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Nr. 15. Freitag den 18. Januar 188<
Amts- und Anzeigeblstt für den Kreis Gießen.
BimaU t Schulfiraße 7.
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Politische Ueberstcht.
Gießen, 17. Januar.
In der kirchenpolitischen Frage verlautet jetzt von abermaligen Zugeständnissen der preußischen Negierung. Die mehrstündige Sitzung, welche das preußische Staatsministerium am vorigen Samstag abhielt, soll sich der Hauptsache nach mit einem eingelausenen Schreiben des Fürsten Bismarck beschäftigt haben, das angeblich in kirchenpolitischer Hinsicht von großer Wichtigkeit ist und besonders die bevorstehende Begnadigung des Bischoss von Münster betroffen hat. Ferner hat der Cultusminister, Herr v. (Soßler, die Regierung in Bromberg angewiesen, die Verfügung betreffs der Wiederherstellung der EtaatS- leistungen in dem zur Diöcefe Culm gehörigen Dekanat Fordon schleunigst zu erlaffen. Es bedeutet dies die Fortsetzung der von Preußen neuerdings der römischen Kurie gegenüber eingeschlagenen Politik der GratiS-Concessionen; von einem besonderen Entgegenkommen von Seiten der Kurie hört man aber nicht» und die Präsentirung des Vicars Prinzen Edmund Radziwill al» Coadjutor für die Diöcefe Posen-Gnesen beweist nur, wie wenig Eindruck die versöhnliche Politik der preußischen Negierung in den maßgebenden vatikanischen Kreisen gemacht hat.
Im preußischen Abgeordnetenhause hat am Dienstag die Generaldiscussion über die beiden Steuervorlagen begonnen. Ueber die Annahme oder Ablehnung derselben laßt sich im Voraus noch wenig sagen, jedenfalls dürsten aber die Rücksichten auf die kommenden Reichstagswahlen hier auch ein Wort mitsprechen.
Der Statthalter von Elsaß-Lothringen, Feldmarschall Freiherr v. Manteuffel, hat jüngst mit einigen elsässischen Herren eine Unterredung über sein Wirken in den Rnchslanden gehabt. Den Anlaß hierzu gab eine von Baron Zorn v. Bulach jun., einem angesehenen elsässischen Grundbesitzer, gegen den Statthalter gehaltene Rede, in welcher Herr v. Manteuffel scharf angegriffen wurde. Derselbe äußerte seine Betrttbniß über die Rede ynch sprach im Weiteren mit; der ihm eigenen Offenheit seine Meinung über bas. reichs- ländijche Beamtenthum, die Notabeln und verschiedene specielle Vorkommniffe der jüngsten Zeit aus. Er glaube nicht, daß eine Opposition der höheren Beamten gegen ihn bestehe, er müßte dann ja an der Menschheit verzweifeln, da keiner von ihnen ihm in amtlichen Berichten und im persönlichen Verkehr je Vorstellungen über den Gang seiner Politik gemacht habe. Entschieden wies der Statthalter die Insinuation zurück, als ob er versucht habe, durch Höflichkeit und Nachgiebigkeit die elsässischen Notabeln zu gewinnen und daß er unter deren Einfluß stehe; er habe bei feinem Handeln stets nur seiner eigenen Ueberzeugung gefolgt und thue dies auch in seiner jetzigen Stellung. Nachdem sich Herr v. Manteuffel poch über die Demission des Bezirkspräsidenten von Lothringen, v. Flottwell, und über die Strafversetzung des Oberförsters Mang ausgelaffen, äußerte er schließlich noch, daß fein Verbleiben an der Spitze der reichsländischen Verwaltung und sein Dienen lediglich vom Willen des Kaisers abhänge.
Der Bund der ungarischen Magnaten mit den österreichischen hochadeligen Herren, die auch im Pesther Oberhause Sitz und Stimme haben, kann seinen ersten parlamentarischen Sieg über das Ministerium Tisza feiern. Mit 9 Stimmen Majorität hat das ungarische Oberhaus die Mischehen-Vorlage zum zweiten Male abgelehnt und diese ausschlaggebenden Stimmen gehörten den österreichischen Kavalieren an, welche in den antisemitischen und sonstigen oppositionellen ungarischen Journalen nun in den schmeichelhaftesten Ausdrücken gefeiert werden. Politische Folgen wird die Ablehnung des Mischehen-Gefetzes einstweilen nicht haben, da Herr v. Tisza sich im Unterhause auf eine starke Majorität stützen kann, aber der Sieg der adeligen Coalition im Oberhause beweist, daß es in Ungarn eine starke, zielbewußte Partei giebt, welche aus den Sturz des liberalen Regimes Tisza hinarbeitet und diese Partei kann später doch dem gegenwärtigen ungarischen Cabinet gefährlich werden. Im Abgeordnetenhause wird die zweite Berathung des Mischehen-Gesetzes sofort nach Beendigung der Specialdiscussion über das Budget beginnen, in welche das Haus am Dienstag eingetreten ist.
Die kurze Ruhepause, welche nach der Einnahme von Sontay auf dem tongkingnesifchen Kriegstheater eingetreten war, scheint schon wieder zu Ende zu sein. Piraten und „Schwarz-Flaggen" lassen den Franzosen keine Ruhe und unternehmen fast jeden Tag Angriffe gegen diese oder jene französische Position. So griffen Piraten in den Nächten des 1. und 2. Januar Maindink unter Verlust mehrerer Tobten und Verwundeten an und am 4. Januar griff eine Abtheilung „Schwarz-Flaggen" Batang bei Hanoi an, doch wurden die Feinde ebenfalls mit Verlusten auf ihrer Seite zurückgeworsen. Aus Hongkong meldet dagegen Admiral Meyer, daß in dieser Stadt eine befriedigende Stimmung herrsche und daß die Seeräuber, auf welche energisch Jagd gemacht würde, aus dem Delta allmälig zu verschwinden begännen. Daneben treffen rcictey beunruhigende Nachrichten über den Fortgang der chinesischen Rüstungen ein; die Behörden der Provinz Kwangtung sollen ernstliche Kriegsvorbereitungen treffen und weiter heißt es, daß chinesische Truppen aus der Provinz Quangsi im Anmarsch auf Bacninh begriffen seien, um die dortige Garnison zu verstärken. In Paris legt man indessen diesem kriegerischen Gebühren Chinas wenig Bedeutung bei, da man der Meinung ist, daß die chinesische Regierung hiermit weiter nichts beabsichtigt, als Frankreich einzuschüchtern.
So sehr der national-russische Exclusivismus in unserem
östlichen Nachbarreiche auch auf politischem Gebiete überhand genommen haberr mag, so sehr bleibt er auf volkswirthschaftlichem Gebiete im Hintertreffen. Hier behauptet nach wie vor ausländische Wissenschaft, ausländische Geschästskenntnist und ausländisches Kapitol den Vorrang. Es giebt nur ganz vereinzelte Industriezweige, in welchen die Russen etwas Selbstständiges leisten, dagegen eine ganze Reihe, die ausschließlich ober fast ausschießlich in nichtrussifchen Händen liegen. Dahin dürfte mit in erster Linie das lediglich von Deutschen betriebene Brauereigewerbe zu rechnen sein. Obwohl bei den Russen zu allen Zeiten Bier consumirt wurde, sind doch die Brauereibesitzer und Brauereibedienstete fämmt- lich Deutsche resp. Deutsch-Oesterreicher; alle Brauereien des weiten Reiches sind von Deutschen erbaut und eingerichtet. Natürlich sind auch die Maschinen ins- gesammt deutschen Ursprungs, sogar die in der Brauerei verwendeten Rohmaterialien: Gerste (Malz) und Hopfen werden aus Deutschland (Bayern) resp. Oesterreich bezogen. Und bei allen Tiraden über die Schädlichkeit des Deutschthums läßt sich der Russe das deutsche Bier trefflich munden.
Die egyp tische Regierung hat den Kriegsminister mit der schwie* rigen Ausgabe beauftragt, die beschlossene Räumung des Sudan und speciell ier Hauptstadt Khartum zu leiten. In etwas wird diese Aufgabe wenigstens- dadurch erleichtert, daß es der Regierung gelungen ist, mit mehreren der bisherigen aufständischen Beduinenstämme in der Nähe von Suakim ein freundschaftliches Einverständniß zu erzielen, so daß von dieser Seite aus der Rückzug der egyptischen Truppen, welcher aus Suakim geht, nicht mehr bedroht erscheint.
Hesterrcich.
Wien, 16. Januar. Die Polizei verhaftete in Gaudenzdorf einen Vagabunden Namens Töpper, welcher bestimmt für den dritten Mordgesellen in der Affaire Eifert gehalten wird. Derselbe verweigert bisher jede Auskunft.
Frankreich.
Paris, 15. Januar. Nach telegraphischen Meldungen des AdmiralL Courbet aus Hanoi vom 8. und 9. d. Mts., hat sich seit Der Einnahme von Sontay die Zahl der Seeräuber in den Umgebungen von Hanoi und Haiphong vermindert. Die „Schwarz-Flaggen" haben am linken Ufer des Schwarzen Flusses mehrere Dörfer in Brand gesteckt und haben zahlreiche Recognoscirungen in dieser Gegend stattgesunden. Die Seeräuber bedrohen noch immer die Provinz Namdinh, zahlreiche Colonnen sind nach allen Richtungen zu ihrer Ver-- folgung ausgesandt.
Telegraphische Depeschen.
WoM'S teLegr. EorresporrderrL-Brrrearr.
Berlin, 16. Januar. Ein für die Trauerfeier Lasker'S unter Ehrenvorsitz des Reichstags-Präsidenten Levetzow gebildetes Comitä, dem Forckenbeck, Straßmann, Bamberger, die Justizräthe Meyer und Makower, Kammergerichtsrath Schröder, Director Schrader und Dr. Kahn angehören, beschloß, eine würdige Ueberführung der Leiche vom Bahnhofe nach der Synagoge zu veranstalten und in letzterer am 28. Januar eine Trauerfeier abzuhalten, wobei außer dem Prediger auch ein Parteigenosse Lasker's reden wird.
— Der Statthalter v. Manteuffel ist hier eingetroffen. Der Kaiser hatte Nachmittags eine längere Conserenz mit Hatzfeldt.
München, 16. Januar. Die Kammer nahm den Antrag Gabler, den Postschalterdienst an Sonn- und Festtagen von acht auf vier Stunden zu beschränken, an.
Wien, 16. Januar. Bei Linz nächst Hallstadt ist ein Lawinensturz erfolgt. Durch den Walo, der verheerend über Den Bahnkörper gestürzt wurde, ist die Bahnverbindung auf 300 Meter unterbrochen. Die Lawine lagert 15 Meter doch.
Paris, 16. Januar. Ein Telegramm des Gouverneurs von Cochinchina aus Saigon vom 16. Januar meldet, die Besetzung Huö's sei im Princive beschlossen, die Freibeuterbanden von Anam seien zerstreut, ihre Führer bestraft.
Paris, 16. Januar. Grevy empfing gestern den Botschafter Hohenlohe, welcher heute ftd) nach Berlin begibt und am morgigen Diner im Elysee nicht thetlnimmt.
— Der bisher in Clairvaux gefangen gehaltene Fürst Krspotktn wurde nach hier überführt.
London, 16. Januar. Zufolge einer Meldung des „Bureau Reuter" aus Suakrm oom 11. ds. ist Baker Pascha von Massauah nach SuaklM zurückgekehrt. ES heißt, daß es sich darum handle, b e Operattonsbasis von Suakim nach Massauah zu. verlegen.
— In einer gestern Abend in Newcastle ftattqebabten Versammlung erinnerte Chamberlain an die wiederholten Zusicherungen der Regierung, die britischen Truppen aus Egypten zurückzuziehen, sobald die Ordnung daselbst hergeftellt sei. Die Cbolern und die Niederlage Hicks Pascha'S hätten di- Ausführung dieser Zusagen verzögert: die Regierung könne Egypten nicht der Anarchie pretsgeben, die Regierung werde und dürfe aber keine ihrer Zusicherungen zurückztehen. Die Aufgabe der Regierung sei schwieriger als angenommen werde und werde mehr Zeit erfordern, als vorausgesetzt sei, aber nichts sei eingetreten, das ihn glauben ließe, diese Aufgabe könne mit Zett, Geduld und Klugheit nicht vollständig gelöst werden.
Madrid, 16. Januar. In der Kammer hob gestern Castelar den Einfluß hervor den die in Frankreich jeweilig herrschenden monarchischen oder demokratischen Prtncipieu auf Frankreich ausübten, und sprach sich gegen die Reise des Königs nach Deutschland aus. Spanien bedürfe der Ruhe und müsse sich jeder Einmischung in die Angelegenheit anderer Länder enthalten. Veja de Armijo erwiderte, eS gebe kein Dokument, wonach Spanien e'ne Allianz mit einer fremden Macht emgegangen sei. Die Reise des Königs hatte keine Alltanzzwecke. Deutschlands Verhalten Spanien gegen-


