Ausgabe 
19.10.1884 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 19. October

Erscheint tS^ttch mit Ausruchvre b<5 MonLaßS.

BlWfOHt Schulstraße 7.

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Pveitz vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Gießen, 18. October.

Der Herbstaufenthalt der kaiserlichen Majestäten in Baden- Baden neigt sich seinem Ende zu. Soweit bekannt, werden dieselben am kom­menden Montag von Baven-Baden zu der Feier der Goldenen Hochzeit des Fürstlich Hohenzollern'schen Paares nach Sigmaringen reisen und voraussichtlich am 23. d. Mts. wieder in Berlin eintreffen. Gegen Ende dieses Monats oder Ansangs November gedenkt sich der Kaiser, einer Einladung des regierenden Grafen v. Stolberg-Wernigerode folgend, zu mehrtägigen Jagden nach dem Harz zu begeben. , ,, ,

Prinz Wilhelm von Preußen hat sich mit seinem erlauchten Freunde und Gast, dem Kronprinzen Rudolf von Oesterreich, dessen Ankunft in Berlin am Mittwoch Mittag erfolgte, am Spätabend des genannten Tages zu den Elchwild-Jagden nach Jbenhorst in Ostpreußen begeben.

Die abgelaufene Woche hat uns aus dem Gebiete der inneren Politik nicht sonderlich viel Neues gebracht. Als bestimmt gilt es jetzt, daß die Eröffnung des preußischen StaatSrathes am 25. October erfolgt, und zwar durch den deutschen Kronprinzen in Person, welcher am Tage vorher von seiner Tyroler Reise in Berlin zurückerwartet wird. Was die Wahlbewegung anbe­langt, so hat die Stellung der einzelnen Parteien zu einander im Laufe der letzten Tage eine bestimmtere Abgrenzung erfahren. Jnttreffantere Nach­richten hat uns indessen die Woche auf dem Felde der auswärtigen Politik, und zwar speciell bezüglich der Congo-Frage, gebracht. In den französischen Kam­mern ist anläßlich ihres Wiederzusammentrittes ein Gelbbuch vertheilt worden, welches Actenstücke über die bevorstehende Congo-Conserenz enthält. Dieselben werden durch verschiedene, zwischen dem Fürsten Bismarck und dem französischen Botschafter in Berlin, Baron Courcel, gewechselte Noten repräsentirt, welche das völlige Einverständniß zwischen Deutschland und Frankreich bezüglich der westafrikanischen Fragen darthun, welche aus der Congo-Conferenz zur Sprache kommen sollen. Was letztere anbelangt, so haben bekanntlich Spanien , Por­tugal und Belgien die Einladung zur Conferenz angenommen, dagegen steht die Antwort von den Vereinigten Staaten, Holland und England noch aus. Letz­terer Staat soll seine Entscheidung verschoben haben, bis die Frage weiter dts- cutirt sei. DieTimes" billigt den Vorschlag, den Congo einer internationalen Commission zu unterwerfen, ist jedoch in Betreff des Niger, an welchem eng­lische Unternehmer seit Langem interessirt seien, entgegengesetzter Ansicht. Von Holland heißt es, daß es. in der Conserenz-Angelegenheit sich England an­schließen werde. x , , , ,.r ,

Prinz Heinrich von Preußen ist am Mittwoch ber der philoso­phischen Fakultät der Universität Kiel inscribirt worden.

Landgras Friedrich Wilhelm von Hessen ist am Morgen des 15. October in Frankfurt a. M. verschieden. Der Verstorbene, Sohn des Landgrafen Wilhelm und der Landgräfin Charlotte von Heffen, war am 26 November 1820 geboren und in erster Ehe mit der Großfürstin Alexandra Nicolajewna von Rußland, in zweiter Ehe mit Landgräfin Anna, zweiten Tochter des verstorbenen Prinzen Karl von Preußen, vermählt. Im öffent- lichen Leben ist Landgraf Friedrich Wilhelm so gut wie gar nicht her- vorgetnlen. Dienstag vollzogene Eröffnung der französischen Kammern findet das Ministerium Ferry nach mehr als einer Beziehung m einer schwierigen Lage. Im Innern ist es das Deficit im Budget pro 1884/8-), welches dem Ministerium noch viel Kopsschmerzen machen wird. Der Finanz- Minister Tirard befindet sich mit der Budget-Commission der Deputirtenkammer bezüglich der Herstellung des Budget-Gleichgewichts in Widerspruch und hat die Commission die Vorschläge des Finanzministers Tirard abgelehnt, indem sie Zu­gleich an ihren früheren Veschlüffen festhält. Es ist nicht unmöglich, daß m Folge deffen Tirard, gleich seinem bisherigen Collegen im Handelsministerium, Höriffon, demissionirt. Weiter erhält sich das Gerücht, auch der Marmemimster Peyron wolle vemissioniren und werde nur noch im Amte bleiben, um die von ihm eingebrachte Kreditnachsorderung für Tongking, im Betrage von 11 Mill., in der Kammer zu vertheidigen. Wahrscheinlich will Peyron die Verantwort­lichkeit für die trotz aller Erfolge immer zweifelhafter sich zestaltende militärische Situation der Franzosen in Dftaften nicht länger übernehmen und allerdings stoßen letztere auf Formosa auf immer größere Schwierigkeiten, ist doch Admiral Lespos bei seinem neulichen Angriff auf Tamsui mit einem Verlust von 16 Todten und 49 Verwundeten zurückgeschlagen worden. Aus Tongking laufen allerdings fortgesetzt Sieges-Nachrichten vom General Briöre de l'Jsle ein Seine jüngste Depesche berichtet von einem glänzenden Gefecht, welches Oberst Donnier am 10. und 11. ds. mit den Chinesen gehabt habe, in welchem sie mit einem Verluste von 3000 Mann, darunter der commandirende General, vollständig in die Flucht geschlagen worden seien. Den eigenen Verlust giebt der französische Bericht aus HO Todte und Verwundete an. Die geschlagenen Truppen sollen zu den besten Chinas gehört haben, gut bewaffnet uno nach europäischer Weise ausgeblldet gewesen sein. General Briere de l'Jsle betrachtet die chinesische Invasion in Tongking als vollständig zum Stillstand gebracht, was von sranzösischer Seite freilich schon öfters behauptet wurde, ohne daß es sich bis jetzt bewahrheitet hätte.

Seit einigen Jahren arbeitet Rußland still, aber emsig daran, sich den großen Seemächten möglichst ebenbürtig zu machen. Für dieses Be-

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streben ist die Thatsache, daß jüngst in Sewastopol die Kiellegung für die PanzerschiffeKatharina",Tschesme" undSinope", sowie die Grundstein­legung zu den Sewastopoler Trockendocks vollzogen worden ist, ein neuer Be­weis. Anläßlich dieses für die russische Flotte so bedeutungsvollen Ereignisses hat Kaiser Alexander an den General-Admiral, Großfürst Alexis, folgendes Telegramm gerichtet:Ich danke für den Bericht und freue mich der be­gonnenen Wiedergeburt der Flotte für das Schwarze Meer. Gott gebe ihr den Geist der alten braven Flottenmannschaft, damit sie dem Vaterlande treu und würdig diene." Das Telegramm wird durch Tagesbefehl des Großfürsten- Admirals bekannt gemacht. L r c.

In Belgien wird die öffentliche Meinung vollständig durch die am kommenden Sonntag stattfindenden Communalwahlen in Anspruch genommen. Die Chancen der Liberalen für dieselben sind dadurch erheblich gestiegen, daß die Arbeiter-Ligas beschlossen haben, den von der liberalen Vereinigung auf­gestellten Candidaten keine Arbeiter-Candidaten entgegenzustellen.

Die englische Wählerschaft wird gegenwärtig durch die heran- nahende parlamentarische Campagne und die hiermit verbundene Wahlreform- srage lebhaft beschäftigt. Es ist viel von einem Compromiß die Rede, welches hinsichtlich der Wahlreform zwischen der Regierung und den Liberalen einer­und den Conservativen anderseits vereinbart werden soll. Dies hindert aber trotzdem nicht, daß die gegenseitige Erbitterung im Wachsen begriffen ist, wie" schon der zwischen Liberalen und Conservativen in Bmmngham vor­gekommene Exceß beweist und welcher auf beiden Seiten große Ausregung br^eug^^'Wahlkampf in den Bereinigten Staaten anläßlich der am 4. November stattfindenden Präsidentenwahl ist jetzt in das Stadium der Staatswahlen getreten. Bei den Staatswahlen in Ohio haben die Republikaner, bei denen in West - Birginien die Demokraten die Majorität erhalten. . .,, ....... m

Die Regierung der argentinischen Republik hat den Be­schluß gefaßt, den apostolischen Delegaten in Buenos Ayres des Landes zu verweisen. Es ist noch unbekannt, durch was die Regierung zu diesem Aufsehen erregenden Schritte gegen den Vertreter des heiligen Stuhles ver­anlaßt worden ist.

Aas Reichstagswahlgesetz.

AnaelllbtS ber bevorstehenden RetchStagSwahlen dürste e» angezeigt erscheinen, einiges über unser deutsches Wahlgesetz zur Kenntniß der Wähler und solcher, die es werden wollen, iu bringen, zumal gerade über dasselbe und fpectetl über die in dem­selben dem Wähler gewährleisteten Rechte, außer der Zeit ber Wahlcampagne selbst, wenia aefpro&en unö noch weniger geschrieben wird. t ,

Das z. R. geltende Wahlverfahren ist noch daS des Bundesgesetzes vom 31. Mai 1869 und ist demgemäß auch darin die Zahl der Abgeordneten nach den damals im Norddeutschen Bunde vereinigten Staaten und nach der BevölkerungSztffer, die vor ungefähr zwei Jahrzehnten ermittelt wurde, fixtrt. Die Zahl der Abgeordneten des Norddeutschen Bundes betrug 297, davon kamen auf Preußen 235, Sachsen 23, Großherzogtbum Hessen (Provinz Oberhessm) 3. Mecklenburg-Schwerin 6, Sachsen- Weimar 3. Mealenburg-Strelttz 1, Oldenburg 3, Braunschweig 3, Sachsen-Meiningen 2, Sachsen-Altenburg 1, SachsemKoburg-Gotba 2, Anhalt 2, Sch^arrburg-Rudolstadt 1, Schwarzburg-Sondershousen 1, Waldeck 1, Reuß a. L- 1, Reuß j- L- 1- Lippe 1, Schaumburg-Lippe 1, Lauenburg 1, Lübeck 1, Bremen 1, Hamburg 3 Durch die Reichsverfassung von 1871 wurde das Wahlgesetz bis zu weiterer Regelung auf das deutsche Reich übertragen und bestimmt, daß in den nunmehrigenj deutschen Reichstag außer den obengenannten 297 noch wettere 85 Abgeordnete gewählt wurden und zwar wählen hiervon Bayern 48. Württemberg 17, Baden 14, die beiden Großh. Hessischen Provinzen Starkenburg und Rheinhessen 6 Abgeordnete. Auf ^ll^^vthringen erstreckten sich damals diese Bestimmungen noch nicht und erst durch' R^chsgesetz.vom 25. Juni 1873, betreffend die Einführung der Verfassung des deutschen Reiches in ElsoßLotbringen, wurde verordnet, daß in diesem Gebiete .^^rdnete^ den deutschen Reichstag zu wählen sind. Die Gesammtzabl der Reichstagsab^ordneten beträgt gegenwärtig 397. Wenn der in 8 5 des ReichswahlgesetzeS ausgestellte Grundsatz, daß auf je 100,000 Einwohner ein Abgeordneter zu wählen ist, streng etngehalten werden müßte so wäre es nöthia, mindestens alle 3 Jahre, d. h. nach Ablauf einer Legislaturperiode, vor Festsetzung des Wahltermins eine Neuetntheilung der Wahlkreise vorzunehmen, wenn die Zahl der Abgeordneten mit der Einwohnerzahl in Einklang gebracht werden sollte. Seit Bestehen deS deutschen Reichstages ist indessen in dieser Richtung eine Aenderung zu Gunsten der Vermehrung der Zahlvon Abgeordneten nickt einaetreten und so kommt es, daß bei einer Bevölkerung Deutschlands von rund 47 Millionen Einwohnern mindestens 6070 Abgeordnete zu wenige im Reichstage sitzen Am Deutlichsten zeigt sich daS Mißverhältniß in BeAin, welches heute noch wie von ca. 15 Jahren 6 Abgeordnete wählt, während es seiner Bevolkerungszahl von rund 1.200.000 Seelen entsprechend 12 Abgeordnete in den^Reichstagi zuentsenden hatte. Unter diesen Umständen kann allerdings die im Gesetz vom 16. April 1871 ou^ gesprochene anderweitige gesetzliche Regelung bezügl der Eintheilung derWahlree

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Wähler für den deutschen Reichstagistjedermännliche D/utsche, welcher z. Z^ des Abschlusses der Wählerlisten das 25. Lebensiahr vollendet hatund imBesitz^- der bürgerlichen Ehrenrechte sich befindet, nicht unter Vormundschaft und Iuratel steht, nickt bezüglich seines Vermögens zur Zeit der Wahl in Concurs oder Falli^ustande sich befindet? keine Armenunterstützung aus öffentlichen ober Ar°Wabl

und Jnvaltdengeld selbstverständlich ausgenommen) bezieht oder ^m letzten der Wahl vorhergegangenen Jahr^ bezogen hat. Von der Entrichtung von Staa s-und Cb munalfteuern ist die Ausübung des Wahlrechts nicht abhängig. Für die Angehörigen des Heere« und der Marine ruht die Berechtigung sum Wählensc» lange als diese bm sich bei der Fahne befinden. Ist der Vollgenuß der bürgerlichen Ehrenrechte wegen