KV. 137, Zweites Blatt. Sonntag den 15. Juni 1SS4
Amts- rmd AnzeigÄsü für ben Kreis Gießen.
f&ttWeit: Schulstraße 7.
Erscheint mit Ausnahme des MontirgK.
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Prrt!S vierteljähcttch 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Lurch die Post bezogen viertelstchrlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Th§ik.
Betreffend: Den Remonte-Ankauf pro 1884.
Bekanntmachung.
Zum Ankauf von Remonten im Alter von vorzugsweise 3 und ausnahmsweise 4 Jahren sind im Bereich des Großherzogthums Hessen für dieses Jahr nachstehende, Morgens 8 Uhr beginnende Märkte anberaumt worden und zwar:
am 2. Juli in Alsfeld, „ 8. „ „ Nidda, „24. „ „ Butzbach, „25. „ „ Nieder-Wöllstadt, „ 26, ,> „ Groß-Bieberau,
am 21. August in Lampertheim,
„ 22. „ „ Bickenbach,
„ 23, „ „ G ernsheim,
„ 25. „ „ Groß-Gerau.
Die von der Nemonte-Ankaufs-Commission erkauften Pferde werden zur Stelle abgenommen und sofort gegen Quittung baar bezahlt.
Pferde mit solchen Fehlern, welche nach den Landesgesetzen den Kauf rückgängig machen, sind vom Verkäufer gegen Erstattung des Kaufpreises und der Unkosten zurückzunehmen, auch fiiib Krippensetzer (Köpper) vom Ankauf ausgeschlossen und wird es sich empfehlen, hierauf besonders zu achten, damit die Zurückgabe derjenigen Pferde, welche sich innerhalb der ersten 14 Tage nach dem Eintreffen in den Depots mit diesem Fehler behaftet zeigen, vermieden wird. Die Verkäufer sind ferner verpflichtet, jedem verkauften Pferde eine neue starke rindlederne Trense mit starkem Gebiß und einem Kopfhalster von Leder oder Hanf mit 2 mindestens zwei Meter langen starken hänfenen Stricken ohne besondere Vergütung mitzugeben.
Um die Abstammung der vorgefühtten Pferde feststellen zu können, ist es erwünscht, daß die Deckscheine möglichst mitgebracht werden.
Berlin, den 26. Februar 1884. Königlich Preußisches Kriegs-Ministerium, Abtheilung für das Remontewesen.
Frhr. v. Troschke. Gr. v. Klinckowstroem.
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Wochenschau.
Gtetzeu, 14. Juni.
An eine nationale Feier von bleibender Bedeutung kann diesmal der Wochenbericht anknüpsen. Die Grundsteinlegung zum künftigen Reichstags- Gebäude trug in allen ihren Einzelheiten ein entschieden nationales Gepräge und ihr Eindruck wird darum nicht nur bei allen Theilnehmern der glänzenden Versammlung, welche dieser Weiheakt an der Stätte, auf welcher sich das deutsche „Reichshaus" erheben wird, am Montag zusammengeführt hatte, ein unverlöschlicher sein, nein, er wird auch in weiten Kreisen ein unvergänglicher fern. Dessen ungeachtet hat aber die Feier nicht verhindern können, daß sich fast unmittelbar an sie wieder erregte Debatten angeschlossen haben, welche uns die Fortsetzung der Reichstagssession gebracht hat. Zwar bewegte sich die Dis- cussion über den conservativen Antrag auf Abänderung des § lOOe der Gewerbeordnung, mit welchem sich der Reichstag am Dienstag beschäftigte, im Ganzen in gemäßigten Grenzen, dafür trug aber die Mittwochs-Sitzung einen Am so leidenschaftlicheren Charakter. Es handelte sich in der erwähnten Sitzung Am den Antrag Windthorst's auf Aufhebung des Expatriirungsgesetzes, welches die unbefugte Ausübung von Kirchenämtern untersagt, und kam es hierbei zu sehr erregten Auseinandersetzungen zwischen den nationalliberalen Rednern Hobrecht und Blum einerseits und dem Abg. Eugen Richter, sowie den Sprechern Aom Centrum anderseits. Die nationalliberale Partei mußte schwere Anschuldigungen über sich ergehen lassen; vom Führer der Fortschrittspartei wurde den Mationalliberalen namentlich ihr schwankendes Verhalten in verschiedenen Fragen vorgeworfen und auch die Redner vom Centrum polemisirten in schärfster Weise gegen die nationalliberale Partei, deren Vertreter begreiflicher Weise die Antwort nicht schuldig blieben. Der Windthorst'sche Antrag wurde schließlich mit großer Majorität — fast nur die Nationalliberalen stimmten dagegen — angenommen. -Es folgte hierauf die Discussion über den vom Abg. Ackermann Namens der konservativen gestellten Antrag auf Errichtung von Gewerbekammern, welcher von den socialdemokratischen Abgeordneten durch den Antrag aus Errichtung Doit Arbeiterkammern eine nicht unbedenkliche Erweiterung erfahren hatte. Die Debatte, welche mancherlei interessante Gesichtspunkte darbot, bewegte sich indessen in so weiten Grenzen, daß sie schließlich abgebrochen werden mußte. In der nächsten Sitzung, am Freitag, beschäftigte sich der Reichstag der Hauptsache nach mit der Dampfer-Subventions-Vorlage und für Samstag stand die zweite Lesung der Unfallversicherungs-Vorlage aus der Tagesordnung. Letzterer Gegen- ftand wird den Reichstag wahrscheinlich noch die ganze kommende Woche hindurch beschäftigen, woran sich dann jedenfalls die Berathung der Actiengesetz- Novelle knüpfen wird, vorausgesetzt natürlich, daß die Commission bis dahin mit ihren Arbeiten fertig ist. Was die neuen Steuer-Vorlagen anbelangt, so sind dieselben sammt und sonders noch nicht aus den Ausschüssen des Bundes- rathes herausgekommen und es ist daher immer unwahrscheinlicher, daß sie der Reichstag noch in dieser Session erledigen wird.
Die Deputation der Transvaal-Boers hat am Dienstag Berlin wieder verlassen und sich zunächst nach Amsterdam begeben. Die Aufnahme der Abgesandten der fernen südafrikanischen Republik in der deutschen Reichshauptstadt ist namentlich Seitens der leitenden Kreise eine fast demonstrativ freundliche gewesen und die Boers sind auch dafür erkenntlich. Ihr Präsident Krüger erwiederte einer Deputation der deutschen Colonisations-Gesellschaft, welche ihm eine Adresse überreichte, daß die Transvaal-Boers sich stets als zur deutschen Nation gehörig betrachtet hätten und daß sie auch künftig „wie das Kind bei den Eltern" bei dem starken und mächtigen deutschen Mutterlands einen Rückhalt suchen würden. Das wird in England sehr gemischte Empfindungen Hervorrufen.
Unter den Vorgängen im Donau-Kaiserreiche haben in letzter Zeit die Wahlkämpfe — dies in des Wortes verwegenster Bedeutung —*
in Ungarn die Aufmerksamkeit am meisten gefesselt. An verschiedenen Orten Ungarns und Siebenbürgens sind förmliche Schlachten geschlagen worden, es hat hierbei Todte und viele, sehr viele Verwundete gegeben, was vollwichtiges Zeugniß davon ablegt, mit welcher Erbitterung die Agitation zu den Neuwahlen zum ungarischen Reichstage betrieben worden ist. Am Freitag haben nun die eigenllichen Wahlen begonnen, die sich über eine Woche erstrecken werden und in Anbetracht der vorausgegangenen blutigen Exceffe ist in diejenigen Orte, wo man am meisten eine Fortsetzung derselben befürchtet, Militär gelegt worden, was gewiß bezeichnend für die Wahlen ist.. Erwähnenswerth erscheint auch der Zusammentritt des kroatischen Landtages, auf welchem sich die Starcevicianer schsr. wieder durch ihr wüstes Treiben bemerklich gemacht haben. Außerdem kam in der Agramer Landstube am Dienstag die Wappenschlld-Affaire zur Sprache, die in Kroatien bekanntlich viel böses Blut gemacht hat. Der Landtag ging zwar schließlich zur Tagesordnung über, es steht aber zu befürchten, daß die Schllder-Angelegenheit trotzdem noch stürmische Scenen Hervorrufen wird. — Der Proceß vor dem Wiener Ausnahmegerichte gegen den des dreifachen Mordes angeklagten Anarchisten Stellmacher hat mit der Verurtheilung desselben zum Tode geendet.
Auf dem Gebiete der hohen Politik hat die Woche ein be- merkenswerthes Ereigniß gezeitigt, die französisch-englische Convention wegen Egypten. Die Convention beschränkt sich in der Hauptsache auf die schon bekannten zwei Punkte, von denen der erste die Dauer der englischen Okkupation Egyptens bis zum 1. Januar 1888 fixirt, während der zweite die Einsetzung einer internationalen Controle über die egyptischen Finanzangelegenheiten betrifft. Das Uebereinkommen bedeutet einen entschiedenen Triumph der französischen Politik über diejenige Englands und dem entsprechend ist in Frankreich die Stellung des Cabinets Ferry hierdurch wesentlich gestärkt, diejenige des Cabinets Gladstone in England aber bedenklich erschüttert worden. Allseitig betrachtet man jenseits des Canals diese Zugeständnisse an Frankreich als eine nationale Schmach und wenn Herr Gladstone, wie er beabsichtigt, dem englischen Parlamente in kommender Woche die osficielle Mittheilung von dem Abschlüsse des englisch-französischen Abkommens machen wird, dürste er böse Dinge zu hören bekommen. Falls aber das Parlament dieses Abkommen nicht sanctionirt, dann ist nicht nur das Zustandekommen der Conferenz in Frage gestellt, sondern auch das Cabinet Gladstone in seinem Weiterbestände mehr als je gefährdet.
Aus Italien liegt eine wichtige Kundgebung des Ministers des Aeußern, Mancini, bezüglich der marokkanischen Frage vor. Aus den Mittheilungen, welche der Leiter der auswärtigen Politik Italiens über den Stand dieser Angelegenheit in der Deputirtenkammer machte, läßt sich unschwer erkennen, daß in Marokko ein sich förmlich kreuzendes Jnteressenspiel besteht und daß namentlich Frankreich mit Italien in dem Bestreben concurrirt, den möglichsten Einfluß in den marokkanischen Angelegenheit zu gewinnen. Eine euro-- päische Complication, wie aus den Mancini'schen Erklärungen weiter erhellt, ist indessen aus der marokkanischen Frage vorläufig nicht zu befürchten.
Die eclatante Niederlage, welche die belgischen Liberalen bei den am Dienstag stattgefundenen Ergänzungswahlen zur Repräsentantenkammer erlitten haben, hat bereits die Demission des Ministeriums Fröre-Orban zur Folge gehabt. Weiter sind in Brüssel, wo die Klerikalen mit bedeutender Majorität siegten, den Wahlen ernstliche Ruhestörungen gefolgt. Am Mittwoch Abend zogen Volksmaffen singend und schreiend durch die Hauptstraßen Brüssels und begingen hierbei grobe Ausschreitungen gegen die als ultramontan bekannten Hausbesitzer. Es wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen und ist die Untersuchung eingeleitet.
Ueber die eigentliche Lage im Sudan ist auch in dieser Woche nichts Gewisses bekannt geworden. Nach wie vor kreuzen sich die verschiedensten


