Nr- 189
Mittwoch den 18. Juni
1884
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
ewrteu: Schulst«°ße 7. Erscheint tittzlich mit U.«Hn«hme des Prei, vrert-Ii-ihrl!ch 2 Mari LV $f. mit Srtngtrfo^n.
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A w tticher Hheit.
Nr. 17 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 11. d. M., enthält:
(Nr. 1547.) Gesetz gegen den verbrecherischen und gemeingefährlichen Gebrauch von Sprengstoffen. Vom 9. Juni 1884.
(Nr. 1548.) Bekanntmachung, betreffend die Einfuhr von Pflanzen und sonstigen Gegenständen des Gartenbaues. Vom 4. Juni 1884.
Gießen, den 17. Juni 1884. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Bekanntmachung.
Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz hat dem Stadtvorstand zu Ortenberg die Erlaubniß erthellt, gelegentlich der Abhaltung des sogenannten kalten Marktes daselbst am 6. November d. I. eine Verloosung von Fohlen, Rindvieh, landwirthschaftlichen und sonstigen Geräthen zu veranstalten. Es dürfen dabei höchstens 10,000 Loose ä 1 4 ausgegeben werden und sind mindestens 75% des Brutto-Erlöses aus den Loosen zum Ankauf von Gewinngegenständen zir verwenden.
Der Vertrieb der Loose ist im Großherzogthum gestattet worden.
Gießen, den 14. Juni 1884. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Politische Ueberfkcht.
Gießen, 17. Juni.
Seit vorigen Samstag weilt Kaiser Wilhelm wieder in Bad Ems, um hier, wie nun schon seit Jahren, eine längere Kur durchzumachen. Später als in früheren Jahren hat der Kaiser diesmal seine gewohnten Badereisen angetreten, da theils wichtige, der Erledigung harrende politische Fragen, theils die schwankenden Witterungsverhältniffe, den Beginn seiner diesjährigen Badekuren verzögerten. Der Aufenthalt in Ems ist vorläufig auf drei Wochen berechnet; möge doch auch diesmal der Gebrauch der heilkräftigen Quellen des Lahnthal-Bades dem greisen Monarchen den gewünschten Erfolg bringen ! — Nach einer Meldung des „Rhein. Kour." wird in nächster Zeit eine Zusammenkunft zwischen unferm Kaiser, dem dänischen Königspaare und dem Könige von Griechenland in Wiesbaden stattfinden.
Der allgemeinen Erwartung entgegen ist der Reichstag am vorigen Samstag noch nicht in die zweite Berathung der Unfallversicherungs- Vorlage eingetreten, da er sich an diesem Tage mit der ersten Lesung der Vorlage über die Dampfer-Linien-Subventionirung zu beschäftigen hatte. Letztgenannte Vorlage stand allerdings schon für Freitag aus der Tagesordnung; aber die Freitagsfitzung wurde fast ganz durch die sich ungewöhnlich lang hinziehende Debatte über die allgemeine Rechnung über den Staatshaushalts- Etat für das Jahr 1879/80 ausgefüllt. Die Discusfion, welche sich öfters in sehr scharfen und persönlichen Ausdrücken bewegte, charakterisirte sich im Allgemeinen als ein Wortgefecht über die Rechte und Competenz des Reichstages, zumal gegenüber dem preußischen Kriegsministerium, welches zwischen den deutschfreisinnigen Abgg. Eugen Richter und Rickert einerseits und den Vertretern der Regierung, dem preußischen Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf und dem Geh. Ober-Justizrath Meyer, anderseits, geführt wurde. In die äußerst weitschweifige Debatte griff auch der kurze Zeit im Saale anwesende Reichskanzler ein, indem er empfahl, die Rechnungs-Vorlage nochmals an die Rechnungs- Commission zurückzuverweisen. Die Verhandlung, in deren Verlaus auch die Abgg. Windthorst, Hammacher, v. Maltzahn-Gültz u. A. das Wort ergriffen, spitzte sich schließlich zu einer sehr erregten Controverse über die Geschäftsordnung zu, welche damit endete, daß die allgemeinen Rechnungen für die Etatsjahre 1879/80 und 1880/81 an die Commission zurückverwiesen wurden. — Was das weitere Arbeitsprogramm anbelangt, so läßt sich dasselbe in allen seinen Einzelheiten noch immer nicht genau übersehen. Auf die zweite Lesung der Unfallversicherungs-Vorlage soll diejenige der Actiengesetz-Novelle folgen, welche nunmehr von der betr. Commission sertiggestellt worden ist. Am Freitag hat dieselbe den Entwurf einstimmig angenommen und verpflichteten sich die Mitglieder sämmtlich, bei ihren politischen Freunden die Annahme des Entwurfs zu befürworten und sich zu bemühen, die Plenar-Discussion auf das möglichst geringste Maß zu beschränken. Da der Bundesrath am Freitag den Zuckersteuer-Entwurf erledigte und am Samstag wahrscheinlich auch den Börsensteuer- Entwurf sertiggestellt hat, so dürften beide Vorlagen dem Reichstage ebenfalls in diesen Tagen zugehen.
Die Ordres wegen der Einberufung des preußischen Staatsrathes und der Ernennung einer Anzahl neuer Mitglieder sind nunmehr vollzogen. Die erste Einberufung des Staatsrathes soll noch vor Schluß der Reichstagssession erfolgen.
Die zweite hessische Kammer hat sich am Freitag bis Ende Juni vertagt. Am gleichen Tage genehmigte der braunschweigische Landtag die Verträge mit Preußen, betr. das preußische Eisenbahn-Unternehmen und die anderweitige Regelung der die beiderseitigen Gebiete berührenden Eisenbahn, mit Stimmeneinheit.
Nach einer Periode selbst in Ungarn unerhörter Wahlagitation haben am 13. Juni die Wahlen zum ungarischen Reichstage selbst ihren Anfang genommen und finden dieselben erst am 22. Juni ihr Ende. Am erstgenannten Tage hat der Wahlakt in 30 Comitaten mit 167 Wahlbezirken und in 16 Städten mit 27 Wahlbezirken stattgefunden, so daß am Freitag fast die Hälfte der Abgeordneten nominirt worden ist. Bis Samstag früh waren 71 Wahlen bekannt, von denen 46 auf liberale Candidaten, 12 auf Gemäßigt
Oppositionelle und 13 auf sog. „Unabhängige" sielen; von den 7 bekannt gewordenen Pesther Wahlen sind alle aus Liberale gefallen. Man glaubt, daß die liberale Partei mit einem nicht unbedeutenden Gewinn von Sitzen aus dem Wahlkampfe hervorgehen werde.
In den französischen Regierungskreisen herrscht eine gewisse Animosität gegen Italien wegen der Erklärungen, welche Herr Mancini kürzlich in der italienischen Deputirtenkammer bezüglich der französischen Politik in Marokko abgegeben hat. Mit großer Entrüstung weisen die französischen Regierungs-Organe diese Auslassungen Mancini's als unberechtigte Verdächtigungen zurück und perhorresciren den Gedanken, als ob Frankreich beabsichtige, Marokko einfach zu annectiren. In der That scheint die Regierung des Herrn Ferry nicht geneigt zu sein, in Marokko auf neue Abenteuer auszugehen, denn sie hat in London erklären lassen, daß sie keinerlei Anschläge bezüglich Marokkos hege, Frankreich weise jede Idee, als ob sie die Errichtung eines Protektorats über Marokko betreibe, entschieden zurück. Diese" Erklärung wird jedenfalls nicht nur in London, sondern auch in Rom und Madrid ihre beruhigende Wirkung äußern. — Das Schicksal der Rekrutirungs-Vorlage in der französischen Deputirtenkammer erscheint durch die zahlreichen hierzu gestellten Amendements bedenklich gefährdet. Am einschneidensten ist das Amendement Laneffan, welches die dreijährige Dienstzeit aufrecht erhält, eine gewisse Anzahl militärisch ausgebildeter Mannschaften aber schon nach ein- oder zweijähriger Dienstzeit bei der Fahne zu entlassen gestattet. Die Deputirtenkammer wollte hierüber am Samstag definitiv Beschluß fassen und dürfte die Ablehnung oder Annahme des Amendements maßgebend für das Geschick der Rekrutirungs-Vorlage sein-
In dieser Woche wollte Herr Gladstone dem englischen Parlamente die officielle Mittheilung von dem englisch-französischen Abkommen bezüglich Egyptens machen. Aus dem Munde des englischen Premiers wird man wohl endlich etwas Genaues über den Stand der ganzen Conferenz-Angelegenheit erfahren, denn alle Mittheilungen hierüber sind zuletzt wieder schwankend und unsicher geworden. Jedenfalls wird sich an die in Aussicht stehenden Erklärungen Gladstone's wieder eine große Debatte in beiden Häusern des englischen Parlamentes über die gesammte egyptische Politik Gladstone's knüpfen. Die conservative Opposition wird hierbei den Fall Berbers, welcher sich nunmehr doch bestätigt, ohne Zweifel gehörig gegen das Cabinet ausbeuten und ob dann die Nachricht, daß es dem Admiral Hewett gelungen ist, noch in letzter Stunde einen Vertrag mit Abyssinien abzuschließen, die Stimmung des Parlaments zu Gunsten Gladstone's wieder beeinflussen wird, steht noch sehr dahin. In der Freitagsfitzung der Oberhauses brachte Lord Sidmouth wieder die Angra- Pequena-Affaire zur Sprache; der Staatssecretär für Indien, Earl of Kimberley, erwiderte, daß die Verhandlungen mit Deutschland fortdauerten und es ihm nicht möglich fei, weitere Mittheilungen zu machen.
Nach sechsjähriger segensreicher Thätigkeit hat das belgische Ministerium Fröre-Orban in Folge der Niederlage der Liberalen bei den Ergänzungswahlen zur belgischen Repräsentantenkammer einem klerikalen Cabinet Platz gemacht. Die Präsidentschaft desselben und das Auswärtige übernimmt Malou, der frühere klerikale Ministerpräsident; im Uebrigen scheint bte von der „Jndöpendance Belge" mitgetheilte Ministerliste noch nicht definitiv festzustehen. Das Unterrichtsministerium soll aufgehoben werden, was den Geist des neuen Cabinets hinlänglich charakteristren würde.
Die demokratische Partei in Nordamerika ist noch immer auf der Suche nach einem Candidaten für den Präsidentschaftsposten. Nachdem Tilden abgelehnt hat, sind Cleveland, Bayard, Mac Donald und Flower in Aussicht genommen, von denen aber noch Keiner bestimmt zugesagt hat.
Die Aufständischen im Ost-Sudan unternahmen in voriger Woche wieder einen größeren nächtlichen Angriff auf Suakim, den die englische Besatzung jedoch abermals zurückwies.
Petersburg, 15. Juni. Die Feier der Trauung des Großfürsten Sergei mit der Prinzessin Elisabeth von Hessen ist programmmäßig verlaufen. Die Auffahrt vor dem Winttipalats begann bald nach 12 Uhr Mittags. Der Trauungszug begab sich feierlich nach der Kathedrale des Palais, woselbst unter glänzendster Assistenz die Trauung vollzogen wurde. Der evangelisch-lutherffche Theil der Trauung wurde von dem Pastor Dalton verrichtet. Nach der Trauung begaben sich die Maiestäten mit den


