Ausgabe 
10.12.1884 Erstes Blatt
 
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Holyhead, 8. December. Der Dampfer93oc&arbJ, mit Passagieren und Ladung von Cork nach Rotterdam bestimmt, ist gestern Nachmittag in der Nähe von hier gesunken. Obgleich das Rettungsboot sofort htnausgeschickt wurde, so konnte des schweren Seeganges wegen doch Niemand gerettet roetban.

UniverfitätS- Chronik.

Das amtliche yerzeichnttz des Personals und der Studirenden auf der ver­einigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg für das W utersemester 188485 führt in Summa, einschließlich 47 sog. Hospitanten, 1678 Stublrrnde auf, 52 mehr als im verflossenen Sommersemester. Die Zahl der immatrikultrten Studirenden beträgt mithin 1631, gegen 1602 im Somme.. Von letzterer Zahl waren 463 abgegangen, 492 sind neu hrnzugekommen. D^r Fakultät nach vertheilen sich die Jmmatrtkulirten tu folgender Weise: theologische 604, juristische 114, medictntsche 296, philosophische (einschließlich der Studirenden der Landwirlhschaft) 617. In letzterer Zusammen­stellung b finden sich 129 Preußen ohne Zeugniß der Reife (auf Grund des § 3 der Vorschriften vom 1. October 1879). Von den Studirenden gehören 1336 dem engeren Vaterlande Preußen an, auf die üdr'gen deutschen Bundesländer kommen 200.

Lokales.

Gießen, 9. December. Mittwoch den 17. l MtS., Vormittags 9 Uhr, findet eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses der Provinz Obeihcssen statt, in welcher zur Verhandlung kommt:

1. Klage vcs Ortsarmenverbandes Ober-Moos gegen den Landarmenoerband Friedberg wegen Unterstützung des Konrad Schäfer von Ober-Moos.

2. Rcclamatlon gegen die Bürgermeisterwabl zu Reimenrod.

3. Klage des OrtsarmenverbondeS Frankfurt c. M. g gen den Ortsarmen- verband Ulfa wegen Unterstützung der Lina Eckhardt.

Gießen, 9. December. Tagesordnung für die Stadtverordneten-Sitzung am Donnerstag den 11. December 1884, Nachmittags 4 Uhr.

1. Ablösung der BettragSpfltcht der Ctvtlgcmemde Gießen zu den Bedürfn.ffen der evangelischen Kirckengemetnde.

2. Stellung der Stadtkasserechnung vom Jahre 1883/84.

3. Baugesuch deS Gruben-DneclorS Christian Bansa.

4. Gesuch deS Bterbrauereibesitzrrs Friedrich Textor dahier um käufliche Ueberlassung städtischen Geländes.

5. Kostendecreturen.

Gießen, 9. December. Abwechslung muß sein, denkt unsere Theaterdircctlon und läßt demzufolge am Mittwoch Abend einen Kunstschützen, H^rrn Robert Schrader im Theater seine Kunst zeigen. Genannter Herr verfügt üoer recht günstige fctncr Leistungen. So schreibt u. A. dadMerseburger KreiSblatt" unterm 16. Ociober t>. I:Gestern Abend trat im Saale desTivoli- ber Pistolen-Kunst- Schütze Herr Robert Schrader vor einem recht b.setzttN Z.ischaucrkrets auf. Jeder­mann wird mit ur.s darüber einverstanden sein, etwas großaittges und hier wirklich noch nie dagewesenes gesehen zu haben. Man rotrb ordentlich in Versuchung gefühlt, an Zauberer zu glauben, wenn Herr Schrader mt seinenFreikugeln" Schuß auf Schuß, ohne zu fehlen, abgtdt. Staunenerrrgend ist die Fertigkeit u. a. mit dem Jagdgewehr: Glaskugeln in allen Vartattonen seitwärts und vorüber geworfen, selbst geworfene Kugeln zu schießen. Lauten Beifall erregte derTellschuß" (nach einer Nuß vom Kopfe seines Secretairs), und so könnten wir noch so vielerlei aufzählen, doch ist Gelegenheit geboten, sich selbst von der Fertigkeit dieses ersten Pistolen-Kunst- Schützen Europas zu überzeugen, da Herr Schrader sich entschlossen hat, roch einmal tn Merseburg aufzutreten.

Vermischte-.

Berlin, 5. December. Zur Warnung für Auswanderer wird derNordd. Allg. Ztg" Folgendes mstgetheilt:E n AuSwanverungtzagent in Antwerpen sucht seit Einiger Zeit anschetrund nicht ohne Erfolg deutsche Auswanderer unter bettüg- ltchen Vorspiegelungen für die Colonie Grao Para tn Brasilien anzuwerben. Derselbe vkktet zu diesem Zwecke Auswanderungslustigen billige Passage nach Brasilien an, indem er denselben alsbaar zu bezahlendes Passagegeld" eine verhältmßmüßig ge­ringere Summe bezeichnet. Hat der Auswanderer dann das geforderte Angeld etn- gesandt oder sich gar schon nach dem Einschiffungtzhafen begeben, so wird von ihm die Unt.rzeichnung eines Vertrages verlangt, Inhalts dessen er sich verpflichtet, noch den /Vrfachen Betrag der zuerst bezeichneten Summe alsvo^geschossmen Theil deS Passage­geldes" innerhalb 5 Jahren mit 6pCl. jährlichen Zinsen an die Dtreciion der Colonie Grao Para zurückzuzahlen. Einer rechtzeitigen Belehrung der Betreffenden sucht der Agent durch den nachstehendenRath", welchen er tn den an die Angeworbenen ver­sandten lithographirten Schreiben erihetlt, vorzubeugcn:Ich rathe Ihnen so heißt es dort, während der Reise nach Antwerpen Niemanden, wer es auch sein möge, die von mir erhaltenen Briefe und Papiere zu zeigen oder gar auszuliefern, weil solche Personen, welche sich den Auswanderern unter irgend einem Vorwande aufzu- drängen suchen, es meistens nur tn der Absicht thun, sie irre zu führen oder zu be­trügen." Mögen die Auswanderer dann tn Antwerpen erkennen, tn welche Abhängig­keit und tn welches Elend sie sich durch Uebernahme einer derartigen Schuldenlast begeben; erfahrungLmäßtg Ist es für sie dort zu spät, sich dem Netze des Agenten zu entziehen.

Graudenz. Aus einer Ortschaft in der Nahe von Lassen ist demG. G." JJWhK der König!. Staatsanwaltschaft folgender Vorfall zur Anzrtge gebracht worden. Ein Brautpaar wollte auf dem StandeSamte die Ehe eingehen. Während nun die House zurückblteb, um das Hochzestsrnahl zu bereiten, ging ihre verhettatkele Schwester mit dem Bräutigam zum Standesbeamten und vertrat ihre Stelle. Arn Sonntag darauf wurde die richtige Braut tn der Kirche mtt dem Bräuttgam getraut, 0 n die ciollrechtliche Ehcschli ßung vorauSgegangen war. Die Ehe Ist riatülltch nichtig, außerdem sehen die Betheiltgten Ihrer Bestrafung wegen Urkunden­fälschung entgegen.

, ~ fRethengräber bei Reichenhall.) Südlich nahe bet Reichenhall ist an einem

sanft abfallenden Abhange des Stadtberges etn R:>Hengräberfeld zum Vorschein ge- rommen, als dec Besitzer des Grundstückes den Berghang angrub, um Kies zu gewinnen. Dasselbe dehnt sich auf etwa 3400 Schritt Länge uno etwa ein Tagewerk (40 Ar) ^lachenraum aus. Die Gräber sind flach und liegen tn regelmäßigen Reiben, mit gleichen Zwischenräumen meist In einer Tiefe von 3-4 Fuß, nur em größer-tz Maffen- flrob zeigte im Querschnitt eine Breite von 6 und eine Tiefe von 3 Meter. Die Tobten Und mit Lehmerde lMergel) überdeckt, die eigens zu diesem Zwecke h^rdeigeschafft werden mußte. Als Beigaben wurden bis jetzt gefunden: em großer oxydirter Ohrring mit einer anhängenden silbernen Kugel und einige Perlen einer Halskette, die aber nicht SiJ r?: amben dann zwei Schlüssel mit viereckigem Griff, wie dieselben auch zu Fridolfing, Nordendorf und anderwärts schon in Rethcngräbern vorkamen und die man beim ersten Anblick der gothischen Sttlpertrde zuweiscn möchte und endlich eine Spatha. Bet einer am 8. November vorgenommenen Ausgrabung fand sich im Boden, welcher unterhalb einer Humusschicht von 1520 Ctm. Dicke in seiner gesarnmten Masse auS dtchtgelagertern Geröll besteht, tn einer Tiefe von 1 Meter auf Dem sorgfältig geebneten

©eroaboben ein Skelett, das zur oberen Hälfte mtt einem rohen aber festen Gewsld aus Feldsteinen überdeckt war; das übrige Grab war dis zur Humusschicht mit Ledm, mergel vollständig auSgefüllt, die Füße des Leichnams lagen nach Osten, daS Glficht der aufgehenden Sonne zugewendet, die ganze Gestalt gestreckt, die Arme dicht am Körper liegend. An Beigaben ward nur etn eiserner ovaler Ring (Trenseming) gefunden und etwas Kohlenstaub, der um dm Schädel gestreut war. Nächst den Gräbern von Hagen bet Murnau ist dieses Reihengräberfeld daS südlichst gelegene tn Baynu.

- (Durch die - Leihbibliothek.) Unter dem TitelDie Phylloxera bet Leih, btbliothek erzählt ein Budapester Blatt folgende Geschichte: Der Leiter einer der größten Leihbibliotheken^ in der ungarischen Hauptstadt hatte eine fürchterliche Ent­deckung gemacht. Gewöhnlich begnügte sich der alte Herr damit, daß er bloß die Ein- banbd<cken der Bücher, resp. die auf den Rücken derselben aufgeklebten Nummern betrachtete. Einmal aber, als er die Unvorsichtigkeit beging, tn einen Band lyrischer Gedichte hinemzublicken, fand er zu feinem Entsetzen, daß alle Ränder des Buches m t einer engen und zierlichen Schrift oollgeschneben waren. Auf jeder zweiten Seite fand

LiebeS-Epistel, die offenbar von zarter Hand herrühlte, während sich auf der nächstfolgenden Seite immer die Antwort befand, die auf eine feste Mänuerhand schließen Das Buch war offenbar zu einer regelrechten Correspondenz benutzt worden. SDer Sllte ärgerte sich eine Weile über das schöne Buch, ba8 er nun außer Cu.s sitzen mußte. Wie erschrak er aber, als er entdeckte, daß eine sehr bedeutende Anzahl solcher Bücher in ähnlicher Weise unbrauchbar gemacht worden war. Der Leihbibliothekar beschloß die Schuldigen um jed n Preis zu erlitten. Ein eifriges Durchstudiren der Namen-Conti der Abonnenten lenkte seinen Verdacht auf eine junge Dame, bte fast leben jmeiien Tag in der Bibliothek erschien; es fiel ihm nämlich auf. daß sie cin und dasselbe Buch, nachdem sie dasselbe kaum zu Ende gelesen und zmückgebracht hatte, nach einigen Tagen wieder verlangte, offenbar, um die rntttlerweile tn dasselbe ge- schriebene Antwort auf Ihre Episteln zu lesen und sein Verdacht hatte ihn auch n cht getäuscht. Eines Tages, als sie einen Band von Petrarca zurückbrachte, den sie zwei Tage zuvor in ganz neuem Zustande erhalten hatte, nahm Ihr der alte Herr das Buch aus der Hand und that zu ihrem Schrecken, was er bisher nie gethan hatte: er durch, blätterte und prüfte eS nämlich Seite für Seite.Also Sie find die Verderberin unserer Bücher", sagte er,Sie find ja die Phylloxera der Leihbibliothek". Die Dame war entsetzt über diese Ansprache, noch mehr aber war sie baß, als der mtt ihr plötzlich fo unfreundlich gewordene alte Herr ihr eine horrende Rechnung machte, die sich auf nicht weniger als 243 Gulden belief und auf deren Bezahlung er bestand. Die Dame versuchte zu begütigen und verlegte sich schließlich aufS Bitten; allein eS half nichts, der grausame Bibliothekar bestand auf seinem Scheine und ließ die Forderung einklogen Die Dame wurde zur Zahlung verurthetlt und daS Ende vom Liede war, daß ihr Vater auf so sonderbare Weise 243 Gulden für die Correspondenz zahlen mußte, die sie geführt hatte.

Theater.

Dem Tbeaterpublikum Gießen's ist mit der gestrigen Aufführung derDeborah" ein seltener künstlerischer Genuß geboten worden, für den wir tn erster L-nie der Direction unseres Theaters danken müssen, bte der gafiirtnben Künstlerin, Frau Charlotte Lange vom Stadttheater tn Frankfurt a. M. Gelegenheit gab, die Vor­stellung durch bte Uebernahme ber T telrolle zu der glänzenden zu gestalten, die sie gewesen Ist. Daß der Dank des Publikums gegen bte Künstlerin durch reichliche Beifallsbezeugungen sich äußerte, gereicht der Letzteren sowohl als dem kunstoerständigen Sinne ber Theaterbesucher zur Ehre.

Die Erwartungen, die nach den vorausgegangenen, in hoh m Maße anerkennenden Beurthetlungen ber Frankfurter Kritiker hochgespannte sein durften, mit denen dem Auftreten ber Frau Charlotte Lange entgegengesehen wurde, sind voll erfüllt worden. Die Gasttn führte die schwierige, an Klippen reiche Rolle btr Deborah, von unseren einheimischen Kräften, tnsbesonbere Herrn Halm, wacker unterstützt, mtt vollendeter Meisterschaft, maßvoller Beherrschung Ihrer durch Erscheinung, Piast'k ber Bewegungen, Organ und schauspielerischer Durchbildung hervorragend großen Mittel, in jeder Hinsicht vollendet durch.

Die Gefühle der hingehenden, alles Andere vergessenden Liebe, bfe Kampfe der diese vernichtenden Katastrophe, die Ausbrüche der lodernden Rache deS verwundeten Frauenherzens und endlich die milden Töne der Verzeihung beim Anblick des reinen Glückes des ehemals Gelebten wurden tn einer Weise zum Ausdruck gebracht, die erkennen ließ, daß Frau Lange eine wahre Künstlerin ist, der eine große Zukunft vorhergesagt werden darf. Wie ihre vollendete Technik sich den Verhältnissen unserer kleinen Bühne anzupassen und die Mitwirkenden zu leiten verstand, so tft den Letzteren gleichermaßen zuzuerkennen, daß sie ihr Bestes daran gaben, um des GasteS sich würdig zu erzeigen.

Möge unsere Hoffnung, daß Frau Lange die gestrige Vorstellung nickt die einzige sein laßt, in welcher sie dem Theaterpublikum unserer Stadt, die jetzt ihre Heimaih ist, Gelegenheit gibt, ihre Hobe Kunst zu bewundern, keine eitle sein!

Schiffs nachrichten.

Bremen, 8. Dec.'mber. (Per transatlantischen Telegraph.) Der Postdampfer Habsburg, Capt. Fr. Pfeiffer, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 23. November von Bremen und am 25. November von Southampton abgegangen war, ist gestern 6 Uhr Morgens wohlbehalten tu Newyork angekommen.

Bremen, 7. December. (Per transatlantischen Telegraph.) Der Postdampfer Fulda, Capt. O. Heimbruch, vom Norddeutschen Lloyd tn Bremen, welcher am 26. November von Bremen und am 27. November von Southampton abgegangen war, ist gestern 11 Uhr Morgens wohlbehalten in Newyork angekommen.

Handel und Vermehr.

Gießen, den 9. December. Auf dem heuttgen Markt kostete Butter per Pfund JL 1.05110, Hühnereier pr. Stück 80 Käse St. 47 Käsematte 23 4, Erbsen pr. Liter 20 Linsen 28 H, Tauben per Paar 0,450,60 H, Hübner per Stück JL 0.851.00, Hahnen pr. Stück JL 0.701.10, Enten per Stück *£ 1 301.50, Gänse per Pfund 4052 H, Welsche JL 0.000.00, Ochsenfleisch per Pfund 6670 H, Kuh- und Rindfleisch 5460 H, Schweinefleisch 5060 Hammelfleisch 60- 68 Kalbfleisch 5000 H. Kartoffeln per 100 Kilo 3.003.50, Milck per Liter 1216 H, Zwiebeln per Ctr. 4.000.00, Weißkraut pr. Stück 47 H.

Frankfurt, 8. December. Der heutige Viehmarkt war stark befahren. Ange­trieben waren 392 Ochsen, ca. 16 Bullen, ca. 276 Kühe und Rinder, ca. 263 Kälber. Die Preise stellten sich: Ochsen 1. Qual. JL 7000, 2. Qual. JL 6065, Kühe und Rinder 1. Qual. J4 6062, 2. Qual. JL 5054, Kälber 1. Qual. 6265, 2. dual. JL 5356 per 100 Pfund Schlachtgewicht.

Frankfurt, 8. December. (Getreide-Preise.) Weizen eff.hiesiger und Wetterauer v4t 17,0017,25, fremder «X 16,7517,75, Roggen eff. hies. JL 15,5016,00, fremder v4t 15,5015,75, Gerste effectiv hiesige und Wetterauer JL 17,0018,00, fremde vtL 18,0019,50, Hafer eff. hies. X 13,2513,50 fremder 13,75-14,00. Rüböl eff. ohne Faß hies. in Parthien von 50 Ctr. JL 29,50. Branntwein eff. ohne Faß JL. 38.

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