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9.3.1884 Zweites Blatt
 
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1884

Zweites Blatt

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Erscheint täglich tmt 2lutinahme beß Montags.

Preis vierleljahrUch 2 Mark 20 Pf. mit Brinqerlohn. Durch die Post bezoaen vierteljährlich 2 Mark öü Vf.

Amtlicher Hßeil.

Betreffend: Das Reichsgesetz über die Krankenversicherung der Arbeiter. Gießen, am 7. März 1884.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

an die GroßbsrzoglisÄen Bürgermeistereien des Kreises (mit Ausnahme von Gießen').

Wir bringen die Erledigung unseres Ausschreibens vom 19. December 1883 in Nr. 297 des Gießener Anzeigers wiederholt in Erinnerung.

Wir bemerken nochmals, daß der Gemeinderath sich auch bestimmt darüber auszusprechen hat, ob der Versicherungszwang auf die im § 2 des Neichs- gesetzes von, 15. Juni 1883 bezeichneten Arbeiter, einschließlich der in den selbstständigen Gemarkungen befindlichen, ausgedehnt werden soll oder nicht.

Bezüglich der Ausführung der Versicherung verweisen wir insbesondere auf § 13 des Reichsgesetzes und ist auch dieserhalb von dem Gemeinderathe Beschluß zu fassen.

Dr. Boekmann.

Wochenschau.

Gießen, 8. Mürz.

Das markanteste Ereigniß der Woche in der inner« Politik ist die am Donnerstag unter den üblichen Feierlichkeiten erfolgte Eröffnung des Äeichstages. Es ist eine ernste, bewegte Zeit, in welcher unser oberstes Parlament zu seiner letzten Session vor den allgemeinen Neuwahleit zusammen- tritt, überall sehen wir, wie geheime, aber desto gefährlichere Kräfte bemüht sind, den Boden, auf welchem unsere gesammtstaatliche und gesellschaftliche Ord­nung basirt, zu unterwühlen und die Blassen für die utopistischen Ideen der modernen Umstürzler zu gewinnen. Auch in unferm deutschen Daterlande arbeiten ja schon seit Jahren die Pioniere des communistisch-socialistischen Zu- kunstsstaates durch Wort und Schrift mit leider nicht zu leugnendem Erfolge daran, die arbeitenden Klassen gegen die gejammten zur Zeit bestehenden Ver­hältnisse im wahrsten Sinne des Wortes aufzuhetzen, welcher Erkenntniß sich natürlich auch die Reichsregierung nicht verschlossen hat. Die fluchwürdigen Attentate auf die geheiligte Person unsers greisen Kaisers, welche man, nicht mit Unrecht, mit der socialistischen Agitation in Verbindung brachte, waren für die Regierung die Veranlassung zur Einbringung des Socialistengesetzes im Reichstage, um dieser Agitation wenigstens äußerlich möglichst einen Riegel vor- zuschieben. Die Zeitumstände sind indessen nicht darnach angethan, um dieses Gesetz nunmehr wieder außer Kraft treten zu lassen. In den nächsten Wochen wird daher die Regierung abermals an den eben zusammengetretenen Reichstag den Antrag stellen, das Socialistengesetz zu verlängern, und zwar bis zum 30. September 1886. Gleichzeitig hat aber die Regierung dem Parlamente durch die abermalige Vorlegung des Unfallversicherungsgesetzes ein Mittel in die Hand gegeben, einen weithin sichtbaren Anfang zur wirksamen Heilung der socialen Schäden zu machen und an dem Reichstag ist es nun, die Regierung zur Erreichung dieses Zieles thatkrästig zu unterstützen. Die bei Eröffnung des Reichstages zur Verlesung gelangte Thronrede verweilt diesmal etwas aus­führlicher, als es sonst wohl der Fall, bei dem Thema der auswärtigen Politik. Es erklärt sich dies indeß höchst ungezwungen und in einer jeden wahrhaften Freund des Vaterlandes wie des Friedens aufrichtig beglückenden Weise aus dem, so natürlichen, Wohlgefallen, mit welchem der Kaiser auf die außerordent­liche Förderung blickt, die das Werk der Sicherung und Befestigung des euro­päischen Friedens seit dem letzten Beisammensein des Reichstages erfahren hat. Als hierfür hauptsächlich in Betracht kommende Momente zählt die Thronrede einmal die Kronprinzen-Reise des vergangenen Herbstes und dann das freund­schaftliche Verhältniß Deutschlands zu den benachbarten Kaiserreichen auf. Wenn die Thronrede es vermeidet, die gegenwärtige Beschaffenheit der deutsch-russischen Beziehungen gesondert zu betonen, so liegt hierin für den Kenner der Verhält­nisse nichts Befremdliches. Eher hätte das Gegentheil auffallen müssen, weil es gewissen Soupoons hätte ein Relief geben können, welche aus Anlaß der jüngsten russischen Zuvorkommenheiten gegen Deutschland eine Lockerung des deutsch­österreichisch-ungarischen Bündnisses folgern wollten. Es versteht sich ganz von selbst, daß für derartige Conjectureu auch nicht der Schatten eines Anhalts- Punktes gegeben ist und also auch alle daraus gezogenen pessimistischen Con- sequenzen in ihr Nichts dahinsinken. Im Gegentheil kann gesagt werden, daß dasjenige politische System, welches in dem Bunde Deutschlands mit der habs­burgischen Monarchie feine Verkörperung findet, heute unumschränkter herrscht als je; denn die Herstellung der deutsch-russischen Intimität verträgt absolut keine anvere Deutung, als die nunmehrige vorbehaltlose Anerkennung des eminent friedfertigen Grundgedankens der mitteleuropäischen Bündniß-Constellation auch Seitens der Politiker an der Newa. So stellt sich denn dem wieder zusammengetreteiien Reichstag die internationale Situation in seltener Durch­sichtigkeit und Einfachheit dar, und kann er sich den seiner harrenden social- politischen Aufgaben mit dem beruhigenden Bewußtsein hingeben, daß der äußere Friede auf nach menschlichem Ermessen völlig gesicherten Grundlagen ruht. Möchte er daraus die Kraft schöpfen, zur Sicherung des inneren Friedens das ©einige beizutragen.

Die Fortschrittspartei und die liberale Vereinigung haben sich laut einer Erklärung in derNat.-Ztg." zu einer Partei verschmolzen, die den NamenDeutsche freisinnige Partei" führen wird. Dem Vernehmen nach wird Herr v. Stauffenberg die Führung derselben übernehmen.

Das preußische Abgeordnetenhaus hat mit der am Montag begonnenen und am Mittwoch beendigten dritten Lesung des Etats und des Etatsgesetzes seine dringendsten Arbeiten beendigt. Die einzelnen Positionen

wurden sämmtlich genehmigt, obwohl sich bei einzelnen Posten namentliche Ab­stimmungen nöthig machten. Im Uebrigen trugen die dreitägigen Verhand­lungen theilweise einen recht animirten Charakter, da in die Debatten verschie­dene Fragen hineinspielten, die gerade nicht zu einer sachgemäßen Behandlung des Etats gehören, indessen ist man an diesen Umstand bei Etatsberathungen allmälig gewöhnt worden. Am Mittwoch wurde außerdem der Windthorst'sche Antrag auf Aufhebung des Sperrgesetzes mit 209 gegen 152 Stimmen abge­lehnt. In der nächsten Sitzung am Dienstag, den 11. März, stehen die Land­güterordnung für Schlesien, die Secundärbahn-Vorlage und die Novelle zum Pensionsgesetz auf der Tagesordnung.

Im österreichischen Kaiserstaate nehmen die anarchistischen Zuckun­gen noch fortgesetzt die Aufmerksamkeit der Regierung in Anspruch. Trotz der Ausnahme-Maßregeln scheinen die geheimen revolutionären Kräfte in Wien ihr Treiben fortzusetzen, wie die Verhaftung Kammerer's beweist, daneben greift die anarchistische Propaganda bereits nach Transleithanien hinüber. Verschiedene der Leiter der socialistischen Bewegung haben nach ihrer Ausweisung aus Wien ihr Hauptquartier in der ungarischen Hauptstadt aufgeschlagen und daß sie auch hier bereits wieder ihre geheime Thätigkeit ausgenommen haben, geht aus der Verhaftung des socialistischen Redacteurs Prager hervor. Selbst nach Kroatien hinein spinnen sich die Fäden der anarchistischen Verbrüderung, denn es sind in Agram verschiedene Personen verhaftet worden, die nachweislich in Verbindung mit den Pesther und den Schweizer Socialisten stehen. Vielleicht, daß diese Umstände die österreichische und die ungarische Regierung zu gemeinsamem Vor­gehen gegen das anarchistische Treiben veranlassen.

Aus Frankreich ist auch in dieser Woche nichts wesentlich Neues zu berichten. Die Kammerverhandlungen boten nichts Interessantes dar, der Kohlenarbeiter-Strike im Norden des Landes steht noch auf dem alten Fleck und daß am Montag in Paris wieder eine turbulente Anarchistenversammlung stattgefunden hat, ist jetzt eine in der französischen Hauptstadt fast alltägliche Erscheinung. Was die Operationen der Franzosen in Tongking anlangt, so nimmt der Vormarsch gegen Bacninh nunmehr seinen guten Fortgang, die Einnahme dieser Stadt selbst wird aber wohl noch etwas auf sich warten lassen.

Die gedrückte Stimmung, welche in England in Folge der neuer­lichen Höllenmaschinen-Experimente der Fenier Platz gegriffen hatte, ist durch die Siegesnachricht von El Teb wieder eine lebhaftere geworden. Der Sieg Graham's über die aufständischen Araber hat offenbar den Siegesübermuth Osman Digma's herabgestimmt und zugleich das etwas verblaßte Prestige der englischen Waffen in Egypten wieder aufgefrischt. Trotzdem wird es in Eng­land einigen Unmuth erregen, daß General Graham seinen Erfolg nicht weiter ausnützt, sondern mit seinen sämmtlichen Truppen den Rückmarsch nach Suakim angetreten hat, indessen ist diese Maßregel nur zu billigen. Nach dem Abzüge der Truppen Graham's war in Suakim nur ein schwaches englisches Detache­ment zur Vertheidigung der Stadt neben einer Abteilung der unzuverlässigen egyptischen Truppen zurückgeblieben und da Osman Digma mit seiner unge­schwächten Hauptmacht nur wenige Dieilen von der Stadt lagert, so folgte General Graham nur einem Gebote militärischer Klugheit, indem er den ge­fährlichen Vormarsch in die nubischen Wüsteneien aufgab und sich auf seinen natürlichen Stützpunkt, Suakim, zurückzog. Vielleicht wird man demnächst das seltsame Schauspiel erleben, daß die siegreichen Engländer in Suakim von den geschlagenen Arabern belagert werden.

Die Schweizer Bundesregierung beginnt .endlich auch den socialistischen Aposteln scharf auf die Finger zu passen. Zwei Hauptagitatoren der Berner Anarchisten, Kennel und Schulze, sind verhaftet worden, was hoffent­lich auch auf die in Zürich und Genf domicilirten Anarchistenführer etwas er­nüchternd einwirken wird.

Deutschland.

Darmstadt, 5. März. Großfürst Sergius und Prinzessin Elisabeth haben sich heute zum Besuch der Gräflichen Familie nach Schönberg begeben.

Zur V-rmählung Ihrer Grotzherzoglichen Hoheit der Prinzessin Victoria mit Sr. Durchlaucht dem Prinzen Ludwig von Battenberg werden bis jetzt bestimmt erwartet die Königin von England mit Prinzessin Beatrice, der Kronprinz und dir Kronprinzessin de« deutschen Reichs, der Erbprinz von Meiningen mit Gemahlin. Ob Seine Majestät der Kaiser der Feier anwohnen wird, ist noch nicht bekannt.

Dem Vernehmen nach findet die Vermählung Ihrer Großherzogl. Hoheit Prinzessin Elisabeth mit Seiner Kaiserlichen Hoheit dem Großsürsten Sergius tut