Kesternich.
Pesth, 17. August. Russische Emissäre, darunter active Osficiere, sollen zur Zeit in Bosnien und der Herzegowina wieder eine wühlerische Thätigkeit entfalten, worüber in Oesterreich laute Klage ertönt.
Irankreich.
Paris, 17. August. Die Entschädigungssumme, die Frankreich von China verlangt, ist nun endglltig aus 80 Mill. Frcs. festgestellt. Dieser Betrag soll in zehn Annuitäten von 8 Millionen jährlich entrichtet werden.
Türkei.
Konstantinopel, 17. August. Es ist schon mitgetheilt, daß die Pforte sich hüten werde, ihre Drohung betreffs der Schließung der fremden Postämter Hierselbst auLzusühren. Aber auch ihr Versuch, mit diesen fremden Postämtern nur zu concurriren, ist bereits wiederholt gescheitert. Vor 8 Tagen kam das türkische Postpacketboot, als dieser Versuch zum ersten Mal gemacht wurde, zu spät in Varna an, um die Briefe aus den Expreßzug nach dem Westen abliefern zu können, während dieser die Correspondenz der fremden Postämter von Konstantinopel wie gewöhnlich erhalten hatte; und jetzt wird abermals aus Varna vom 13. ds. gemeldet: „Der österreichische Lloyd-Dampfer kam heute Morgen um 5 Uhr hier an. Das ottomanische Postpacketboot erreichte Varna erst um 8 Uhr, zu spät für den Expreß-Train, der folglich ohne die türkischen Postbeutel abging."
Telegraphische Depeschen.
WoLff's teLsgr.
Berlin, 18. Aug. Der Kaiser folgte Vormittags einer Einladung des Officier-Corps des ersten Garde-Regiments nach Potsdam anläßlich des Jahrestages von Gravelotte zum Dejeuner, wozu auch die anwesenden Prinzen erschienen. Nachmittags 4 Uhr ist in Babelsberg zur Feier des Geburtstages des Kaisers Franz Josef Galadiner, wozu die Prinzen Wilhelm und Heinrich, der österreichische Botschafter Szechenyi, Staatssecretär v. Hatzfeld und Andere geladen sind.
— Der „Reichs-Anz." publicirt die Ernennung des Bildhauers Professor Schaper zum stimmfähigen Ritter des Ordens pour le mörite für Wissenschaften und Künste.
Essen, 18. August. Die „Rheinisch-Westfälische Zeitung" meldet aus Herne: HMe ist auf Zeche Shamrok bei Herne eine Explosion schlagender Wetter durch verbotswidriges Schießen verursacht worden. Acht Personen, darunter drei Familienväter, sind getödtet. Die Wetterführung der Grube ist in Ordnung, der Betrieb nicht gestört.
Wien, 18. August. Die österreichische Korvette „Donau" ist gestern in Suakim eingetroffen.
Rom, 18. August. In den Provinzen Bergamo, Campobaffo, Cosenza, Massa Carrara, Parma, Porto Maurizio und Turin sind gestern insgesammt 17 Erkrankungen und 10 Todesfälle in Folge von Cholera vorgekommen.
Paris, 18. August. Die Session der Generalräthe ist ohne Zwischenfall eröffnet.
— Die „Liberty" glaubt zu wissen, daß die Verhandlungen zwischen Patenotre und den Vertretern der chinesischen Regierung in Shanghai fort* dauern. Die letzten Roten von Patenotre tragen einen entschiedeneren Charakter. Wie die „Liberte" meint, wäre es möglich, daß Frankreich einwilligen werde, die geforderte Entschädigungssumme herabzusetzen, als Gegenleistung für gewiffe Vortheile, die China in dem Handelsverträge gewähren werde.
Brüssel, 18. August. Die heute im Rathhause stattgehabte Versammlung der liberalen Vereinigung beschloß, sofort den Kammern einen Protest gegen das neue Schulgesetz zugehen zu lassen. Sollte das Gesetz durch nie Repräsentantenkammer votirt werden, so will die liberale Vereinigung die Vertreter der liberalen Partei des ganzen Landes nach Brüssel berufen, um den König zu ersuchen, dem Gesetze die Sanction nicht zu erthellen. Diese Versammlung würde voraussichtlich am 31. August stattfinden.
Lauregurken-Bliithen.
(Nachdruck verboten.)
Wir stehen bereits mitten drin in jener eretgntßlosen, schrecklichen Zeit, die ihren Namen von der sauren Gurke erhalten hat, von jenem schätzbaren Gewächs, daS sich in der Form deS Salats besonderer Anerkennung zu erfreuen pflegt. DaS ist die Zeit, wo eS still zu werben pflegt in der Welt, wo die Hallen der Parlamente geschloffen sind und wo die hohe wie die niedrige Politik ihren Sommerschlaf zu beginnen pflegt. Minister und Parlamentarier, Künstler und sonstige Menschen, überhaupt Alles, was an dem „sausenden Webstuhl der Zett" zu sitzen gewöhnt ist, flüchtet in Bäder und Sommerfrischen, und auf den Bergen der Schweiz wimmelt es oou eugltsirten Berlinern und ferienfreudigen Schullehrern.
Während ober für die meisten Menschen die Ereignißlostgkett dieser Zeit gerade etwa« unendlich Anmuthendes hat, weil sie der Welt Händel und des Reichstags Redeschlachten herzlich müde geworden sind, ist für den Journalisten, der nach verschiedenen Autoren doch auch unter die Menschen gerechnet zu werden verdient, die Zeit der Ruhe, in gewissem Sinne wirklich eine schreckliche Zeit. Wohl fällt eS dem gewissenhaften Redacteur auch jetzt nicht schwer, die Spalten selbst des größten Blattes zu füllen, denn an Ausstellungen und Congressen aller Art ist ja gerade jetzt kein Mangel, aber der interessante Stoff fließt ihm doch nicht in derselben Fülle zu, wie in den ereignißreichen Monaten des WtnterS. Da beginnen denn in den Spalten der Zeitungen jene Enten aufzuschwirren, welche als bte Species „Zeitungsenten" übel- veleumunbet genug sinb. Diese Art Entenzucht gebeiht ja, Gott sei's geklagt, zu allen Jahreszeiten, aber in ber Zeit ber sauren Gurken nimmt sie einen ganz besonberen, typischen Charakter an.
Jebem aufmerksamen Leser wirb es wohl schon ausgefallen sein, baß um biese Zeit alljährlich eine Reihe von Geschichten, Notizen und Anekdoten regelmäßig wieder* kehren, denen eine geradezu bewunderungswürdige, zähe Ledenskrast innewohnt, trotzdem sie den Stempel der Unwahrscheinlichkeit faustdick auf der Stirne tragen. In jedem Jahre lächelt man über düse artigen Histörchen und in jedem Jahre, sobald die ersten Gurken blühen, erscheinen sie wieder auf der Bildfläche der Tagesblätter, obwohl jeder Redacteur ihnen schon meilenweit ihre Abstammung ansieht und ihnen ängstlich als einzigen Zufluchtsort den Papierkorb offen zu halten sucht.
Die bekannteste und abgebrauchteste dieser Enten ist die schon seit Jahrhunderten berühmte Seeschlange — man verzeihe mir die unmögliche Vermischung der beiden Thiergattungen. Die Seeschlauge wurde früher alljährlich von irgend einem neugierigen Seekapitän auf offenem Ocean erblickt, gemessen und ihre Länge gewöhnlich auf 70-90 Fuß taxirt. Mit Eintritt der kühleren Jahreszeit verschwand sie dann, ohne weiteren Schaden anzurichten, au« den Spalten der Tagesblätter. Heutzutage sind nur noch dänische Kapitäne so leichtsinnig, auf die Seeschlavge hereinzufallen und in diesem Jahre ist sie trotz der andauernden, hochgradigen Hitze noch gar nicht erschienen. An die Stelle der Seeschlange ist neuerdings die Seeschildkröte getreten, die auch bereits ganz respectable Dimensionen anzunehmen beginnt. Wenigstens lasen wir vor
einigen Tagen in einem amerikanischen Blatte wörtlich Folgendes: „Die Nachfolgerin ber Seeschlange scheint bte Schildkröte zu werben. Der amerikanische SchiffSkapttän Augustus C. Hall ist der Entdecker dieses neuesten Seewunders, bas 40 Fuß lang. 30 Fuß breit und 30 Fuß hoch ist und dessen Schwimmfüße 20 Fuß lang sind "
Die Seeschlange war bei ihrem ersten Auftreten auch nicht länger als etwa 40 Fuß und hat sich allmählich bis zu 200 Fuß in die Länge gearbeitet, und da diese Schildkröte nicht nur 40 Fuß lang, sondern auch 30 Fuß dick ist, während es die Seeschlange nur auf etwa 6 Fuß Dicke gebracht hat, so kann aus jener Schildkröte, wenn man sie hübsch in Ruhe und nur ein- ober zweimal des Jahres gesehen werden läßt, sich noch ein ganz brillantes Ungethüm entwickeln, gegen das bte Seeschlange selbst in ihrer Blüthezett ein unbebeutendes Baby war.
Mit dieser Schildkröte offenbar verwandt ist ein Riesenhummer, der auf der Fjscheret-AuSstellung in London zur Schau gestellt werden soll. „Der Hummer ist 3 Fuß lang, das Gewicht einet Scheere 8 Pfund, während sein ganzes Gewicht circa 28 Pfund beträgt." Daß dieser Hummer gleichfalls in Amerika daS Licht seines fabelhaften Daseins erblickt hat, ist selbstverständlich. Auf seiner Reise durch englische und deutsche Zeitungen dürste er jedenfalls noch wesentlich an Umfang und Gewicht zunehmen. Hoffen wir daS Beste!
Auch Geburt und Grab geben sich alljährlich unter den Enten ber Sauergurken- zeit ein herzbewegliches Rendezvous. In jedem Jahre pflegt zu Beginn deS Monats August der älteste Mann zu sterben, der sein langes Leben gewöhnlich in weltabgeschiedener Verborgenheit in einem Winkel Ungarns, Polens, Rußlands oder Schottlands verbracht hat und zumeist nicht weniger als 10 Kinder, 23 Enkel und 74 Urenkel hinterläßt. Die Höhe de« Alters, bis zu welchem ber würdige Greis eS bringt, Dartirt je nach ber Höhe deS Thermometerstandes zwischen 104 und 117 Jahren. Noch höhere Altersstufen werben nur in ausnahmsweise heißen unb trockenen Sommern erreicht. Er lebt stets bis wenige Stunben vor seinem meist plötzlich erfolgenden Tode in vollkommener Rüstigkeit und hat noch bis zuletzt sein Feld gepflügt, seine Pfeife geraucht oder einige Anekdoten aus ber Mitte beS vorigen Jahrhunderts erzählt-
Eine Abart deS „ältesten Mannes" ist der älteste Soldat der Armee, sei es nun der englischen, amerikanischen, russischen oder italienischen. Im Umkreis von etwa 100 Meilen um dm Erscheinungsort der betreffenden Zeitung herum pflegt dieser älteste Soldat selten sein Ende zu finden. Er wird meistens 94 Jahre alt, hat gewöhnlich nur noch einen Arm, eine Verdienstmedaille unb lebte in den dürftigsten Verhältnissen. Seine Wtttwen unb seine Waisen werben nach seinem Tobe auf Staatskosten ernährt. Selbstverständlich hat er entweder bei Trafalgar an Nelson's Seite gekämpft ober mit Napoleon Bonaparte im Schatten der Pyramiden geruht und die Mameluken übet'8 Ohr hauen helfen.
Fast um dieselbe Zeit, in welcher derartige Todesnachrichten in den Blättern auftauchen, pflegen auch die Berichte über einzelne abnorme Geburten sich wieder einzustellen. Um die Mitte des Juli herum beginnt daS kleine Vorpostengefechl der Drillinge, die der öffentlichen Erwähnung natürlich nur werth befunden werden, wenn sie unter besonders erschwerenden Umständen zur Welt kommen. So läßt sich irgend ein Blatt z. B. melden, daß da unb ba eine Bauersfrau, bie in den vorhergehenden Jahren dreimal mit Zwillingen niedergekommen ist, vor drei Tagen ganz gesunde unb lebenskräftige Drillinge in die Welt gesetzt hübe. In solchen Fällen ist „die Freude deS glücklichen Vaters stets grenzenlos" und gewöhnlich wird ber deutsche Kaiser zu Pathen gebeten, um bem ungewöhnlichen Ereigniß noch eine befonbere Weihe zu geben. Kurze Zett nach ben Drillingen erscheinen auch bie Vierlinge auf der Bildfläche. Leider sind von ihnen meist nur zwei lebensfähig, denn ber wahrheitsliebende Reporter läßt gewöhnlich bte beiden andern gleich nach der Geburt an allgemeiner Körperschwache zu Grunde gehen, während die Mutter sich den Umftänben nach wohl befinbet und die Aerzte ber Umgegenb erfreut herbeieilen, um das mehrköpfige Naturwunber in kritischen Augenschein zu nehmen. Die höchste Potenz derartiger Massengeburten, die Fünflinge, erblicken gemeiniglich in jedem Jahre nur ein einziges Mal das Licht der Welt, um bann, wenn der Reporter sie nicht sehr vorsichtig in einem versteckten, abseits gelegenen Winkel ber Erbe geboren werden läßt, durch entrüstete Dementis aller Art mit Keulen gleichsam sofort wieder lodtgeschlagen zu werben. Fünflinge, bte jenseits ber Theiß ober in Südrußlanb zur Welt kommen, wandern unbeanstandet durch die ganze Presse, lassen sie es sich aber etwa etnfallen, in Nidda oder sonstwo in der Umgegend nteber* zukommen, so laufen bet ber Rebactton sofort geharnischte Protestschretben sämrnilichec Müttrr bes betrtffenben Ortes ein, bie eidlich versichern, daß sie sich in den letzten 25 Jahren noch niemals mit Fünflingen abgegeben hätten.
An diese multiplicirten Geburten schließen sich sofort die wirklichen Mißgeburten an; denn viele Reporter find in der That so gewissenlos unb herzlos, daß es ihnen ganz gleichgültig ist, ob sie ein Kalb ober ein Kind mit zwei Köpfen zur Welt bringen lassen. Die wirklichen Abnormitäten werden, soweit sie lebendig sind, sofort von herum: ziehenden Schaubuden in Beschlag genommen und dem staunenden Publikum für ein Eintrittsgeld von 20—25 H zur Ansicht oorgewitfen.
(Schluß folgt.)
Lokales.
Gießen, 19. August. Tagesordnung für bie Stabtverorbneten-Sitzung am Donnerstag den 21. August 1884, Nachmittags 4 Uhr.
1. Prüfung ber Rechnung ber Loder'scheu Stiftung vom Jahr 1883/84.
2. Gesuch des Bauunternehmers Heinrich Adami um käufliche Ueberlaffuna städtischen Geländes.
3. Das Feuerlöschwesen.
4. Kostendecreturen.
5. Klage gegen den Ortsarmenverband Nieder-Erlenbach.
6. Verpflegung des Kindes der Elisabeths Lenz von Burgsolms.
7. Gesuch deS Grubendirectors Christian Bansa um Bauerlaubntß.
8. Ausbau der Ostanlage.
9. Neubau einer Mädchenschule.
10. Die Errichtung einer Pumpstat'on.
11. Die Beschaffung von Jsolirräumen.
12. Das Tonnensystem.
vermischtes.
Echzell, 16. August. Der hiesigen Bürgermeisterei wurde dieser Tage amtlich mitgetheilt, daß Herr KreiSbaumeifter Pfarrer beauftragt sei, eine Vermessung zwischen der Oberhessischen Eisenbahn und ber Main - Weser - Bahn über Echzell m Betreff bes Baues einer Secundärbahn vorzunehmen.
Pfungstabt, 15. August. An hiesigem Platz hat sich ein Damen-Kegel-Club gebildet. Die Vertreterinnen des schönen Geschlechts kommen jeden Donnerstag Abend auf der Kegelbahn des Gastwirths Fr. Felbel zusammen, um Kegel zu schieben.
Mainz, 16. August. Auf Anordnung der Kreisschulcommission sind künftig Lehr»r und Lehrerinnen der städtischen Schulen gehalten, monatlich mit der Klasse einen Spaziergang zu machen. Derselbe fallt in die Schulzeit und soll bei kleineren Kindern die Zeit von zwei Stunden nicht überschreiten, so daß keinerlei Ausgaben damit verknüpft sind.
Mainz, 18. August. Zwischen einem Fuhrmann von hier und einem Taglöbner entstand heute Morgen um 6 Uhr auf der Mombacherstraße ein Wortwechsel, im Verlauf dessen der erstere ein Messer zog und damit seinen Gegner auf der Stelle todt- stach. Der Thäter floh, wurde jedoch verfolgt und von Fabrikarbeitern eingeholt, die ihn der Pol'zei überlieferten. Die ganze Bevölkerung ist wegen dieser That in Aufregung.
Coblenz, 14. August. Der „Köln. Ztg." schreibt man: Nachdem die Voruntersuchung geschlossen, kann ich Ihnen folgende genaue Mittheilung über die Verhaftung zweier französischen Spione machen: „Am 7. d- M- kamen im hiesigen Gasthof zur „Stadt Lüttich" zwei Fremde an, die sich als klein, officier fran^ais, unb Riihlmann, propri6taire, ins Fremdenbuch eintrugen. Ihre einzige Ausgabe bierselbst schien im Spazierengehen nach den Coblenz umgebenden und beherrschenden Höhen, namentlich dem Kühkopf, zu bestehen. Zudem folgten sie aus möglichster Nähe den Festungs- kriegsübungen. Am 11- b. M- hatten sie sich im Walde hart an eine Batterie beran- gemacht und fo verdächtig dabei benommen, daß dem deutschen Offizier der wahre Charakter ber Fremben nicht mehr zweifelhaft sein konnte, umso weniger, als dieselben im Gasthof, in dem viele deutsche Offiziere verkehren, in aufdringlicher Weise sich fett Tagen an letztere herangemacht und Gespräche mit ihnen über bie Manöver hervorzurufen gesucht hatten. Der deutsche Offizier erwies ihnen nicht die Ehre, sie an ber Batterie zu verhaften, fonbern erstattete feinem Vorgesetzten Anzeige, ber bann die


