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1881
Nr. 287
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Schulchraße 7.
Breit vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. Durch die Post bezogen vierteljährlich
Gießen, 6. December.
Die erste eigentliche Arbeitswoche des neuen Reichstages liegt nun hinter uns und was derselben namentlich ihr Charakteristikum verlieh, war das wiederholte und energische Eingreifen des Reichskanzlers in die Verhandlungen , wie solches in der, der ersten Lesung des Etats vorangegangenen Sitzung vom 26. v. MlS., weiter bei der Debatte über die Postdampfer-Vorlage und jüngst bei der Berathung des Windthorst'schen Antrages auf Aufhebung des Expatriirungs-Gesetzes hervortrat. Den mächtigsten Nachhall im deutschen Volke haben offenbar die Ausführungen des leitenden Staatsmannes in der ersterwähnten Sitzung gefunden, als er eine so scharf umriffene Charakteristik des Reichstages gab, in dem nur eine Minderheit offen auf Seiten der kaiserlichen Politik stehe, während eine aus den verschiedenartigsten Elementen zusammengesetzte Mehrheit der Politik des Kaisers und seines Kanzlers sich entgegenftelle. „Von einer solchen Majorität laste er sich nicht imponiren." — Dieses bedeutungsvolle Wort kennzeichnet so recht den „eisernen" Kanzler und wird noch lange in den weitesten Kreisen der Nation nachklingen. — Große Entscheidungen sind natürlich während der kurzen Frist, welche der Reichstag erst beisammen ist, nicht gefallen; der Etat ist gleich der Postdampfer-Vorlage in erster Lesung erledigt worden, ebenso mehrere Anträge unbedeutenden Inhalts, dagegen führte der eben erwähnte Antrag des Abg. Windthorst am Mittwoch zu einer groß angelegten Debatte, bei welcher der Culturkampf wieder einmal eine Hauptrolle spielte. Der Centrmnsführer vertrat seinen bekanntlich vom Bundesrath abgelehnten Antrag durch keinen weiteren neuen Grund, als daß er darauf hinwies, daß schon der vorige Reichstag demselben zugestimmt habe. Von den Rednern der Freieonseroativen, der Nationalliberalen und der Con- servativen — mit Ausnahme de» Abg. Stöcker, welcher sich Namens seiner speeiellen Anhänger für den Antrag Windthorst erklärte — wurden Erklärungen gegen denselben abgegeben, während von den Vertretern anderer Parteien Eugen Richter und Blos (soc.-dem.) für den Antrag eintraten. Den interessantesten Theil der Sitzung bildete die Auseinandersetzung zwischen Fürst Bismarck und Herrn Windthorst. Der Kanzler führte als einen Hauptgrund für die Beide- Haltung des Expatriirungs-Gesetzes die Haltung der polnischen katholischen Geistlichkeit an, die im Falle kriegerischer Verwickelungen für Das Reich leicht gefährlich werden könnte. Offen sprach er seine Bereitwilligkeit aus, mit dem Centrum Frieden zu schließen, ebenso offen erklärte er aber auch, daß er sich demselben nicht bedingungslos hingeben könne, da der Schwerpunkt des Centrums eben außerhalb Deutschlands liege. An ernsthaften Bemühungen der Regierung, den kirchenpolitischen Frieden herbeizuführen, habe es nicht gefehlt, aber in Rom habe man keinen guten Willen und so werde Deutschland, nachdem so viele entgegenkommende Schritte vergeblich gethan, das Weitere abwarten müsten. In feiner Entgegnung erging sich Herr Windthorst in längerer, bisweilen fast erbittert klingender Rede über die kirchenpolitische Gesetzgebung; nur deren völlige Abschaffung und die Wiederherstellung der Verhältniffe, wie sie unter Friedrich Wilhelm IV. bestanden, könne den kirchenpolitischen Frieden aufs Neue begründen. Aus der Replik des Reichskanzlers verdient die Erklärung hervorgehoben zu werden, daß die Regierung keineswegs eine Auflösung des Reichstags beabsichtige. Der Antrag auf Aushebung des Expatriirungs-Gesetzes wurde schließ- lich mit 217 gegen 99 Stimmen der Freiconservativen, Der Nationalliberalen und des größten TheileS der Confervativen angenommen. Am Donnerstag trat das Haus in die weitere Berathung des Etats ein.
Die Wochen-Chronik in Bezug aus die übrigen Begebenheiten im Bereiche der inneren Angelegenheiten hat diesmal so gut wie nichts zu verzeichnen. Lediglich hervorzuheben ist ein officiöses Entrefilet in der „Nordd. Allg. Ztg.", in welchem auf die neuerdings auf den preußischen Eisenbahnen vorgekommenen Unfälle hingewiesen wird, die lediglich durch den Leichtsinn und die Nachlässigkeit untergeordneter Organe herbeigeführt worden seien. Vom Minister der öffentlichen Arbeiten sei daher den Eisenbahn-Behörden aufgegeben worden, mit voller Strenge gegen die Schuldigen einzuschreiten und feien von ihm gleichzeitig geeignete Anordnungen für die genaue Überwachung der für den Betriebsdienst bestehenden Vorschriften und deren Handhabung getroffen worden. Auf diese Weise solle eine größere Bürgschaft dafür erzielt werden, daß die Beamten alle Vorschriften, welche sie zu beachten haben, richtig ver- ftchen, den Zweck derselben kennen und mit ihrer Handhabung genau vertraut sind, ungeeignete Beamte aber alsbald durch bessere ersetzt werden.
Drittes Blatt Sonntag den 7. Deeember
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Aus Oesterreich sind als die hervorragendsten Ereigniffe der Woche der am Donnerstag erfolgte Zusammentritt des österreichischen Reichsrathes und die demselben vorangegangene Eröffnung der österreichisch-ungarischen Zoll-Con- serenz zu verzeichnen. Letztere hat bekanntlich die Doppelte Aufgabe, einentheils den Handelsvertrag mit Griechenland, anderntheils Die von der französischen Regierung beabsichtigte Erhöhung des Eingangszolles auf Getreide, durch welche der ungarische Getreide-Export nach Frankreich empsindlich geschädigt wird, zu berathen.
Der englische Premier, Mr. Gladstone, betreibt die Wahlreformangelegenheit mit Dampfkraft und bei der entgegenkommenden Haltung des Oberhauses ist die baldige desintive Regelung dieser Haupt- und Staats- frage mit Sicherheit zu erwarten. Mit der egyptischeu Finanzfrage will es dagegen immer noch nicht recht vorwärts gehen, obwohl sich Mr. Gladstone, hierbei die denkbar größte Mühe gibt. Es scheint, daß es mit Genehmigung des egyptischeu Finanzreformprojectes, wie es neuerdings vom Londoner Ca- binet den Mächten unterbreitet worden ist, noch gute Wege hat.
Im italienischen Parlament hat der Kampf um die Eisenbahn- Convention begonnen, durch welche das italienische Eisenbahnwesen neu organi- firt und an private Gesellschaften übergeben werden soll. Es sind wesentlich finanzielle Gründe, welche das Cabinet Depretis bestimmen, von der Eisenbahnverstaatlichung abzusehen, gerade deßwegen dürste ihm aber die Opposition scharf zu Leibe gehen.
Von jenseits des atlantischen Oceans liegen zwei erwähnens- werthe Ereignisse vor: Die Eröffnung des nordamerikanischen Congresses und der Regierungswechsel in der Republik Mexiko, woselbst General Porfirio Diaz die höchste Würde der Republik aus den Händen des bisherigen Präsidenten Gonzales entgegengenommen hat. Der Regierungswechsel vollzog sich ohne jedwede Störung der öffentlichen Ordnung.
Der Mahdi wird wieder einmal tobt gesagt. Vom Mudir von Dongola sind Nachrichten in Kairo eingelaufen, denen zufolge der Mahdi gestorben sein und unter dessen Anhängern eine große Sterblichkeit herrschen soll. Von dem Mudir ist bekanntlich schon so manche, für die anglo-egyptische Regierung günstig klingende Nachricht in die Welt gesetzt worden, die sich bald darauf als völlig unwahr herausgestellt hat und so wird dies wohl auch diesmal mit der Meldung von dem angeblichen Tode des sudanesischen Rebellenführers der Fall sein.
Berlin. Dle Mitglieder d«-S Reichstags, rote sie aus den Neuwahlen hervorgegangen sind, verthesien sich nach Stand und Beruf folgendermaßen: Mehr alS ein Drittel sämmtttcher Mandate nehmen die Angehörigen des Grundbesitzes und der Landwirthfchaft in allen ihren Zweigen ein; 130 bezeichnen sich als Ritterguts-, Herr- schaftS-, Ftdeikommiß- Majorats-, Guts, und Hofbesitzer; hierzu treten noch 8 andere den landwirtbschaftlichen Gewerben Angehörige und 2 Oecoromieräthe. Unter den Rittergutsbesitzern sind 6 zugleich Landräihe, einer zugleich Polizeipräsident, einer General-LandschaftSdtrector und 4 Bergwerks-, bezw. Fabrikbesitzer. Aus den Bramten« kreisen sind hervorgegangen: 2 Staatsminister a. D-, 1 aktiver und 1 inaktiver Oberpräsident, 2 Regierungspräsidenten, 1 Polizeipräsident (zugleich Rittergutsbesitzer), 2 Geheime RegierungSräthe, 2 Regierungsräibe, 1 Landdrost, 21 Landräihe 1 Gesandter, 1 Wirklicher LegationSroth, 1 L>'gationSrath a. D-, 1 BezirkSamtS-Asflsior, 1 Oberbergrath, 1 Bau- und Regierungsrath, 1 Baumeister, 1 Hofrath und 1 Archivar. Den Beamten der Gemeindkverbände und Gemeinden gehören an: 9 Bürgermeister (darunter 2 zugleich Landrottthe), 1 Stadtdirector, 4 Senatoren 1 Stadtrath, ein solcher a. D-, 1 Gemeinderath, 1 Prooinzial-LandeSratv, 2 Landschaftsräthe, 1 Gemeindevorsteher. Nur ein aktiver Militär gehört zu den Abgeordneten neben einer großen Anzahl von Osficieren a. D. verschiedenster Grade, die zumeist Grundbesitzer sind. Zum Rtchterstande gehören 29, darunter 8 tnact.ve; ihnen reihen sich an drei Staatsanwälte und 20 RechtSanwälte. Der katholischen Geistlichkeit gehören 16 Mit- glteder an, nämlich 6 Stadtpfarrer, 4 Domkapitulare, V 1 geistlicher Rath, Kanonikus, fkrstbtschöfltcher Sttstsrath, Probst, Erzprirster und Superior; ihnen gegenüber ist Hur ein evangelischer Geistlicher vorhanden. AuS dem Lehrerstande sind 15 Abgeordnete heroorgegangen, davon8Professoren, 1 Privatdocmt, 1 Gymnasialdirector a.D., 1 Oberlehrer und 1 solcher a. D., 1 Studienlehrer, 1 Rector und 1 Lehrer. Hieran reihen sich 5 praktische Aerzte und 1 Thierarzt. Der Handel ist vertreten durch 12 Kaufleute, 2 Holzbändler, 1 Lederbänvler, 1 Specere,Händler, 1 Weinhändler und Consul, 1 Rheder, 1 Bankdirector, 1 Spediteur der Weitesten der Kaufmannschaft. Der Industrie und dem Gewerbebetriebe gehören an je 2 Hütten- und EisenroerkSbesitzer, 4 Bergwerksbesitzer, 1 Ober-Berg- und Hüttendireckor, 1 BergwerkSdtrector, 11 Fabrikbesitzer, 5 Fabrikanten, 1 Fabrikdlrecior, 2 Ingenieure, 6 Brauereibesitzer, 2 Bildhauer. 1 Maler, 1 Buchdruckereibesitzer. 1 Drechsler- und 1 Schuhmachermeister, 1 Sattler, 1 Cigarrenarbeiter. Endlich ist noch ein Posthalter zu erwähnen. Zur Presse gc- bören 16 Abgeordnete, nämlich 12 Schriftsteller, 2 Redocteure, 1 Journalist und 1 Corrector. Endlich sind 30 Abgeordnete, die sich Rentner, Privatleute uf.ro nennen oder überhaupt keinen Stand oder keine Thätigkett angeben._______________
Allgemeine
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Bmil Fischbach.


