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g^r 208 Samstag den 6. September 1884t

Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Erschemt ItOttch mit M »Untag#.

Bwre«tt: Schulstraße 7.

Preis vierteljährlich 2 Marl 20 Pf. mit Briirgerlos«.

Durch die Post bezogen vierteljLbrlich 2 Mart 50 Pf.

Politische Ueberficht.

Gieße«, 5. September.

Der Gegensatz, welcher sich zwischen Deutschland und England in letzter Zeit herausgebildet und welcher seinen Ursprung in der Eifersucht hat, mit welcher man englischerseits die neuen deutschen Colonial-Unternehmungen in West«Afrika betrachtet, hat sich zwar noch nicht verschärft, aber auch nicht ver- mindert. Anscheinend findet ein diplomatisches Minenspiel zwischen Varzin, resp. Berlin und dem Cabinet von St. James statt und es ist kaum ein Zweifel, daß in diesem geheimen Kampfe Mr. Gladstone dem Scharfblick und der ganzen Ueberlegenheit des leitenden deutschen Staatsmannes gegenüber den Kürzeren ziehen wird. Eine Niederlage Englands auf diplomatischem Wege könnte auch der Erhaltung des europäischen Friedens nur förderlich fein, denn während die Politik des Fürsten Bismarck ausgesprochen eine des Friedens ist, trägt jene des englischen Premiers einen beunruhigenden Charakter, sie ist eine Politik der Zwietracht, des Weltbrandes und verdient schon aus diesem Grunde bekämpft zu werden.

Wenn der deutsche Reichskanzler von jeher die Politik des Fne- dens als die einzig richtige bezeichnet, die deutsche Politik niemals in anderer Sinne geleitet, wenn Fürst Bismarck stets bemüht gewesen ist, das deutsche Reich mit allen Staaten in freundlichen und guten Beziehungen zu erhalten, so hat er dies England gegenüber jederzeit in geradezu augenfälliger Weife bewährt. Wie hat sich Herr Gladstone dem gegenüber gezeigt? Wo es immer angmg, war er bemüht, der deutschen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten, dem freund­lichen Entgegenkommen setzte er nicht nur eine kühle, abweisende Haltung ent­gegen, fast feindlich ist sein Auftreten in der letzten Zeit gewesen. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß Herrn Gladstone für seine fortwährenden Eingriffe in die friedlichen Cirkel des deutschen Reichskanzlers eine empfindliche Lection zu Theil werden wird, es dürfte eine Lection werden, von der sich Mr Gladstone Überhaupt vielleicht nicht mehr erholen wird. Als feiner Zeit Mrst Gortschakoff nicht aushörte, sich der deutschen Politik feindselig zu erweisen, f0 wurde er in dem Momente gänzlich außer Action gesetzt, m welchem er der deutsche Reichskanzler für angezeigt hielt. Vielleicht wird etwas Ähnliches auch dem leitenden Staatimanne Englands pasfiren, wenn tt mqt aufhort, der deutschen Politik Hindernisse in den Weg zu legen und Fürst Bismarck hat es noch immer verstanden, im Kleinen wie im Großen, fortzufegen, was femen Plänen hindernd im Wege stand.

Die Drei'Kaiser-Zusammenkunft ist anscheinend wieder verschoben worden und fragt es sich überhaupt, ob sie in dem bisher angenommenen Rah- men stattfinden wird. Gerüchtweise verlautet jetzt, daß die Begegnung Kaiser Wilhelm« mit dem Czaren Anfangs October in Stettin stattfinden werde. Da indessen sich bis jetzt alle Gerüchte über Zeit und Ort der Entrevue als un- genau, resp. verfrüht herausgestellt haben, so wird man auch den neueren Me^ düngen hierüber vorläufig mit Reserve zu begegnen haben, Daffelbe wird auch gegenüber der Mittheilung derWiener Presse" gelten müffen, daß der Kaiser von Oesterreich sich höchstwahrscheinlich um die Mitte des Monats September zur Begegnung mit Kaiser Alexander nach Skierniewiece begeben werde.

Die Wahlbewegung anläßlich der Reichstagswahlen wird mit der täglich zu erwartenden officiellen Bekanntgebung des Wahltermins in ihr lebhaftestes Tempo gerathen. Auch in Betreff des Wiederzusammentrittes des Bundesrathes werden Beschlüsse zu gewärtigen fein. Vorläufig ist die dritte Septemberwoche für diesen Wiederzusammentritt in Aussicht genommen, an Arbeitsmaterial wird es gewiß nicht fehlen, da noch mancherlei Vorlagen, die schon feit längerer Zeit in den Reichsämtern vorbereitet waren, der Erledi­gung durch den Bundesrath harren.

Die aus den verschiedensten Theilen Deutschlands über die Sedanfeier einlaufenden Nachrichten lassen erkennen, daß auch diesmal unser Nationalfest überall in durchaus würdiger Weife begangen worden und daß somit die Erinnerung im deutschen Volke an den ewig denkwürdigen 2. Septem­ber 1871 fort und fort lebendig ist.

Wiederum ist einer der alten Waffengefährten unseres Kaisers zurgroßen Armee" abberufen worden. Wie dieBonner Ztg. meldet, ist General-Feldmarschall Herwarth v. Bittenfeld in der Nacht vom Montag zum Dienstag in Bonn gestorben. Der verstorbene Heerführer war am 4. September 1796 zu Großwerther in Sachsen geboren und hat demnach fast genau ein Alter von 88 Jahren erreicht. Herwarth v. Bittenseld trat 1811 in preußische Militärdienste und machte die Freiheitskriege von 1813 bis 1815 mit; die folgenden Friedensjahre brachten ihm das gewöhnliche Avance­ment. Nachdem er 1852 Generalmajor und Brigade - Commandenr, 1856 Generallieutenant und Divisionär geworden war, erhielt er 1860 das Commando des 7. Armee-Corps. 1864 befehligte er im Kriege gegen Dänemark die preußi­schen Truppen unter dem Oberbefehle des Prinzen Friedrich Karl und zeichnete sich besonders durch den berühmten Uebergang nach Alfen aus. 1866 führte er die preußische Elb-Armee nach Böhmen, wo er zu den Erfolgen der preußi­schen Waffen bei Hünerwasser, Münchengrätz und namentlich bei Königgratz wesentlich mit beitrug. 1870 wurde Herwarth v. Bittenseld zum General- Gouverneur des westlichen Deutschland (7., S.undll. Armee-Corps) ernannt und machte sich in dieser Stellung hauptsächlich durch die Organisation des Transportes der Reserven wie der Gefangenen und deren Unterbringung ver-

Telegraphische Depeschen.

Wolff's teUgt. Lorrespoir-em-Girrea«*

* (äzmtemher Der .B- Rtß.e zufolge hat Se. Maj. der Kaiser an die Familie des verstorbenen GFM- Herwarth v- Bittenfeld folgendes Telegramm ge- tnninfr 2 Sevttmbkr- Soeben erfahre 2ch das Ableben des Felo marf6aa6$cm öerroartb einet Mane«. ben Ich non feinem frühesten MlttLreintrflt tannte unb »u b"f n rafSem Smoorftetgen Ich oteffad) beitragen burftc - üb«aa ein eMer GBaratter. etn trefflidjer Soldat, ber Neueste Diener s^-« König«, Mir dn nabeftebenber freund. Mein Schmerz ist der Theilnahme gleich, die Ich Ihnen htermtt be? dem Verluste eines solchen VaterS und Ehrenmannes aussprechen muß.

A (£>nt?mber Se. K- K. Hohett der Kronprinz wohnte mit Sr. K. Hoheit ^em Prinzen Frtebrich Carl unb bein Prinzen Leopold D-m Bayem bem heutigen Schlutzmanöoer bei Sulau bet, welche« von bem Wtt mar. . &

ßoh« bÄ5bÄÄ ^«^o^bÄSerg^ Äbenbs ble Rückreise über BreSlau nach Berl n an. bir eolbtfiSe

bient Im April 1871 erhielt er den Charakter als Feldmarfchall und lebte eitbem, in den Ruhestand versetzt, in Bonn. . . . u

Der bisherige Verlauf der kriegerischen Ereignisse in den ostasiatt- chen Gewässern hat die militärische Ueberlegenheit Frankreichs über das chinesische Hiefcnrei4 zur Genüge bocumentirt. Trotzdem sind hierdurch die chinesischen Regierungümänner noch in keiner Weise zu einem Einlenken bewogen worden, im Gegenthell ist der chinesische Fanatismus durch die Niederlagen am Minflusse nur noch mehr angestachelt worden. Die Aussetzung eines Preises auf jeden Kops eines Franzosen, die Anschläge, welche in den Straßen Pekings angeheftet worben sind und in denen der Krieg gegen Frankreich proklannrt wird und endlich die Thatsache, daß Li-Hung-Chang, die Seele der chinesischen Friedens­pattei, degradirt und seines Ranges als Großsecretär und Vicekönig für ver- ustig erklärt worden ist, beuten entschieden darauf hin. daß China trotz ber Erfolge ber französischen Flotte nicht gesonnen ist, nachzugeben. Demgemäß trifft auch Frankreich jetzt Vorbereitungen, um ben Krieg mit mehr Nachdruck m führen. Wenn nothwendig, soll eine Division neuer Truppen nach China geschickt werden; die fragliche Division würde nach einer Mittheilung desPans aus 2500 Mann Manne-Jnfanterie und 6000 Mann Linien-Truppen bestehen. Die Gerüchte von einem bevorstehenden Rücktritte des Kriegsministers Campenon werden von demselben Blatte als unbegründet bezeichnet

Der englische Premier scheint das Bedürsniß zu suhlen, seinen schottischen Wählern Mitthellungen über die auswärtige Politik 6nglanM, namentlich gegenüber Deutschland, zu machen. So verbreitete sich Mr. Gladstone in einer am Montag in der Kornbörse zu Edinburgh gehaltenen Rede über das Verhältniß der Engländer und Schotten zu ben colonialen Bestrebungen der Deutschen. Er wies mit Entschiedenheit die Behauptung deutscher Blätter zurück, daß man in Großbritannien die coloniale Politik Deutschlands mit Eifersucht be­trachte ; er sei vielmehr vom Gegentheil überzeugt. Nun, wenn wirklich Gntg* lanb keinerlei Mißgunst gegen die deutschen Colonial-Unternehmungen kennt, desto besser, bis jetzt schien es aber gerade nicht so. Auch über das Scheitern ber Londoner Conferenz unb über seine egyptische Politik ließ sich Gladstone aus, ohne indessen wesentlich Neues zu,Tage zu fördern.

Nachdem die Cholera längst die Alpen überschritten, hat sie nun auch die Pyrenäen überstiegen und-ihren Einzug in das Land der Kastanien gehalten. In Alicante, Novelda und Elche sinv Cholerafälle vorgekommen und wurden von ber spanischen Regierung sofort die nöthigeu Jsolirungs-Maßregeln 9etr°ff®ie Verhandlungen zwischen der Schweiz und dem Vati- kan wegen Regelung Der schweizerischen Diocesan-Verhältmsse sind fetzt zu einem für beide Theile befriedigenden Abschluffe gebracht. Man hat sich aus der be­treffenden, in Bern stattgefundenen Conferenz dahin geeinigt, daß em apostoli­sches Vicariat im Kanton Tessin errichtet und ein Birthum in Basel neu gegrün- oet werden soll. Am Montag gab der Bundesrath den Conserenz-Delegrrten ein Diner

Die in dem Kohlendistrict Hocking im amerikanischen Bundes- staate Ohio ausgebrochenen Unruhen, hervorgerufen durch sinkende Gruben­arbeiter, haben sich nicht wiederholt.

Rom, 3. September. In der Zest von gestern Nachmittag 4 Uhr bi« heute Nachmittag 2 Uhr find in Neapel 67 Personen an der Cholera erkrankt^u^^36 ^gestorben^^ Verfügung erlassen, wonach die Bürgermeister keine Quarantäne-Anstalten um die Gemeinden herum errichten bür en; viel­mehr wird lediglich die Beobachtung solcher Personen, welche der Cholera drm- gend verdächtig ^.^llmfischsrei an der sicllianischen Küste ist aus Verfügung der w ber italienischen Inseln ist verschärst

ro°tbe- Die Schwefelgrube bei Nicofia aus Sicilien ist in Brand gerathen und schweben in Folge dessen 29 Arbeiter in Lebensgefahr. Es find alsbald die geeigneten Rettungs-Anstalten getroffen worden.