1884
Mittwoch den 8. Oktober
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23S Drittes Blatt
Politische Ueberficht.
Gießen, 7. October.
Aus Baden-Baden lausen fortgesetzt die günstigsten Nachrichten über das Befinden Kaiser Wilhelms ein. Der hohe Herr nimmt auch in Baden-Baden die regelmäßigen Vorträge des Civil- und Militär-Cabinets entgegen; doch sind die gewohnten täglichen Ausfahrten durch die in den letzten Tagen eingetretene rauhe und naßkalte Witterung etwas beschränkt worden. — Als eine ReminiScenz an die Kaiser-Zusammenkunft von Skierniewice sei eine Aeußerung registrirt, welche Kaiser Wilhelm bei den letzten Manövern am Rhem den österreichischen Mllitär-Delegirten gegenüber gethan haben soll. Es war nach einer Hostasel, berichtet die „Neue Freie Presse", als der Kaiser an sie herantrat und zu ihnen sagte: „Meine Herren, es ist mir sehr angenehm, Sie zu sehen. Wir Haven in Skierniewice fleißig gearbeitet und der Friede ist auf lange Zeit gesichert. Ich freue mich sehr, daß ich mit Ihrem Souverän m innigster Freundschaft lebe." Weiter ist noch aus jenen Tagen empfehlens- werch, daß glaubwürdigen Mittheilungen zufolge die drei Kaiser im persönlichen Verkehr sich ausschließlich der deutschen Sprache bedient haben ,
Bezüglich unserer inneren Politik liegt auch heute nicht viel Erwähnenswerthes vor und wird dieselbe mehr und mehr von den Wahlvorbereitungen beherrscht. Das Ergebniß der am 28. October stattfindenden Reichö- tagswahlen wird vorschristsmäßig am 1. November durch die von den Behörden dazu bestimmten Wahl-Commiffarien veröffentlicht werden. Stichwahlen müssen spätestens bis zum 15. November angesetzt sein, können aber natürlich schon früher stattfinden, so daß spätestens am 19. November sämmtliche Wahlen amtlich bekannt gemacht sein müffen. Neuwahlen, welche in Folge von Doppelwahlen anzusetzen sind, werden dann auch balv stottfinden. Der Centralvorstand des allgemeinen deutschen Handwerkerbundes ist jetzt ebenfalls mit einem Wahlaufrufe vor die Oeffentlichkeit getreten. Die bekannten zünftlerrschen Forderungen werden hier in äußerster Uebertreibung erhoben und steht hierbei die Einführung obligatorischer Innungen in erster Linie. Bezeichnender Weise wird auch die Wiederherstellung des kirchlichen Friedens durch Wiedereinführung der ausgehobenen preußischen Versaffungs-Artikel verlangt. Der Ausrus der Landwerker-Partei rechnet nur bei den Hochconservativen und dem Centrum aus B-isall, indessen dürsten selbst diese Parteien das in dem Wahlaufrufe der Landwerker-Partei niedergelegte Programm als miausführbar erklären.
Die Grenzverhältnisse der deutschen Colonial-Erwer- bungen im südlichen LÄst-Afrika haben durch das energische Vorgehen eines deutschen Marine-Osficiers jetzt ihre rasche Regelung erfahren. Dem Vertreter der Firma Lüderttz in Augra Pequena, Herrn Vogelsang, ist von dem Comman- danten der .Leipzig", Corvetten - Capitän v. Raven, die Mittheilung gemacht worden, daß durch ihn auf Befehl Kaiser Wilhelms das asrikanische Küsten- gebiet zwischen 26° südlicher Breite und der Walfischbay, sowie nördlich von der Walfischbay zwischen dieser und dem Cap Frio unter den Schutz des deutschen Reiches gestellt worden sei. Zu diesem Zwecke habe er in Sandwichhar- bour, sowie nördlich von Walfischbay und am Cap Frio die deutsche Kriegs- flagge hissen und Grenzpfähle mit den deutschen Rationalsarben aufstellen lassen.
Die Verhandlungen zwischen Deutschland und England über die deutschen Colonisations-Angelegenheiten in West-Afrika scheinen zu einem befriedigenden Ausgange führen zu wollen. Aus Berlin wird hierüber dem „Standard" geschrieben: „Die in letzter Zeit zwischen den Regierungen Englands und Deutschlands bestandene Spannung wegen der Colonisationspläne der letzteren Macht ist nunmehr fast gänzlich beseitigt. England ist Überzeugt, daß Deutschland keinen Wunsch hegt, britische Rechte zu beeinträchtigen, während anderseits Deutschland sich die lleberzeugung verschafft hat, daß seine Anstren- gungen zur Erwerbung von Colonien von England nicht mit eifersüchtigen Augen verfolgt werden. Das gute Einvernehmen über diesen Punkt kann kaum ermangeln, einen günstigen Einfluß auf die Haltung Deutschlands in der egyp- tijchen Frage auszuüben. ~
Der französisch-chinesische Conslict zeigte sich in letzter Zeit von einer Menge widerspruchsvoller Nachrichten verschleiert. Was speciell die Bewegungen des Admirals Courbet anbelangt, so weiß man hierüber selbst in den Pariser Regierungskreisen nichts Bestimmtes und ist zumal über seine angeblich erfolgte Ankunft vor Keelung noch keine bestätigende Nachricht einge- lausen. Was die Gerüchte über eine Mediation Nord-Amerikas in der chinesischen Affaire anbelangt, so erklärt die „Agence Havas", daß die Vereinigten Staaten zwar immerhin ihre guten Dienste behufs Beseitigung der obwaltenden Differenzen leihen könnten, daß Frankreich aber keine Vermittelung nachgesucht habe. — Dem am Mittwoch stattgesundenen ManifestationS-Banket der in Paris lebenden Elsässer und Lothringer haben keinerlei Persönlichkeiten von irgendwelchem officiellem Charakter, noch hervorragender politischer Bedeutung beigewohnt. Es ist demnach auch den donnernden Reden, welche Paul Deroulöde und seine Freunde von der Patrioten-Liga gegen eine Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland gehalten haben, keine weitere Bedeutung zuzumessen.
Der oratorische Feldzug, den der englische Premier, Mr. Gladstone, in der jüngsten Zeit in Schottland gegen das Oberhaus geführt hat, ist jetzt durch die Campagne abgelöst worden, welche die conservativen Häupter des Oberhauses gegen Gladstone vorige Woche ebenfalls in Schottland eingeleitet haben. Der Herzog von Argyll wie Lord Salisbury haben in Glasgow 'vor einer ungemein zahlreichen Zuhörerschaft Reden gehalten, in denen sie die
Gladstone'schen Angriffe entschieden zurückweisen und welche Reden im Uebrigen darthun, daß das Oberhaus vorläufig noch nicht gesonnen ist, in der Wahl- reform-Frage nachzugeben. Die liberalen Blätter können sich den Eindruck nicht verhehlen, den oie Auslastungen der genannten conservativen Parteiführer in der schottischen Wählerschaft gemacht haben und es dürste sonach die Regierung Mr. Gladstone's in der noch im Laufe dieses Monats wieder beginnenden Session des englischen Parlamentes einen ziemlich schwierigen Stand haben.
Die Cholera-Epidemie ist, wie fast überall in Italien, so auch in Neapel in entschiedener Abnahme begriffen und ist in dieser Stadt die Zahl der täglichen Cholera-Todesfälle aus einige 40 bis 50 gesunken. Nur in Genua macht sich eine auffallende Zunahme der täglichen Cholera-Erkrankungen und Cholera-Todesfälle bemerklich, doch scheint sich trotzdem die Seuche in letztgenannter Stadt nicht in dem Maße ausdehnen zu wollen, wie s. Z. in Busca, dann in Spezzia und schließlich in Neapel. Aus Nom wird gemeldet, daß sich das Mißverständniß zwischen dem Generalvicar Kardinal Parocchi und dem Lazareth'Director Placidi anläßlich des Besuches des ersteren in einem Cholera- Hospitale aufgeklärt habe und seien von dem Kardinal die Erklärungen des römischen Gemeinderathes mit Befriedigung entgegengenommen worden. — Sehr bemerkt wird die Verleihung des russischen Alexander-Newsky-Ordens an den Minister des Auswärtigen, Mancini. In dem betreffenden Begleitschreiben des Petersburger auswärtigen Amtes heißt es, der Kaiser Alexander habe Mancini einen Beweis seiner Achtung geben wollen, sowohl wegen dessen Verdienste um die Rechtswissenschaft, als auch um die Ausrechthaltung und Befestigung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Italien und Rußland.
Der Zustand der öffentlichen Meinung Belgiens ist noch weit davon entfernt, ein normaler zu sein. Dies beweisen wieder einmal die turbulenten Kundgebungen, welche sich in Brüssel bei der Abreise des wegen republikanischer Umtriebe ausgewiesenen Redacteurs Marchi nach Paris auf der Straße und am Bahnhose abspielten. Einigermaßen beruhigend klingt es, wenn Kenner der belgischen Bevölkerung versichern, daß die jüngste republikanische Bewegung keinerlei Tiefe habe und nicht ernst zu nehmen sei.
Den letzten Erfolgen General Gordon's gegen die Sudan- Rebellen hat sich durch die Wiedereroberung von Berber ein neuer zugesellt. Die englische Nil-Expedition erweist sich somit mehr und mehr als überflüssig und ist auch bereits deren Oberbefehlshaber, General Wolseley , nach England zurückberusen worden. — In den egyptischen Finanzwirren ist als ein neues Moment die Meldung zu verzeichnen, daß die Staatsschuldenkaffe zu Kairo wegen Suspendirung des Tilgungsfonds gegen die egyptische Regierung zu processiren beabsichtige und weiter, daß England sich dem Proteste der Mächte an- schließen werde!____________________
Darmstadt, 3. October. Schluß des Inhalts des Großh. Regie- rungsblattes (Vellage Nr. 24):
4. Bekanntmachung Großh. Kreisamts Groß-Gerau, die Erhebung der Umlage zur Bestreitung der Communal-Bedürfniffe in der Gemeinde Stockstadt pro 1884/85 betreffend.
5. Ordensverleihungen.
Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde erthellt: durch Entschließung Großh. Ministeriums des Innern uno der Justiz vom 6. September l. I». den Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr zu Offenbach: Martin Kappus, Johann Konrad Herrmann, Friedrich Leonhardt, Adolf Krause, Andreas Henkel, Philipp Jakob Mehl, Louis Beyer, Adam Zehmer, Georg Philipp Hinkel, Adolf Lachmann und Johann Jakob Nilson.
6. Ermächtigungen zur Annahme und zum Tragen eines fremden Ordens.
7. Namensveränderungen.
8. Zulassung zur Rechtsanwaltschaft: ,
Am 13. Septbr. wurde Rechtsanwalt Dr. Ludwig Fuld m Marnz zur Rechtsanwaltschaft bei Großh. Landgericht der Provinz Rheinhessen zugelassen; am 15. Septbr. wurde der Gerichtsaccessist Ferdinand Börckel in Mainz zur Rechtsanwaltschaft bei dem Großh. Landgericht der Provinz Rheinhessen und bei Großh. Oberlandesgericht zugelassen.
9. Aufgabe der Rechtsanwaltschaft:
Rechtsanwalt Dr. Fuld in Mainz hat die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft bei Großh. Amtsgericht Bingen ausgegeben.
10. Dienstnachrichten: , „ L. „ .
Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: Am 7. August den Präsidenten des Ministeriums der Finanzen August Weber auf sein Nachsuchen von der Stelle des zweiten Regierungs - Commiffärs bei der Hessischen Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft zu entheben; am 14. August den von dem Herrn Fürsten von Lömenstein-Wertheim-Rosenberg und dem Herrn Grasen zu Erbach-Schönberg auf die evang. Psarrstelle zu Höchst präsentirten evang. Pfarramts-Candidaten Theodor Nebel aus Dreieichenha in für diese Stelle zu bestätigen; an dems. Tage dem evang. Mitprediger Christoph Schneider zu Schotten die evang. Pfarrstelle zu Romrod, am 15. Aug. dem eoang. jPfanattu§* Candidaten Ludwig Hainebach aus Gießen die evang.Psarrstelle zu Güttersbach zu übertragen; am 5. Septbr. dem evang. Pfarrer Karl Friedrich Sigismund Sachs von Heddesbach, im Großherzogthum Baden, die evang. Pfarrstelle zu Wald-Michelbach zu übertragen; am 12. Septbr. dem zweiten evang. Pfarrer Franz Sartorius zu Offenbach die evang. Pfarrstelle zu Schaafheim zu übertragen.


