Nr» 60. Freitag den 21. März 1S8M
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzergeblatt für den Kreis Gießen.
Mfo l,ii
'*r' k,*«d in
“»»äirtel,
*, Fel nir;
ern, Tuch
6 P,e* bedeuteni
1978
Pier.
r'lm hWni, empfiehlt Venzel, Värtenspaliere», lustangev und alleib
Ifenbein
Me 68.
icsonderer Anzeige
inft entschlafen ist.
nterbliebenen: rg, Rechner.
stürz, NachlN.3W' z statt. 1Vl1
MMill«. Äff
„t 1 **"
<*"1 gilt W»
it>l ”°k 8)tWW' ? BaiikgksM^,
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlchn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Erscheint tnglich mit Ausnahme des Montags.
w
। garn von der Wahlagitation unzertrennlich erscheinen. In Czegled sprengte der von dem bekannten antisemitischen Abg. Verhovap angeführte Pöbä eine von den Abgg. Hermann und Ugron einberufene Versammlung, wobei der letztgenannte Abgeordnete schwer verletzt würbe. Auch sonst ergingen sich die Mannen Verhovay's in allerhand Excessen und erst die von dem Czegleder Bürgermeister requirirten Husaren setzten dem wüsten Treiben des Pöbels ein Ziel. Für die Wahlcampagne im Lande der Stefanskrone ist dies ein vielversprechender Anfang.
Die Franzosen beuten ihren jüngsten Erfolg in Tong- king, welchen die Einnahme von Bacninh darstellt, in energischer Weise aus. Die Kolonnen der Generäle Vriäre und Negrier haben den Weitermarsch nach dem Norden Tongkings unverzüglich wieder aufgenommen und dürften die Truppen Briöre's zur Stunde bereits das strategisch wichtige Thainghupen besetzt haben. Die Kolonne Negrier's stieß nach einer Meldung des Obercomman- direnden Millot bei Phulanghing auf reguläre chinesische Truppen, warf, nach Ueberschreitung des Flusses, die Chinesen zurück und nahm hierauf das Fort Phulang mit einem Verlust von nur 3 Todten und einigen Verwundeten; die Kolonne brach sodann zur Verfolgung des Feindes auf. Es scheint demnach, daß der ganze Norden von Tongking bis zur chinesischen Grenze in den Bereich der französischen Machtsphäre gezogen werden soll und von der neutralen Zone zwischen China und Tongking, von welcher anfänglich viel die Rede war, wird dann wohl nichts übrig bleiben.
Durch einige Pariser Blätter geht ein leiser Klageton, weil sich die Engländer ob des französischen Erfolges von Bacninh gar nicht zu freuen scheinen. Zur Vergeltung freuen sich nun die Franzosen auch nicht über Den Sieg des Generals Graham, aber sie würden voraussichtlich nicht wenig Schadenfreude zeigen, wenn dem General Gordon in Khartum ein Unfall zustoßen sollte. Von einer Zunahme der oft gerühmten englisch-französischen Freundschaft zeugt das nun gerade nicht, und auch die „Röpubl. franyaise", die das englische Bündniß zu dem Angelpunkte ihrer auswärtigen Politik gemacht hatte, zeigt sich mit jedem Tage unwirscher und folgt darin der öffentlichen Meinung, die sich immer stärker von England abwendet. Ein Beweis dafür ist u. A. der üble Eindruck, den das übrigens widerlegte Gerücht, Marquis Tseng habe die englische Regierung angerufen, hier hervorgebracht hat. Eigentlich sollte man hier ja sehr froh sein, wenn sich ein Makler fände, der die chinesisch-französischen Zwistigkeiten beilegte, aber man fürchtet, daß, wenn England dieses Geschäft in die Hand nimmt, der Maklerlohn unverhältnißmäßig hoch ausfallen würde. Man will mit England auch nichts mehr zu thun haben, sodaß sich Frankreich nun in der liebenswürdigen Lage befindet, auf dem weiten Erdenrunde gar keine Nation mehr zu haben, in deren Freundschaft es Vertrauen setzt.
Die russische Regierung hat in den letzten Tagen in Warschau maffenhafte Haussuchungen und Verhaftungen vornehmen lassen, allein in der Nacht vom Freitag zum Samstag sollen ca. 50 Personen verhaftet worden sein. Die Hotelbesitzer sind strengstens angewiesen, alle ankommenden Fremden der Polizei namhaft zu machen, in den Straßen sind zahlreiche Militär-Abthei- lungen und Geheimpolizisten stationirt. Man glaubt einerseits, daß diese Maßregeln die Festnahme Degajew's, des Mörder's Sudejkin's, bezwecken, anderseits heißt es, daß ihnen wichtige politische Ursachen zu Grunde liegen.
Im Ost-Sudan ist auf die blutigen Tage von El Teb und Tamanib eine Ruhepause gefolgt. Es ist nicht wahrscheinlich, daß dieselbe in der nächsten Zeit durch größere Actionen unterbrochen werden wird, da Osman Digma sich mit dem Rest seiner Schaaren in die Berge westlich von Suakrm geflüchtet hat. Seine Existenz in dieser Gegend ist indeffen eine stete Drohung für die Engländer und so hat denn Admiral Hewett auf die Einbringung Osman's, tobt oder lebendig, eine Belohnung von 5000 Doll, ausgesetzt; es scheint indeffen, daß hierbei Admiral Hewett ohne eine Ermächtigung von Seiten der englischen Regierung vorgegangen ist. Von General Gordon fehlen seit einer Woche alle Nachrichten, obwohl die unterbrochen gewesene telegraphische Verbindung südlich von Berber nunmehr wieder hergestellt ist. In Kairo hegt man Gordon's wegen immer ernstere Besorgnisse.
Telegraphische Depeschen.
Wolsf'S teuer. Eorrtsponverrz-Brrrearr.
Berlin, 19. März. Seine Majestät der Kaiser empfing heute Nachmittag 1 Uhr in feierlicher Audienz den bisherigen russtschen Gesandten v. Saburow, welcher sein Abberufungsfchreiben überreichte. Hierauf wurde der Gesandte auch von Ihrer Majestät der Kaiserin empfangen.
— Der Großherzog und die Großherzogin von Baden trafen heute Vormittag 11 Uhr, von Karlsruhe kommend, hier ein und wurden auf dem Bahnhofe von dem. Kronprinzen und der Kronprinzessin empfangen.
Deutschland.
Darmstadt, 18. März. Der Zusammentritt der ersten Kammer ist. für Mittwoch den 2. April in Aussicht genommen.
SrauLreich.
Paris, 18. März. Heute Nachmittag sand in einer an der Ecke der Rue St. Dents und des Boulevard Bonne-Nouvelle gelegenen Weinhandlung eine Gas- Exploston statt, durch welche acht Personen, darunter der Poltzetkommtssar des be- reffenden Stadttheils, schwer und mehrere andere Personen weniger schwer verletzt wurden. Vormittags hatte in einem benachbarten Laden ein ähnlicher Unglücksfall stattgefunden. ____
Politische lleberstcht.
Gießen, 20. März.
Das Wohlbefinden Sr. Majestät des Kaisers ist fortgesetzt ein sehr befriedigendes; wenn es ausgefallen ist, daß der greise Monarch, der sonst allsonntäglich Vormittags dem Gottesdienst im Dome beizuwohnen pflegte, seit einiger Zeit sich nicht mehr dorthin begiebt, so geschieht dies auf Anrathen der Aerzte, welche einer Erkältung vorbeugen wollen und darauf bedacht sind, daß der Kaiser seinen 87. Geburtstag in möglichster Frische begeht.
Neber die Frühjahrs-Kuren des Kaisers sind dis jetzt noch keine Dispositionen getroffen worben, es unterliegt inbefsen keinem Zweifel, daß der hohe Herr seine Frühjahrs-Kuren diesmal eher als sonst antritt, falls das gegenwärtige prachtvolle Wetter anhält. Da man aus Berlin officiös meldet, baß der Kaiser anläßlich der Hochzeitsfeierlichkeiten am Darmstädter Hofe mit der Königin Victoria von England gegen Mitte April in Darmstadt zusammen- Zutreffcn gedenke, so darf man seiner Abreise von Berlin wohl für die erste Hälfte des genannten Monats entgegensetzen.
Der Reichstag hat nunmehr die erste Lesung des Unfallversicherungs- Gesetzes hinter sich, welches am Samstag einer Commission von 28 Mitgliedern überwiesen wurde. Derselben ist somit die schwierige Ausgabe geworden, die zahlreichen und zum Theil nicht unerheblichen Bedenken und Differenzen möglichst auszugleichen, welche sich während der dreitägigen Verhandlungen über das Unfalloersicherungs-Gesetz ergeben haben und man kann nur dringend wünschen, daß der Commission die Lösung dieser Aufgabe gelingen möge. Aus diesen Verhandlungen selbst sei nur die Rede des Fürsten Bismarck am Samstag nochmals hervorgehoben, in welcher er seine und der verbündeten Regierungen Ansichten über bie Vorlage darlegte. Man konnte aus der Rede herausfühlen, oaß der Reichskanzler den jetzigen Unfallversicherungs-Entwurf auch noch nicht für den gelungensten ansteht und deutlich klang es aus den Worten des leitenden Staatsmannes heraus, baß sich bie Reichöregierung neuen Anregungen und Verbesserungs-Vorschlägen durchaus als zugänglich erweisen werbe. Was er aber bekämpfte, bas war besonders bie „sterile Negation", die bloße unfruchtbare Bekrittelung der Vorlage und hoffentlich wird ihm die Mehrheit des Parlaments in diesem Kampfe zur Seite stehen. — Am Montag berieth der Reichstag in erster Lesung über bie Novelle zum Hülfskassengesetze. Die Abgg. Dr. Hirsch, Kayser und Schrader machten verschiedene Bedenken gegen den Entwurf geltend, während sich bie Abgg. v. Maltzahn-Gültz und Lohren auf den Boden desselben stellten. Seitens der Regierungs-Vertreter bemerkte Geh. Ober« Regier.-Rath Lohmann, daß die Vorlage keineswegs Mißtrauen gegen die Arbeiter documentire, wie Abg. Kayser behauptet habe, sondern sie sei lediglich aus der Verpflichtung der verbündeten Regierungen hervorgegangen, dafür zu sorgen, daß die freien eingeschriebenen Hülfskassen, welche durch das Kranken- kassengesetz zu einer wesentlich veränderten Stellung gelangt seien, so gestaltet blieben, daß sie auch ferner den Arbeitern zum Segen gereichten. Die Vorlage wurde hieraus der Unfallcommission überwiesen. Am Dienstag trat der Reichstag in die erste Lesung der Vorlage, betr. die Bewilligung von Mitteln zu Zwecken der Marineverwaltung, ein; für diesen Donnerstag, den 20. März, steht der Antrag Preußens auf Verlängerung des Socialistengesetzes mit auf der Tagesordnung.
Bei der in Meiningen für Lasker stattgefundenen Reichstags- Ersatzwahl haben bis jetzt erhalten: Dr. Witte (liberal) 5352, Lotz (conf.) 2452, Viereck (focial-demokr.) 3257 Stimmen; die Wahl Witte's erscheint gesichert.
Aus einer Mittheilung des „Statistischen Bureaus" und den daraufhin angestellten Ermittelungen hat sich ergeben, daß 1882 in mehreren Fällen vor Standesbeamten von noch nicht ehemündigen Personen ohne vorherige Befreiungs^Ertheilung eine Ehe geschlossen worden. Die achtlosen Standesbeamten sollen zunächst auf den § 69 des Reichsgesetzes vom 6. Februar 1875 hingewiesen, wonach sie für derartige Achtlosigkeiten in eine Geldstrafe bis zu 600 cX genommen werden, und ihnen dann nachdrücklich zur Pflicht gemacht werbe», die §§ 28 und folgende des Gesetzes genau zu beachten, wonach Männer mckt vor Dem vollendeten zwanzigsten und Frauen nicht vor dem vollendeten sichszehnten Lebensjahre eine Ehe schließen dürfen. Die durch Gesetze geregelte Befreiungs-Ertheilung muß in allen Fällen bei dem zuständigen Amtsgerichte m Antrag gebracht werden.
« «F^r ■^ei$§iag öorliegenbe Antrag Windthorst auf Aufhebung des Gesetzes über oie unbefugte Ausübung von Kirchenämtern tritt bereits zum drittenmale in der gegenwärtigen Legislaturperiode auf. In der ti^ung vom 12. Januar 1882 ist er mit der großen Mehrheit von 233 gegen 115 Stimmen angenommen worben, indem das Centrum mit seinen Anhängseln, Ast die gelammte Fortschrittspartei, einige Secessionisten, die Deutschconservativen, I bie Volkspartei und bie Socialbemokraten dafür, die Nationalliberalen, die Rutsche Neichspartei, die meisten Secessionisten, einige wenige Mitglieder der Fortschrittspartei und die Hälfte der Deutschconservativen dagegen stimmten. Aom Bundesrath abgelehnt, wurde der Antrag in der vorigen Session erneuert, damals nicht zur Erledigung und erscheint jetzt wiederum, um auch jetzt mit großer Wahrscheinlichkeit eine Mehrheit zu finden, wenn es zur Abstimmung kommt.
Der Wahlkampf anläßlich der Neuwahlen zum ungarischen Reichstage beginnt bereits jene turbulenten ©eenen aufzuweifen, welche in Un- *
Durceru r Sch ulst raße 7.


