, Portugiesen, Hanseaten. Oesterretcher und Engländer dort und dte prächtigen alten Gtldenhäuser mit ihrem Btlderschmuck und oft genug meint man, aus den weiten Hallen jener fernen
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Tage nicht entschwunden, als halte er dte ganze Stadt wie traumbefangen in einem Zauberschlafe oder Zauberbanne, unter dem sie nun recht still geworden.
In diesem Monate wird der Bann sich scheinbar für kurze Stunden lösen, denn es werden in Brügge große historische Festlichkeiten stattfinden, wobei unter besonderem Aufwande am 24-, 26. und 28. August das Leben Karls des Guten, Grafen von Flandern in Gestalt eines FestzugeS und tn den getreuen CostÜmen des 12. Jahrhunderts vor- getührt werden wtrd. Die alten Straßen und die alten Trachten, das mag etn gar seltsames Bild geben. Zugleich findet der niederländ sche Spra chforscher-Congreß statt, an dem auch Claus Grothe Theil nimmt- Dieser Congreß ist der Sammelpunkt aller Freunde niederdeutschen Wesens, dte Vereinigung der Kampfer für germanische Art in Belgien, die heute noch vergeblich auf etn Echo aus dem großen Deutschland harrt. Wer weiß aber, ob nicht eines Tages von Aachen und Brüssel sich über Brügge und Ostende auch ein neuer Verkehrsweg für den Handel bahnen möchte, der di se etwas abseits gelegenen belgischen Städte wiederum beleben und mit freiem deutschen Hauche erfüllen kann- Daß eine solche Zett komme, daß dte getrennten Brüder sich in einem Geiste wiederfinden und daß Deutschland auch auf die Wacht an den Ardennen mit hohem Stolze blicken möge, daS walte Gott!
___________________________Dr. Fr. Müller.
Vermischtes.
— Aus Stettin wird bet „Ostseezettung" geschrieben: Ein bei einem hiesigen Kaufmann tn Dienst stehendes Mädchen wollte wegen eines Todesfalles in feiner Familie nach Hause reisen- Es wurde ihm gestattet unter der Bedingung, bet der Rückkehr durch amtliches Attest nachzuweisen, daß der in der Familie des Mädchen« Verstorbene nicht an einer ansteckenden Krankheit gestorben sei und daß in dem Orte überhaupt keine ansteckende Krankheit herrsche. Das Mädchen kam darauf mit folgendem Zeugmß des Standesbeamten zurück: „Es wird hiermit amtlich bescheinigt, daß in meinem Bezirke keine ansteckende Krankheit geherrscht hat. Der rc. rc. ist an feiner eigenen Krankheit gestorben."
Parts, 15. August. In dem kleinen, bei Vintimille tn der Umgegend von Nizza gelegenen Orte Latte hat sich ganz Unerhörtes ereignet. In diesem Dorfe starb vor einigen Tagen ein angeblich an der Cholera erkrankter Mann. Die Furcht des Bauernoolkes war so groß, daß man, ohne den Besuch des Todtenbeschauers abzuwarten und dem Worte des Pfarrers vertrauend, welcher dem Sterbenden dte Sterbe- facramente verabreicht hatte, die Leiche in einen schnell fertiggefteüten Sarg legte und diesen dann in etn am Eingänge des Kirchhoff sich befindendes Loch warf, das früher als Kothgrube gedient hatte. Vier Tage später sah der Todtengräber, als er sich zu seiner Arbeit begab, einen ganz nackten Mann, der auf einem halb offenen Sarge saß. Es war dies angebl ch der an der Cholera Verstorbene, der au8 seiner Erstarrung erwacht war und genug Kraft gehabt hatte, um die Bretter seines Sarges zu zerbrechen. Die unheimliche Nachricht verbreitete sich schnell und die in Schrecken versetzte Bevölkerung wollte den Wiederauserftandencn mit Sensen vollends töbten und ihn in sein Giab zurückwerfen. Glücklicherweise legten sich einige entschlossene Männer ins Mittel und das scheußliche Verbrechen wurde nicht begangen. Der Arme wurde schließlich nach feiner Wohnung gebracht und starb nach kurzer Zeit, aber nicht an der Cholera, welche er nie gehabt, sondern an den Folgen seiner viertägigen Einsperrung.
— Das Testament Heinrich Laube's wurde am 14. d. eröffnet. Daffelbe setzt Professor Hänel zum Universalerben ein, bedenkt dte Pflegetochter Laube's, Fräuletn Haas, mit 200,000 fl. und die übrigen Verwandten mit Legaten von 2—30,000 fl. Die Dienerschaft erhielt 200 fl. Weder ein Schriftsteller- noch ein Schauspielerfonds ist bedacht; von dem literarischen Nachlaß ist nichts erwähnt.
— (Ein seiner Schneide.) In London starb am 5. d. der „erste Schneider der Welt", Isaak Moses. Derselbe hielt sich einen eigener „Dichter", der ihm die gereimten Inserate verfaßte. Moses empfing feine Clienten stets in höchster Gala, lud sie in fein Comptoir und servirte ihnen Champagner, Sherry, Austern rc. In den Nebensälen befanden sich eine Bibliothek, eine Sammlung ausgestopfter wilder Thtere und Gemäldesammlungen zur Z rstreuung der wartenden Kunden. Die königlichen Prinzen ließen Kränze und Blumen auf den Sarg ihres Leibschnetders legen- Moses hinterläßt mehrere Millionen Gulden-
— Etn Börsenspeculart hatte fallirt, was thn aber nicht abhielt, noch während sein Concurs abgerotefdt wurde, täglich spazieren zu reiten- Darüber ärgerten sich seine Gläubiger natürlich furchtbar und eines Tages erschien im gelefenften Blatt der Stadt folgendes Epigramm:
An Herrn M .... in Concurs.
Mein Freund, du mußt nur recht verstehen, Was des Volkes Stimme spricht: Es kann der Mensch wohl Pleite gehen. Doch Pleite retten soll er nicht!
Am andern Tage stellte Herr M- seine Spazierritte ein.
— ^Salomonisches Unheil.) Vor einem Friedensrichter in Paris erscheint ein Ehepaar, um sich nach zehnjähriger Ehe scheiden zu lassen. — „Haben Sie Kinder?" fragt der Richter. — „Allerdings, mein Herr!" — „Wie viele?" — „Drei, zwei Jungen und ein Mädchen! Und das ist der Grund, weshalb wir zu Ihnen kommen. Madame will zwei Kinder behalten, ich aber auch!" — „Wollen Sie," fragte der Richter, „sich Beide mit meiner Entscheidung zufrieden geben?" — „Oui, Monsieur“, rufen Beide. — „Wohlan! Sie warten Beide, bis ein viertes Kind kommt! Dann hat Jedes von Ihnen zwei Kinder und ich werde bestimmen, wte sie verthetlt werden sollen!" Das Ehepaar fügt sich und der Richter hört nichts wieder von ihnen. Endlich, nach mehr als zwei Jahren, begegnet er dem Gatten- — „Eh bien! Monsieur! Wie steht es?" — „Ach, Herr Richter, von einer Trennung kann jetzt noch nicht die Rede sein!" — „Noch nicht?" — „Nein!" - „Weshalb?" — „Nun haben wir wieder fünf Kinder!" — „Also warten wir noch." meinte der Richter-
— (Naive Logik.) Madame kommt vom Theater nach Hause und findet Minna in der Küche über einem Colportage-Roman sitzend und eifrigst lesend. Vor der bildungssüchtigen Küchenfee stehen zwet brennende Lichter. Madame ist natürlich empört Über diese Verschwendung und herrscht die tn die Lectüre Versunkene an: „Aber, Minna, ich glaube gar, du brennst zwet Lichter zum Romanlesen!" „Iwo, Madame", entgegnet ruhig das Mädchen, „bet is ja man een Licht! Ick habe bet eene bloß in -wee Stücken geschnitten!"
t Anzeiger.


