Aus St«rdt rind Catifc«
Gießen, den 29. Dez. 1920.
Protestversammlung.
Nicht nur gegen die Vergewaltigung des Rechts WUeii roir Protest erheben: die oberschte.ische Frage ist auch eine Schicksalsfrage lilr das deutsche Volk! Weit mehr als bei den Abstimmungen in SclÄeswig und O ^Preußen fteljt diesmal auf dem Spiel. Oberschlesien ist nickt nur altes deutsches Kulturland, Das uns schon um deswillen erkalten bleiben mutz, sondern v o n f e t* 11 e m Verbleiben beim Reiche hängt g eradezu die wirtschaftliche Lebensmöglichkeit Deutschlands ab Nach b.'in Bremst des Saarbeckens ist die Ergänzung der Äohlei'gewin'mng iin Ruhrgebiet durch d^e ober- schlesische Kohle für uns im allgemeinen und für die Versorgung des östlichen Dentschlcuchs im besonderen eine unbedingte Notloeudigleit. Für bte Erfüllung des Abkommens vcklSpaa durch Teutt'ch- land ist das Verbleiben von Oöerschlesien beim Reich geradezu Vorbedingung. Aber auch an Erzen und sonstigen Mineralen ist das Land reich, was iriebcrum rach der Abtrennung von Lothrr g?n schwer ins Gewicht fällt. Erne blühende Industrie ginge uns verloren. Umgekehrt ist aber auch zu verstehen, daß Polen mit allen Mitteln und aut jede Weise den Besitz von Oberschlesien erstrebt. Ter neu erstandene, vom Krieg zerwühlte und vor dem Bankerott stehende Oststaat erblickt in der Erwerbung der oberschlesischön Gruben und der reichen Industrie die einzige Möglichkeit, sein wirtschaftliches Leben zu erhalten. Welchem Schicksal aber das blühende Land mit seinen fleitzigen Bewohnern entgegenginge, sei nur nebenbei bemerkt. Es ist also ein Kamps um die wirtschaftliche Lebens- möglichteir für beide Teile, für uns und die Polen, der hier gekämpft wird. Polen und seine Schutzherren wollm unter Verletz mg des Iric- densvertvags die Bedingungen des Kampfes, d. h. der Abstimmung für TeutschlEd verschlechtern, für Polen verbessern. Diesem schmachvollen Versuch der Rechtsbeugung gilt unser Protest. Deutsck- landckhat keine andere Waffe, und diese Waffe ist nur'wirksam, wenn überall und von der ganzen Bürgersckvft der Ruf für das Recht erhoben wird. Wenn kein deutscher Mann es ablehnt, Daus und Heimat gegen Angriffe, die wider das Recht erfolgen, mit der blanken Waffe zu verteidigen, so mutz er es auch für ferne Pflicht l-alten, das Unrecht zu bekämpfen, das seine Lebensbsdingungen bedroht! Obersckckesien muß deutsch bleiben nickt nur aus nationalen Gründen, sondern weil wir es brauchen. Es wird auch deutsch bleiben, wenn man den Oberschlesiern gestaltet, das ihnen vertrags- gemätz zugebikligte Recht auch vertragsgemäß, aus- zuübsn. Da man aber dieses vertraglich Recht an» lastet, müssen wir gegen diesen Angriff die Waste des Protestes kehren. Dos in einer Ma'senver- sammlung einmütig und mit aller moralischen Kraft 'ausgesprochenen Protestes!
Mitbürger! Tie Vorbereitungen zu einer solchen Versammlung sind getrosten; durch Beteiligung der politischen Parteien und der Vereine unserer Stadt ist die breiteste (Snmbtnge geschaffen. Ein guter Kenner des oberschlesischen Landes, ihm selbst entstammt, Herr Dr. Metschke aus Wetz- bar, wird feine wirtsckzaftlliche Bedeutung für Deutschland schildern, und zwei Redner, die beiden Äauptschichten der Bevölkerung vertretend, £>evr Pros. Kinkel und Derr Oberpostftkcetär Kohl- Hase, werben die allgemeine BÄeuttrng der Frage darlegen. Schiebe keiner die Pflickft mitzutim den andern zu, sondern komme feder und jede am Donnerstag abend 8 Uhr ins Stchtthoater zur Versammlung, damit sie sich gestalte zu einer gewaltigen Kundgebung für das Recht, für die moralische Stärkung iunsererRegierungundzumWohle unseres Vaterlandes!
Die OrtSklaffeneinteilung Gießens.
Wie wir erfahren, hat der Oberbürgermeister am Montag an das hessische Gefamtministerium in Darmstadt folgendes dringendes Telegramm gerichtet:
„Bei hiesigen Reichs-, Staats-, Stadtbeamten herrschte starke Mißstimmung über beabsichtigte, ungerechtfertigte Belassung Gießens in O r t s k l a f s e 0 w e Butzbach und andere kleinere Orte. Erbitte dringend Versetzung Gießens nach. B zu erwirken."
Beranstaltungen.
Mittwoch, Stadttheater, 7 Uhr, „Jedermann". — (Safe Leib, 8 Uhr, Konzert und Vorstellung der Chiemseer. — Lichtspieltheater wie gestern.
Wettervoraussage
für Donnerstag:
Wolkig bis bedeckt, meist trocken, Temperatur wenig geändert, südliche bis südwestliche Winde.
Die Wetterlage hat sich nur unwesentlich verändert.
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** Amtliche Personalnachrichten. Auf Beschluß des Gesamtmrnisteriums vom 11 Dezember lv20 ist dec Direktor der Technischen Lehranstalten zu Offenbach Professor Eberhardt zum Kunstbeirat beim Hessischen Lanbes-Arbeits- uno Wirtschaftsamt bestellt worden. — Am 27. Dezember l. I. wurde der evangelische Pfarrer Georg Otto M ü l l e r zu Kirckchrombach auf sein Nachsuchen aus dem Dienste der hessischen evangelischen Landeskirche, mit Wirkung vom 1. Januar 1921, entlassen.
" Ernennungen. Die Stet« rbetriebs- Diätave Friedrich Merz (Großcn-iBuseck), Willy Stork (Gießen) und Ludwig Reuter lWieseck) wurden mit Wirtüug vom 1. April 1920 zu Struerberriebs-Sekretären, der Steunr-Diätar Karl R ö bp r (Gießen) mit Wirkung vom 1. April 1920 zum Steuersekretär ernannt.
** Oberhessischer Kun st verein. Am dritten Weihnachtsfeiertag fand die alljährliche Verlosung von An recht scheinen auf Kunstwerke unter den Mitgliedern statt, für die der Ausschuß diesmal im Hinblick auf die überaus günstige Entwicklung des Vereins (die Mitgliederzahl beträgt Ende 1923 418) 3000 Mk. zur Verfügung gestellt hatte, die eingeteilt wurden in: 1 Gewinn zu 500 Mk., 1 Gewinn zu 300 Mk.. 2 Gewinne zu 200 Mk., 10 Gewinne zu 100 Mk., 4 Gewinne zu 75 Mk., 10 Gewinne zu 50 Mk. Von den Gewinnen fiel Nr. 1 aus Mitglied Nr. 425, Herrn Kaufmann Julius Rosenbaum. Nr. 2 auf 95, Kaufmann L. Marcus, Nr. 3 auf 323, Kaufmann L. Scharmann, Nr. 4 auf 84, Weinhändler C. Küchel, Nr. 5 auf 114, Wein- händler E. Niemann, Nr, 6 auf 368, Oberlehrer Dr. Kann. Nr. 7 auf 279, Malermeister Nauheimer, Nr. 8 auf 265, Professor Dr. Partenheimer, Nr. 9 auf 348, Dr. phil. Fritz Wolff. Nr. 10 aus 304, Geheime rat Dr. Behaghel, Nr. 11 auf 212, Bildhauer I. Ködding, Nr. 12 auf 269, Kriegsgerichtsrat Bramm, Nr. 13 auf 2, Stadt Gießen, Nr. 14 auf 201, Professor Dr. Ebel, Nr. 1.5 auf 41, Geh. Kommerzienrat Dr. W. Gail, Nr. 16 auf 210, Professor F. Schmoll, Nr. 17 auf 272, Professor I. Franz, Nr. 18 auf 9, Stadt Gießen, Nr. 19 auf 129, Professor Dr. Rauch, Nr. 20 auf 382, Professor Dr. Cermak. Nr. 21 auf 367, Kaufmann Wilh. Horn, Nr. 22 auf 20, Oberbürgermeister Keller, Nr. 23 auf 48, Zeichenlehrer Gerhardt, Nr. 24 auf 293, Kaufmann H. Dilges, Nr. 25 auf 310, Professor Dr. Brügge- mann, Nr. 26 auf 389, Buchhalter H. Schaub, Nr. 27 auf 86, Geh. Kirchenrat Dr. Krüger, Nr. 28 auf 336, Frau Finanzrat Steinhäuser Witwe.
** R e i ch s n o t o p f e r. Es wird zur Kenntnis gebracht, daß die Frist zur Hingabe für dis Reick-snotopser von nachweislich selbstgezcichneten Sd’ubDcif re bui gm, Schuldbuchforderui gen ur b Sck'atzanweisungen der Kriegsanleihen des Deutschen Reickts zum Nennwert bis zum 31. Januar 1921 verlängert worden ist.
"Jugend von heute. Ermittelt und dem Gericht überliefert wurden drei mehrfach vorbestrafte junge Bürschchen aus Gießen im Alter von 15 bis 19 Jahren, die sich am 23. Dezember als Gasarbeiter des Gaswerks ausgogeben unb einer Frau die ganze Barschaft totb Schmuck von hohem Wert entwendet hatten. Leider hatten sie das Geld unb den Erlös für den verkauften Schmuck am 24. Dezember in Frankfurt a. M. in lüderlicher Gesellschaft und den Rest an beiden Feiertagen hier in Gießen bereits verjubelt. — Ein fremder Dieb, auch noch jugendlich, wurde ebenfalls hier fest- genommen. Er hatte am 23. Dezember in Nieter- Ohmen einen Einbruch verübt.
** Geschäftsübergabe. DoS über 100 Jahre bestehende Baumaterialien- und Kohlenge- schäft Daniel Wirth Nachf. geht Mit dem 1. Januar auf Karl Geilfus jr., den langjährigen Geschäftsführer der Fi ma über. Ter bisherige Inhaber Theodor Geilfus zieht sich nach 53jahnger Tätigkeit ins Privatleben zurück. Mit dem Geschäft geht der Lagerplatz an der West-Anlage (ohne die beiden Wohnhäuser) an den neuen Inhaber über.
** Besitzwechsel. Der Gärtner Karl Djetz verkaufte für 265 000 Mark fein Anwesen Moltke- straße 7 an den Landwirt Lein, der bisher im Nassauer Ländchen wohnte.
*v Milchbelieferung. Ten Empfangsberechtigten für Vollmilch wirb bekanntgegeben, datz mit Ablauf dieses Monats die täglichen Äilch- marken in Wegfall kommen. Die Milch wird für die Folge gegen Vorzeigung der Ausweiskarte zum Bezüge von Vollmilch verausgabt. Die am 1. Januar 1921 ablaufenden M Üchausweiskarten für Kinder von 2 iuuj) 4 Jahren musjen am Tvnners- tag den 30. Dezember 1920, von vormittags 8—12 unb nachmittags von 3—5 Uhr die Ausweiskarten zur Umschreibung auf Zimmer 11 des Lebensmittelamts vorgelcgt werben.
** Die Lebensmitrelmarkenaus- gabe findet in den bekannten Bezirksausgabestel- ien heute und morgen von 8—»12 und von 2—5 Uhr statt.
** Im Hotel Einhorn wird am Sonntag den 2. Januar ein M i l i t ä r st reich- ko n z e r t durch die Kapelle des Reichswehr-- Jnfimrtene-Regiments Nr. 15 veranstaltet.
Landkreis Gießen. Bürgermeisterwahl in Lich.
c Lich, 28. Dez. Die Meldefrist für die Bewerbungen zur Stelle des Berufsbürgev- meisters ist abgelaufen. Es haben sich 6 Bewerber gemeldet. Drei davon sind Ltcher, von denen einer bei der Stadt Vilbel als Stadtbaumeister angestellt ist. Unter den drei auswärtigen Bewerbern befindet sich ein Oberstleutnant a. D. aus Gießen, ein Stadtsekretär aus Offenbach a. M., und ein Stadtsekretär aus Friedberg. Die von der gesamten Wählerschaft vor zunehmende Wahl, die mit ziemlicher Gewißheit eine Stichwahl im Gefolge haben dürfte, findet voraussichtlich schon am 16. Januar statt. Die von Lich gebürtigen Kandidaten sind den Wählern ausreichend bekannt, es wird der Bevölkerung jedenfalls vor der Wahl auch noch die Gelegenheit geboten werden, die Bekanntschaft der auswärtigen Kandidaten machen zu können.
Starkenburg und Rheinhessen.
rm. B i n g e n, 27. Dez. Zwanzig D o p - pelzentner Rohrzucker im Werte von Über 60 000 Mk. wurden von dem bei Bingen liegenden Schiffe „Emilie" auf bisher unerklärliche Weise gestohlen. Cs wurde eine Belohnung von 6000 Mk. für die Ermittelung der Täter ausgesetzt.
Hessen-Nassau.
Der siegreiche Apfelweinstreft.
fb. Sossenheim, 28. Dez. Gegen die zu hohen Apfelweinpreise erklärte das hiesige Gewerkschaftskartell den Boykott der Äpfelweinwirtschaften. Das hat dazu geführt, daß nunmehr die Aepfelweinwicte die vom Gewerkschaftskartell vorgeschlagenen Preise angenommen haben. Darnach kosten 8/io Liter 1.30 Mk., 7io Liter 1.50 Mk. Bei Saalsest- 'lichkeiien löitnen 25 Pfennig Aufschlag genommen werden.
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mc. Bad Homburg, 28. Dez. Am Tage vor Weihnachten wurde über das Vermögen der Aktiengesellschaft Bad Homburg der Konkurs eröffnet.
mc. Frankfurt a. M., 28. Dez. In der heutigen nichtöffentlichen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung, mürbe Rechtsanwalt Lutsch (Zentrum) unb der bisher unbesoldete Stadtrat Dr. Schlosser zu besoldeten Stadträten gewählt. Die Rechte hatte weiße Zettel abgegeben, da sie anstelle des Rechtsanwalts Lutsch einen Techniker gewählt haben wollte.
rm. Höch st, 28. Dez. Ein Kassen- d i e b st a h l in Höhe von 200 000 Mk. wurde in der Eifenbahnwerkstätte in Nied bei Höchst festgestellt. Das Geld befand sich mit einem weiteren Betrag von zusammen einer halben Million Mark in zwei Kassenschränken. Es ist nach allem anzunehmen, daß die Diebe mit Nachschlüsseln gearbeitet haben, da sowohl die Schlösser zu den Kassenschränken, wie auch zu den Kassenzimmern keinerlei Beschädigungen aufweisen. Jedenfalls müssen die Diebe mit den Kontrollverhältnissen gut vertraut gewesen sein. Die Eisenbahndirektion hat eine Belohnung Vvn 10000 Mark für die Ermittlung der Diebe und die Herbeischasfung des Geldes ausgesetzt.
Canfcwirtfcbaft.
** Die Notlage in unserer Ernährung kann nur durch die Steigerung unterer heimischen landwirtschaftlichen Erzeugung behoben werben, da unsere Finanzen und der ötanb der Valuta bte Einfuhr vvn Lebensmitteln im erwünschten Umfange verbietet. Es gilt daher. Die lanbwirischaftliclL Erzeugung mit allen Mitteln zu steigern, biefelbe den neuen Produktionsbedm- gimgen anzupaffen unb die int Kriege entstandenen Schäden auszubessern. Um die Landwirte mit den geeigneten Förderungsmatznahmen bekannt zu machen, vevrrnstaltet die Landwirtschaftskain mer in der Zeit vom 4.—7. Januar 1921 in Darmstadt einen Bottragskursus, an welchem nachstehende Vorträge gehalten werden: Prof. Tr. Dade, Berlin über „Tie Krisis in der Ernährung Deutschlands vom weltwirtschaftlichen Standpunkte aus betrachtet". Prof. Dr. Krämer- Hohenheim über „Ter Wiederaufbau der RindricHzucht". Ocko- TTomterat Zollikofer- Hannover über „Ter Wiederaufbau der Schweinezucht". Geh. Reg-Rat Prof. Dr. Franz Lehmann-Göttingen über „Tie Praxis der Schaveinefutterung auf neuzeitlicher Grundlage". Oekonomierat Dr. Wetz-' Darmstadt and Baurat T h a l e r - Darmstadt über I „Süßsutterbereitung und die Erttchtung von Gär-1
tammem". Geh. Hvfvat Prof. Tr sBaui Wag. n e r-Darmstadt über „Die Phosphorsäure,rage und die Frage der Rentabilität der Verwendung von Handelsdünger unter den derzeitigen Preis- Verhältnissen". Geh. Hoftat Prof. Dr. ©ne- vtus-Gießen über „Ter HacksruckKbau, feine Bedeutung und sein Verhältnis zu dem Getreidebau". Herr Wilde, Buchstrile ter Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft-Berl n. „Tie neue <3 euerge'r’fc- rjebungi und die Landwirtschaft". Bei der großen Bedeutung, welche unsere Landwirtschaft für beit Wiederaufbau inno die Wiedergesundung unseres gesamten Wirtschaftslebens hat, dürfte der Kursus von allgemeinem Interesse hin und ein Besuch £>n einzelnen Vorträge sich lohnend erweisen.
<3ericbhfaal.
Rechtskräftig geworde es Urteil.
fd. Kassel, 23. Dez. Das freisprechende Urteil im Marburger Studenteuprozeß ist nunmehr rechtskräftig geworden, nachdem die Anklagebehörde auf Revision verzichtet hat.
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fz. Lüneburg, 29. Tez. Bor der Stvas- kammk.r in Lüneburg hatten sich zwei bortige Einwohner, bte früher bei der Bezirks, ettstelle beschäftigt gewesen waren, wegen beleidigender Aeußerun- gen gegen beit Geschäftsleiter der Stelle, Maui- miariTt Schmidt, ju vevantworien. In der Per- bai^blung wurde seslge dellt, daß SckMidt etn Jahreseinkommen von 8000 Mk. gehabt hatte und während seiner zwei ährigen Tätigkeit auf der Stelle ein Bankguthaben von etwa 28 030 Mk. erworben hatte, weiter ein Haus für 30003 Mk. mit 6000 Mk. Anzahlung uw) eine großartige Spei,e- ztminereinrichtung für 6000 Mk. gekauft hatte. Es wurden noch eine Reihe dunkler Geschichten hierbei zur Sp ache gebracht. So soll Schmidt für eine Bestellung von Milchkannen für die Fettstelle von einer Augsburger Firma 9000 Mk. Provision bezogen und von einem hiesigen Ge- müschcinhler für' Gemüse, das ihm von der Stelle zugewiesen worden war, Provision verlangt haben. Angesichts dieser sck-werwi g n en Gründe wurden beide Angeklagten von der Beleidigungsklage gegen Schmidt freigesprochen.
Oerrnischtes.
Berlin, 29. Dez. Wie dem „B. T." aus Hamburg gemeldet wirb, wurde in dem an der Elbe gelegenen Dorfe Elbtorf der 80j äh r i ge Peters von feiner Schwiegertochter, der er angeblich ein auf 3500 Mark lautendes Sparkassenbuch vermacht hat, durch Beilhiebe getötet. Die Mörderin wurde verhaftet.
*Die entzauberte Asta Nielfen. Ein Filmdarstetler, der mit Asta Nielsen wiederholt vor dem Kurbelkasten spielte, schreibt der „Lichtbildbuhne" über die Tränen Asta Nielsens: Die großen dicken Träum, die den Auaen voller Traurigkeit entquellen, sind — Gttizeriiitropfen, die vor der Aufnahme im Augenwinkel untergebracht und im psychologisch wirkungsvollen Momente — rinnen gelassen werden. Langsam nur bewegt sich das Glyzerin über die Schminke des Kummer bezeugenden Antlitzes und packt gefühlvolle Seelen im Publikum mehr als das natürliche Augensalzwasser aptoDtynttther Sterblicher, denn die Glhzerinttänen hinterlassen aus der-Schminke Spuren ihres Weges nach unten, die im Lichte der Atelierlampen wie Silberfäden glanzen.
weihnachlrseiern.
x Hausen, 28 .Dez. Am 2. Weihnachls» feiettag hielt der Gesangverein Germania, seine diesjährige WethnackKsfeier ab. Das sehr abwechse- limgsreiche Prograntm nahm einen fckwnen Ver^ lauf. Der Vortrag der einzelnen Theaterstücke usw. kann als sehr gut bezeichnet 1 Derben. Auch die sehr schön vorgettagenen Männerchöre unter Leitung des Dirigenten Burger zeigten, daß er.es verstanden hat, den Verein nachj verhältnismäßig kurzer Zeit auf eine ansehnliche Höhe zu bringen. Trotzdem auch gleichzeftig der Turnverein 1864 seine Weihnachtsfeier hatte, war der geräumige Saal bis auf den letzten Platz besetzt.
□ Rödgen, 28. Dez. Unter Leitung der hiesigen Krankenschwester fand gestern abend im Saale von Gastwitt Balser eine Weihnachts-Ausführung des Frauenvereins statt. Die Darstellenden waren Kinder und jtrüge Mädchen aus der Gemeinde. Gespielt tourten „SckneewittclM unb die sieben Zwerge", „Hänsel unb Gretel" und ein Stück ernsteren Inhaltes: „Frau Wohlfahtts , Enkelin". - Die Darbietungen waren gut und boten gediegene Volksunterhaltung. Der stattliche Rein- I ertrag von über 300 Mark lieferte die erwünschten
Menschheit geworden, die nun einmal die glückliche Veranlagung hat, auch aus allen Gistm die Süßigkeit herauszusaugen und die noch immer über ihre Totengräb:r mit unbesieglichem Leben und Liebes- Willen triumphiert hat. „Gullivers Reisen", dieses düsterste und schrecklichste Werk der Weltliteratur, ist so zu einem Fabelbuch geworden, wie die andere große Satire, der „Ton Quftote". Cervantes und Swift sind die genialsten, klarschauendsten Krüiker irdisck^er Torheit und Leidenschaft gewesen. Aber das Werk des Spaniers ist durchstrahlt und beseelt vvn einer mitfühlenden Güte, von einem umfassenden Verstehen: sein fanatischer Nrrr wächst empor zu einem tnagisäMi Helden. Ter Brite fyrt alle Liebe aus seinem Herzen gerissen; er zerstört alle Grundlagen unseres geistigen Lebens: er zicht alle Ideale in den Schmutz. Dieser rasend geworbene Spott und Hohn lägt zuletzt überhaupt nichts mehr übrig: alles ist trostlos, verächtlich, erbärmlich. „Ter Verfasser dieses Buches," hat einer seiner Beurteile sein be* nierit, „hatte, nachdem er es geschrieben, nur noch die Wahl zwischen Selbstmord und Wahnsinn. Er hat nicht deir Selbstnwrd wählen wollen."
Tas erste Buch des „Gulliver" ist in seiner Satire am maßvollsten, iildem es die polittschen Verhältnisse des damaligen England in der witzigen ^arikakiir zwergenhafter Verlleiiierung darstellt, xer Mensch unter den Liliputanern ist ein an- > mutiges Bild,-und Swift hat hier sich selbst dar- gestellt, ein, Schicksal geschildert, wie feine ur- wuchirge Riyenkraft von der englischen Gesellschaft nicht ertragen wurde und man ihn ngch einem rvelt- fernen Ltadtchen verschickte, ganz so wie die Zwerge
Gullivers 200. Geburtstag.
Zn Ende des Jahres 1720 vollendete Jonathan Swift nach Dem Scheitern seiner großen politifchen Pläne in der irischen Verbanimng fein berühmtestes unb unsterbliches Werk „Gullivers Reisen". So sind. 300 Jahre dcchinaegangen, seitdem dieser selt- i-amite Rklieiide der Weltlitevatur seine Fährt nach den phantastischen Ländern der Zwerge und Riesen antrat, unb das merkwürdigste Schicksal ist dem Buch beschieden gewesen. Von der schonungslosesten und wildesten Satire aus die Erbärinlichkrit des Menschengeschlechkes zur harmlosen Buntheit eines Kindermärchenbuckses — das ist der Weg, den Gulliver in den 200 Jahren seit seinem ersten Geburtstag zurückgelegt hat. Entstanden aus der tiefsten Weltoerachtting eines sich selbst vernichtenden (Äeistes, erregen diese grausigen Visionen dis großen Pessimisten eben wegen der Ungeheuerlichkeit ihres Vorwurfes nur Neugierde und Staunen, und es ist fast wie eine strafende Gerechtigkeit, daß dies' dichterische Höllenmaschine, mit der der dämonische Techant von St. Patrick die Welt in Brand stecken wollte, zum Spielzeug in unschuldigen Kinderhänden geworden ist. Tiefe größte Satire mir alles, was hoch und heilig, lvas elrrwürdig und liebenswert ist, wird in der ganzen Bedeutung ihrer entsetzlichen Symbolik stets nur von wenigen verstanden werden, und so ist dieses hohnlachende Bekenntnis zum Nichts, in dem Swift seinen ganzen Haß S das Bestehende enthib, der Weishnt der er Vorbehalten. Was aber die schöpferische Phantasie des großen Tichters erdachte die bunte Fabelwelt des Märchens, hinter der er die grausig'' Wahrheit verbarg, das ist Allgemeingut dec
den Menschen, der ihnen unendliche Dienste ':r- wiesen, mit Undank lohnen und zur Flucht zwingen. Tann folgt die Reise nach Brobdingnac zu den Riefen. Diesmal ist der Psell der unbarmherzigen Krittk gegrcn den Menschen überhaupt gerichtet, gegen dies „anspruck-svolle Nichts", das in dein Augenblick seine Erbävmlicl>keit erkennen muß, wo es unter Geschöpfe kommt, die größer sind als es selbst. Nichts ist an diesen Riefen, was sie geistig über das Menschlein hinaushebt: aber weil sie die brutale Körperkrast für sich haben, sind sie wie Götter. Schönheit, Güte, Religiosität, Vaterlmids- liebe, all das ist überflüssig wenn man nur groß genug ist. Hier richtet sich schon die Kritik gegen die Ideale, und sie sind die eigentliche Zielschnbe des britten Buches, das der höchste Beweis von Swifts Mtz, Originalität und Gedankenreichtum ist. In den merkwürdigen Schicksalen des Reisenden auf der fliegenden Insel, bei den Projektenmachern in Lagado, wird nicht nur die weltberühmte Londoner Akademie verhöhnt, sondern der Unwert unb die Sinnlosigkeit aller Wifsensck-aft soll nachgewiesen werden. Nach den „Naturwisseufchaf- ten" eichalten in den Zuständen anr ber Zauberinsel Glubdubdrib die Geisteswissenschaften ihr Teil. Ist die Physik nutzlos, so ist die Geschichte unmöglich, denn niemals wird man die Wahrheft erkennen können. Aber die leidenschaftliche Schmähschrift, die je gegen das Menschentum gerichtet würde, ist das vierte Buch, in dem Gulliver zu den Pferden kommt und den Mensck>en für niedriger erklärt als das niedrigste Tier. <rn den scheußlichen Aähus, die von den edlen Pferden verachtet werden, hat t seinem eigenen Geschleckt das Entsetzlichste gesagt, was je
von einem Menschen gesagt worden ist. So ist in dieser ungöttlichen Reise, die als ein Gegenbild zu Tantes Paradieswanderung immer tiefer hineingeht in Elend, Schmutz und Erbärmlichkeit, das !Bekcnntnis eines genialen Unglücklichen geqebnt, eines titanisch Ringenden, der sich selbst vernichtet. Wir aber wollen es auch nach 200 Jahren wefter- lesen als ein seltsames Märchen, als ein Zeugnis dafür, daß farbige Träume auch in dem düstersten Herzen leben und daß die Sonne sich noch int trübsten Sumps der Menschenperachtung spiegelt.
* Das Kätzchen als Weih nachts« Paket. Die Neuyorker Paketpost beförderte bic)er Tage ein ganz gewöhnlich aussehendes Päckchen,, aus dem zur größten Verwunderung des Empfang gers bei der Oefftumg ein lebendes Kätzchen zum Vorschein kam, das nach dem Bändchen um fernen Hals auf den Namen Kelly hörte. Tas Tierchen das als Weilniachtsgabc von einem Herrn iu5 Manchester mit einem Liebesbrief nach der Neuen Welt gesandt wurde, hat acht Tage lang in etneni verschlossenen Kistchui ohne Naluimg unb Trank gelebt. Ter Liebesbries war das Einzige, das arme Tierchen zum Verspeifon Hatte, unb es -hat ihn mich glücklich ausgesresfen. Das Kätzchen erholte sich vasch, obwohl es zuerst sehr fchwacki war. Gelehrte, die sich mit dem eigenartigen Fall beschäftigten, behaupten, selbst das zähe Leben der Katze Hätte diese ackfttägige Hungerkur nicht aus- gehalten, wenn nicht die Wärme in dem Paket tajenerijaltenb gewirkt hatte.


