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19M» Donnerstag den 21. August 1881

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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fMrtttl: Schulstraße 7. 6x^011 täglich mit «uSuahme des Montag-. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pi.

Amtlicher Hheil.

Betreffend: Die Unterstützung der Invaliden aus 1870/71. , Gießen, am 19. August 1884.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die G^otzher^oglicherr Bürgermeistereien des Kreises.

Nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf ortsübliche Weise verkündigen lassen und etwaige Interessenten Ihrer Gemeinden noch besonders darauf

aufmerksam machen.

Dr. Boekmann.

Die

unterzeichnete Die

Bekanntmachung.

Durch Allerhöchsten Gnaden-Erlaß sollen denjenigen Theilnehmern an dem Kriege 1870/71, welche in Folge erlittener innerer Dienstbeschädiglmg invalide geworden, wegen Ablaufs der gesetzlichen Präklusivfrist aber zur Geltendmachung von Versorgungs-Ansprüchen nicht berechtigt stnd, Unterstützungen

^n"^en ^tachweis^von^Thatsachen, welche die Ueberzeugung von dem ursächlichen Zusammenhänge der Krankheit mit einer im Kriege von 1870/71 erlittenen inneren Dienstbeschädigung zu begründen vermögen;

2) den Beweis der guten Führung während der Dienstzeit und eines tadellosen Lebenswandels bis fetzt;

3) das Attest der Ortsbehörde rc., daß die Gesuchsteller einer Unterstützung bedürftig sind und rote hoch stch ihr Verdienst belauft,

4) den Beweis der vorhandenen verminderten Erwerbsfähigkeit.

Gesuche sind möglichst bald durch die Bezirksfeldwebel herzureichen.

Gießen, den 16. August 1884. Großherzogliches Landwehr-Bezirks-Commando.

Frh. v. Röder, Oberst z. D. und Bezirks-Commandeur.

zugewendtt werden.^ ^uberr, durch eine im Kriege 1870/71 erlittene innere Dienstbeschädigung in ihrer Erwerbsfähigkeit beschränkt zu sein und welche -ie Präklusivfrist zur Anmeldung von Versorgungs-Ansprüchen (den 20. Mai 1875) versäumt haben, können stch mit einem Gesuche um Unterstützung an das Commando wenden.

Politische Ueberficht.

Gießen, 20. August.

Graf Kalnoky hat zur Stunde den hinterpommer'schen Kanzlersttz wieder verlassen und ist nach Wien zurückgekehrt, um seinem Souverän Bericht über die Conserenz mit dem deutschen Reichskanzler abzustatten. Vorerst wird der Inhalt derselben dem großen Publikum noch ein Geheimniß bleiben und so klingen denn auch die Preßftimmen über die Varziner Minister-Zusammenkunft jetzt etwas reservirter. Hierbei begegnet man aber nach wie vor der überein- Ammenden Annahme, daß in den Besprechungen zwischen dem Fürsten Bismarck und dem Grasen Kalnoky neben der allgemeinen politischen Situation die egyp- tische Frage eine Hauptrolle gespielt habe. Der Umstand, daß der deutsche General-Consul für Egypten, v. Derenthall, welcher als der beste Kenner der Verhältnisse im Ril'Lande gilt, diesen Besprechungen beigewohnt hat, wird als ein Beweis für die erwähnte Annahme betrachtet. Aber auch abgesehen hier­von, ist es sehr wahrscheinlich, daß die egyptische Frage mit Allem, was d'rum und d'ran hängt, in Varzin Gegenstand ernster Erörterungen gewesen ist, zumal da geraoe jetzt das Scheitern der Londoner Conferenz gezeigt hat, wie wenig die so mannigfach verstrickten egyptischen Angelegenheiten bis jetzt ihrer Lösung entgegengeführt morden sind.

Das Gerücht von einer bevorstehenden Begegnung zwischen Kaiser Wilhelm und Kaiser Alexander macht wieder einmal die Runde durch die in- und ausländisch; Presse. Es heißt, daß dieselbe anläßlich der in Russisch- Polen stattfindenden Manöver erfolgen werde, ohne daß aber bis jetzt Ort und Zeit der angeblichen Entrevue genannt worden wäre.

Die in Koblenz erfolgte Verhaftung zweier sranzöfischer Officiere erregt begreiflicher Weise auch in nicht militärischen Kreisen großes Aufsehen. Die meisten französischen Blätter nehmen von diesem Vorgang Notiz, ohne irgendwelche Bemerkungen daran zu knüpfen. ES ist wirklich recht merkwürdig, daß man in Deutschland so häufig überneugierige französische Sendlinge absaßt, während es den Franzosen seit dem Kriege noch nicht ein einziges Mal gelungen ist, eines deutschen Spions, von denen Frankreich ja wimmeln soll, habhaft zu werden. Die beiden Officiere, deren einer ein geborener Mainzer sein soll (was übrigens, nach den deutschen Namen der Betroffenen zu, ur* theilen, im Bereich der Möglichkeit liegt), werden natürlich vor einem Civilgericht abgeurtheilt werden. Die diesbezüglichen Gesetzesstellen über Landes- verrath machen keinen Unterschied darin, ob das Verbrechen von Ausländern oder von Landes-Angehörigen begangen ist. Der auf sie in Anwendung kom­mende § 92, Abschnitt 1 des Reichs-Strafgesetzbuchs lautet:Wer vorsätzlich Staatsgeheimnisse oder Festungspläne oder solche Urkunden, Actenstücke oder Nachrichten, von denen er weiß, daß ihre Geheimhaltung einer andern Regie­rung gegenüber für das Wohl des deutschen Reiches oder eines Bundesstaates erforderlich ist, dieser Regierung mittheilt oder öffentlich bekannt macht, wird mit Zuchthaus nicht unter zwei Jahren bestraft. Sind mildernde Umstände vor­handen, so tritt Festungshaft nicht unter sechs Monaten ein." In srühern Fällen war die deutsche Regierung immer sehr liebenswürdig und begnügte sich, die ertappten französischen Officiere freundlichst zu bitten, ihre Spaziergänge wach andern Orten zu richten, die mehr landschaftliches als militärisches Jn- tsresse boten. ,

Die vomDaily Telegraph" zuerst gebrachte Nachricht v an der englischerseits beabsichtigten Stationirung eines Kanonenbootes bei Hel­goland zum Schutze der Fischerei in der Nordsee hat sich bis jetzt noch nicht

bestätigt. Auch ist zuständigen Orts in Berlin nichts von einer solchen Absicht Euglanos bekannt, von welcher das Londoner Cabinet die deutsche Regierung doch jedenfalls in Kenntniß gesetzt haben würde.

In Kärnthen haben kürzlich die Landtagswahlen stattgefun­den. Bei denselben ist es den Deutsch-Liberalen gelungen, ihren Besitzstand gegen die Klerikalen wie gegen die Slovenen zu behaupten, was der Partei einiger- maßen Trost für die Verluste gewähren muß, die sie bei den Wahlen in Mähren erlitten hat. In dieser Woche folgen die Landtagswahlen in Ober-Oesterreich und der Steiermark, auf deren Ausgang man besonders gespannt ist, da hier zum erstenmal der neugegründete Bauernverein mit den Klerikalen in Kamps tritt. Die Liberalen haben den Kampf gegen die Klerikalen in der Landkurie Ober-Oesterreichs ganz dem Bauernverein überlassen, welcher in der That in zehn ländlichen Wahlkreisen eigene Candioaten aufgestellt hat.

Nach einer langen und bewegten Session ist das französische Parlament am Samstag geschlossen worden. Einen seltsamen Schlußact für bie. Verhandlungen in der Deputirtenkammer bildete die Debatte über die von den Deputirten Sidi-Carnot und Proust beantragte Tagesordnung, welche das Ver­trauen der Kammer in die ostasiatische Politik der Regierung ausdrückt. Diese Tagesordnung ist zwar in einer noch am Freitags Abend abgehaltenen Sitzung angenommen worden, aber nur mit 173 gegen 50 Stimmen. Die oppostlio- nellen Blätter betrachten diese Abstimmung als eine indirecte Verurtheilung der Colonial-Politik Ferry's in Tongking und die gemäßigt-republikanischen Organe erklären wenigstens, daß der Zeitpunkt für diese Abstimmung schlecht gewählt war, da viele Mitglieder der republikanischen Majorität bereits in die Serien abgereist waren. Indessen, Herr Ferry wird sich die verhältnißmäßig geringe Mehrheit, mit welcher die Sidi-Carnot'sche Tagesordnung acceptnt wurde, nicht sehr zu Herzen zu nehmen; denn die in der Kammer mit großer Mehrheit und im Senat fast einstimmig erfolgte Bewilligung des neuen für Tongking gesor- d-rten Kredits bedeutet ja an sich schon ein entschiedenes Vertrauensvotum für die ostasiatische Politik des französischen Cabinets. Uebrigens werden oie Mit- ,Heilungen derTimes" über die Verschärfung des französisch -chmeftschcn Con- flicts, welche sich in einer angeblichen Kriegserklärung Chinas an Frankreich ausdrücken sollte, für unbegrünoet erklärt und derTempS dementirt noch speciell dis Nachricht, daß China sein Anerbieten einer Entschädigungs-Frage zurückgezogen habe. Wahrscheinlich sind die allarmirenden Meldungen derTimes" auf ähnliche unlautere Quellen zurückzuführen, wie die von anderer Seite ge­brachten unwahren Mittheilungen über den Stand der Dinge au; Madagaskar.

Die Cholera.Epidemie im südlichen Frankreich nähert sich, nachdem sie schon längst die französischsitalienische Grenze überschritten, nun auch der spanischen Grenze. Aus dem Departement Ost-Pyrenäen (Perpignan) wer- den zwei Cholera-Todesfälle gemeldet und liegt somit die Gefahr sehr nahe, daß die Seuche auch den Grenzwall der Pyrenäen übersteigen und in Spanien em- dringen wird. Anderseits breitet sie sich im südöstlichen Frankreich immer werter aus und hat nunmehr die gesammten Departements, welche dre Provence buden (Nieder-Alpen, Rhone-Mündungen, Var, Herault, Aude, Vaucluse und Gard), ergriffen. Im nördlichen Italien ist zu den bereits verseuchten Provmzen dre Provinz Porto Maurizio hinzugekommen, aus welcher vom Sonntag ebenfalls ein Cbolera-Todessall gemeldet wurde.

Die Krönung des neuen Königs von Anam hat am Sonntag in 6ue unter französischer Assistenz stattgefunden. Der Ferer wohnten franzö- sischersetts Oberst Guerrier, Befehlshaber der franzosilchen Garnison von Hu^