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Nr. 261.
Freitag den 7. November
1884
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint tik-ttch mit «vSmchme befi M»nt«gK.
•WFMeil «chulft-raße 7.
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Politische Ueberskcht.
(Sitten, 6. November.
Der Kaiser empfing am Sonntag den neuen Vertreter Chinas am Berliner Hofe, Sü-Ching-Cheng, in feierlicher Audienz, welche zugleich für den bisherigen chinesischen Gesandten in Berlin, Li-Fang-Pao, die Abschieds- Audienz war. Als Vertreter des auswärtigen Amtes wohnte Graf Hatzfeldt dem Empfange bei.
Nachdem am vorigen Samstag in allen Reichstags-Wahlkreisen die amtliche Zusammenstellung der Wahlresultate des 2& October stattgefunden hat, liegen jetzt letztere vollständig vor. Hiernach sind 299 Wahlen definitiv entschieden, während 98 Stichwahlen zu vollziehen find. Gewählt wurden : 64 Conservative, 22 Freiconservative, 41 Nationalliberale, 31 Freifinnige, 95 Anhänger des Centrums, 2 Volksparteiler, 5 Welfen, 16 Polen, 14 Elsässer (Protestier) und 9 Socialdemokraten. Natürlich muß erst der in vielen Fällen noch durchaus ungewiffe Ausgang der Stichwahlen abgewartet werden, ehe sich das Tableau der diesjährigen Reichstagswahlen vollständig übersehen läßt, das Eine kann aber bereits mit aller Bestimmtheit behauptet werden: daß auch im neuen Reichstage keine conservativ-nationalliberale Mehrheit vorhanden sein wird. Die beiden conservativen Fraktionen und die Nationalliberalen zählen nach dem ersten Wahlgange zusammen 127 Abgeordnete, die absolute Majorität im Reichstage beträgt 199 Stimmen und um diese zu erhalten, müßten den Conservativen und den Nationalliberalen bei den Stichwahlen noch 72 Mandate zufallen und eine solche Hoffnung kann nur ein ausgesprochener Optimist hegen. Dagegen ist schon jetzt — mit Hinzurechnung der Anhängsel des Centrums, als Welfen, Polen und Protestlern — jene „von Fall zu Fall-Majorität" klerikal - conservativer Richtung vorhanden, mit welcher Herr Windthorst so vorzüglich zu operiren versteht und unter diesem Zeichen wird voraussichtlich auch die neue Legislaturperiode des Reichstages stehen.
Ueber die Berathungen des preußischen StaatsratheS erfährt man nur, daß derselbe nach Erledigung der Postsparkaffen-Vorlage die Dampfer-Subventions-Vorlage in Angriff genommen hat. Der erlauchte Vorsitzende des StaatsratheS, Kronprinz Friedrich Wilhelm, nimmt an den Arbeiten desselben fortgesetzt den lebhaftesten Antheil.
Die braunschweigische Assaire wird nun wohl vorläufig ruhen, nachdem die Mitglieder des Regentschastsrathes, Graf Görtz - Wrisberg und Baron v. Veltheim, am Samstag von Berlin, wo sie vom Kaiser und vom Reichskanzler empfangen worden waren, nach Braunschweig zurückgekehrt sind. Es konnte nicht fehlen, daß über die Thronfolge-Angelegenheit verschiedene Gerüchte auftauchten, so hieß es u. A., daß Prinz Wilhelm von Preußen zum Regenten von Braunschweig ausersehen sei, doch ist diese von Anfang an nicht sehr wahrscheinlich klingende Mittheilung mittlerweile von Berlin aus entschieden demenlirt worden. Ueber die eigenthümliche, die Ansprüche des Herzogs von Cumberland begünstigende Haltung von Reuß ä. L. im BundeSrathe ist die öffentliche Meinung längst zur Tagesordnung übergegangen.
Der durch die Blätter laufenden Nachricht, die Eröffnung der Berliner Congo - Conferenz werde am 15. November stattfinden, ist bis jetzt osficiöserseits nicht widersprochen worden, was jene Mittheilung zu bestätigen scheint. Ueber das Programm der Conferenz sind Einzelheiten noch nicht bekannt, jedenfalls wird aber bei den Verhandlungen die Frage der Hoheitsrechte am Congo eine Hauptrolle spielen. Der „Temps" glaubt im Gegensatz zu den Behauptungen portugiesischer Blätter zu wissen, daß Frankreich auf der Conserenz die Ansprüche Portugals bezüglich seiner Souveränetät am unteren Congo nicht unterstützen werde, roeil diese Ansprüche der Freiheit des Congo- Gebietes zuwiderliefen und vom Gesichtspunkte des Rechts und der Interessen des französischen Handels aus unannehmbar seien.
Die in Pesth versammelten österreichischen und ungarischen Delegationen, welche sich nach ihrem Empfange beim Kaiser aus kurze Zeit vertagt hatten, haben in dieser Woche ihre Arbeiten zunächst in den Commissionen wieder ausgenommen. Am Dienstag hielt die Budget-Commission der österreichischen Delegation ihre erste Sitzung ab und am folgenden Tage trat die Commission für die auswärtigen Angelegenheiten zusammen, um das Exposö des Grasen Kalnoky entgegenzunehmen. Man erwartet, daß hierbei Kalnoky auch in der Frage der Orientbahnen interpellirt werden wird, namentlich über die Haltung der Pforte, welche jetzt unter allerhand Ausflüchten den Ausbau der Anschluß-Linien an die Orientbahnen auf die lange Bank zu schieben sucht.
Die Gerüchte über eine Vermittelung Englands in der französisch-chinesischen Affaire haben jetzt an Haltbarkeit gewonnen, nachdem ein hoch- officiöser Arttkel der „Temps" bestätigt, daß die englische Regierung nach der angedeuteten Richtung bereits Schritte — und zwar freiwillig — gethan habe. Frankreich sei hiervon verständigt worden und würde ein Schiedsspruch, der sich auf die Entschädigungssumme beschränke, eine annehmbare Lösung der Differenzen bieten. müßte ihm die vollständige Ausführung des Vertrages von Tientsin, betr. die Räumung von Tongking, vorausgehen und da die Chinesen die Gewohnheit hätten, Verträge zu brechen, so sei die beste Unterstützung für jede Verhandlung die effeclive Besetzung von Tongking. Letzteres kann man dem „Temps" gern "glauben, aber eben mit dieser „effectiven Besetzung" hapert es bedenklich; trotz aller ihrer Erfolge können die Franzosen die Chinesen nicht aus Tongking hinauswerfen, ja, erstere müssen sich jetzt zudem mit den auf dem Stromschnellen-Kanal aufgetauchten zahlreichen Piratenbanden herumschlagen und
das spricht gerade nicht für jene Ruhe und Sicherheit, welche nach einer Meldung des Generals Briöre de l'Jsle im Delta des Rothen Flusses herrschen sollte.
In England ist der Sudan durch die jüngsten aus ihm eingelaufenen und geradezu verblüffenden Nachrichten wieder in Aller Mund gekommen. Auf die Meldung, daß der Mahdi Khartum mit aller Macht bedrohe und Berber zum zweiten Male genommen habe — welche in grellem Widerspruch zu den seitherigen Siegesdepeschen Gordon's stand — folgte unmittelbar die Hiobspost, daß Khartum vom Mahdi genommen und Gordon von demselben gefangen worden sei. Der Khedive selbst sollte diese Unglücksbotschast der Königin Victoria und dem Prinzen von Wales telegraphirt und auf Ersuchen wiederholt haben. Diese Nachricht war von der „TimcS" gebracht worden; nun hat aber der Staatssecretär des Auswärtigen, Lord Granville, in der Montagssitzung des Oberhauses dieselbe für absolut unbegründet erklärt, mit dem Hinzufüqen, daß auch der Generalkonsul Baring den bezüglichen umlaufenden Gerüchten keinen Glauben schenke. Eine nähere Aufklärung wird also abzuwarten sein; im Uebrigen hat es aber den Anschein, als ob Gordon's Stellung in Khartum keineswegs eine so brillante ist, als man bisher annehmen mußte. Im Gegentheil scheint es, als ob ihm der Rückzug nach Ober-Egypten durch die Seitens der Anhänger des Mahdi erfolgte Wiederbesetzung von Berber vollständig abgeschnitten worden ist.
Zum ersten Male seit Wochen, ja Monaten, ist der osficröse Cholerabericht aus Neapel a'ÜSgeblieben. Es läßt dies den erfreulichen Schluß zu, daß die verheerende Seuche sowohl in Neapel als auch auf der übrigen Apeninnen-Halbinsel so gut wie erloschen ist und kann sich das Interesse der italienischen Nation nunmehr wieder voll den öffentlichen Angelegenheiten zuwenden. In Turin find der König und die Königin am 2. November eingetroffen, um den anläßlich des Schluffes der Ausstellung stattfindenden Festlichkeiten beizuwohnen. Der Empfang der Majestäten durch die Bevölkerung war em äußerst enthusiastischer, wozu jedenfalls der Heldenmuth, den König Humbert während der Cholera-Epidemie bewiesen, das Seinige beigetragen hat.
In Belgien scheinen sich die hochgehenden politischen Wellen seit der Ersetzung des Cabinets Malou durch das Cabinet Bernaert wieder einigermaßen geglättet zu haben. Wenigstens hört man nichts mehr von Ausschreitungen und ist die Agitation der Liberalen gegen das neue Schulgesetz in ruhigere Bahnen hinübergeleitet worden. Auch von der liberalen Forderung, die Kammern auszulösen und die Bildung eines neuen Ministeriums auf Grund des Ausfalles der Neuwahlen vorzunehmen, ist es wieder ziemlich still geworden. Vielleicht wünscht man sich erst auf dieser Seite über die Haltung des Cabinets Bernaert zu vergewissern, ehe man gegen dasselbe Schritte unternimmt.
Deutschland.
Berlin, 3. November. In den Briefen des verstorbenen Königs von Hannover, welche dre „Nordd. Allg. Ztg" heute veröffentlicht, findet sich folgender schlagender Beweis (vom 2. Juli 1867) für die Verschwörung, welche der abergläubisch verblendete Fürst mit Frankreich gegen Deutschland anzuzetteln suchte:
Meine stets gewesene und stets bleibende unerschütterliche Zuversicht, daß der dreieinige Gott in seiner nie endenden Gerechtigkeit mein Reich und Thron wird wieder auferstehen lasten und mich als König in aller Selbstständigkeit und Unabhängigkett meinen Landen wiedergeben, steigert sich immer mehr von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick, bekräftigt durch alle von Ihnen dafür angeführten Einzelheiten und Gründe, die ich in allem Maße theile. Nur halte ich eS für wahrscheinlicher, daß Frankreich den Krieg im Frühjahre 1868 als tm bevorstehenden Herbste oder Winter beginnen wird. Auch halte ich es für wünschenswerther, da es dadurch immer noch mehr Zeit gewinnt, sich vorzubereiten, um dann, so Gott will, mit größerer Aussicht auf Erfolg den entscheidenden Schlag auszuführen. Für Oesterreich möchte ich eine größere Bürgschaft für ein lhatkcäfttges Eingreifen und für ein erfolgreiches Wirken haben, sobald der Augenblick zum Handeln, der dann an dasselbe herantritt, gekommen sein wird. Gott sei Dank fängt der Kastrrstaat an, sich wieder im Innern zu befestigen und dadurch wächst wieder das Selbstvertrauen- Wolle der Allmächtige, daß Oesterreich gründlich wiederbergestellt sei, ehe es thätig sich nach außen wenden muß. Dann ist vom Herrn aufrichtig zu erflehen, daß das Heer wieder völlig neu gebildet und gekräftigt und ein tüchtiger Feldherr, sowie begabte Führer überhaupt gefunden werden, bevor dieser Zeitpunkt einiritt. Alle Anzeichen sind da, daß Beust ein Büvd- niß mit Frankreich wünscht und erstrebt. Da aber die Reorganisation Oesterreichs im Innern, wenn auch im Werden, doch noch nicht vollendet, die noch erforderliche Erneuerung und Verbesserung im Heere mir aber leider noch wett zurück zu sein scheint, so bleibt mir die Besorgniß, daß Beust versuchen wird, in Paris ein thättgeS Entgegen- treten gegen unfern gemeinschaftlichen Feind thunlichst in die Länge zu schieben, oder aber, wenn er durch die Macht der Verbältniffe gezwungen wird, handelnd aufzutreteu, Oesterreich nicht mit d-r Krast und mit der Siegesgewtßheit einschreiten wird, wie man eS wünschen möchte. Jndeß, das schließliche Gelingen unserer geheiligten Sache ist nach meinem Dafürhalten nickt davon abhängig; denn Frankreich hat ein große- Interesse, die gegenwärtigen Verhältnsse in Preußen und Deutschland, und zwar thun- ltchst bald zu vernichten, nötigenfalls selbst ohne die Mitwirkung Oesterreichs; und so gut wie es tm Anfänge dieses Jahrhunderts durch alleiniges und thatkräftigeS Vorgehen es vermocht, ganz Europa, mit Ausnahme Großbritanniens, für seine Sache zu gewinnen, kann es, wenn Gott eü will, dieses nun in einem bevorstehendm Kriege, vorausgesetzt, daß Rußland und Großbritannien neutral bleiben, um so eher wie damals, weil es jetzt für einen ganz andern Zweck kämpfen würde als zu jener Zett. Unter Napoleon dem Onkel kämpfte eS in erobernder, unter Napoleon dem Neffen in befreiender Absicht, und Hai, was damals weniger der Fall war, mit Ausnahme der altpreußischen Provinzen, das Mitgefühl und die Beiftimmung aller deutschen Völker. Und wo diese Gesinnung sich noch nicht gleich kundgeben kann, wird sie, namentlich nach errungenen ersten Erfolgen, hervorbrechen, und mittlerweile dürfte Oesterreich auch so weit gelangen, um für die gute Sache Mitwirken zu können.


