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Freitag den S. Mai 18S4
ehener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag». Prei- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
v ö 7 ® Durch bte Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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und Ciudad-Neal entgleiste ein Eisenbahnzug und stürzte in einen Fluß, wobei über 60 Passagiere, meist beurlaubte Soldaten, ihren Tod fanden.
Die Sudan-Rebellen haben einen neuen bedeutungsvollen Erfolg errungen. Die Stadt Berber am Nil, der Schlüssel zum Sudan, ist den Aufständischen nach kurzer Belagerung in die Hände gefallen. Der größte Theil der Garnison ging zu den Belagerern über, der andere Theil nebst einer Schaar von 200Q Flüchtlingen, meist Weiber und Kinder, entfloh in der Richtung nach Korosco zu, über ihr Schicksal fehlt jede Kunde. Mit dem Falle von Berber ist für Gordon und die Garnison von Khartum, menschlichem Ermessen nach, jede Aussicht auf Rettung abgeschnitten.
Schulstraße 7.
Vo!itifche Übersicht.
Gießen, 1. Mai.
Die Reichstagssitzung vom vergangenen Montag bot kein außergewöhnliches Interesse dar. In zweiter Lesung wurde der Gesetzentwurf, betr. die Anfertigung von Phosphor-Zündhölzern, mit dem Anträge Baumbach, wonach zur Erleichterung des Uebergangs und zu Gunsten der Hausindustrie das Gesetz erst in zwei Jahren in Kraft tritt, angenommen. Bei der dritten Lesung, betr. die Novelle zum Hülfskassengesetz, wurden die Beschlüsse der zweiten Lesung im Wesentlichen aufrechterhalten; schließlich genehmigte das Haus definitiv das ganze Gesetz. In der nächsten Sitzung, am Mittwoch, standen verschiedene Anträge aus der Mitte des Hauses, darunter auch der fortschrittliche Antrag auf Entschädigung unschuldig Verurtheilter, auf der Tagesordnung.
Am Sonntag Nachmittag sand eine längere Conferenz des preußischen Staatsministeriums statt, woraus der Reichskanzler wiederum eine fast einstündige Audienz beim Kaiser hatte. Die Sitzung des Staatsministeriums, wie die Unterredung zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck sollen sich nut der Frage wegen eines Gesetzes bezüglich der Sprengstoffe beschäftigt haben. Bekanntlich ist diese Angelegenheit bereits in der Samstags-Sitzung der Socia- listengesetz-Commission zur Erörterung gelangt, wobei die Enthüllungen des Abg. Richter über ein bei der Niederwald-Feier beabsichtigtes Dynamit-Altentat einen tiefen Eindruck machten.
Am gestrigen Mittwoch hat in Darmstadt die Vermählung der Prinzessin Victoria, der ältesten Tochter unseres Großherzogs, mit dem Prinzen Ludwig von Battenberg stattgesunden.
Aus San Remo wird gemeldet, daß die Rückkehr des Königs von Württemberg nach Stuttgart Mitte Mai zu erwarten sei.
In der egyptischen Conferenzfrage ist noch kein neues Moment in verzeichnen. Anscheinend hängen die Bedingungen, unter denen die Conferenz zusamnrentreten soll, von der Haltung Frankreichs ab und über letztere ist zur Zeit noch nichts bekannt.
Die Orientreise des österreichischen Kronprinzen-Paares hat in ihrem zweiten Theile, der Heimreise, fast noch glänzendere Bilder ausgewiesen, als während der Hinreise und des Aufenthaltes in Konstantinopel. Namentlich gestaltete sich der Empfang der hohen Reisenden in den jüngsten KönigSstädten Europas, in Bukarest und Belgrad, zu einer bedeutungsvollen Kundgebung für das künftige Herrscherpaar Oesterreich-Ungarns und der überaus herzliche Verkehr des kronprinzlichen Paares mit den rumänischen und den serbischen Majestäten ist sicher ein neues Symptom für die wachsende Intimität in den Beziehungen zwischen der habsburgischen Monarchie und den Balkan- Staaten. Ebenso erscheinen die Beziehungen zwischen Oesterreich und Bulgarien durch den Empfang des österreichischen Thronfolger-Paares in Varna einerseits, wie anderseits durch die ungewöhnlich auszeichnende Aufnahme, welche dem Fürsten Alexander gelegentlich seiner Darmstädter Reise vom Wiener Hofe zu Theil geworden ist, im günstigsten Lichte. — Aus Belgrad, wo das kronprinz- liche Paar am Montag Vormittag eintraf, meldet man, daß sich der König und die Königin nach dem im königlichen Palais stattgefundenen Diner mit ihren Gästen nach der Festung begaben, wo das Erbprinz-Alexander-Bataillon aufmarschirt war. Aus der Hin- wie auf der Rückfahrt wurde das kronprinz- liche Paar von der Bevölkerung mit enthusiastischen Ziviorufen begrüßt.
Am kommenden Sonntag finden in ganz Frankreich die Municipalraths-Wahlen statt, die hier mehr wie die Gemeinderaths-Wahlen in andern Ländern einen politischen Charakter tragen. Die verschiedenen Parteien entfalten schon seit Wochen eine rege Agitation und namentlich die Monarchisten entwickeln eine besondere Rührigkeit. Letzteres hat seinen Grund darin, daß bei den letzten in verschiedenen Wahlkreisen stattgefundenen Ersatzwahlen zur Depu- tirtenkammmer hie und da unerwartet conservative Candidaten gewählt wurden, was aus monarchistischer Seite dahin gedeutet wird, daß sich in Frankreich wieder die conservative Strömung stärker bemerklich mache und dieser Umstand soll nun bei den Municipalraths-Wahlen ausgebeutet werden. Speciell in Paris, wo sich Monarchisten, gemäßigte Republikaner, Radikale und Intransigente bekämpfen, verspricht sich der eigentliche Wahlkampf ebenso hitzig wie interessant zu gestalten.
In der russischen Hauptstadt ist am vergangenen Sonntag die Vermählung der Prinzessin Elisabeth von Sachsen-Altenburg mit dem Großfürsten Constantin Constantinowitsch mit großem Glanze gefeiert worden; die Trauung selbst wurde sowohl nach griechisch-katholischem, als auch nach protestantischem Ritus vollzogen. Prinzeß Elisabeth scheint demnach nicht zum orthodoxen Glauben übergetreten zu sein, welcher Vorschrift sich sonst alle ausländischen Prinzessinnen, welche nicht der griechischen Kirche angehörten und sich mit russischen Großfürsten vermählten, unterwerfen mußten.
Das Ergebniß der am 27. April stattgefundenen Neuwahlen zu dm spanischen Cortes ist ein vollständiger Sieg des Ministeriums Canovas del Castillo, lieber 300 der neu gewählten Deputirten sind regierungsfreundlich, so daß das Cabinet Canovas del Castillo in den Cortes unter allen Umständen auf eine sichere Majorität rechnen kann. Außerdem sind sämmtliche Führer der Opposition wieder gewählt worden, unter ihnen auch Castellar in Huesca. Für den Wahltag hatten die Anhänger Zorilla's ein Pronunciamento geplant, das aber durch zahlreiche Verhaftungen rechtzeitig vereitelt wurde. Leider ist der Wahltag nicht ohne einen ernsteren Mißklang vorübergegangen; zwischen Badajoz
Darmstadt, 30. April. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben aus Anlaß der Vermählung Ihrer Großh. Hoheit der Prinzessin Victoria von Hessen und bei Rhein mit Sc. Durch!, dem Prinzen Ludwig von Battenberg einer Anzahl von zu Freiheitsstrafen verurtheilten Personen die noch zu verbüßenden Strafen ganz ober theilweise zu erlassen geruht.
— Ihre König!. Hoheiten Prinz und Prinzessin von Wale« mit dem Prinzen Albert Victor und den Prinzessinnen Luise, Victoria und Maud sind gestern Abend um 8 Uhr 21 Min. hier eingetroffen und von Sr. König!. Hoheit dem Großberzog am Ludwigs-Bahnhof empfangen worden.
— Gestern Abend 10 Uhr fand vor dem Palais Sr. Gr. Hoh. des Prinzen Alexander zu Ehrendes Hohen Brautpaares eine Serenade statt, zu welcher Se. Kaiser!. Hoheit der deutsche Kronprinz, J.J. K.K. H.H. die Erbprinzessin von Meiningen, die Prinzessin Victoria und der Prinz Heinrich von Preußen sich einfanden. Von der Großh. Familie waren anwesend: Se. Kgl. Hoheit der Großherzog, Ihre König!. Hoheit die Frau Prinzessin Carl, J.J. K. Gr. Gr. H.H. der Erbgroßherzog, die Prinzessinnen Victoria, Elisabeth und Irene, die Prinzen Heinrich, Wilhelm und Alexander; Se. Hoheit der Fürst von Bulgarien, J.J. D.D. die Prinzessin von Battenberg, die Prinzen Ludwig, Heinrich und Franz Joseph von Battenberg. Die Festivität dauerte bis gegen 1 Uhr.
— Bei der gestern vor dem Palais Sr. Großh. Hoheit des Prinzen Alexander stattgehabten Serenade brachte Herr Oberbürgermeister Ohly, indem er den Gefühlen der Bevölkerung und den auf das Wohl und das Glück des jungen Paares, Ihrer Großh. Hoheit der Prinzessin Victoria und Sr. Durch!, des Prinzen Ludwig von Battenberg, gerichteten Wünschen Ausdruck gab, ein Hoch auf das Hohe Paar aus, in das die vor dem Palais Versammelten begeistert einstimmten. Herr Oberbürgermeister Ohly, die beiden Beigeordneten der Residenz, die Comitö-Mitglieder und der Kapellmeister de Haan hatten darauf die Ehre, zu dem Hohen Paare und zu den Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften in das Palais befohlen zu werden.
Telegraphische DepescheK.
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Darmstadt, 30. April. Heute Nachmittag 5 Uhr fand in der hiesigen Hofkirche die Vermählung der Prinzessin Victoria mit dem Prinzen Ludwig'von Battenberg statt. Der Trauung, welche von dem Oberhofprediger Bender vollzogen wurde, wohnten außer den Mitgliedern der Großh. Familie die Königin von England, Ihre K. K. Hoheiten der Kronprinz und die Kronprinzessin, Ihre K. K. Hoheiten Prinz Wilhelm, Prinz Heinrich, Prinzessin Victoria von Preußen und die Erbprinzessin von Meiningen; ferner Prinz und Prinzessin von Wales nebst Kindern Albert, Victor, Luise, Victorie und Maud, Prinzessin Beatrice, Landgraf und Landgräsin von Hessen, Erbprinz von Anhalt und Fürst Alexander von Bulgarien bei. Bei dem Jawort ertönten von einer im Schloßgarten ausgestellten Batterie 36 Salutschüsse. Der Trauung folgt eine Cour vor den Neuvermählten, darauf folgte Galadiner. Das Wetter ist prachtvoll.
Berlin, 30. April. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses wurde der von den Abgeordneten Straßmaun und »Zelle eingebrachte Antrag, betreffend die Abänderung der Städteordnung in Bezug auf die Emthetlung der Wahlbezirke und der Ergänzungswahlen, mit großer Majorität angenommen. Der RegterungScommtffar erklärte im Laufe der Debatte, daß diese Angelegenheit erst bet der gleichmäßigen Neugestaltung der verschiedenen Städteordnungen zu regeln sei. — Ferner wurde auch der von dem Abgeordneten Bachem gestellte Antrag auf Abänderung der Städteordnung der Rheinprovinz in Hinsicht auf den Wohnsitz der Beamten in etwas veränderter Fassung angenommen. — Die nächste Sitzung findet morgen statt; für dieselbe,wurbc die Schluß- und definitive Abstimmung über die Jagdordnung und da8 Communal- steuergesetz auf die Tagesordnung gestellt. Der Präsident bezeichnet hierbei die möglichst schleunige Erledigung des CommunalsteuergesetzeS als wünschenswerth, damit dasselbe rechtzeitig dem Herrenhause zugrhen könne, da andernfalls die Session bis zu einem Allen unerwünschten Termin ausgedehnt werden dürfte.
— Die Commission des Reichstags für das Acttenpesetz hat die Artikel 209 d (Zeichnung und ZeichnungSschein) und 209 e (Aufstchtsrath) nach den Anträgen deS Abgeordneten Reifert angenommen. Bei der Generaldiskussion über Artikel 209 f und die folgenden Artikel (Prüfung und Hergang der Gründung u. s. w.) trat der Abgeordnete Reifert für die seinen Amendements zu Grunde liegende Prospecttheorie ein, während der BundeScommtssar Hagens das System der Vorlage nachdrücklich ver- theidigte; die Diskussion mußte jedoch wegen deS Beginns der Sitzung des Reichstags abgebrochen werden.
— Die Commission für das Unfallgesetz genehmigte die Paragraphen 11 (die Ermittelung der versicherungspflichtigen Betriebe) und 12 (die freiwillige Bildung von Berufsgenossenschaften) unverändert; der Paragraph 13 wurde mit dem von dem Abgeordneten Lohren gestellten Anträge, nach welchem innerhalb 10 Jahren der Reservefonds in der Höhe des einmaligen Jahresbedarfs und in dem Beharrungszustande 618 zum Betrage von 20 Millionen anzusammeln sei, angenommen. Der von dem M»


