Nr. 28S. Drittes Blatt. Sonntag den 3. December 1882.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigcblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
An unsere Hausfrauen.
Der „Magdeburger Zeitung" entnehmen wir folgende beherzigenswerthe Mahnung:
Die Leser unserer Zeitung wissen, daß wir bereits seit Jahren den Bestrebungen des zu neuem Leben erwachten deutschen Kunsthandwerks eifrig gefolgt sind und es unsererseits nicht daran haben fehlen lassen, dte Kenntntß davon in bte weitesten Kreise zu tragen. Auch unsere Stadt nimmt Theil an jenen Bestrebungen, mancher Zweig des Kunsthandwerks erfreut sich hier eifriger Pflege, was in verhältntßmäßig kurzer Zett hier geschaffen, berechtigt zu den besten Hoffnungen. Alles das hat in diesen Blättern die lebhafteste Anerkennung gefunden. Aber das Lod der Presse allein thut's nicht. Was nützen all' die schönen Sachen, an deren Herstellung unsere Handwerker so viel Fleiß, Nachdenken und Kosten verschwendet haben, wenn — die Käufer fehlen.
Weihnachten steht jetzt vor der Thür. Wer das ganze Jahr nur für das Nöthtge und Nützliche sein Geld ausgegeben hat, zu Weihnachten rechnet er nicht gar so ängstlich. Da haben die Meisten ein paar Thaler, Mancher auch wohl eine Handvoll übrig, um seinen Geliebten eine Freude zu machen, etwas zu kaufen, das nicht zu dem absolut Röthigen gehört, das das Herz erfreut und nebenbei noch einen praktischen Zweck erfüllt. Das deutsche Kunsthandwerk bietet nun in seinen mannigfaltigen Zweigen den Kauflustigen eine reiche Auswahl. An Läden und Ausstellungen fehlt es nicht, wo diese Erzeugnisse ausgestellt weiden. Man redet so viel vom Schutz der nationalen Arbeit. Wie könnte sie besser gefördert werden, als daß wir Deutsche die Gediegenheit unserer Arbeit dadurch anerkennen, daß wir ihre Erzeugnisse kaufen und den ausländischen Flitterkram bet Sette lassen. Es soll hier nicht einem einseitigen Standpunkte das Wort geredet werden; was die Industrie der fremden Völker, namentlich der Franzosen, auszeichnet, wollen wir anerkennen, aber in erster Linie müssen wir ein offenes Auge und auch einen offenen Geldbeutel für unseren heimischen Gewerbefleiß haben.
Die Weihnachtszeit bietet gar reiche Gelegenheit, den Patriotismus nach allen Seiten bin zu zeigen. Und da geht nun namentlich unsere Bitte^an die deutschen Hausfrauen, bet ihren Einkäufen das deutsche Gewerbe nach Möglichkeit zu berücksichtigen. In vielen Zweigen des Kunsthandels haben wir Deutschen das Ausland bereits überholt, in zahlreichen andern stehen wir ihm ebenbürtig zur Seite und nur in verhält- nißmäßig wenigen müssen wir ihm ein Uebergewicht zuerkennen- Je mehr unsere Frauen Erzeugnisse des deutschen Kunstgewerbes kaufen, um so behaglicher werden unsere Wohnräume sich gestalten und unvermerkt den Sinn für das Schöne weiter entwickeln. Und die Entwickelung dieses künstlerischen Sinnes wird auch wieder belebend auf den Handwerker einwirken, er wird neue Antriebe, neue Ideen vom Käufer erhalten; beide, Consument und Producent, vereinigen sich so zur weiteren Entfaltung eines überaus wichtigen Zweiges unserer Industrie. Also, Ihr deutsche Hausfrauen, kauft deutsche Arbeit!
BerWischtes.
Neustadt a. d. H., 28. Nov. Wir haben hier seit Samstag mit einem Hochwasser zu kämpfen, wie es seit Menschengedenken nicht erlebt worden ist. Ganz Neustadt steht derart unter Wasser, daß man nur noch die am Saalbau sich hinziehende Straße einerseits, auf der entgegengesetzten Seite die Maximiliänsstraße trockenen Fußes betreten kann; was dazwischen liegt, steckt theilweise 2 Meter tief im Wasser. Sämmtliche Werke stehen still. Ein Wohnhaus ist eingestürzt, nachdem es von den Bewohnern verlassen war. Gestern Abend gegen 9 Uhr wurden sämmtliche Bewohner unseres Thales durch ein donnerähnliches Getöse erschreckt und es zeigte sich dann bei dem eben herrschenden Mondlicht, daß der schöne Weinberg, gegenüber der Th. Knöckelschen Fabrik am Wolfsberg gelegen, zum großen Theil zerstört war. Von dem über dem Weinberg gelegenen Kastanienwald hatte sich ein Stück von vielleicht 40 Meter Länge und 40 Meter Höhe und eben so viel Tiefe abgelöst, stürzte über die Weinbergmauern hinunter, dieselben einreißend und von oben bis unten einen klaffenden Spalt zurüülassend, durch welchen nun die oben angesammelte Wassermasse, die den Bergrutsch bewirkte, sich ins Thal und den Speyerbach ergießt, den guten Baugrund, Steine, Reben u. s. w. mit sich reißend. Der Verkehr in der Stadt wird mit Kähnen vermittelt, die theils durch Schiffer am Rhein, theils durch bairische Pioniere bedient werden. Schulen und Kirchen find natürlich geschlossen; die öffentlichen Aemter und Bureaux feiern; die noch zugänglichen, namentlich Nahrungsmittel führenden Geschäfte, als Bäcker, Metzger, Specereihändler u. s. w., werden förmlich bestürmt und haben größtentheils ausverkauft; die Leute aus den am meisten unter Wasser stehenden Stadttheilen, größentheils der ärmeren Classe angehörend, sind theils im Schulhaus, theils im Saalbau untergebracht und werden dort durch milde Beiträge seitens der Bessergestellten ernährt und erhalten. Man sieht fast niemand auf der Straße, der nicht sein Laibchen Brod unterm Arm hat und es mit Besorgnis; an sich drückt, nachdem er es mühsam, meist direct heiß aus dem Backofen, erkämpft hat. Herren aus den besten Ständen, die vielleicht nie ein Stück rohen Fleisches in der Hand hatten, lassen sich nun mit Wagen und Kähnen zu den noch schlachtenden Metzgern hinsahren und tragen auf demselben Wege das errungene Stück von 5 oder 10 Pfund Rindfleisch heim, um sich und die Ihrigen zu erhalten. Wenn nur das Wasser bald zurückgeht und eine Wiederherrichtung der verlassenen Wohnungen ermöglicht, ehe der Winter, mit seiner Strenge auftritt und damit noch größeres Unheil anstiftet.
Neustadt a. d. H., 28. Nov. Drei Viertheile der Stadt stehen einen Meter hoch unter Wasser. Mindestens dreitausend Personen mußten ausquartiert werden. Die Verbindung in den verschiedenen Stadttheilen ist durch achtzehn Kähne hergestellt. Die Noth ist sehr groß. Das Hasser nimmt langsam ab. Einige Häuser sind eingestürzt.
Köln, 30. Nov. Die Noth und das Elend, welches der hochgeschwollene Rhein dieses Mal angerichtet hat, sind unbeschreiblich, auch in unserer Stadt größer, als mancher sich denken mag. Wer sich einigermaßen ein Bild davon machen will, der muß in einem Kahn die von der Fluth heimgesuchten Straßen durchfahren, der muß Umschau halten in den Häusern, in welchem das Wasser noch die Erdgeschosse füllt, der muß diejenigen
Gassen und Gäßchen besuchen, deren Häuser von Arbeitersamilien, von Bedürftigen bewohnt sind. Schreiber dieser Zeilen unternahm heute eine solche Kahnfahrt, um das mit eigenen Augen anzusehen, was ihm von befreundeter Seite und auch von dieser vielfach nicht aus eigener Anschauung berichtet worden. Aus dem südlichen, vom Wasser bedeckten Theile der Follerstraße nahm mich ein Nachen auf, mit mir auch ein kleines bleiches Mädchen, welches einige wenige Nahrungsmittel eingekauft hatte. Bald war ein Haus erreicht, in welchem eine abgehärmte Frauengestalt in dem etwa einen Meter über dem Wasserspiegel gelegenen Fenster des Erdgeschosses stand, um das Kind und die wohl für den sofortigen Verzehr bestimmten Eßmaaren in Empfang zu nehmen. Nicht ohne Mühe erstieg die Kleine, von ihrer Mutter emporgezogen, die Fensterbank und begab sich dann auf einem Holzsteg in das Innere der elterlichen Wohnung. Der Nachen trug uns nun in die Nächelsgasse hinein. Das Wasser stand hier noch vielfach bis zu den Fensterbänken der untersten Fenster und an manchen Häusern über diese hinaus. In den Zimmern hier und dort schwammen Möbel und anderes Hausgeräth umher. Holzstege führten in den Häusern über das Wasser zu den Treppen hin, an mehreren Stellen standen Leitern senkrecht an den Frontmauern emporgerichtet, mit Seilen, Ketten und Haken befestigt; mühsam und nicht ohne Gefahr kletterten Bewohner der obern Etagen an diesen empor oder auch hinab, um vielleicht draußen einen kleinen Verdienst zu suchen, ein Brod zu kaufen, oder auch den Arzt oder eine Wärterin zu rufen für ein erkranktes Wesen. Bald nachdem wir die Nächelsgasse verlassen, begegnete uns in einem Nachen eine Nonne, eine barmherzige Schwester, welche nach einem von den'Wellen umrauschten Hause fuhr, um als treue Samariterin die selbstübernommene, ihr liebe Pflicht als Krankenpflegerin auszuüben. Zahlreiche Nachen mit und ohne die rothe Flagge kreuzten auf dem Holzmarkt hin und her. Leute aus den angrenzenden Straßen, die nach Hause zu den Ihrigen sich sehnten, Postboten, welche von Haus zu Haus fahrend Briefe und Zeitungen oder Gepäckstücke abgaben, Neugierige, die sich die Zeit vertrieben oder auch Ausschau zu halten gedachten über die kolossale Wasserfläche auf dem reißenden Strom, die im Rheinauhafen ankernden hochgelegenen Schiffe u. s. w., Bauern die ihren überschwemmten Kunden Milch und Gemüse zubrachten, führten die Fahrzeuge mit sich. Ueberall in dje auf den Holzmarkt einmündenden Straßen zog sich noch das Wasser hinein, so in den Katharinengraben, in das Nächelsgäßchen, die Rosen- und Seyengasse, die Rosenstraße, das schmale Holzgäßchen, in dem nicht zwei Kähne aneinander vorbeikonnten, die Witschgasse u. s. w. Blasse, kummervolle Gesichter schauten in manchen der angeführten Straßen aus den Fenstern herab auf die Vorüberfahrenden, hin und wieder auch wurde ein Gruß herabgerufen für einen Freund, einen guten Bekannten, ein Gruß, aus dem stille Wehmuth herausklang und Freude zugleich, daß der Feind sich zurückzieht und nun bald die Belagerung gänzlich aufheben wird. Dann wurden Bestellungen aufgegeben auf Lebensmittel und Brennmaterial und Erkundigungen eingezogen nach diesem und jenem, den man gleichfalls von der Wassersnvth heimgesucht wußte. Was die Häuser anlangte, so zeigte sich allenthalben das gleiche Bild: die Thürzugänge verbarricadirt mit Brettern, Dämmen und Mauerwerk, das Wasser trotzdem in allen Zimmern der Erdgeschosse, primitive Holzstege und kleine Brücken, Leitern nach den obern Etagen hin. In vielen Gemächern ein wirres und wüstes Durcheinander von umgekippten schwimmenden Möbeln, Thüren, Bekleidungsstücken, Decorations- gegenständen, Nahrungsmitteln u. s. w. Geschäftslocale, die wegen des plötzlichen Eindringens des Wassers ebenso plötzlich hatten verlassen und dann dem erbarmungslosen Elemente preisgegeben werden müssen: die zum Verkauf ausgestellten Gegenstände verwässert und verdorben. Hier zeigte ein Specereihändler uns trostlos den in seinem Ladenlocal angerichteten Schaden, dort ein Metzger, wieder an einer andern Stelle ein Schlosser rc. Am traurigsten ist der Anblick, den die Hasen- und Mautgaffe gewähren, die an einzelnen Stellen noch bis zu 2 Meter hoch überschwemmt sind und in denen verschiedene Häuser noch bis zum Oberlicht der Hausthür im Wasser stehen.
Wollten wir die Zustände, die sich dort darbieten, schildern, so würden wir das Vorhergesagte wiederholen, dem Bilde nur noch dunklere Farben auftragen müssen. Auch der Buttermakt, die Zollstraße und andere sich nach Norden hinziehende Straßen stehen noch unter Wasser. Recht sehr erfreulich ist der Umstand, daß unsere wackere Berufs- feuerwehr auch hier in den bedrängten Stadttheilen ihre Posten bezogen: in der großen Witschgasse ein Wachtlocal eingerichtet und an verschiedenen Stellen Pontons mit Feuerspritzen aufgestellt hat, zugleich auch die erforderlichen Bedienungsmannschaften, damit in vorkommenden Fällen sofort die nöthige Hülfe geschafft werden kann. Um IO1/? Uhr ist der Minister v. Puttkamer, von Coblenz kommend, hier eingetrosfen, um sich die Noth und den von den Fluthen angerichteten Schaden persönlich anzusehen. Hoffentlich wird sein Hiersein den Erfolg haben, daß die Regierung zur Linderung der Noth und zur Unterstützung der Beschädigten mit beiträgt. — Wie bereits angedeutet, ist das Wasser allenthalben erheblich gefallen. In Deutz macht sich dies aber noch weniger bemerkbar, weil dort in Folge Abdämmens des Canals in den Hauptstraßen größtentheils nur Grund- waffer steht. Dank dem freundlichen Entgegenkommen der Eisenbahnbehörden, welche das Passiren der Bahndämme nach Kalk und Mühlheim hin gestatten, ist es möglich, trocknen Fußes dorthin zu gelangen. Der Bahndamm der Bergisch-Märkischen Bahn zwischen Deutz und Mühlheim ist beschädigt, man ist jedoch mit Ausbesserung desselben befaßt. In Mühlheim steht nahezu die Hälfte der Stadt mit etwa 4000 Seelen noch jetzt unter Wasser. Der Nachenverkehr zwischen den einzelnen Straßen ist durch polizeiliche Anordnungen geregelt und durch 5 Pionierpontons verstärkt. Einige Fabriken haben die Arbeit eingestellt. Das Wasser hat sich bekanntlich in Folge Dammbruchs bis Kalk hin ausge- breitet. Hier ist es jedoch durch Anbringung von Dämmen in der überschwemmten Mühlheimer- und Victo riastraße gelungen, Kalk selbst vor dem Wasser zu schützen. Wie man uns mittheilt, wäre in Riehl eine Familie ertrunken, ferner find daselbst 7 Häuser eingestürzt. Von gestern Abend 7 Uhr bis heute Nachmittag 1 Uhr ist der Strom hier von 9,29 auf 8,79 Meter gefallen.
Schwelm, 25. Nov. Eine Liste der Trunkenbolde Schwelms hängt laut der „Schwelm. Ztg." nunmehr in fast jeder Restauration und ist es den Wirthen untersagt, solchen Individuen geistige Getränke zu verabfolgen. Es sind im Ganzen etwa 20 Personen, worunter sich auch eine Frauensperson befindet, die sich dem Trunk ergeben hat.
Allgemeiner
Anzeiger.
Feinstes
Frankfurter Export - Bier
per Flasche 23 Pfg., empfehlen
4706 J. A« Busch Söhne.
Ferd. Burk’sches Vorschuß- ii. Blüthenmehl, trGcken und gesiebt, zu gleichen Preisen wie in der Mühle, empfiehlt
7874 Fr« Seibel«


