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21.9.1884 Zweites Blatt
 
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Zweites Blatt. Sonntag den 21. Septeniber

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Wochenschau.

Gießen, 20. September.

Die zu Ende gegangene Woche stand unter einem hochbedeutsamen politischen Zeichen, dem der Monarchen-Begegnung zu Skierniewice. . Zur Stunde sind allerdings die Räume des Skierniewicer Schlosses, welche in den Tagen des 15. bis 17. September eine so illustre Versammlung gesehen, wieder verödet, aber da« weltgeschichtliche Ereigniß, das sich soeben aus jenem bis jetzt so gut wie unbekannt gewesenen Fleckchen polnischer Erde abgespielt hat, wird wohl noch auf längere Zeit das öffentliche Interesse beherrschen. Freilich müssen sich die Zeitungen damit begnügen, neben den Berichten über die äußeren Vorgänge bei der Drei-Kaiser-Zusammenkunft mehr oder minder tiefsinnige Be­trachtungen über Bedeutung und Zweck derselben zu bringen. Denn von Dem. was die drei Herrscher und ihre ersten Rathgeoer in Skierniewice berathen und beschlossen haben, wird zunächst wohl kein Außenstehender ein Wörtchen erfahren und es muß einer näheren oder ferneren Zeit erst vorbehalten bleiben, die Welt über die eigentliche Bedeutung der Tage von Skierniewice auszuklären. Mit Genugthuung kann man aber constatiren, daß die Kaiser-Begegnung von Skiernie- wice von der tonangebenden Presse aller bedeutenderen europäischen Nationen mit seltener Übereinstimmung als eine neue Bürgschaft des Friedens begrüßt wird und die sich hierin wiederspiegelnde Beruhigung und Zuversicht der Völker Europas bezüglich der Ziele und Zwecke der Monarchen-Entrevue von Skier­niewice ist bereits eine höchst wichtige Errungenschaft dieses weltgeschichtlichen Ereignisses. m r

Kaiser Wilhelm hat sich nach den Anstrengungen ferner polmschen Reise nur eine sehr kurze Erholungspause gegönnt. Bereits am Donnerstag Morgen hat der hohe Herr Berlin wieder verlassen, nachdem er daselbst erst am Abend vorher von Skierniewice zurückgekehrt war und sich nach Benrath am Rhein zu den Manövern des 7. und 8. Armee-Corps begeben.

Die Meldungen über die Theilnahme des Reichskanzlers an den Festlichkeiten, welche von den rheinischen und münsterländischen Ständen nach den großen Manövern dem Kaiser zu Ehren veranstaltet werden, werden jetzt widerrufen. Es heißt, daß es dem leitenden Staatsmanne durch die sich häufenden Geschäfte unmöglich sei, den an ihn ergangenen Einladungen zu den betr. Festlichkeiten Folge zu leisten und in Anbetracht der Umstände klingt dies auch ziemlich plausibel. Auf dem Gebiete der auswärtigen Politik hat die Monarchen-Begegnung von Skierniewice unserem Kanzler jedenfalls auf Wochen hinaus überreiches Arbeitsmaterial geliefert und nebenbei nimmt auch die fernere Entwickelung der Colonial-Frage fortgesetzt die Aufmerksamkeit des Fürsten Bis­marck in Anspruch. In der inneren Politik erheischen die herannahenden Reichstagswahlen und die Vorarbeiten für die neue Legislatur-Periode des Reichstages die volle Thätigkeit des Kanzlers, wenngleich gerade bezüglich der den neuen Reichstag erwartenden Aufgaben noch nichts Bestimmtes in die Oeffentlichkeit gedrungen ist. Was die Wahlbewegung anbelangt, so .ist in der­selben mit dem jüngst veröffentlichten Wahlaufrufe des Centrums ein weiterer Fortschritt zu verzeichnen. An dem Schriftstück ist charakteristisch, daß es ziemlich ( unverblümt die oppositionelle Seite herauskehrt, die entschiedene Fortführung desCutturkampfes" proklamirt und sich daneben scharf gegen den National- Liberalismus wendet.

Von sonstigen Ereignissen aus dieser Woche ist die Ernennung Sir Edward Malet's, des bisherigen Vertreters Englands am Brüsseler Hofe, zum englischen Botschafter in Berlin, hervorzuheben. In England findet die Wahl Malet's allgemeinen Beifall und auch der deutschen Regierung scheint dieselbe durchaus genehm zu sein. Hoffentlich gelingt es der Thättgkeit des neuen Botschafters Großbritanniens am Berliner Hose, zwischen Berlin und London wieder die alten freundlichen Beziehungen, wie sie bis zur Inauguration der deutschen Colonial-Politik in West-Afrika bestanden, anzuknüpfen.

Für den österreichischen Kaiserstaat bildete natürlich die Kaiser- Begegnung von Skierniewice gleichfalls das Haupt-Ereigniß der Woche. Charak- i teristisch für die Stellung der österreichischen Polen gegenüber den Tagen von

Skierniewice sind die absprechenden Urtheile, welche von der galizisch-polnischen Presse über dieses Ereigniß gefällt werden, und die sich dahin zusammenfassen lassen, daß die jüngste Monarchen-Zusammenkunft nur einen Austausch persön­licher freundschaftlicher Gefühle Der drei Kaiser, keineswegs aber einen politischen Act von actueller Bedeutung repräsentire. Offenbar ist den galizischen Polen die Annäherung Oesterreich-Üngarns an seinen russischen Nachbar nichts weniger als angenehm. Die Fürsten-Begegnungen scheinen in diesem Jahre noch nicht zum Abschluß gekommen zu sein. Wie es heißt, wird Kaiser Franz Josef gelegentlich der, Sonntag den 21. September, stattsindenden Eröffnung der Arl­berg-Bahn dem Großherzog von Baden in Mainau und dem König von Würt­temberg in Friedrichshafen Besuche abstatten. Bei den Neuwahlen zum croattschen Landtage sind bis jetzt 23 Candidaten der Regierungs-Partei und 6 oppositionelle Candidaten gewählt worden.

Die in den französischen Operationen an der chinesischen Küste seit einiger Zeit eingetretene Ruhepause ist jetzt durch eine erfolgreiche Action der Franzosen wieder unterbrochen worden. Ein französisches Landungs-Corps von 2000 Mann griff die Stellungen der Chinesen am Kinpai-Paffe mit solchem Nachdruck an, daß letztere unter großen Verlusten ihrerseits auseinandergesprengt wurden und sich in vollem Rückzüge befinden. Ob diese Niederlage die Regie­rungsmänner in Peking endlich zum Frieden geneigter machen wird, bleibt abzu­warten, jedenfalls ist aber hierdurch wiederum die militärische Ueberlegenheit Frankreichs über China constatirt worden. Uebrigens liegt noch keine bestimm­tere Depesche über bas Gefecht vor. Die Manöver des 17. französischen Armee-Corps, denen zahlreiche fremdherrliche Osficiere beiwohnten, haben in dieser Woche ihr Ende erreicht. Dieselben haben wiederum bewiesen, wie sehr die Ausbildung und Vervollkommnung Des französischen HeereSwesens trotz unleugbar noch vorhandener großer Mängel in den letzten Jahren Fortschritte gemacht hat. Von den diesjährigen Manövern wird namentlich die außerordentliche Marsch- fähigkeit der Infanterie, sowie das vorzügliche Material der Artillerie und die tüchtige Durchbildung der dieser Waffengattung angehörigen Mannschaften her­vorgehoben. Die zu den Manövern commandirt gewesenen deutschen Osficiere sprechen sich höchst anerkennend und lobend über den ihnen französischerseits be­reiteten Empfang aus. .

Der englischen Regierung macht jetzt wieder die irische Frage ziemliche Sorgen. Als ein Beispiel für die wachsende Erbitterung der irischen Bevölkerung gegen die Regierung sind die Vorgänge in Limerick zu be­trachten. Dem dasigen Stadtrathe ist wegen seiner fortgesetzten Renitenz gegen die Anordnungen des Vicekönigs von Irland, Lord Spencer, eine Extrapoli­zeisteuer auferlegt worden, der Stadtrath weigert sich aber, dieselbe zu ent­richten und will lieber die im Weigerungsfälle angedrohten militärischen Zwangs­maßregeln über sich ergehen lassen. Für die Zustände auf dergrünen Insel" ist dies recht bezeichnend.

In Belgien ist die Stimmung unter dem liberal gesinnten Theile der Bevölkerung wegen der Maßnahmen des Cabinets Malou und namentlich des Erlasses des neuen Schulgesetzes fortgesetzt eine erregte. Falls aber die liberale Partei ihre Hoffnung daraus gesetzt hatte, daß König Leopold die Vorlage nicht sanctioniren würde, so ist diese Hoffnung getäuscht worden. In der Audienz, welche der König am Mittwoch den Bürgermeistern von Brüssel, Gent, Lüttich, Mons, ArlonS und Antwerpen in Sachen des Schulgesetzes er- theilte, betonte er vor Allem feine Pflichten als constitutioneller Souverain und daß er als solcher sich dem Willen des Landes, wie er durch die Majorität in den beiden Kammern zum Ausdruck gelangt sei, anschließe. Es steht hiernach keinesfalls zu erwarten, daß der König dem Schulgesetz die Sanction verweigern und sich somit in den Streit der Parteien einmischen werde.

Italien seusizt noch immer unter der Geißel der Cholera. Zwar wird aus Neapel, dem jetzigen Hauptherde der Seuche, eine Abnahme derselben gemeldet, dennoch beläuft sich die Zahl der täglichen Cholera-Todes­fälle in dieser Stadt noch auf 200 bis 300. Indessen hat die mnthlge | Haltung König Humbert's auf die Bevölkerung ersichtlich einen ermunternden.