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Stk. 113, Zweites Blatt. Donnerstag den 15. Mai 1884
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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über die Generalversammlung des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen vom 14. März 1884 zu Grünberg.
Der Vorsitzende eröffnet die Versammlung mit dem Bemerken, daß die Herren Ministerialrath br. Jnup und Oekonomierath i>r. Weidenhammer zur heutigen Versammlung eingeladen worben seien, sich aber entschuldigt hätten-
Hierauf erhielt Herr Professor b r. Pflug von Gießen das Wort zu einem Vortrage über die Abschaffung des Doppeljochs. Gr sagt, dieser Gegenstand sei durch den Gießener Thierschutzverein angeregt,worden, weil man gesehen habe, daß noch vielfach Rindvieh im Doppeljoch angespannt sei. Daß nicht allein Pferde, sondern auch Rindvieh zum Zugdienst verwendet würden, sei durch die wirthschastlichen Ver- hältnisse bedingt; jedoch müsse man bei der Auswahl der Zugthiere vorerst die Individualität des Thieres in Betracht ziehen; mir gut gebautes starkknochiges Vieh solle als Zugvieh verwendet werden, daß man kein englisches Fleischvieh und keine holländischen Milchkühe zum Arbeitsvieh wählt, versteht sich wohl von selbst. Ferner muß auch die Lebensweise des Zugthieres, namentlich bezüglich seiner Ernährung berück- uchtigt werden. Rian darf das Rindvieh nicht zu lange in Arbeit und muß es länger -uhen lassen, weil es eine längere Zeit zur Verdauung der Nahrung nöthig hat, als andere Zugthiere. Freilich wohl fährt man besser mit Pferden, als mit Kühen; aber auch das Rindvieh und selbst die Kühe sind für gewisse Verhältnisse ganz gute, nicht zu entbehrende Zugthiere; ja manche kleinere Landwirthe würden besser thun, mit einem Paar Kübe zu fahren, als mit einem Pferd; es sei dies eine sehr üble Gewohnheit kleiner Wirthe, wodurch oft die ganze Wirthschaft zu Grunde ginge, auch ein Pferd haben zu wollen, denn das Pferd liefere nur Arbeit, das Rindvieh neben derselben «ber noch schätzbare Rebeneriräge, wie Milch und Fleisch.
Wenn wir das Vieh als Spannvieh benutzen wollten, müßten wir vor allem unser Augenmerk darauf richten, daß dasselbe seiner Natur und dem anatomischen Bau seines Körpers entsprechend an den Wagen gespannt würde.
Es gibt für das Rindvieh verschiedene Anspannwerkzeuge. In Schwaben gehen .^kühe und Ochsen im Kummet, wie die Pferde. In anderen, nicht so kultivirten Gegenden, wie in der Türkei, in Egypten re., hat man das sog. Stockjoch, bei uns fahrt man entweder im Dovpeljoch oder im einfachen Joch Erstere Einspannart ist eine grausame Thierquälerei;, das Thier kann sich kaum rühren, kann nicht ausschnaufen, sich nicht die Fliegen ivehren, es hat feinen sicheren Tritt; man sieht ihm die Qual an den ängstlichen Augen an! — Man behaupte häufig, daß in Gebirgsgegenden das Doppeljoch nicht entbehrt werden könne; wenigstens wurde in der Rhön mir dieses stets eingewendet, wenn ich dort, vor über 25 Jahren, gegen das Dovpeljoch sprach. Aber gehen Sie einmal in andere Gebirgsgegenden, Sie werden viele finden, in denen nan das Doppeljoch gar nicht kennt! Ich erinnere mich nicht, das Doppeljoch in der Schweiz gesehen zu haben, ich weiß auch nicht, daß ich ihm schon im bayerischen Hochgebirge begegnet wäre; im Fichtelgebirge, in den fränkischen Jurabergen kennt man es nicht und es sind dort die Wege gerade so gut oder so schlecht, wie bei uns; die Berge alber steiler und die Arbeit anstrengender!
Als Anspannmittel für Rindvieh empfehle ich Ihnen das einfache Kopfjoch resp. die sog. Stirnbänder, deren Kopffläche ein gutes Roßhaarpolster haben muß und das — wie in der Baireuther Gegend — auch noch auf einem weichen etirnfiffen liegen dürfte.
Wolle man sagen, das Doppeljoch sei billiger und das Stirnband zu theuer, so müsse man doch auch bedenken, welchen Schaden ersteres am Werth des Viehes verur- sache. Gewisse Krankheiten, wie Horn- und Knochenbrüche, kommen bei den im Doppel- j»ch gefahrenen Thieren ungleich häufiger vor, als bei Tyiereu, die mit Stirnbändern ziehen.
Nachdem Redner noch entschieden gegen den Gebrauch des Doppeljochs gesprochen, beißt er es gut, daß man damit umgehe, ein Reglement zu erlassen, welches den Gebrauch des Doppeljochs verbiete; man solle jedoch die Sache nicht übereilen, sondern eine Uebergangszeit lassen. Auch die landwirthschaftlichen Vereine sollten für Abschaffung des Doppeljochs wirken, indem sie bei ihren mit Verloosungen verbundenen F esten recht viele Stirnbänder als Gewinnste ankauften. Er habe der Versammlung seine Ansichten über das Doppeljoch mitgetheilt und erwarte von den praktischen Land- wirthen, daß fie offen über die vorwürfige Frage ihre Meinung aussprechen, denn indem wir gemeinfam das Für und Wider erwägen, kommen wir gewiß zu einem richtigen Resultat.
Der Vorsitzende dankt für den Vortrag und fordert die Versammlung auf, sich über die Ansichten des Vorredners und über die Nothwendigkeit eines Polizeireglements auszusprechen. Im Kreise Lauterbach fei ein solches erlassen worden, welches lautet: „Der Gebrauch des Doppeljochs ist im Kreise Lauterbach verboten. Die Verordnung tritt nach einem halben Jahre in Kraft." Die Frage, ob das Doppeljoch im Kreise Gießen noch im Gebrauch ist, wird bejaht.
Herr Baurath br. Diefsenbach von Grünberg bemerkt, daß vor 50 Jahren mir im Doppeljoch gefahren worden sei, jetzt aber fei dasselbe nur bei einigen ärmeren Leuten im Gebrauch, in Stangenrod cxistire dasselbe noch bei 7 Leuten.
Herr Bürgermeister Bieber von Allendorf a d. Lda. bestreitet, daß nur bei ärmeren Landwirthen das Doppeljoch gebraucht werde und behauptet, daß gerade reichere Stute dasselbe führen.
Herr Bürgermeister Rücke! von Bettenhausen ist gegen das Polizeireglement, da es nur den armen Mann träfe; das Vieh fei im Doppeljoch leichter zu lernen. 3iir halsstarrige Ochsen fei das Doppeljoch nöthig. Dann gäbe es auch Leute, welche moch Karren hatten und sich keinen Wagen anfchaffen könnten.
Herr Lehrer Schindel aus Queckborn spricht entschieden gegen das Doppeljoch.
Herr Professor Dr. Pflug fügt an, daß man in Franken auch keine Doppeljoche mehr habe.
Herr R. Güngerich von Gießen bestreitet, daß das Rindvieh im Doppeljoch leichter zu lernen fei. Es gäbe aber deren nicht mehr viele, und sei daher ein Polizeireglement nicht mehr nöthig.
Herr Lehrer Wagner von Stangenrod konstatirt, daß in Stangenrod höchstens iroch 3 Fuhrwerke mit Doppeljoch seien. Der Anschaffung des einfachen Jochs stehe aber der Kostenpunkt entgegen.
Der Vorsitzende findet den Erlaß eines Polizeireglements für nothwendig, wenn, wie angeführt wurde, durch das Doppeljoch die Zugthiere so sehr an Werth verlieren, daß dagegen die Kosten des Einzeljochs gar nicht inBetracht gezogen werden können. Der Ngenthümer des Viehes füge sich bürd) diese Anspannart einen bedeutenden Schaden zu.
Herr Josef Güngerich von Groß-Bufeck bemerkt, daß es auch billigere Stirnbänder von Holz gäbe, zu höchstens 5 Mark das Paar.
Herr Baron Adolf v. Rabenau in Friedelhausen macht den Vorschlag, daß den ärmeren Leuten zur Anschaffung der Stirnbänder eine Beihilfe gegeben werden möchte.
Herr Baron v. Oven aus Hungen hat bemerkt, daß die hier im Gebrauch befindlichen Stirnbänder zu eng sind und stellt an den Verein das Ansinnen, derselbe möge ein Muster von dem sog. Hohenheimer Joch anschaffen.
Der Präsident verspricht Berücksichtigung dieses Wunsches.
Herr Bürgermeister Zimnier von Villingen ist für unbedingte Abschaffung des Dovpeljochs.
Herr Bürgermeister Rückel spricht sich noch einmal dahin aus, daß es dem armen Manne zu viel Ausgaben verursache.
Herr Adalbert von Rabenau ist ebenfalls für Abschaffung des Doppeljochs, allein er wünsche Berücksichtigung der Armen und daß Niemand zu Ausgaben veranlaßt werde, die ihn ruinircn könnten. Deßhalb beantragt er zu dem oben erwähnten Reglement den Zusatz: „Auf notorisch Arme findet das Reglement in den nächsten 3 Jahren keine Anwendung "
Herr Baurath Dr. Dieffen bach ist mit diesem Anträge einverstanden.
Herr Moll von Allendorf fragt an, was man unter notorisch Armen verstehe. Nach seiner Ansicht sei der Manu, welcher noch Zugvieh besitze, nicht notorisch arm. Nebrigens müsse ja der Geschäftsmann beim Verkauf solche Zahlungserleichterungen, insbesondere Credit gewähren, daß die Anschaffung gar nicht so schwer sei.
Herr Dekan Pullmann, zugleich Vorsitzender der Sparkasse Grünberg, erwidert auf Befragen, daß die Sparkasse wohl Beihülfen gewähren werde. Der land- wirthschaftliche Verein möge Antrag stellen.
Herr Pros. Dr. Pflug beantragt, daß eine Erhebung stattfinden möge, wieviel Doppeljoch im Kreise Gießen noch im Gebrauch seien und wieviel notorisch Arme sich unter den Besitzern desselben befänden.
Herr Adalbert v. Rabenau erklärt, daß der notorisch arm zu nennen fei, welcher mehr Schulden als Vermögen habe.
Der Director bemerkt, daß die heutigen Verhandlungen bei der Frage über den Erlaß eines Verbotes des Doppeljochs berücksichtigt werden sollen und schließt die Verhandlung über diesen Gegenstand.
Der II. Gegenstand der Tagesordnung betrifft die Errichtung eines Saatmarktes zu Gründer g.
Vorsitzender erklärt, daß ein Großgrundbesitzer, der Saatfrucht in Grünberg gekauft, ihm geschrieben habe, er sei so sehr damit zufrieden gewesen, daß er wünsche, es möge den Landwirthen Gelegenheit geboten werden, ihre Saatfrucht dort kaufen zu können. Er ertheile Herrn Bürgermeister Pracht d^s Wort über den Gegenstand.
Referent sagt, daß die Oeks»omie eine bevorzugte Stellung einnehme, durch sie gedeihe Handel und Industrie, denn diele, nähmen erst dann den richtigen Aufschwung, wenn gute Ernten eingethan würden- Die Bebauung des Bodens sei schon von den ältesten Völkern getrieben worden, sie hätten sich schon theilweise von Früchten ernährt. Er spricht sodann über die weitere Entwickelung der Landwirthschaft und die wachsenden Bedürfnisse in Folge der Vermehrung der Menschen. Unser Landtagsabgeordneter, Baron Adalbert v. Rabenau, habe alle Thatkrast entfaltet, um der Landwirth- schaft zu nützen. Mit seinen Anträgen für die Secundärbahnen, eine Landescredit- kasse ?c. habe er fein großes Interesse für die Landwirthschaft gezeigt und fei Lanzenbrecher für dieselbe geworden. Redner dankt ferner auch sür die von anderer Seite erfolgten Anregungen und glaubt, daß man über die Nützlichkeit des projectirten Saatenmarktes keine Worte zu verlieren brauche. Ein kräftiger Urstoff habe auch kräftige Nachfolge; durch reine Saatfrucht erziele man reine Ernten, und es sei sehr von Vor- theil, wenn der Landwirth wisse, wo er hinzugehen habe, um reine Caatfrucht zu kaufen. Nach seiner Ansicht würden im Frühjahr und Herbst je drei Saatenmärkte genügen, welche in Verbindung mit den Wochenfruchtmärkten dahier abgehalten werden konnten. Eine entsprechende Bekanntmachung müsse oorausgehe«. Er fei auch dafür, daß eine Saatreinigungsmaschine, wie die von Herrn A. Buch in Hungen heute hier vorgezeigte, ausgestellt würde, könne aber nicht sagen, ob die Stadt eine solche aufstellen werbe. Dieselbe würde recht gerne Lagerböden, den Raum für die Maschine und ferner die Sackträger zur Verfügung stellen.
Herr A. Buch aus Hungen erläutert hierauf die von ihm aufgestellte Saat- reinigungsmaschine (Trieur), welche vor den Verhandlungen probirt worden war. Es wird hierüber verhandelt und man spricht sich über bereu Leistungen recht anerkennend aus.
Herr Josef Güngerich freut sich über Errichtung eines Saatmarktes zu Grünberg, weil die Frucht aus den rauheren Gegenden sich besser nach den milderen verpflanze.
Herr Lehrer Schindel stellt den Antrag, baß in jeher Gemeinbe eine Frucht- reinigungsmafchine angefchafft werbe, auch müsse Grünberg bem Unternehmen entgegenkommen unb nicht durch Malktgebühren bie Lanbwirthe vertreiben.
Herr Bürgermeister Pracht entgegnet, baß bie Abgabe auf ben Fruchtmärkten dahier nur 4 Pf. per Gentner betrage, wofür aber eine größere Sicherheit im Geschäft geboten werbe.
Der Director fragt, was wohl bie Stabt Grünberg in ber Sache thun werbe?
Herr Bürgermeister Pracht kann bermalen noch nichts Bestimmtes barüber sagen. Doch werbe ber Gemeinberath schwerlich eine solche Maschine anschaffen.
Herr Bück von Grünberg erörtert, baß er mit Anwendung von zwei Sieben benfelbcn Erfolg erziele, wie mit einer Maschine.
Herr Abolf v. Rabenau bemerkt barauf, daß bies für ben Markt nicht genüge. Der auswärtige Käufer verlange Garantie. Die Behörde müsse Säcke mit gereinigter Frucht mit einem Stempel versehen.
Herr Buch führt an, baß bie Maschine allen Samen von Unkraut unb bie zerbrochenen Körner beseitige, was bas Sieb nicht thue.
Baron Adalbert v. Rabenau. Man müsse sich über bie Einrichtungen in ber Probstei erfunbigen, bie Saatfrüchte von bort hätten einen ganz anbern Preis.
Herr Baron v. Oven bestätigt Letzteres. Aus jebem Malter würben 5—6 JL mehr erlöst.
Herr R. Güngerich von Gießen meint, bie Stabt Grünberg könne Prämien für reine Frucht bewilligen-
Herr Bürgermeister Pracht weiß nicht, in welcher Richtung er bem Stadtvor- stanb Vorlage machen soll. Vielleicht wäre es besser, eine Commission von 3 bis vier Personen zu wählen, bie Vorschläge machten.
Der Vorsitzenbe konstatirt,^ baß man über bie Nützlichkeit ber Gründung eines Saatmarktes einig sei, nur müsse man zur vollständigen Reinigung der Saatfrucht eine Maschine, wie die von A. Buch vorgereigte, anschaffen, durch's Sieb sei eine vollständige Reinigung nicht möglich. Der lanow. Verein solle die Maschine kaufen


