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Nx. 273 Freitag den 21. November 1884
Kießmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
»Nl'-O« r Schulstraße 7. «rf^eint täglich mit deS »entag*. ^u/ck^die^Post^ bezogen Mkries jährlich 2^^^^
Amtlich er Hheit.
Bekanntmachung»
Montag den 8. k. Mts., Nachmittags 3 Uhr, findet in öffentlicher Sitzung in unserem Saale Nr. 18 die AuSloosurrg der Schöffen für das Jahr 1885 statt.
Gießen, am 15. November 1884. Großherzogliches Amtsgericht.
politische Ueberficht.
Gieffen, 20. November.
Der Bundesratb lehnte in seiner Plenarsitzung am Montag den Reichstagsbeschluß wegen Aushebung des ExpatriirungS-GesetzeS ab, nahm dagegen den Antrag Ackermann, betr. die Ergänzung des § lOOe der Gewerbeordnung, an unv genehmigte auch die Dampfer-Subventions-Vorlage.
An diesem Donnerstag, den 20. November, findet die feierliche Eröffnung des neugewählten Reichstages unv hiermit zugleich einer neuen Legislatur-Periode im Weißen Saale des Königlichen Schlosses zu Berlin statt. Kaiser Wilhelm hat es sich nicht nehmen lassen, diesen wichtigen Act in Person zu vollziehen, wodurch derselbe noch eine erhöhte Bedeutung erhält. Der Eröffnung geht, wie üblich, ein kurzer Gottesdienst für die Reichstags - Mitglieder voran, welcher für die Protestanten im Dome, für die Katholiken in der St. Hedwigskirche abgehalten wird. — Der neue Reichstag ist zur Lösung wichtiger Aufgaben berufen und die Spannung, mit welcher man leinen Verhandlungen entgegensieht, erscheint daher gerecht- sertigt. Wir nennen in dieser Beziehung nur das Postsparkaffen-Gesetz, die erneuerte Dampfer-Subventionr-Vorlage und die Novelle zum Unsallverstcherungs- Hesetz, betr. die Einbeziehung der in der Land- und Forstwirthschast und in den TranSport-Gewerben beschäftigten Arbeiter in da» Gesetz. Diese Vorlagen werden den Reichstag neben dem Etat zunächst beschäftigen, wichtige Entscheidungen harren aber daneben noch seiner, rote denn z. B. an ihn wiederum die Frage wegen Verlängerung de» Socialisten-GesetzeS und dann auch diejenige über Erneuerung des MMär-Septennats herantreten wird. Hoffentlich werden die Entscheidungen des neuen Parlaments so fallen, wie sie das Interesse für die Wohlfahrt des Reiches erheischt.
Eine bezeichnende Aeußeruug ves Kaiser» über das Anwachsen der socialistischen Stimmen bei den letzten Reichstagswahlen giebt der „Pirnaer Anzeiger" wieder und verdient dieselbe in den weitesten Kreisen bekannt zu werden. Dem genannten sächsischen Blatte zufolge erkundigte sich der Kaiser bei einer Audienz, die er dem sächsischen Hauptmann v. Carboroitz gewährte, u. A. auch nach dem Ausfälle der Wahlen in der Pirnaer Gegend, wo Herr v. Car- bowitz snsässig ist, was derselbe mit einem Hinweis aus das Anwachsen der socialtstischen Stimmen beantwortete. Niedergeschlagen bemerkte der greise Monarch , daß es sein ganzes Streben und Wünschen bildete, es von oben bis unten jedem Staatsbürger angenehm zu machen, und er daher um so mehr bedauern müsse, daß diese Mühe als vergebens erscheine und es noch immer so Viele gebe, welche den Worten der staatsfeindlichen Agitatoren Gehör und Glauben schenkten.
Die officiösen Choleraberichte au» Pari» weisen recht eigen* thümliche Schwankungen in ihren Zifferangaben auf. Von Samstag wurden 72 Cholera-Todesfälle, von früh bi» Sonntag Mittag 12 Cholera-Todesfälle gemeldet; ein späterer Bericht meldet, daß am Sonntag überhaupt in Paris 44 Personen an der Cholera gestorben seien, während er hinzufügt, daß vom Nonlag früh bis Montag Mittag in den Hospitälern nur 4 Personen an der Cholera gestorben seien, in der Stadt sei während dieser Zeit gar kein Cholera- Todesfall vorgekommen. Jedenfalls erschwert die täglich zweimalige Bericht- erfiattung die Drientirung über den Stand der Epidemie. In der chinesischen Angelegenheit ist nichts wesentlich Neue» zu verzeichnen, nur deutet die Meldung, chmesischerseits würden Anstalten getroffen, um durch englische und amertkanische Schnellsegler die Blokade von Formosa zu durchbrechen, daraus hin, daß man ii China noch nicht an Nachgiebigkeit denkt. In derselben, aus englischer Quelle flammenden und mithin nicht über jeden Zweifel erhabenen Meldung heißt e» ferner, daß im vorigen Monat 20 bis 30,000 chinesische Soldaten den Dang- tsekiang-Fluß in der Richtung nach Süden zu überschritten hätten.
In der Montags-Sitzung des englischen Unterhauses entwickelte der Premier Gladstone die Ansichten der Regierung über die Wahlreform- grage. Falls das Parlament die Wahlreform-Bill definitiv in der Herbstsession mnehme, sei die Regierung bereit, der Opposition in der Bill, betr. die Neu- tintheilmig der Wahlfitze, cntgegenzukommen, deutete aber zugleich an, daß sie entschlossen sei, aus der Annahme dieser Bill eine Cabinetssrage zu machen und 'vürde sich die Regierung die Aufgabe stellen, die Annahme der Vorlage im nächsten Jahre durchzusühren. Die Drohung mit Stellung der Cabinetssrage roirb ihren Eindruck auf das Oberhaus bei der bevorstehenden Specialberathung dtL Wahlreform-Bill nicht verfehlen.
Der Sturm im Glase Wasser, wie man den Conflict der Schweizer Bundesregierung mit der Regierung des Kantons Tessin bezeichnen könnte, hat sch bereits wieder gelegt. Von letzterer ist jetzt die Erklärung abgegeben worden,
sie wolle sich den Anordnungen de» Bundesrathes betreffs der von der Tessiner Regierung gegen die Stadt Lugano angeordneten Straf-Execution unterwerfen. Hiermit scheint der Conflict in der Hauptsache beigelegt zu sein, wenngleich die Wiederherstellung des Status quo nicht ohne Weiterungen und Ausflüchte der Tessiner Regierung erfolgen dürfte.
Die holländische Kammersession ist am Montag durch den König eröffnet worden. Letzterer gab seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß die so großer Interesse erregenden Neuwahlen zur zweiten Kammer in vollkommener Ordnung verlaufen seien. Weiter kündigt die Thronrede einen Gesetzentwurf an, welcher die von den Kammern angenommene Versassungsänderung in Bezug auf die Regentschaft sanctionirt, sowie einen ferneren Gesetzentwurf über die Regelung der eventuellen Vormundschaft für die Prinzessin.
Das Ergebniß der amerikanischen Präsidentenwahlen ist nunmehr ein definitiv feststehende». Die Mehrheit für den demokratischen Prä- stdentschaftS-Candidaten Cleveland ist jetzt auf 1078 Stimmen festgestellt und wirb dieses Resultat auch von den republikanischen Comitös anerkannt und somit Clevelands Sieg von den Republikanern selbst bestätigt. Am 4. März 1885, bi» wohin die Amtsgewalt des jetzigen Präsidenten Arthur läuft, wird Grover Cleveland den Präsidentenstuhl der mächtigen Unions-Republik einnehmen, womit dann die Herrschaft der Republikaner nach 20jähriger Dauer ihr Ende erreicht hat.
Das Chaos von widersprechenden Nachrichten Über die Lage im Sudan und speciell über das Schicksal Gordon'» nimmt eher zu als ab. Zwar präsentirt die englische Regierung fortgesetzt optimistisch klingende Briese Gordon'S, allein nicht mit Unrecht setzt man in die von englischer Seite über die Dinge im Sudan verbreiteten Mittheilungen Zweifel, wenn man auch anderseits hierüber auf wenig mehr als auf Gerüchte angewiesen ist. Das Eine scheint aber richtig zu fein, daß die englische Nil-Expedition zum Entsätze Khartums auf mehr Hindernisse stößt, als man in London annimmt. Die Beförderung der Expedition auf dem Nil stößt besonders in dessen oberem Laufe auf bedeutende Schwierigkeiten, hervorgerusen durch die zahlreichen Katarakte und auch das Verpflegungswesen findet größere Schwierigkeiten, als man ursprünglich gedacht ; im günstigsten Falle dürste die Expedition kaum vor Februar k. Js. an ihrem Endziele anlangen.
Darmstadt, 19. November. Am 17. November wurde der Großh. Amtsanwalt Theodor Seeger in Offenbach mit Wahrnehmung der Funktionen eines Staatsanwalt» bei dem Großherzoglichen Landgerichte der Provinz Oberhessen und
an dems. Tage der Genchtsaccessist Dr. Friedrich Buff in Offenbach mit Wahrnehmung der Funktionen eine» Amtsanwalts bei den Amtsgerichten Offenbach und Seligenstadt mit dem Sitze in Offenbach beauftragt.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs IsLtsr.
Berlin, 19. November. Der Kaiser und der Kronprinz sind heute Abend wohlbehalten von Letzlingen zurückgekehrt. Der Kaiser stattete alsbald der am Nachmittag einqetroffenen Großherzogin Mutter und Großherzogin Wittwe im Königsschloffe einen Besuch ab und nahm mit denselben den Thee ein.
— Die Kronprinzessin von Preußen ist Nachts 12 Uhr 28 Min. wohlbehalten wieder eingetroffen. Gleichzeitig ist Prinz Wilhelm von Dresden zurückgekehrt. Der Kronprinz empfing feine Gemahlin am Anhalter Bahnhofe.
Berlin, 19. November. In der heutigen Conferenzsitzung präfidtrte Staats- secretär Hatzi, lot. Setters Deutschlands wurde der Conserenz ein Project vorgelegt, welches bte Zwecke der Conferenz nochmals darlegt und Anträge enthält, welche durch die Conserenz zu Beschlüsstn zu erheben sein würden. Dieses Projrtt wurde an eine Commrssion verwiesen, welche aus Deutschland, Frankreich, England, den Vereinigten Staaten, Spanien, Belgien und Portugal besteht. Diese Commifion, welcher der französische Botschafter Courcel prästdtren wird, soll erstens die Abgrenzungen verschiedener Gebiete vom Congo seststellen, zweitens Ansprüche Verschiedener dort coa« currtrender Parteim formultren. An den Commisfionssitzungen werden technische Bet, räthe thetlnehmen, außerdem wird dieselbe alle Sachverständigen hören, deren Aeußerungen sie für wünschenswerth hält. Die Arbttt der Commission wird aus 6—8 Tage geschätzt.
— In der heutigen Sitzung des BundeSrothS wurde der ReichSbaushaltS-Etat für das Etatsjahr 1885-86 in Ausgabe auf 621,196,051 nämlich auf 556.314,286 X an fortdauernden und auf 64,881,765 X, an einmaligen Ausgaben, und in Einnahme auf 621,196 051 x festgestellt. Der Betrag der aufzunehmenden Anleihe beziffert sich auf 44.671,996 x


