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6.1.1884 Zweites Blatt
 
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S Zwettes Blatt Sonntag den 6. Januar 1884

iehener Anzeiger

Amts- md Auzeigeblatt für den Kreis Gießen.

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Gießen, 5. Januar.

Die osficielleu Neujahrs-Empfänge in den europäischen Hauptstädten haben auch diesmal in althergebrachter Weise stattgesunden. Bei der Leitenden Stellung Deutschlands im Nathe der Völker Europas richten sich die Blicke begreiflicher Weise mit besonderer Spannung auf den an jedem Neu­jahrstage stattfinhenden Empfang des in Berlin accreditirten diplomatischen Corps durch den Kaiser, da sich derselbe hierbei gewöhnlich auch.über die all­gemeine politische Lage zu äußern pflegt. Bei dem diesmaligen Neujahrs- Empfang des diplomatischen Corps und ebenso der Generalität enthielten die Worte, welche der greise Monarch an die einzelnen Persönlichkeiten richtete, in­dessen nichts, was von politischer Tragweite hätte erscheinen können, sondern betrafen nur persönliche Fragen. Dagegen trug die Gratulationr-Cour am italienischen König-Hofe einen entschieden politischen Charakter. Der Kammer­präsident Farini erinnerte in seiner Ansprache an die bekannte Aeußerung des Königs Victor Emanuel aus dem Jahre 1859 über den Schmerzensschrei Ita­liens, worauf König Humbert erwiederte, daß das Ideal feines Vaters ver­wirklicht fei, Italien sei geeinigt und unabhängig und gehe der Zukunft unter günstigen Auspicien entgegen. Zum Deputirten Spaventa sagte der König: Das neue Jahr beginnt unter glücklichen Auspicien, Italien wird nunmehr als gewichtige Bürgschaft de» europäischen Friedens angesehen. Diese bedeutungs­vollen Aeußerungen lassen erkennen, wie sehr sich Italien durch die mittel­europäische Allianz gesichert weiß und für das freundschaftliche Verhältniß Ita­liens speciell zu Deutschland ist es von weiterer markanter Bedeutung, daß der Botschafter Deutschland», v. Keudell, dem König Humbert am Neujahrstage ein eigenhändiges Schreiben des Kaisers Wilhelm überreichte.

Das neue Jahr hat vom alten auch die Fortsetzung der Combi­nationen und Erörterungen über die Unterredung zwischen dem deutschen Kron­prinzen und dem Papste übernommen. Den Mittelpunkt dieser Erörterungen bildet der bekannte Bericht derNational-Zeitung", welcher von ultramontanen Blättern als durchaus unglaubhaft bezeichnet wird, während die Berliner Offi- ciöjen allmälig, wenn auch in sehr vorsichtigen Ausdrücken, zugeben, daß die Mittheilungen des genannten Blattes in ihren Grundzügen der Wahrheit ent­sprechen. Ob die Aushebung der Sperre für die drei Diöcesen Culm, Ermland und Hildesheim eine directe Folge des kronprinzlichen Besuche» im Vatikan ist, läßt sich jetzt noch nicht beurtheilen, jedenfalls ist der Kurie und dem Centrum hiermit ein ganz artiges Neujahrs-Angebinde gemacht worden. Schon vordem sind die Diöcesen Breslau, Fulda, Paderborn, Osnabrück und Trier durch die Einsetzung staatlich anerkannter Oberhirten von der Sperre befreit worden und auch in Limburg hat dieselbe mit der Rückkehr des begnadigten Bischofs auf­gehört. Wie Kurie und Centrum auf diese Beweise von Entgegenkommen der preußischen Regierung antworten werden, darf man gespannt sein.

Die Gerüchte über den bevorstehenden Rücktritt des Statt­halters von Elsaß-Lothringen, Feldmarschalls v. Manteuffel, werden von unter­richteter Seite für unbegründet erklärt., Der Feldmarschall erfreut sich vielmehr nach wie vor der ausgesprochenen Gunst des Kaisers und hat jener in diesen Tagen ein neues VertrauenSzeugniß seines Monarchen erhalten. Nach einer Mittheilung derStraßd. Post" ist diese kaiserliche Kundgebung vom Statt­halter bereits zur Kenntniß der ihm näher stehenden Kreise gebracht worden, doch verlautet über den Inhalt derselben noch nichts Nähere».

Für die östliche Hälfte des österreichischen Kaiserstaates hat das neue Jahr unter Anzeichen begonnen, welche auf das Herannahen innerer poli­tischer Stürme hindeuten. Die mit der hohen Clerisei verbündete ungarische Adelspartei betreibt immer nachdrücklicher den Sturz des liberalen Cabinets Tisza und die Ablehnung des MischehenMesetzeS Seitens des Oberhauses ist der erste Schlag, den die ungarischen Klerikales und Feudalen gegen das Cabinet Tisza führen. Herr Tisza weiß sehr wohl, was ihm von dieser einflußreichen Coalition droht und hat beim Empfang der Neujahrsgratulations-Deputation des Unterhauses auf eine im Entwurf schon fertiggestellte Reform des Ober­hauses hingewiesen. Der Ministerpräsident ließ auch Andeutungen über einen eventuellen Rücktritt des Cabinets fallen, doch betonte er hierbei, daß sich das Cabinet weder durch Mißmuth noch durch Ermüdung zum Rücktritt bestimmen lassen würde, sondern allein durch die Erkenntniß, daß derselbe für das Gemein­wohl förderlich sei. In Wien beschäftigt die gegen den Priester Hämmerle in der Johanneskirche des Bezirks Favoriten inscenirte rohe Arbeiter-Demon­stration noch immer die Gemüther; die verhafteten Haupturheber des Scandals harren der wohlverdienten Strafe.

Der Sieg von Sontay, welcher für das militärische Prestige Frank­reichs das alte Jahr so günstig abschloß, hat die französischen Regierungskreise jxüt neuer Hoffnung auf die endliche glückliche Durchführung des Tongking- Handels erfüllt. Diese Hoffnung kommt in dem selbstbewußteren sicheren Auf­treten zum Ausdruck, welches Frankreich sowohl China als demehrlichen Makler" England gegenüber zur Schau trägt. Daß die Einnahme von Sontay ihre Wirkung in Peking nicht verfehlt hat, beweist eben das Ansuchen der Chi­nesen um die englische Vermittelung und es unterliegt keinem Zweifel, daß die Einnahme von Bacninh, dieses Schlüssels zum chinesischen Reiche vom Süden her, die chinesische Regierung noch mehr zu Gunsten einer Verständigung mit Frankreich beeinflussen würde.

In Spanien beginnt das neue Jahr mit einem Bruche zwischen der

Regierung und der Majorität der Cortes. Den Anlaß zu demselben haben verschiedene innere Fragen, wie die Revision der Verfassung und die gleich­falls beabsichtigte Einführung des allgemeinen Stimmrechts gegeben und eine Auflösung der Cortes oder aber der Rücktritt des Ministeriums Pojada de Herrera erscheint unvermeidlich.

Die reformirten Cantone der Schweiz begingen am Neujahrs­tage die 400jährige Geburtstagsfeier Ulrich Zwingli's, auch überall im Aus­lände, wo die Reformirten größere Gemeinschaften bilden, wurde das Andenken .an den großen schweizer Reformator gebührend gefeiert.

Die Beziehungen zwischen der Pforte und Bulgarien, welche seither ziemlich kühler Natur waren, beginnen sich jetzt freundlicher zu gestalten. Vom Sultan ist dem bulgarischen Exarchen, dem geistlichen Ober­haupte der griechisch-katholischen Bulgaren, der Großcordon des Osmanie- Ordens verliehen worden, infolge dessen die Nationalversammlung von Sofia, den Fürsten Alexander ersuchte, dem türkischen Herrscher dafür den Dank dek bulgarischen Volkes auszusprechen. Der Fürst hat diesem Ersuchen stattgegeben und am Dienstag dsr Pforte von diesem Beschlüsse der Nationalversammlung Mitthellung gemacht.

Aus Kairo signalisirt man den bevorstehenden Rücktritt des Cabinets Cherif Pascha. Als Motive für die Demission desselben werden finanzielle Fragen angegeben, auch die wachsenden Meinungsverschiedenheiten zwischen dem englischen Rathgeber und den übrigen europäischen Beiräthen des Khedive scheinen das egyptische Ministerium in eine unhaltbare Stellung gebracht zu haben. Vielleicht haben auch die Erfolge des Mahdi mit dazu beigetragen, im Ministerium den Gedanken an die Demission hervorzürufen. Ueber die Vor­gänge auf dem weit ausgedehn en Jnsurrectionsgebiete hat im Uebrigen in der letzten Zeit wenig verlautet. Aus den vor Gezireh stattgefundenen Kampf, welcher mit der Niederlage der angreifenden Insurgenten endete, scheint noch kein ernsterer Zusammenstoß zwischen den egyptischen Truppen und den Auf­ständischen erfolgt zu sein.

Berlin, 2. Januar. Die im Vergleich zu der Lage des englischen erheblich günstigere Lage des deutschen Eisengeschäfts, namentlich in der Drahtfabrikation, hat einen englischen Eis-mdraht-Fadrikanten aus Warrington veranlaßt, sich «ach Westfale» zu begeben, um an Ort und Stelle den Ursachen der deutschen Superiorttät in diesem Fache nachzuforschen. Der englische Reisende hat sich in dem betreffenden westfälische» Jndustriebez'rk zwa- nur vier Tage aufgeholten, aber nach seinem Dafürhalten lange genug, um zweckdienliche Informationen zu sammeln, deren Qutnteffenz er in dem Meohanic's Institute von Dudley letzthin mittheilte. Er meint den Schlüssel deS Geheimnisse in den niedrigen Lohnsätzen und der längeren Arbeitszeit der deutschen Puddelindustne gefunden zu haben, deren Einfluß auf die Preisbildung der Draht- waaren er dergestalt nachweist, daß er es nur diesem Umstande zuschreibt, wenn der deutsche Draht auf bem Weltmarkt fast um die Hälfte billiger zu stehen kommt als der englische. Gle chwohl kann der Engländer nicht umhin, die nüchternen und spar­samen Lebensgewohnheiten des deutschen Arbeiters, die ihn vortheilhaft von seinem englischen Collegen auszeichnen, rühmlich anzuerkennen. Aber immer wieder kommt er auf die für England so fatale Wahrheit zurück, daß Deutschlands Eisendrahtwaare die englische auf dem Weltmärkte bet gleicher Güte selbstverständlich unterbittet. Einstweilen erstrecke sich die gefahrvolle Nebenbuhlerschaft Deutschlands nur auf den Eisendraht, aber der Et folg, welcher Deutschlands Bemühungen auf diesem Felde aekrönt habe, werde schon zu neuen und noch umfassenderen Unternehmungen hinleiten.

Der Import von Chinarinde nach Deutschland wächst von Jahr zu Jahr; trotzdem behauptet dieses wirksame Medicament einen im Interesse der Leidenden un­erwünschten hohen Preis. Es ist jedoch nunmehr olle Aussicht vorhanden, daß binnen Kurzem eine erbliche Preisreduction wird Platz greifen können Englische Pflanzer haben erhebl'che Versuche gemacht, den in den Aequatorialgegenden Südamerikas heimischen und durch seine rücksichtslose Ausbeutung bereits in seiner Existenz bedrohten Chinebaum in ihren osttndrsch-n Besitzungen zu akklimat'siren. Bengalen und Ceylon haben bereits ausgedehnte Plantagen, die ansehnliche Erträge liefern und in Zukunft eine nock größere E'gtbigkeit versprechen. Während in den letzten 10 Jahren etwa durchschnittlich 6 M'll. Kilo Rinde nach Europa gelangten, schätzt man den nächstjährigen Export der Insel Ceylon allein auf 5 Millionen K<lo. E8 find sonach alle Aussichten vorhanden, daß das so wichtige Heilmittel bedeutend im Preise sinken wird und seine Wohlthaten in Folge dessen den weitesten Kreisen der Fieberpatienten zu Thetl werden können. _____________________________

Vermischtes.

Rieder-Mörlen, 1. Januar. Der hiesige Gemeindeschäfer Heinrich Ludwig, ein Mann von 35 Iihren, welcher schon über ein Jahr an der Lungenschwindsucht er­krankt ist und jedenfalls auch in bedürftigen Lebensverhältnissen sich be and, machte gestern Nachmittag, als an dem Todestage seines Vaters, seinem Leben ein Ende, in­dem er sich im Bette liegend mit dem Messer, womit er die gefallenen Thiere abzog, den Hals fast vollständig abschnitt. Derselbe hinterläßt eine Frau.

Bocken heim, 3 Januar. In eine ergenthümliche Verlegenheit kam kürzlich ein hiesiger Geschäftsreisender in einer Stadt in Baden, indem er als verdächtig an dem Stuttgarter Raubmords unter polizeilichem Geleite Mr Wache sistirt wurde, wo er sich allerdings in bester Form legitimirm und sofort unbehelligt seinen Geschäften wieder nachgehen konnte. Der Mann wollte einen Verwandten besuchen, der in einem Bankgeschäft angestellt ist, dessen Geschäftslocal er aber nicht genau wußte und sich dieserhalb bei einem Schutzmanns erkundigte. Wahrscheinlich hatte die Poliz" In­struktion, fremde P^rsonen^ die nach einem Bankier fragen, etwas genauer zu beobachte» und so kam es, daß dem Reisenden die Aufmerksamkeit zu Theil wurde, als ein Stanbs mörder^an^sehen^u Ag^Dk'cember. ^nite Morgen wurden hier der Lieutenant Neu­mann vom Mtauischen Ulanenregimeut tobt und dessen Gattin, geborene v. Nottberg, bewußtlos im Zimmer liegend gefunden. Die sofort bei der jungen Frau angestellten Wiederbelebungsversuche waren leider fruchtlos und am Nachmiltag gab auch sie ihren Geist auf. Der Lieutenant Neumann war der einzige Sohn eines reichen Großgrund­besitzers in Pommern und erst seit sechs Wochen verheiraihet. Seine Gattin mar eine Nichte des Herrenhaus-Mitgliedes Grafen Schlieden-Sanditten. Ueber die BeranlassunA