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Veiiage zu Nr. 231 des „Giessener Anzeiger".
Politische Ueberficht.
Gießen, 2. October.
, Die kaiserlichen Majestäten, welche nach den Manöver- und Festtagen im Rheinland wieder in Baden-Baden weilen, werden daselbst noch einige Zeit verbleiben. Mit den Majestäten sind zur Zeit auch der Großherzog und die Großherzogin, sowie der Erbgroßherzog von Baden daselbst anwesend. Ebenso sind der deutsche Kronprinz und die Kronprinzessin mit ihren von England zurückgekehrten Prinzessinnen - Töchtern am Sonntag Nachmittag in Baden- Baden eingetroffen.
Die „Rheinisch-Wests. Zeitung" enthält aus Euskirchen folgende Episode: Nach dem Manöver sprach der Kaiser mit lauter Stimme dem com- mandirenden General und sämmtlichett anwesenden Officieren seine Anerkennung aus für die vorzügliche Ausbildung der Truppen; seine Hoffnung und Ueber- zeugung sei es, daß das Armee-Corps, welches sich im Manöver so tüchtig gezeigt, auch im Kriege Gutes leisten müsse, und wie aus den letzten Kriegen, so auch bei einem etwaigen neuen Einfalle mit Lorbeeren geschmückt zurückkehren würde. Dann trat eine kleine Pause ein, der Kaiser wurde ernst und begann wieder: „Ich sage Ihnen Allen nun Lebewohl, im Armee-Corps zusammen werden wir uns wohl nicht mehr wiedersehen, aber ich hoffe, daß Sie Alle so tüchtig bleiben werden, wie jetzt, auch wenn ich nicht mehr sein werde." Thränen traten dem greisen Monarchen in die Augen, als er dies sprach, und gar manche andere der Anwesenden sollen sich seitwärts gewandt haben, eine Thräne wegzuwischen. — Auch folgende kleine Episode aus Köln ift nicht ohne Interesse. Bald nach der Ankunft unterhielt sich der Kaiser mehrere Minuten lang mit dem Oberbürgermeister Becker und nahm unter der erklärenden Beihülfe des Letzteren, wie des Stadtbaumeisters Stübben von den Plänen der Neustadt Einsicht. Dabei bemerkte er lächelnd, daß Köln die alte Umwallung dem Kriegsminister recht gut bezahlt habe; der könne viel gebrauchen.
Der König von Sachsen und Prinz Wilhelm von Preußen haben sich, einer Einladung des Kaisers von Oesterreich folgend, nach Wien begeben, um an den Hosjagden in Steiermark Theil zu nehmen.
Der Kaiser hat in zwei an die Oberpräsidenten der Nheinlande und Westfalens gerichteten Erlässen seinen Dank für den herzlichen Empfang ausgesprochen, welcher ihm während seiner jüngsten Anwesenheit in beiden Provinzen zu Theil geworden ist.
Ueber innere Angelegenheiten liegt für heute nur wenig Neues vor. In den Spalten der Blätter nehmen die Wahlnachrichten täglich einen größeren Raum ein und legt dieser Umstand Zeugniß von der wachsenden Lebhaftigkeit der Wahlbewegung ab. Die Candidaten-Frage scheint indessen noch nicht allerorten gelöst zu sein, da über die in diesem und jenem Wahlkreis ausgestellten Candidaten noch widersprechende Nachrichten einlausen. — Die auch von uns gebrachte Nachricht von dem bevorstehenden Rücktritte des deutschen Botschafters in London, Grasen Münster, soll sich nicht bestätigen, wenigstens ist von einer Abberufung desselben in London selbst nicht das Mindeste bekannt. Es würden sich demnach auch alle Mittheilungen über die Ersetzung des Grafen Münster durch den Grasen Herbert Bismarck als hinfällig erweisen.
Zwischen Preußen undSachsen ist ein Staatsvertrag abgeschlossen worden. Demselben zufolge übernimmt Preußen den Betrieb des sächsischen Theiles der Linien Leipzig-Zeitz, Leipzig-Weißenfels, Leipzig-Halle und Leipzig- Bitterfeld , einschließlich des zu diesen vier Bahnen gehörenden Theiles der Verbindungsbahn in Leipzig, sowie der Bahnen von Röderau nach Jüterbogck, von Großenhain nach Cottbus und von Zittau nach Görlitz.
Der ungarische Reichstag ist am Montag durch den Kaffer und König mit einer nach mehreren Seiten hin bemerkenswerthen Thronrede eröffnet worden. Zunächst verdient der Passus über die auswärtige Politik hervorgehoben zu werden, in welchem namentlich die Beziehungen Oesterreichs zu Deutschland als die „möglichst innigen" bezeichnet werden. Als Fragen, die ihrer Lösung harren, werden die Reorganisation der Magnatentafel, ein Pensionsgesetz für die Staatsbeamten, die Ergänzung der Strafgesetzgebung durch die Reguli- rung des strasgerichtlichen Verfahrens, die Regelung der Donau und die Beseitigung der Hindernisse für die Schifffahrt am Eisernen Thore aufgezählt. Als besonders wichtig stellt die Thronrede die Erreichung des beständigen Gleichge- wichtes im Staatshaushalt dar, hofft in Betreff der Erneuerung des Zoll-
bündniffes zwischen Oesterreich und Ungarn auf billiges Entgegenkommen von bewen Setten und ermahnt schließlich zur Beseitigung der zu Reibungen zwischen den Nationalitäten, Consessionen und Gesellschaftsklassen führenden Aufreizungen. — Zn der Samstags-Sitzung des böhmischen Landtages ist vom Abg. Herbst der von 58 Abgeordneten der Linken unterstützte Antrag auf Ausdehnung des Wahlrechtes auf die sog. Fünf-Gulden-Männer eingebracht worden.
Während man in den Pariser Regierungskreisen täglich der ^cachncht von der Wiederaufnahme der Operationen des Admirals Courbet in den chinesischen Gewässern entgegensieht, kommt plötzlich die überraschende Mit- thettung aus China, daß in Peking der Wind wieder von der Friedensseite her bläst. Wie sich das „Reuter'sche Bureau" aus Tientsin melden läßt, glaube dort an eine friedliche Beilegung der Differenz zwischen China und Frank- rerch und sei die Kaiserin von China zu einem Verständigungs-Abschluß ent- schloffen. Die aus englischer Quelle stammenden Mittheilungen über die französisch-chinesische Streit-Affaire haben sich in neuester Zeit allerdings wiederholt als unzutreffend erwiesen und so muß auch das erwähnte Reuter'sche Telegramm einstweilen mit Vorsicht ausgenommen werden. Gleichzeitig verdient hierbei ein hochofficiöses Communique des „Journals de St. Petersbourg" registrirt zu werde«. In demselben wird gegenüber dem Gerüchte, daß Rußland daran denke, eine diplomatische Intervention im französisch-chinesischen Conflict durch eine militärische zu ersetzen, erklärt, daß noch nicht einmal eine diplomatische Intervention stattgesunden habe und daß eine solche weder von Frankreich noch von China gewünscht worden sei. Weiter tritt das Blatt der von der „Times" gebrachten Nachricht von einer angeblichen französisch-russischen Allianz zum Zwecke der Theilung Chinas, als phantastisch und durchaus unbegründet, entgegen. — Der spanische Botschafter in Paris, Silvela, von dessen bevorstehender Demission berichtet wurde, wird voraussichtlich auf seinem Posten verbleiben.
Die gemeinsame Protest-Action der Großmächte gegen die finanziellen Maßregeln der anglo-egyptischen Regierung scheint nun doch dem Cabinet Gladstone den Kopf warm zu machen. Es wird versichert, daß die englische Diplomatie die größten Anstrengungen mache, um Deutschland und Oesterreich von einem Zusammengehen mit Frankreich in der egyptischen Finanz- Frage abzuhalten. Diese Anstrengungen dürften aber schwerlich von Erfolg fein, denn nach Allem, was man hört, nimmt es Fürst Bismarck mit dem der egyp- tischen Regierung überreichten Proteste sehr ernst und scheint entschlossen zu sein, die Action Frankreichs energisch zu unterstützen. In Kairo selbst hat das Vorgehen der Mächte einstwellen zu einer Finanz-Conserenz am Sonntag geführt, an welcher englischerseits Lord Northbrook und General-Consul Baring, vom egyptischen Cabinet Ministerpräsident Nubar Pascha, Finanzminister Mustapha Pascha Fehmy und der Generalsecretär der Finanzen, Blum Pascha, theil- nahmen. Ueber das Resultat der Conserenz verlautet noch nichts Näheres.
In Belgien scheint der Kampf der Gegensätze jetzt endlich in die leicht controlirbare Heerstraße geordneter Diskussion einlenken zu wollen. Am Sonntag sand in Brüssel eine Generalversammlung des liberalen Vereins und eine, sich in maßvollen Grenzen haltendes Kundgebung zu Gunsten des Brüsseler Bürgermeisters Buls statt. An demselben Tage hielt der Minister des Innern auf einem Banket zu Antwerpen eine Rede, in welcher er das ernere Actions-Programm des Cabinets Malou entwickelte und als dessen Kernpunkt eine „wahrhaft freisinnige" Revision der Provinzial- und Communal- Gesetzgebung hinstellte.
Die jüngsten Erfolge des Generals Gordon werden nun auch durch eine Reihe von Briesen des Correspondenten der „Times" aus Khartum bestätigt und ist somit an jenen ein Zweifel kaum mehr gestattet. In diesen Mittheilungen heißt es u. A., daß die Garnison von Khartum seit dem 17. März d. Js. 700 Mann an Todten verloren habe. Auch die Dinge im Ost-Sudan haben sich jetzt für die anglo-egyptische Regierung bedeutend günstiger gestaltet, da das Corps Osman Digma's aus Mangel an Lebensmitteln in voller Auflösung begriffen ist. Osman Digma soll kaum noch 200 Mann um sich haben und es kann daher von einer Belagerung von Suakim nicht mehr die Rede sein. General Wolseley ist am Samstag mit seinem Generalstabe von Kairo nach Wadyhalfa abgegangen; die Expedition Wolseley's soll sich vorläufig nicht über diesen Punkt hinaus erstrecken.
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