Eindruck gemacht und speciell der Panik unter der Einwohnerschaft Neapels ein Ziel gesetzt.
Die Lage in Egypten und dem Sudan gestaltet sich allmählich zu einem wirren Knäuel von Widersprüchen, Ungenauigkeiten und Tendenznachrichten, so daß man in England mit begreiflicher Ungeduld aufklärenden Nachrichten über den wahren Stand der Dinge am Nil entgegensieht.
Der Zug der Engländer nach Khartum.
Von Dr. Fr. Müller.
Wenn jemals von den Briten ein Unternehmen von geradezu furchtbarer Tragweite und Bedeutung geplant worden ist, so ist es der nun bevorstehende Zug zur Befreiung des tn der Stadt Khartum, von den Schaaren des Mahdi elngeschlossencn Generals Gordon. Man mutz sich vorstellen, welche Bedeutung für Englands Ansehen und Machteinfluß der jetzige Zustand am Nil hat und welche unermeßlichen Folgen ein gewaltsamer Verlust d-s Nillandes für alle britischen Besitzungen haben muh, um sich klar zu machen, was vor Khartum entschieden werden wird. Die englische Presse ist sich dessen voll bewutzt und sie verfolgt mit tiefer Besorgntß die ge. troff enen Vorkehrungen für die Truppen, die mit General Wolseley den Marsch an- treten sollen. Bisher haben sich die Nubier als ganz andere Leute gezeigt und geschlagen denn die Horden Arabt Pascha's, und wenn jetzt einige Monate Ruhe vor dem Mahdi herrschte, so geschah dies, weil die Sudanesen mit ihrem Feldbau beschäftigt waren und daS Sinken des Nil abwarteu mutzten- Zweifellos geht die Sache aber nächstens ihren Lauf weiter, und Niemand weiß, ob Gordon überhaupt noch gerettet werden kann, denn der Marsch nach dem Sudan ist hart, mühselig und wett- Sollte aber die britische Armee durch die Schaaren des Mahdi und Propheten au5 El-Obeid eine ähnliche Niederlage erleiden, wie sie Hicks Pascha erfuhr, oder wie einst tn Afghantstun, dann könnte dies bis nach Indien hin erschütternd wirken, wo die jungtndische Partei ohnehin längst gegen alles Englische wühlt und hetzt, und bis nach Südafrika, wo die Boers des Caplandes wie der Freistaaten auf Befreiung vom britischen Einflüsse und Herstellung einer Union begierig harren. Europa darf wahrlich mit hoher Spannung dem Unternehmen Wolselly's folgen, denn dieser hat mehr zu retten als Egypten, und das Cabinet Gladstone steht einem fanatischen, starken Feinde gegenüber.
Der englische Befehlshaber steht vor der Wahl zweier Wege, doch kann er den einen, den zu Wasser stromaufwärts auf dem Nil nicht einschlagen, sobald der Nil, was gegen den Herbst hin öfter der Fall ist, allzu stark fällt und beladene Nilbarken nicht mehr genügend Kielwasser finden. Nach allen Berichten hatte man sich auf die Wasserexpeditton bereits eingerichtet und sogar Jrokffen'Jndianrr auS Canada kommen lassen, die als treffliche Bootsleute bekannt sind. Mehrere hundert Boote sollten die Truppen und dir Geschütze aufnehmen. Die Masse der nothwendigen Maulesel sollte, so wett eben möglich, die Expedition am Ufer begleiten; nun aber fällt gerade in diesem Herbst der Nil einmal besonders stark und so könnte wohl dem General nur der Ausweg bleiben, die Truppen bis nach Suaktm zu Schiffe über Suez zu bringen und sie von dort auS den äußerst gefahrvollen Wüstenmarsch antreten zu lassen.
Wenige Europäer haben eine rechte Vorstellung, wie eS oberhalb Kairos im Nilthale auSsieht, d. h. da, wo das eigentliche, ursprüngliche Wesen Egyptens noch ohne Culturiünche vorherrscht- Viel hätte Europa dort auch niemals bessern können, denn thatsächl ch besteht ganz Egypten und Nubien dazu aus einer einzigen wüsten Felsenhochebene, in welcher der N'l die einzige wesentlichere Etnsenkung und Cultur- strecke bezeichnet. Die Breite des von dem Strome angeschwemmten Landes ist nirgends über 15 Ktlomeier und dieser Streifen ist von starren, unbewachsenen, braunen Hügelketten etng.faßt, bestehend meist aus Granit und Sandstein, ohne jede Vegetation, selbst ohne Graswuchs, so daß, abgesehen von dem Grün der Flußrbene die Engländer sogar das Futter für die Thiere mttnehmen müßten.
Der östliche Rand, der der arabischen Wüste, ist der steilere; derselbe begrenzt eine einzige, furchtbar öde, schaurige Hochebene, ohne jede Quelle, ohne Oase, bis zum Rande des Rothen Meeres hin. Schwerlich gibt es viele so lähmend auf daS Ge- müth wirkende Erdstriche als diese östliche Wüste am Nil, von deren Besuche man schon nach wenigen Meilen Ritt rasch wieder absteht, denn die Pferde stürzen immerfort auf dem vulkanffchen Gestein und es ist weit und breit nichts zu sehen, als eben die lobte Felsenmasse und ab und zu eine Ruine eines Klosters aus uralter Seit, da hier die Einsiedler die Selbstpetviguug bi? aufs Aeußerste trüben.
Von Kairo bis Siut besteht daS Gebirge vorherrschend auS sogenanntem tertiären Nummulttenkalk, bis Esueh weiter aus Kretdelagern und bis Assuan auS Sandstein und Granit. Da ist für eine künftige Cultur absolut nichts zu hoffen, denn tnS- ^esammt läßt das Gebirge von den 551000 lUKm. Egyptens nur 5.4 Procevt frei, gleich 29,400 □ftat, und von letzteren sind 21000 wirklich bebaut, so daß auch eine gute Verwaltung wohl besser wtrthschaften, aber nicht viel mehr Boden gewinnen könnte. b
Weit landeinwärts gegen Osten finden sich wohl noch große Steinbrüche und Spuren von Bergwerken des Alterthums, wo einst Silber und Gold, Blei, Türkisen und Alabaster gegraben wurden; aber auch in diesen zu Mtttelegypten gehörigen Gegenden hat man offenbar den Arbeitenden die Nahrung irgendwie zuführen müssen und es ist kaum begreiflich, daß die arabischen Nomadenhorden nur dort durchziehen mögen.
Westlich vom Strome sind die Hügel etwas niedriger und wenigstens stellenweise freier Pflanzenwuchs auf dem Alluvialboden zwischen den ersten Vorhügeln vorhanden; dies ist aber für eine Flußexpedttion auch der einzige Trost, denn eS sind dort nicht mehr wie im Alterthume an 30,000 Orte, sondern oft nur kleine unter Dattelpflanzungen vorhanden. Der Strom selbst, der bei Assuan schon 1170 Meter breit ist, ist aus eine lange Strecke von circa 10 btS 13 Meter hohen Felsenrethen durchzogen und dies erschwert das Rudern vermöge der vielen Strudel ungemein.
.... 3“ d°m schmalen Thal- müßt- sich nun die englisch- Armee forth-lfen und fie Hütt-als Stationen nur die Städte Mtnlch, Slnt, Gtrgeh, Esneh, während dazwischen auf den ungeheuer langen Dtstanzm nothwendig an den Usern Rasttage gehalten "erden müßten. Da« Wetter ist um die Herbst.eit besonder» tn Ober-Egypten sehr mu/«llllbftkOkitR ’ bA bnB Unterlonb kühlende Wind fehlt dort gänzlich und -in- fernere Plage wird die nach dem Aufhoren der Ueberschwemmungen, d. b- nach Mitte Sep
tember schon auftretende Ausdünstung der Schlammmassen für die Truppen sein. Dor Ende September ist an den Beginn des VorrückenS überhaupt nicht zu denken, da sonst an den gar nicht erkennbaren Ufern des Flusses gar nicht Rast und Halt gemacht werden könnte und ein Kantonnement in den durch Wasserfluthen von einander ge- trennten Dörfern nicht, denkbar wäre. Es kann auch nicht auSbleiben, daß der Durchzug eine? immerhin zahlreichen fremden Heeres zu einer Zett, da die Bewohner sich überall fleißig der Aussaat widmen müssen und die Vorrätbe schon geschmolzen sind, vielfach Unzufriedenheit erregen muß, und die Engländer dürfen sich wohl ihres Ansehens freuen; denn wenn die landeinwärts hausenden fremden Stämme, die den Khedtvr niemals anerkannten, sich von der Bewegung des Mahdi erfassen ließen, könnte die ganze Armee in einer sehr schlimmen Falle setzen, aus der sie kein Kriegsschiff zu retten vermöchte. Glücklicherweise hat der Nil, wie gesagt, eine Breite von mindestens 11000 Meter und dies würde den eingeborenen Angreifern am Ufer in j<dem Falle den Erfolg vereiteln, obwohl doch gerade die westlichen Seitenthäler. wo die dunkelbraunen Hügel dir Trümmer alter Städte bezeichnen, durchaus nicht sicher sind, vielmehr ein sehr bedenkliches Wandeln unter Palmen barbieten könnten.
Fernerhin wird der zweite Ntlkatarakt bei Wabihalfa 'den Booten ein schweres Hinderntß sein, wie denn überhaupt Ober-Egyoten große Schwierigkeiten bereiten muß, benn manchmal erweitert sich das Thal bis zu 25 Kilometern unb verengt sich unterhalb Assuan wieder btS auf 2000 Meter. Das Gefälle ist zwar gering, denn Assuan liegt nur 31 Meter höher als Kairo, aber eine Unmasse Inseln stört den Lauf außerordentlich; auf. die Inseln kommen allein in Ober-Egypten 1100 □Kilometer Fläche. Meistens wird die Armee sich am Ostufrr halten müssen, da links daS flachere Ufer vielfach versandet ist, dafür aber gibt es nun an letzterem wieder btffere Dörfer, wo allenfalls Vorräthe zu finden wären. Jedenfalls wird eS eine äußerst kühne unb zugleich mühevolle Fahrt werden, die der englischen Armee bcvorsteht, wenn sie diesen Weg einschlägt, und unter drei Monaten wird die Flotille ihr Ziel nicht erreichen können.
Dann aber stehen auch die Sudanesen wieder im Felde. Von Dabbe bei Dongola aus kann der Weg abgekürzt werden, benn von dort aus geht durch die große westliche Sandwüste Bahiuda eine Karawanenstraße, so daß die weite Lförmige Biegung des Nil erspart bleibt; die Straße fübrt ganz direkt nach Khartum, aber sie wird auch jedenfalls von den Sudanesen auf's Aeußerste vertheidigt werden, denn dort gerade könnten die Engländer, fern vom Nil inmitten der Wüste, von einer Uebermacht am ehesten vernichtet werden, ohne, wie Hicks Pascha, die Flotte als Sicherheit zu haben. Sollte aber der Wasserweg beibehalten werben, so träfe die Armee zuerst noch auf VaS von den Insurgenten eroberte Berber, das hinter btm 5. Katarakt ringsum von der Wüste umgeben daliegt.
Diese Stadt kann vom Mahdi um so leichter gehalten werden, als ganz in der Nähe der Fluß Atbara mündet, der von Abessynten kommend, auf weite Strecken durch fruchtbare Gefilde zieht und erst an seinem Unterlaufe die Wüste sieht. In diesem Falle wird ein Kampf um Berber unausbleiblich sein, da dir Briten sonst total abge* schnitten werden könnten. Von Berber an ist der Nil seeartig unb bte Gegend elwaS stromauf gleicht den dichten Urwäldern Amerikas; alles ist ebene Niederung, von einer unbeschreiblich üppigen Vegetation bestanden, tnbeß der Fluß eine Menge Inseln bildet und sich bis auf 6000 Meter, zur Hochfluth sogar bis auf 30 Kilometer ausbreitet. Ec siebt meist grün aus, wird aber bei starker Fluth rot-braun. An beiden Ufern zieht sich die herrlichste Oase hin, so schön im Frieden rote gefahrvoll im Kriege mit den Eingeborenen.
Dauernd zu vertheidigen wird diese Gegend nicht fein, denn sie bietet absolut keinen Stützpunkt und nur die Furcht konnte Egypten die Herrschaft bisher sichern. Hinter der Oasenkette dehnt sich wieder zu beiden Seiten die Wüste. In jener ungeheuren Ferne von allem Beistand soll nun Englands Ansehen vertbeidtgt, der Feind in seinem Ursitze angegriffen werden, und das ist wahrlich ein Waaniß, denn eine Niederlage wäre ganz entsetzlich, sie käme einer Hermannsschlacht der Römer gleich. — Kürzer wäre allerdings der Vormarsch von Suaktm nach Berber auf demselben Wege, den s. Z. Gordon mit seinen Geldsäcken ritt; aber wer nur eine Idee von dem Zustande der endlosen Strecken von Kiesel, Sand und Felsbrocken hat, und unterbrochen von einzelnen höheren Hügeln, Alles ohne jeden Grashalm, ohne Wasser, die Mannschaft und die Thiere schon nach wenigen Stunden todtmüde auf den brennend heißen Kieseln hinsinkend, matt, mit wunden Füßen, unb dies auf einer Strecke, bte länger als 3 Wochen erfordert, der weiß, was ein solcher Wüstenmarsch bedeutet xnb wie dies die Vorrückenden gegenüber Den Arabern auf ihren ausdauernden Rosscn in Nachtheil dringen kann. Schon um des Wassers willen wird wohl, wenn nur irgend mögltcb, der Nilweg gewählt werden, aber es beweist die hohe Gefährlichkeit des Unternehmens, daß England für seine Truppen sogar Beistand und Zufuhr von Abessinien erhofft, sobald dieselben am Ziele, d. h. auf dem beabsichtigten Kriegsschauplatz vor Khartum angelangt fein werden.
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