Nr. 1S1. Zweites Blatt. Sonntag den 8. Juni
1881
w K
K
‘U'
ZK
GlWS-Kttr Gchulstraße 7.
Erscheint LSgtich mit Ausnahme veS MSAtags.
Pre^S vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlahn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 60 Pf.
Wochenschau:
Gießen, 7. Juni.
Die Kaiserin von Rußland, welche gelegentlich ihre Rückreise von 'den Vermählungs-Feierlichkeiten in Philippsruhe, bezw. Schloß Rumpenheim -nach Petersburg am Mittwoch einen zwölfstündigen Aufenthalt in Berlin nahm, wurde hierbei von Kaiser Wilhelm wiederum in herzlichster Weise begrüßt. Im Gegensätze zu dem mehr intimen Charakter, welchen die frühere Begriißung der hohen Frau während ihrer Durchreise nach Rumpenheim Seitens des kaiserlichen Hofes trug, bewegte sich der diesmalige Empfang in den glänzendsten Formen, was in Petersburg jedenfalls mit besonderer Genugthuung bemerkt worben ist. Bezeichnend für die zwischen den Höfen von Berlin und Petersburg obwaltenden ausgezeichneten Beziehungen ist auch der Umstand, daß der Czar und der Großfürst-Thronfolger unserem Kaiser in eigenhändigen Briefen ihren Dank für die Entsendung des Prinzen Wilhelm ausgesprochen haben, in welchen außerdem der besonders günstige Eindruck, den der Prinz bei der russischen Bevölkerung gemacht, hervorgehoben wird.
Die festtägliche Ruhe ist, wie in den auswärtigen Angelegenheiten, so auch in der inneren Politik durch kein bemerkenswerthes Ereigniß unterbrochen worden und auch die Pfingstbetrachtungen der Blätter waren ziemlich farbloser Natur. Dessen ungeachtet hat aber gerade in den letzten Tagen der Telegraph zwischen Berlin und Friedrichsruhe, wo der Reichskanzler bekanntlich die Pfingstpause verbringt, einen ungemein lebhaften Depeschenverkehr vermittelt und hiermit steht die Meldung Berliner Blätter im Einklang, wonach der leitende Staatsmann sich in feinem lauenburgischen Tusculum keineswegs einer beschaulichen Ruhe hingiebt, sondern in voller Arbeit begriffen ist. Die auswärtige Politik wird hieran ebensogut ihren Antheil haben, wie es bezüglich der inneren Angelegenheiten der Fall sein dürfte; in ersterer Beziehung wird wohl die Conferenz - Angelegenheit und daneben vielleicht die Angra - Pequena- Affaire die Aufmerksamkeit des Kanzlers in Anspruch nehmen, während in letzterer Hinsicht die bevorstehende Wiederaufnahme der Reichstags-Verhandlungen und daneben jedenfalls auch die Staatsraths-Frage seine Thätigkeit beanspruchen. Was den Stand der letztgenannten Angelegenheit anbelangt, so ist zu melden, daß der Kaiser nunmehr die Ernennung des Kronprinzen zum Vorsitzenden zum Staatsrath und diejenige des Fürsten Bismarck zum Stellvertreter des Kronprinzen vollzogen hat.
Das Programm für die Feier der Grundsteinlegung zum neuen Reichstagsgebäude ist jetzt vom „Reichs- und Staats-Anzeiger" auch in seinen Einzelheiten veröffentlicht worden. Das Programm umfaßt 6 Punkte; der erste betrifft die Aufstellung der an der Feier theilnehmenden Personen, Der zweite der Beginn der Feier nach dem Erscheinen des Kaisers, der dritte Punkt bezieht sich auf die Verlesung der Urkunde, welche durch den Reichskanzler geschieht, der vierte Punkt handelt von den Formalitäten beim Verschluß des Grundsteins (Hammerschlag u. s. ro.), den fünften Punkt bildet die Festrede des Oberhofpredigers Dr. Kögel und den Beschluß des feierlichen Actes bildet der Gesang des Liedes „Nun danket Alle Gott" und des „Heil Dir irn Siegerkranz", nachdem vorher der Reichstags-Präsident das Hoch auf den Kaiser aus- gebracht hat. In den Grundstein werden versenkt: Der Erlaß an das deutsche 'Volk, datirt Versailles den 17. Januar 1871, betr. die Erneuerung der deutschen Kaiserwürde, dann die deutsche Reichsverfassung, das deutsche Reichshandbuch für 1884, die Baugeschichte des Reichstagsgebäudes, die Pläne von Berlin und dessen Weichbild und ein vollständiger Satz aller deutschen Münzen aus allen deutschen Münzstätten.
Die Wahlbewegung zum ungarischen Reichstage scheint jetzt so ziemlich ihren Gipfelpunkt erreicht zu haben. Mau ist zwar daran gewöhnt, daß die Wahlagitation in Ungarn allerhand Excesse im Gefolge hat, aber die Vorgänge in Klausenburg und neuerdings in Gyergyoalfalu übertreffen Alles bis jetzt in diesem Genre Geleistete. In Klaufenburg sind bekanntlich die Freunde des liberalen Candidaten Hegedues vom Pöbel mit einem Steinhagel angegriffen worden, wodurch gegen 60 Personen zum Theil sehr schwer verletzt wurden und in dem Orte Gyergyoalfalu ist es sogar zu einem blutigen Zusammenstöße zwischen der Gensd'armerie und den Wählermassen gekommen, welche 8 Personen aus der Menge das Leben kostete, während 2 Gensd'armen schwer verletzt wurden.. Am Dienstag Abend ist es in Klausenburg wieder zu größeren Tumulten gekommen, bei denen schließlich das Militär interveniren mußte. Bei allen diesen Gelegenheiten ging der Anlaß zum Excessiren von der sog. Unabhängigkeitspartei, von den Radikalen, aus, denen eine derbe Lection durchaus nichts schaden könnte.
Die Programm-Rede, welche der französische Minister des Innern, Herr Waldeck-Rousseau, am Pfingstsonntag in Amiens gehalten hat, ist eine in mehrfacher Beziehung beachtenswerthe politische Kundgebung. Die Rede wendet sich in scharfer Weise gegen die Bestrebungen der Radikalen und giebt zugleich von der Zuversichtlichkeit Zeugniß, mit welcher das Cabinet Ferry die von ihm vorgeschlagene beschränkte Revision der Verfassung durchzuführen entschlossen ist. Besonders beachtenswerth erscheint aber die Rede dadurch, daß sie von chauvinistischen Anklängen fast gänzlich frei ist, was in Anbetracht des Umstandes, daß sie anläßlich eines großen Turnerfestes gehalten wurde, nicht unterschätzt werden darf, da die französischen Turnvereine ganz speciell die Aufgabe verfolgen, die Revanche-Idee wach zu erhalten. In Deutschland wird der politische Tact, der die Auslassung des Herrn Waldeck-Rousseau charakterisirt, jedenfalls
gebührend gewürdigt werden. — Die militärischen Operationen Der Franzosen in Tongking dürften nunmehr mit der am Pfingstmontag erfolgten Besetzung von Tuyenquan endgültig abgeschlossen sein, da der commandirende Obergenerat Millot nach der Einnahme von Tuyenquan nach Hanoi zurückgekehrt ist.
Während das englische Cabinet an der egyptischen Frage doch mehr als genug zu kauen hat, ist es förmlich beflissen, sich nach anderen Seiten hin neue Widerwärtigkeiten zu bereiten. Der 6.-Artikel der „Fortnight- Review", welcher die auswärtige Politik des Fürsten Bismarck so heftig an- greist und welcher das Tagesgespräch der Londoner politischen Welt bildet, ist wahrhaftig nicht geeignet, in Deutschland freundlichere Gefühle gegen das britische Jnselreich und seine Politik zu erwecken, nachdem schon die Angra- Pequena-Affaire in die deutsch - englischen Beziehungen einen merklich kühlen Ton gebracht hat. Herr Gladstone hat allerdings die Autorschaft des betreffenden Artikels geleugnet, aber allgemein wird angenommen, daß er dieser publicistischen Kundgebung nicht fernsteht und der englische Premier wird daher auch die Consequenzen desselben tragen müssen, welche für Die Stellung Englands im europäischen Concert schwerlich kräftigende sein werden.
Die Italiener haben neben dem Pfingstfest auch politische Festtage hinter sich. Das Verfassungsfest ist am Montag aller Orten in Italien feier> lich begangen worden, aber während in den meisten Städten diese politische Kundgebung ohne störende Zwischenfälle verlief, ist es in der Hauptstadt Rom, wo zugleich eine Gedächtnißfeier für Garibaldi stattfand, zu einer antiösterreichischen Demonstration gekommen. Vor dem österreichischen Botschaftspalais ertönten Abassa-Rufe auf Oesterreich und Kaiser Franz Josef und im Gegensatz hierzu Evivvas auf Trient und Oberdank und da in letzter Zeit derartige Demonstrationen seitens der Jtalianissimi vorgekommen sind, so wird, wenn die Regierung des Herrn Depretis nicht bald energisch gegen dieses Treiben einschreitet, die Intimität der österreichisch-italienischen Beziehungen unter diejem Gebühren leiden müssen.
Die gesetzgebende Körperschaft der Schweiz ist am Mittwoch zu einer neuen Session zusammengetreten. Bei den Präsidentenwahlen im Nationalrath siegte wiederum das radirale Element, da sowohl der neugewählte Präsident Favou als auch Vicepräsident Stössel der radicalen Partei angehören. Dagegen wurde im Ständerath ein Vertreter der gemäßigten Richtung, Herr Birmann, zum Präsidenten gewählt, während die Klerikalen für Den Vicepräsidentfchaftsposten ihren Candidaten, Herrn Wirz, durchbrachten.
Der zwischen Serbien und Bulgarien wegen verschiedener Grenzbalgereien entstandene Conflict ist vorläufig noch nicht beseitigt, doch wird durch diesen Zwischenfall die Ruhe auf der Balkanhalbinsel schwerlich gestört werden.
Vermischte-.
Darmstadt, 5.Juni. Die Großh. Handelskammer hat sowohl on das Großh' Ministerium des Innern und der Justiz, als auch an den Bundesrath und den Reichstag Eingaben gerichtet, in welchen die Ablehnung der Novelle zum Reichsstewpelgesrtz energisch gefordert wirb. Auch der Vertreter unseres Wahlkreises im Reichstag, Herr Büchner, wird angegangen werden, um gegen die Annahme deS Gesetzes-Entwurfs zu wirken.
Mainz, 3. Juni. Die Zigeunerbanden nehmen gegenwärtig in unfern Nachbarorten in einer ganz empfindlichen Weise überhand; keine Gemeinde ist nur acht Tage lang von einer solchen Bande verschont und zählen die einzelnen Trupps nicht selten bis zu 30 Köpfe, von denen allerdings die Mehrzahl Kinder sind. Bezüglich der Begriffe von Mein und Dein nehmen es die Zigeuner bekanntlich nicht sehr genau und so mehren sich auch die Klagen über Diebstähle, EigenthumSbeschädigung rc. in auffallender Weise. In unserem Nachbarorte Mombach wurden gestern Nachmittag 3 Mstgl eder — ein Mann und zwei Fronen — einer solchen Bande verhaftet, weil sie bei dem Verwalter einer dortigen Fabrik die Kasse erbrochen und sich das Geld angeeignet hatten.
— Nach einer Cablnetsordre sollen von jetzt ab die Mannschaften, welche während der Manöver den „Feind" darftrllen und die früher als Abzeichen am Helm einen Retsigzweig trugen, fortan an Stelle desselben einen wettzletnenen Bezug, der die obere Hälfte des Helmes deckt, die Spitze jedoch frei laßt, als Erkennungszeichen tragen.
— Auf dem Schlesischen Bahnhof in Berlin war am 30. Mai der „Blktzzug" zur Ansicht gestellt, welcher binnen Kurzem zwischen Lissabon und Petersburg, mit Berührung von Madrid, Paris und Berlin, verkehren soll. Die Fahrzeit für die ganze Strecke wird 92 Stunden betragen und es entsteht damit eine Zettersparniß von v!er- undzwanzia Stunden für die Strecke Paris-Petersburg, von 20 Stunden für die Strecke Lissabon-Berlin. Die Einrichtung des Zuges, welcher einstweilen aus einem Re- staurations- und Küchenwagen, dem Salonwagen, einem Schlafwagen mit 20 Betten und einem Gepäckwagen besteht, trägt allen Anforderungen der Neuzeit Rechnung; sogar ein Douchebad steht während der Fahrzeit zur Benutzung. Vor der Hand soll der Zua zweimal wöchentlich laufen.
Trier, 3. Juni. An der heutigen Svringprocession in Echternach nahmen 10,535 Personen Theil. Das nichts weniger als amnutbige Schauspiel Dtrllef in der gewohnten Weise und hatte wie alljährlich viele Tausende von Zuschauern angelockt, über die allerdings nicht Buch geführt wird, wie über die Springer. Trotz bi8 kolossalen Menschenandranges kamen keinerlei Unfälle vor. Die Wirthe des kletmn Städtchens batten sich diesmal für den Tag so trefflich vorgesehen, daß alle die vielen Tausende in kurzer Zeit mit Speise und Trank versehen werden konnten. Ein tragikomischer Zwischenfall hatte kurz vorher die städtische Kapelle von Echternach betroffen, die bekanntlich bet der Procession mit eine Hauptrolle spielt; man batte aus dem Aufbewahrungsorte der Instrumente die sämmtlichen Mundstücke derselben entwendet und nur mit Mühe konnte der nöthige Ersatz herbeigeschafft werden.
— sGewitter und Blitzableiters Es kann keinem Zweifel mehr unterliegen, dast die Zahl der Blitzetnschläge in Gebäude seit etwa 30 Jahren in fortwährender Zunahme begriffen ist; v. Bezold hat dies zuerst für Bayern bemerkt, Gutwasser fand es im Königreich Sachsen und neuerdings [Uferte W- Holtz den gleichen Nachweis für ganz Deutschland, Oesterreich und die Schweiz. Den Grund dafür will man in örtlichem


