Ausgabe 
24.4.1884 Zweites Blatt
 
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»erben. Man laßt bfe jungen Leute burch Gymnasien gehen, auch wenn sie nicht flnbiren sollen. Von Setten des Gymnasiums wird das Lob der alten Sprachen ouSposaunt und die Regierung unterstützt dieses Bestreben durch Vorenthalten der Be­rechtigungen. Redner ist ober trotzdem der Ansicht, daß die Realschulfrage in kürzester Frist befriedigende Lösung finde und stützt dieses auf folgende Punkte:

Die Leistungen der Realschulabiturienten sind erwiesenermaßen sehr gut. Die Realschulen haben bereits eine Anzcihl Professoren und Privatdocentm vorgebildet. An den kleinen und mittleren Universitäten vollzieht sich ein günstiger Umschwung be­züglich de« Urthetls der Professoren über die Realschulfrage. Eine BundeSgenossenr schäft erwächst der Realschule in der UeberbürdungSfrage. Die Stundenzahl muß verringert werden. Die Verringerung wird namentlich das Griechische treffen. Eine wettere BundeSgrnossenschaft erwächst der Realschule durch den M'nister selbst, der erkannt hat, daß die Gymnasien in Folge des Berechttgungsmonopols viele Schüler veranlassen, zu studiren, die eigentlich nicht studiren wollten. Dadurch werden, abgesehen von anderen Mißständen, dem gewerblichen Leben v'elr Kräfte entzogen. Die Gym- naflalbildung ist für daS gewerbliche Leben unpraktisch. Die Gymnasien in allzu großer Zahl werden in Zukunft den Staat anklagen

Der Vorstand hat gethan, was in seinen Kräften stand, durch Publikationen und Petitionen. Die rege Bethetltgung der Delegirtm verschiedener Zwetgvereine (72) be­weist das nicht wankende Bestreben, volle Berechtigung für die Realschule zu erringen. Wirke jeder in seinem Kreise, so kann die Gleichberechtigung nicht ausbleiben.

Es wurden nun 5 Thesen, welche den augenblicklichen Stand der Realschulfrage und die Bestrebungen des Allgemeinen deutschen Realschulmännerveretns kurz zufammen- fasien, mit einer kleinen Abänderung genehmigt.

Hierauf berichtet Herr Dr. de Loos (?) über die Realschulfrage in Holland. Die erzielten Resultate sind pünsttq, man hofft auch dort auf baldige Gleichberechtigung.

Donnerstag den 10. April fand noch eine geheime Sitzung statt, in der Interna und die fernere Thättgkcit des Vereins besprochen wurde.

Die Delegirtcuversammlung wurde mit einer F^stfahrt nach dem Siebengebirge beschlossen.

In Hessen besteht ein Realschulmänner-Zweigverein in Offenbach. Es liegt die Absicht vor, in allen größeren Städten Hessens, wie sonst in Deutschland, Realfchul- männerveretne zu gründen Der einzige Zweck dieser Vereine besteht in dem Bestreben nach vorurtheilsfreier Würdigung der Leistungen der Realschulen. Die Gleichberechtig­ung mit dem Gymnasium kann dann nicht ausbletbeu. Die Realschulfrage ist nicht allein pädagogischer Art, sondern eine brennende Frage der Gegenwart überhaupt, an deren Lösung nicht nur die Lehrer der Realschulen, sondern auch Leute auS allen übrigen Lebensstellungen, Beamte, Arrzte, Theologen, Ossiciere, Kaufleute, Industrielle, sich be­theiligen. wie ein Blick auf die Bestandlisten der Realschulmännervereine zeigt, oder im eigenen Interesse sich betheiltgen sollten.

Auch hierher ist bereits eine Aufforderung zur Bildung eines Rcalsckulmänner- vereinS gelangt. Wie weit der Verein in Thätigseit getreten ist, darüber verlautet noch nichts. ES ist aber wohl anzunehmen, daß die Realschulen und deren Freunde gern geneigt sind, durch Antheilnahme an den Bestrebungen des Allgemeinen deutschen Realschulmänneroereins daS Interesse der Realschulabiturtenten nach Kräften zu vertreten. V.

Vermischte H.

Darmstadt, 18. April. In der jüngsten Nummer herLandw. Zeiischr." ist ein intereffanter Bericht über die Thätigkeit der landwirtbschaftlichen Versuchsstation im Jahre 1883 erschienen. Hiernach wurde b<e Station auch im abg?lausenrn Jahre in hohem Maße von Covsumvereinen, Fabrikanten und Händlern in Anspruch ge­nommen. Die Anzahl der eingesendeten Untersuchungsgegenstände betrug 2293, d«e der «xpedirten Briefe 3400, und zwar bestanden die UatersucdungsaegenstSnde auS 873 Proben Düngemittel, 674 Proben FuttermMel, 154 Weinproben, 167 Proben von Heu, Rüben, Kartoffel», Zucker, Maische, Bodenarten, Master, Most rc., sowie 426 Proben landwirtbschaftliche Sämereien. Während die Proben von Düngemiiteln im Vergleich zum Vorjahr gleichgeblieben, diejenigen von Futtermitteln und Sämereien bedeutend gestiegen sind, ist bezüglich der Weinuntersuchungen ein Rückgang zu verzeichnen, welcher jedenfalls aus die Ereirung eines chemischen Untersuchungsamtes in Darmstadt und

die Etablirung eines chemischen Untersuchungsamtes zu Mainz zurückzuführen ist Station, welche bekanntlich unter der Leitung des hochverdienten Herrn Professor Daul Wagner steht, hat auch im verflossenen Jahre auf dem Gebiete wissenschastUcher Forschung eine höchst anerkennenswerthe Thätigkeit entfaltet und ist es nur freudia zu begrüßen, daß ihr durch lieberiDetfnng neuer, mit besseren Einrichtungen »er. sehener Räumlichkeiten und Anlegung eines Dersuchsgartens ein weiterer Vorschub geleistet wird.

r..^aflcL EinSpaß", welcher in seiner Art wohl einzig dastehen dürfte wurde am stillen Freitag, den 11. d., Nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr, auf der Eisen^ohn- strecke Kassel-Waldkappel in der Nähe der Station Niederzwehren auSaeführt Drei Soldaten und etn Schäfer wetteten, den Personenzug, welcher Nachmittags von Kastel nach Waldkappel fährt, zum Stehen zu bringen; der Schäfer bildete den gegen die drei Soldaten wettenden Thetl und wollte die Wette um jeden Preis gewinnen Er legte sich also quer über die Schienen, um so das Zugpersonal glauben zu machen er wolle sich todtfahren lassen. Der Locomotivführer sieht den auf der Schiene lieaenben Mann und bringt den Zug rechtzeitig zum Stehen. Als der Schäfer hierauf das Hasenpanier ergreift, eilt ihm der Hetzer nach und erwischt ihn bald, um ibn mit seinem Besen tüchtig durchzubläuen. Zwei Soldaten laufen davon, während der Dritte ein Gefreiter M., dem Schäfer beizustehen versucht, von dem Zugführer und dem Maschinenmeister aber festgenommen und der Station Niederzwehren zur Weiter­beförderung überliefert wird. Die Wette hat der muthige Schäfer zwar gewonnen dem ersten Nachspiel in Gestalt der wohlverdienten Prügel dürfte aber noch ein zweites vor Gericht folgen.

£ A - lDer Massenmörder von Neapel) Die italienischen Journale bringen noch fortwährend Details über die Person des Soldaten und Massenmörders Masdei welche in demselben mehr ein wildes Thier als einen Menschen erkennen lassen Als man sich seiner bemächtigt hatte, konnten die Oifiziere nur mit Mühe verhüten daß die wüthevden Soldaten denselben in Stücke rissen. Der Lieutenant-Adjutant Pistoleff und Lieutenant T'.scornta richteten im Gefängnisse mehrere Fragen an ihn, um ihn zu beruhigen und den Beweggrund seines Verbrechens zu erfahren. Er antwortete mit cynischer Rahe und erzählte die That mit allen ihren Details, als ob es die einfachste Sache der Welt wäre. Man hatte einen Kalabresen beleidigt, darauf habe er fein Gewehr geladen und geschaffen. Nichts weiter. Den Ostertag hatte er mit einem gewesenen Trompeter, seinem Freunde, zugebracht, mit ihm gespeist, aber dabei nickt ju viel getrunken. In der Folge gab er etwas aus seinem Leben zum Besten. Er sagte aus, daß er schon in feiner Heimath drei Mordversuche begangen habe. Einmal habe er sich in einen Hinterhalt gelegt und ein Individuum, das ihn beleidigt batte mit einem Revoloerschuffe am Arme verletzt. Im Proceffe darüber mangelten Beweise und er kam mit fünf Tagen Gefängniß davon. Masdei erklärte, daß er für Niemanden Zuneigung fühle, nicht einmal für seine Mutter. Obschon selbst Kalabrese, haßte er auch diese, aber er litt nicht, daß man ihnen Uebles Nachrede. ES kümmert ibn wmtg, welches Loos ihn erwartet. Er zeigte sich gleichgiltig gegen den Tod- bas Gefängniß im Castells bell' Uovo jagte ihm keine Furcht ein. Er erinnerte aus diesem Anlaß selbst an die Geschichte eines Mönches, der den Pater Guardian erschossen hatte weil er hn E schlafen ließ. Als man in diesem Augenblick von der Existenz eines chauderhafttn Bagnos sprach, begnügte er sich mit der Erwiderung:Im Bagno werde ich schlafen, so viel mir beliebt." Masdei war öfter wegen DiSciplinarvergehen bestraft Horden. Er sagte, baß er bieselben begangen habe, nur um ins Gefängniß zu kommen. Dieses gefiel ihm weil er nicht zu exerciren brauchte und ruhig schlafen könne Er zeigte nicht einen Schatten von Reue und sagte selbst:Für eine solche Beleidigung würde ich zum Räuber werden."Uebrigens," sagte er wie zum Schluffe bade iw noch drei männliche Brüder, die mich rächen werden." @r fpra» ta fdier 8eDe ^ständig von Rache; er wolle seine Feinde tödten, sie lebendig verbrennen und ihre Leber verzehren." Er klapperte dabet fürchterlich mit den Zähnen, ja man kann ohne Uebertretbung von ihm sagen, daß er dabei auch förmlich brüllte.

K)

Dr. med. H. Gensch, «MÄSÄÄÄt

1 und db. btittßfriase 22 L Auswärts brieflich.

Vergebung von ChauPrungsarbeiten. Diezum Neubau der KreiSstraße von Reiskirchen nach Hatten­rod erforderlichen, zu 1055 Jl. ver­anschlagten, Chaussirungsarbeiten (aus­schließlich Steinzerkleinerung) sollen im Wege mündlichen Abstreichs loos- weise vergeben werden.

Bedingungen und Kostenvoranschlag sind auf Großherzogl. Bürgermeisterei Reiskirchen einzusehen, woselbst auch

Samstag den 26. d. M., Nachmittags 2Vs Uhr, der Versteigerungs-Termin abgehalten Wird.

Sonstige Auskunft ertheilt Bezirks- Lauausseher Maring er in Grünberg.

Gießen, den 18. April 1884.

Der Kreisingenieur.

2782___________Gnauth._____

Dsmrerstsg den 24. April,

Nachmittags 2 Uhr, sollen im Weinsaal, Bahnhof­straße 31, die zum Nachlaß des ver- storhenen LocomotivfLhrer Schenk ge­hörigen Haushaltungs - Gegenstände, be­stehend in Möbeln, Bettwerk, Weißzeug, Küchengeräthen, namentl. 1 Schreibsecre- tär, Kommoden, Kleiderschränke, Tische, Stühle, Sopha's, Bettstellen mit Sprung­feder-Einlagen, Küchenschrank mit Glas- auffatz, Singer-Nähmaschine, eine Parthie kleingemachtes Holz, einige Malter Kar­toffeln und sonstige Gegenstände versteigert Werden. 2840

Hoffmann, Ortsgerichtsmann.

Gut gebrannte

Backsteine find fortwährend zu haben bei Christ. Haubach, 2642 West-Anlage 25.

Allgemeiner Anzeiger.

BstanTtmachnng.

VSM 1. Mai ab befindet fich die StaVt- hzofft im Neubau des Herrn W. Spruck. der SchuLftraste und Wagengasfe.

Gießen, 19. April 1884.

Kaiserliches Dostamt.

_______________Ritsert. _________________

J. P»

Bismarckstraße, nächste Mhe der Realschule uud Gymnasium, Specialitat: Schulartikel empfiehlt sich den Schülern beider Schulen unter Zusicherung aufmerksamster und streng reeller Bedienung._____________________________________________2835

Trager, Säulen, Kaminfchisber, AbtrittSrohre, Canalrahmen, Küchengossen und sonstige Gußwaaren, Cement, in ganzen und halsten Tonnen, empfiehlt 2421 Jf; G. D. Bay st.

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Vergebung von Banarbeiten.

Die nachstehenden, zur Erbauung eines Schulsaales für die Gemeinde Albach erforderlichen Arbeiten sollen im Wege schiistlicher Submission ver­geben werden: veranschl. zu

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Zimmerarbeiten 728,36

Dachdeckerarbeiten 620,39

Spenglerarbeiten 201M

Schlofferarbeiten 354,10

Glaserarbeiten 446,30

Schreinerarbeiten 976,63

Weißbinderarbeiten 595,73

Pflasterarbeiten 140,

Pläne und Detailzeichnnngen, Vor­anschlag und Bedingungen sind auf Großherzogl. Bürgerineisterei Alb ach einzusehen; ebendaselbst findet

Samstag den 26 d. M , Bormittags 10 Uhr.

bie Eröffnung der verschlossen und mit entsprechender Aufschrift einzureichen­den Offerte statt.

Weitere Auskunft ertheilt Bezirks- bauaufseher Seuling in Gießeu.

Gießen, am 18. April 1884.

Der Kreisingenieur. 2781 Gnauth.

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