Ausgabe 
1.10.1884 Zweites Blatt
 
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Nx. 228 Mittwoch den 1. October 1884

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigkblatt für den Kreis Gießen.

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Amtlicher Hhei t.

Betreffend: Die Errichtung und Einrichtung der Fortbildungsschulen. Gießen, am 29. September 1884.

Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commission Gießen

an dk Schulvorstände des Kreises.

Sie werden die in rubr. Betreff eingesandten Verzeichnisse in den ersten Tagen b. m. zurückerhalten.

Dr. Boekmann. _________________________

Politische Ueberfkcht.

(Sieben, 30. September.

Die Kaisertage am Mittelrhein sind vorüber und weilt das kaiserliche Paar zur Stunde wieder in Baden-Baden, welches nun schon seit Jahren den bevorzugten Herbst-Aufenthaltsort unseres Kaisers und seiner erlauch­ten Gemahlin bildet. Die bewegten Festtage in der Rheinprovinz und im Münsterlande waren für das erhabene Hercscherpaar überreich an Aeußerungen der Volksliebe und Volkesfreude, und namentlich ist demselben in Köln, der alt­ehrwürdigen Hauptüadt der Rheinlands, ein wahrhaft begeisterter Empfang zu Theil geworden. Der Besuch der kaiserlichen Majestäten im Rheinland erhielt seinen Abschluß durch die am Freitag in Koblenz erfolgte Enthüllung des Göben-Denkmals, welcher der Kaiser und die Kaiserin, das deutsche kronprinz- liche Paar, die Prinzen Wilhelm, Heinrich und Albrecht von Preußen, General- Feldmarschall Graf Moltke u. s. w. beiwohnten. Als nach der Festrede des Koblenzer Oberbürgermeisters, Lottner, die Hülle fiel, dankte der Kaiser, sichtlich bewegt, dem Redner und sprach seine besondere Freude aus, daß General v. Göben, der große Feldherr, auch in bürgerlichen Kreisen so viel Anerkennung gefunden habe und in Koblenz, an der Stätte, wo er so lange gewirkt, so ge­ehrt werde. Nachmittags reisten die Majestäten nach Baden-Baden ab, wo­selbst fie die nächsten Wochen weilen werden.

Mit dem immer näher heranrückenden Termine für die Neichstagswahlen macht sich auch die Frage nach den Aufgaben der nächsten Reichstags-Session mehr und mehr geltend. In dieser Beziehung verlautet nun, daß sich der Reichstag, dessen Zusammentritt man bestimmt für Mitte November entgegensieht, zunächst lediglich mit dem Etat zu beschäftigen haben werde, und sei die Erledigung desselben bis Weihnachten zu erwarten; andere Vorlagen außer dem Etat sollen für diesen Sessions-Abschnitt nicht zu gewärtigen sein. Nur die Wiedereinbringung der Dampfer-Vorlage steht in Rücksicht auf die Zeit, in welcher dieselbe in Gültigkeit treten soll, mit Sicherheit in Aussicht. Es ist aber bei der größten Einmüthigkeit, mit welcher alle Kreise des Volkes den der Vorlage zu Grunde liegenden Gedanken begrüßt haben, zu erwarten, daß die Beratungen des Reichstages, selbst wenn die Vorlage, wie wahrschein­lich, unter Hinblick auf die Ereignisse an der westafrikanischen Küste eine Er­weiterung erfahren sollte, keinen großen Zeitaufwand erfordern werden. Alle übrigen Vorlagen werden erst in der zweiten Hälfte der Session eingebracht werden, was auch schon deshalb angezeigt erscheint, weil es so möglich ist, über die wichtigsten derselben zuvor die Begutachtung des preußischen Staats- rathes einzusordern.

Die intimen Beziehungen, welche der österreichische Kaiserstaat mit den jungen Königreichen der Balkan-Halbinsel, mit Rumänien und Serbien pflegt, erhalten durch den regen persönlichen Verkehr der Mitglieder des öster­reichischen Kaiserhauses mit der rumänischen und der serbischen Königsfamilie ihren beredten Ausdruck. Zur Stunde weilen Kronprinz Rudolf von Oesterreich und seine jugendliche Gemahlin in Sinaja, der herrlichen Sommer-Residenz des rumänischen Königspaares, woselbst sie am vorigen Donnerstag eingetroffen sind. Bekanntlich waren Kronprinz Rudolf und Prinzeß Stefanie schon in diesem Frühjahre anläßlich ihrer Reise nach Konstantinopel die Gäste des rumä­nischen Herrscherpaares und es legt somit dieser erneute Besuch wiederum ein bedeutsames Zeugniß von der zwischen den Höfen von Wien und Bukarest herr­schenden Intimität ab.

In den Mittheilungen über die französisch-chinesische Streit-Affaire ist eine vollständige Stille eingetreten und scheinen beide Theile das Weitere abwarten" zu wollen. In den Kreisen der Chauvinisten an der Seine benutzt man diese Pause, um die Heldenthaten der französischen Marine an der Küste Chinas zu feiern und im Weiteren zugleich den Revanche-Gedanken gegen Deutschland wieder aufzufrischen. Der ehemalige Intimus Gambetta's, Spuller, hat sich in diesem Sinne auf einem jüngst zu Grenoble veranstalteten Bankete geäußert und hierbei die Hoffnung ausgesprochen, daßder große Jahrestag der Revolution von 1789 nicht vorübergehen werde, ohne daß Frankreich vor der geblendeten Welt in der ganzen Schönheit seines Genies und dem Strahlen­kränze seines Ruhmes wieoer erscheinen werde." Was der Vicepräsident der französischen Deputirtenkammer denn diese Würde bekleidet Herr Spuller mit solchen Phrasen sagen will, braucht nicht erst besonders betont zu werden. In mehreren Vororten von Paris, wie in Clichy und St. Quen, haben sich choleraartige Krankheits-Erscheinungen gezeigt, welche indessen von den Aerzten als typhöse Fieber erklärt und dem schlechten Wasser zugeschrieben werden.

Die egyptische Angelegenheit ist durch die jüngsten finanziellen Maßregeln der anglo-egyptischen Regierung in ihr kritisches Stadium gebracht worden. Dasselbe documentirt sich äußerlich durch die gleichlautende Protest-

Note, welche die Vertreter Deutschlands, Oesterreichs, Rußlands und Frankreichs in Kairo dem egyptischen Minister-Präsidenten Nubar Pascha überreicht haben. Die Note bezeichnet die SuSpendirung der Amortisirung der egyptischen Schuld als eine flagrante Verletzung des Liquidations-Gesetzes, behält den egyptischen Gläubigern alle ihnen gesetzlich zustehenden Rechte vor, erklärt den bezüglichen Erlaß des egyptischen Finanzministers für null und nichtig und macht die egyp­tische Negierung für alle aus ihrem Vorgehen entstehenden Folgen verantwort­lich. Es ist dies eine sehr kräftige Sprache, welche sich natürlich zumeist an die Adresse des Cadinets Gladstone richtet und dasselbe wohl hinlänglich von dem peinlichen Eindrücke überzeugen dürfte, den sein brüskes Vorgehen in der egyp­tischen Finanzsrage bei den Großmächten erzeugt hat und darf man mit In­teresse der weiteren Entwickelung dieser ganzen Angelegenheit entgegensetzen.

Die Schweizer Bundes-Regierung hat sich endlich zu einem ersten kräftigen Schritte gegen die in der Eidgenossenschaft domicllirenden Anar­chisten entschlossen. Laut Beschluß des Bundesrathes sind sechs dem Hand- werckerstand angehörige Personen deutscher und österreichischer Nationalität aus der Schweiz ausgewiesen worden, da sie anarchistischer Bestrebungen überführt worden sind. In der Motivirung dieses Beschlusses heißt es, daß die Ausge­wiesenen einer internationalen anarchistischen Propaganda angehört hätten, einer Verbindung, welche sich mit Verbrechern, wie Stellmacher und Kammerer, offen sls solidarisch erklärt habe und in ihren publrcistischen Organen zur Begehung ähnlicher Verbrechen auffordere. Die einzelnen Kantons-Regierungen find be­auftragt, den Ausweisungsbeschluß zu vollziehen, falls sie eines der ausgewie­senen Individuum aus ihrem Gebiete betreffen.

Die zweite holländische Kammer hat mit 68 gegen 14 Stimmen beschlossen, die beantragte Abänderung der Verfassung, wonach während der Regentschaft Verfassungs-Revisionen nicht zulässig sein sollen, in Erwägung zu ziehen. Es deutet dieser Beschluß wohl daraus hin, daß die Regelung der Thronfolge-Frage in dem Niederlande doch auf ernstere Schwierigkeiten stößt, als man annimmt.

In Süd-Afrika macht sich der alte Conflict zwischen den Engländern und den Boern jetzt wiederum bemerklich. Die Transvaal-Republik ist in einem entschiedenen Avanciren nach den Grenzen der Capcolonie hin begriffen und hat, wie die neuesten Meldungen aus Süd-Asrika darthun, nun auch die Protection über das Betschuanaland übernommen, welches die Engländer für sich rekla- miren. Dieser Schritt soll eine directe Verletzung der zwischen der Transvaal- Republik und England abgeschlossenen Convention involviren und es erscheinen somit abermalige kriegerische Verwickelungen zwischen den Engländern und den Boern nicht ausgeschlossen. Die britischen Beamten sind vor der Boeren-Schaar, welche in der Stärke von etwa 900 Mann in Betschuanaland eingefallen ist, geflohen.

Telegraphische Depesche«.

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Leipzig, 29. September. Das Reichsgericht hat die Revision des Redacteurs Sigl gegen das Urtheil des Schwurgerichts in München, wonach derselbe wegen verleumderischer Beleidigung des Kriegsministers und einfacher Beleidigung von 4 Officieren des Generalstabes zu 9 Monaten Gefängniß ver- urtheilt wurde, verworfen.

Pesth, 29. September. In der Thronrede, mit welcher der ungarische Reichstag heute Mittag vom Kaiser eröffnet wurde, heißt es in Bezug auf das Verhältniß Oesterreich. Ungarns zu den auswärtigen Mächten:Unsere Be­ziehungen zu Deutschland sind die möglichst innigsten und stehen wir auch mit den übrigen Staaten im besten Freundschafts-Verhältnisse, was mit Sicherheit erwarten läßt, daß Sie, unbeirrt durch äußere Verwickelungen, Ihre Thätig- keit dem Wohle Unseres getreuen Ungarns werden weihen können!"

London, 29. September. DieTimes" veröffentlicht eine Reihe von Briefen ihres Correspondenten aus Khartum, welche bis zum 31. Juli er. reichen. Dieselben bestätigen die jüngsten Erfolge des Generals Gordon über die Rebellen und die Aufhebung der Belagerung Khartums. Der Verlust der Garnison seit dem 17. März d. Js. bestand in 700 Tobten, außerdem ist Oberst Stewart verwundet worden. Ferner meldet dieTimes" aus Hongkong von gestern, die Franzosen hätten zwei im Kanal von Formosa eingetroffene englische Handelsdampfer angehalten und durchsucht.

General Wolseley wird dem Vernehmen nach vor dem 1. November nicht weiter gehen, als bis Wadyhalsa. r, , ,

DasReuter'sche Bureau" läßt sich aus Tientsin melden, man glaube dort an eine friedliche Beilegung der Differenzen zwischen China und Frankreich