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MO. Samstag den 16. Februar ISsM
Gießener Anzeiger Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen. . c», - 7" . . _ " " Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit vringerlohru
Bureau r Schulstraße 7. Erscheint läßlich mit Ausnahme des Montags. Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheiü Bekanntmachung.
In Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit nachstehende DurchschnittSmarktvreije vom Monat Januar 1884 veröffentlicht:
Hafer JL 14.80, Heu «X 6.s0, Sttoh <X 6.— per 100 Kilogramm.
Gießen, am 14. Februar 1884. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Boekmann. ______
Politische Veberficht.
Gießen, 15. Februar.
Die politische Welt, und in erster Linie die diplomatischen Kreise, wird gegenwärtig durch das Erscheinen eines neuen Buches von Moritz Busch, betitelt „Unser Reichskanzler", sowie durch die sicherem Vernehmen nach bevor- stehende Versetzung des russischen Botschafters in Paris, Fürsten Orlow, nach Berlin, lebhaft bewegt. Das Buch des genannten Publicisten ist besonders da- durch bemerkenswerth, daß es einen neuen Beitrag zur Vorgeschichte des deutschösterreichischen Bündnisses liefert und wird mit der Vorgeschichte des böhmischen Feldzuges von 1866 eingeleitet. Es geht hieraus die interessante Thatfache hervor, daß Fürst Bismarck schon vor Beginn des preußisch - österreichischen Krieges dem Wiener Cabinet ein Dündniß mit entschiedener Wendung gegen Frankreich und unter Beibehaltung des Dualismus in Deutschland vorschlug, welcher Vorschlag aber an der kurzsichtigen österreichischen Politik scheiterte. Weiter sehen wir, daß es immer Bismarck war, der nach den für die preußischen Waffen so überaus glänzenden Ergebnissen des böhmischen Feldzuges immer wieder zur Mäßigung gegen Oesterreich wie gegen die süddeutschen Staaten drängte und die nachfolgenden Ereignisse haben bewiesen, welche Früchte diese kluge Mäßigung trug. Das Buch, soweit sein Inhalt bis jetzt erschienen, enthält noch eine ganze Reihe interessanter Einzelheiten und diplomatischer Enthüllungen über die Vorgänge zwischen 1866 und 1870. und wird darum für geraume Zeit auch das Interesse weiterer Kreise fesseln. Richt minder lebhaft wird namentlich in der Berliner diplomatischen Welt die von Petersburg aus ssgnalisirte Ernennung des Fürsten Orlow zum russischen Botschafter in Berlin besprochen. Der genannte Diplomat gilt als ein entschiedener Anhänger der Bismarck'jchen Friedenspolitik und zugleich als einer der wenigen Russen, welche sich der besonderen persönlichen Freundschaft des deutschen Reichskanzlers erfreuen und in Berücksschtigung dessen darf man die Neubesetzung des russischen Bot- schasterpostens in Berlin durch Fürst Orlow wohl als ein Zeichen einer weiteren Annäherung zwischen Deutschland und Rußland betrachten.
Das Gutachten der preußischen wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalweftn, betr. die Ueberbürdung der Schüler in den höher« Lehran- Halten an den CultuSminister, ist dem Abgeordnetenhause zugegangen. Es ist, wie der „Köln. Zeitung" telegraphirt wird, eine sehr umfassende Arbeit, aus welcher eigentlich nur hervorgeht, daß „für ein wissenschaftliches Gutachten über die Ausdehnung einer Ueberbürdung der Schüler der hohem Unterrichtsanstalten die Unterlagen fehlen." Soweit die letztern vorhanden waren, verbreitet sich das Gutachten über die zum Militärdienst untauglich befundenen Schüler, über Selbstmord und Geisteskrankheit unter den Schülern, über Kurzsichtigkeit, Blutandrang zum Kopf, Kopfweh, Nasenbluten und allgemeine Schwächezustände der Schüler, unter Hinweis daraus, daß alle diese Erscheinungen vielfach auf die ArbeitSüberbürdung der Schüler zurückzusühren seien. Es folgen dann Mittheilungen über die einzelnen Ursachen der Ueberbürdung. Im Großen und Ganzen geht daraus hervor, daß die Dauer der Schul- und Arbeitszeit eine durchaus anderweite Eintheilung erheische. Schließlich wird das Hauptgewicht aus eine umfassende Vetheiligung der Aerzte bei Beaufsichtigung der Schule gelegt.
Die von der österreichischen Regierung erlassenen Ausnahme- Verfügungen, deren Berathung im Abgeordnetenhause am Donnerstag begonnen hat, werden nicht die ungetheilte Zustimmung desselben finden. Der Club der Vereinigten Linken hat beschlossen, gegen die betr. Regierungs-Verfügungen zu stimmen, indessen kann nicht bezweifelt werden, daß der Antrag der Ausschußmajorität, denselben ohne jede Einschränkung zuzustimmen, Annahme finden wird. Eine stricte Aufrechterhaltung der Ausnahme-Verfügungen ist auch um so mehr geboten, als jetzt von auswärts versucht wird, die Wiener Anhänger der Umsturzpartei noch mehr gegen Gesetz und Ordnung aufzureizen. In einer zu New-Dork am Montag stattgefundenen Versammlung deutscher und böhmischer Socialisten, in welcher der Agitator Most das große Wort führte, wurden mehrere Vorschläge angenommen, in denen den österreichischen Socialisten empfohlen wird, sich noch gefürchteter zu machen als bisher und keinen Aristokraten oder Fürsten zu verschonen.
In Frankreich ließen die parlamentarischen Erörterun- -gen über die wirthschaftliche Krisis in letzter Zeit die Tongking-Angelegenheit etwas zurücktreten. Ein blutiges Ereigniß lenkt aber die Blicke der Franzosen wieder nach Ostasien. Ein Telegramm des Bischofs Puginier von Tongking meldet die Niedermetzelung von 23 Priestern und Katecheten und 215 christlichen Laien, sowie die Zerstörung von 108 Christen-Niederlaffungen; nähere Details fehlen noch, namentlich was den Ort des Maffacres anbetrifft. Dieser erschütternde Vorgang, dessen Bestätigung allerdings noch abzuwarten bleibt, zeigt die Situation in Tongking abermals in einem recht beunruhigenden Lichte, zumal
Admiral Courbet gleichzeitig von ernsten Kämpfen meldet, welche in der Umgegend von Vakninh stattgefunden haben und bei denen die Feinde 500 Mann verloren haben sollen. Die Niedermetzelung ist, wie das Journal „Liberte" wissen will, in der Provinz Thanhoa zwischen Huä und dem südlichen Arme des Rothen Fluß-Deltas erfolgt; eine osficielle Bestätigung dieser Angabe fehlt aber noch. — Der Papst hat eine sehr versöhnlich gehaltene Encyklika an den französischen Episcopat gerichtet, welche in den Pariser Regierungskreisen einen recht günstigen Eindruck macht.
Der Kamps um die Existenz des Ministeriums Gladstone ist im Gange. Die Opposition eröffnete denselben unter dem, die Wucht ihres Angriffs noch ganz bedeutend verstärkenden Eindrücke des Falles von Sinkat. Im Oberhause führte Earl Granville, im Unterhause Mr. Gladstone selbst die Vertheidigung der Regierungspolitik. Beide gaben Erklärungen ab, welche von inneren Widersprüchen wimmeln und daher keineswegs befriedigen konnten. Mr. Gladstone hält eben fest an der Theorie, daß weder England noch Egypten an der Behauptung des Sudan ein Interesse hege, daß es unmöglich fei, Egypten von London aus zu regieren, und daß die englische Occupation des Pharaonenlandes nur so lange zu dauern habe, bis die Schaffung einer stabilen Regierung im Lande selbst gelungen fei. Unter diesen Umständen verlieren die angekündigten und zum Theü auch schon in der Ausführung begriffenen Truppen- Nachschübe, die bestimmt sind, das englische Occupations-Corps auf eine der ÄSi-ruatwii angemessene Stärke zu bringen, ganz bedeutend an moralischem Effect, und überhaupt gewinnt man aus den Darlegungen Ctadsione's und Granville'» nicht den Eindruck, als habe die gegenwärtige englische Regierung das volle Bewußtsein von der auf ihr lastenden schweren Verantwortlichkeit. Im Ober- Hause haben denn auch die Erklärungen Lord Granville'S ihre Wirkung gänzlich verfehlt, vielmehr wurde das von Lord Salisbury beantragte Tadelsvotum mit 181 gegen 81 Stimmen angenommen. Bei der Würdigung dieses Votums ist allerdings darauf zu berücksichtigen, daß im Oberhause die Toris dominiren, ein Umstand, der die Tragweite des Coups wesentlich abschwächt; im Unterhause schwebt die Entscheidung noch; dasselbe hörte die Auseinandersetzung Gladstone'» schweigend an, und vertagte sich darauf. Nach den parlamentarischen Gepflogenheiten Englands erscheint dieser modus procedendi jedenfalls höchst bedenklich. Er constatirt eine inbirecte Censur der Negierungspolitik Seitens der Majorität, die schon in sehr vielen Fällen das Vorspiel zu der entscheidenden Niederlage gewesen ist. Die Existenz des Cabinets hängt jetzt nur noch an einem Spinnfaden, der jeden Augenblick zerreißen kann.
Die Gefahr, in welcher die europäische Bevölkerung der jetzt vielgenannten egyptischen Hafenstadt Suakim im Falle einer Belagerung der Stadt durch die aufständischen Araber schwebt, hat auch Frankreich und Italien zur Ergreifung von Schutzmaßregeln veranlaßt. Franzöfijcherseits ist der Kreuzer „Seignelay" vom Piräus nach Suakim beordert worden, während italienischer- seits das Kriegsschiff „Rapido" dort bereits stationirt ist. Der Commandaut desselben ist von dcr italienischen Regierung angewiesen worden, die italienischen und österreichisch-ungarischen Staatsangehörigen, dann aber auch alle übrigen Europäer zu schützen.
Deutschland.
—L Darmstadt, 14. Februar. jZwette Kammer der Landstände.) In heutiger Sitzung beschäftigte sich die Kammer mit Berathung und Beschlußfassung über den Antrag der Abgeordneten Schade und Genossen auf Erhebungen 8 ber bie Lage des kleinen und mittleren Grundbesitzes. Die Anträge de« Ausschusses in dem vom Abg. Haas erstatteten Bericht hierüber wurden schon neulich an bttfCI Mtntste^alrMh^Jaup erklärte gleich zu Anfang der Debatte das vollste Ein - verständntß dcr Regierung mit den beiden ersten Positionen.deS AuSschußantragS unter dem Anfügeo, daß die tn Baden stattgefundene Enquete derientgen in Hessen zum Vorbild dienen werde; der pos. 3 des Ausschußantrags redoch müsse er insofern entgegen- trcten. als dem gegenwärtigen Landtag ein Voranschlag nicht vorgelegt werden solle, zumal keine Anhaltspunkte für eine Abschätzung der Kosten einer solchen Enquete vor- handen^seten.^ e [Qubt c8 fet nach dieser Erklärung der Regierung wenig mehr ru sagen aber er halte eS für gut, wer.n in der Debatte Großh. Regierung die nöthigen Anhaltspunkte und Ziele in die Hand gegeben würden. Redner hebt nochmals die große Verschuldung deS landwtrthschafilichen Grundbesitzes hervor. Es sei den Leuten vielfach zu leicht geworden, bei verfchiedenen Kassen u. si w-Geld zu erheben, sie hätten eS dann unklug verwendet bet dem hohen Ztnsmß und die wohlmeinende Absicht der Institute habe sich häufig in daS Gegentheil verkehrt. Uederhaupt bet der Verschuldung des Grund und Bodens drehe man sich tm Kreise herum; der verschuldete Landwirth, dem es schwer werde, die nöthtgen DeckungSmtttel für die auf seinem Grund und Boden haftenden Schulden aufzubrtngen, werde unter allen Umständen in der Lage sein, Mangel an Betriebskapital zu haben Abhülfe dagegen könne nur geschehen durch ein Eredtt-Institut, welches keine leicht kündbaren Kapitalien verleihe und welches Amortisation möglich mache, damit der Landwirth das nöthige BetriebSkapstal zu erhalle» vermöge.


