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Zreitag, 28. Mai 1920

1Z0. Jahrgang

Br. 123

Der Siebener Bnjeiaer erscheint täglich, anher Sonn« und Feiertags.

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Vie Unwittschastlichleit der Sozialisierung.

Die Ergebnisse im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau ein lehrreiches Exempel.

Unter der vorstehenden Ueberschrift schreibt dieDeutsche Bergwerkszeitung" u. a. folgendes:

Da die Kohle heute von jedem als das Fundament unserer Wirtschaft anerkannt wird, da jeder ihre Kostbarkeit am eigenen Leibe zu spüren bekommt, so interessiert ein Blick auf die Ergebnisse des Kohlenbergbaues im letzten Kalenderjahr.

Im mitteldeutschen Braunkohlenberg­bau, welcher die Gebiete östlich und westlich der Elbe bis zum Rhein einschließlich des Freistaates Sachsen umfaßt, ergeben sich fol­gende Zahlen:

Erzeugung 1919:

Förderung Briketterzeugung Belegschaft 65543 000t 13 639000 t 98 600 Mann

Erzeugung 1920: 70000000t 14500 000t 130000 Mann

Die Zahlen für 1920 sind nach den bis- beriaen Ergebnissen geschätzt. Die Beleg­schaftszahl entspricht dem heutigen Stande.

Wenn das laufende Jahr nicht durch all­zu große Störungen beeinträchtigt wird, so ist auf die mäßige Steigerung der Braunkoh- lenförderung und dec Briketterzeugung wohl zu rechnen, die allerdings mit einer enormen Erhöhung der Belegschaftszahl erkauft werden.

Wie unheilvoll die Wirkungen der Revo- lutiwi sich besonders im Braunkohlenbergbau widerspiegeln, ergibt das nachstehende Resul­tat über die Leistung:

Leistung je Kopf und Tag: 1914: 4,71 Kohle, 1,51 Briketts 1919: 2,2 t Kohle, 0,46 t Briketts 1920: 1,8 t Kohle, 0,37 t Briketts. Es ist hieraus ersichtlich, daß die Lei­stung zurzeit auf ein Drittel, ja bis aus >:in Viertel der Zeit vor dem Kriege zurückgegan­gen ist. Aus diesem Grunde und der gleich­zeitigenenormen Lohnsteigerung ergab sich die leider unvermeidbare Notwendigkeit einer sehr erheblichen Preissteigerung, wobei nicht außer acht bleiben darf, daß neben den Erlösen, welche die Gruben bekommen, noch die sehr er­hebliche Kohlensteuer, die Umsatzsteuer, die Be­träge für Bergmannswohnstätten und für Lebensmittel für die Bergarbeiter auf den Preis ausgeschlagen werden müssen. Während nun bei sinkender Leistung auf den Kopf und erhöhten Löhnen die Preise ganz gewaltig hin­aufgeschnellt sind, sind die Gewinne, welche die Bergwerke verteilen konnten, annähernd dieselben geblieben wie in den Friedensjahren. Auch in dem laufenden Jahre werden die Ge­winne, welche zur Verteilung kommen können, keinesfalls nennenswert größer sein als div im vorigen Jahr erarbeiteten. Aus dieser Zu­sammenstellung von Erlösen, Lohn und Ge­winn ergibt sich folgende interessante Ueber- sicht:

Ergebnis:

Erlös Löhne Gewinn "/»v.Erlös 1919 : 920Mill. 431 Mill. 30Mill. 3,2 1920: 2700 Mill. 1200 Mill. 30 Mill. 1,1

Man sieht also, daß, lvährend in norma­len Friedenszeiten nicht nur im Bergbau, son­dern auch in allen anderen Industrien und im .Handel und Gewerbe der normale Nutzen etwa 10% betrug, dieser Nutzen vom Erlös i. I. 1919 im Braunkohlenbergbau schon auf 3,2% gesunken ist, und daß er im laufenden Jahr, soweit sich bis heute die Berhältnifts überblicken lassen, kaum 1% übersteigt. An­gesichts dieser Zahlen muß sich jeder vernünf­tige Mensm fragen, ob eine Sozialisierung in Gestalt der Beteiligung des Reiches, oder oer Uebernahme aufs Reich, oder der glatten Ent­eignung überhaupt irgend welchen Sinn und Verstand haben kann. Selbst wenn man von rein syndikalistischen Ideen ausgehl, und bie Frage aufwirft, wie groß wohl der Gewinn sein würde, der auf den Kopf des Arbeiters im Jahre entfällt, so ergibt sich ohne weiteres das Exempel, daß im Jahre 1920 bei 130 000 Mann Belegschaft auf den Arbeiter im Jahre 230 Mark entfallen würden, d. h. also 77 Pf. je Tag. Nun wird aber selbst der phan­tastischste Wirrschaftstheoretiker zugeben müs­sen, daß ein Staatswesen, wie immer es ge­staltet sein mag, zu seinem Bestände auch eine Verzinsung der aufgewandten Produktions­mittel haben muß. Wenn man diese ganz be­scheiden mit 5 Proz. in Anschlag bringt, so verbleiben von dem Reingewinn des Braun­kohlenbergbaues in Mitteldeutschland nur noch etwa 10 Mill. Mk., oder auf den Kopf und den Arbeiter pro Tag 22 Pf. Hat der Arbei­ter ein Interesse, bei einem täglichen Bev- dienst von ca. 3540 Mk. dieser 22 Pf. wil­len die ganze Wirtschaftsordnung zu zerschla­gen und an die Stelle eines geordneten Be- j&ißbcs das. Lhags »u jetzen? öä können daher

mir Leute, die absichtlich die Vernichluna allen Wirtschaftslebens anstreben, heule noch mit dem Sozialisierungsgedanken spielen. Gerade der Arbeiter Hal durch die Wiedereinführung des Gedinges, das ja kurz nach der Revolution eine Zeitlang ausgcschaltet war, wiederum die volle Möglichkeit erlangt, die Früchte seiner persönlichen Tüchtigkeit restlos zu ernten, ganz anders, als wenn er mit einer Gewinnbetei! ligung am Gesamtunternehmen sich absinden müßte, auf die er als Einzelner natürlich gar keinen Einfluß hat, während er beim Stück lohn an seiner Arbeitsstelle seine persönlichen Fähigkeiten belohnt sieht. So kommt cs auch, daß heute im Gedinge tüchtige Arbeiter 5 bis 10 Mark mehr verdienen, als der normale Schichtlohn beträgt, also ein Betrag, gegen­über dem die oben vorgeführten 22 Pf. über­haupt nicht ins Gewicht fallen.

lkonferenzvorbereitungen.

London, 27. Mai. «Wolff.) ,,Taily Tele­graph" meldet die Ankunft des Schw?rzcr Bundes­rats Ado r i n Lv n do n. Er wird dort mit den Funktionen des Völkerbundes die Vorberei­tungen zur internalivn alen Frnanz- konserenz in Brüssel trefsen. Ferner wird er mit Bonar Law und Chamberlain über die Büxeutimg der Konfevenz in Bezug auf die deutsche Kriegsentsä)ädisung Besprechungen ab- halten.

London, 27. Mai. (Wolff.) Reuter meldet, es stehe nunmehr fest, daß die Konferenz von S p a a aus den (21 Ziuni verschoben worden sei.

London, 27. Mai. (WTB.) Bezüglich einer erneuten Konferenz zwischen Lloyd George und M i l l e r a n b, die vor der Konferenz von Spaa ftattfinben soll, ist noch keine Entschei­dung getroffen. Lloyd George befindet sich noch immer zum Landaufenthalt in Colham zur Wieder­herstellung seiner angegriffenen Gesundheit.

Mailand, 27. Mai. (WTB.) DerSecvlo" meldet aus Rom, daß N i t t i in der Mittwoch- sitzung des Ministerrats bet Behandlung der Frage der Ginberufung der Konferenz von Spaa erklärt habe, einer Verschiebung der Konferenz auf den Monat Juli günstig gesinnt zu fein. Er glaube, daß die Alliierten sich seinem Wunsche anschließen würden.

Eine englische Stimme der Vernunft.

Amsterdam, 27. Mai. (Wolff.) Der Chef­redakteur derDaily News", Gardiner, der einige Zeit in Deutschland geweilt hat, um die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Zustände zu untersuchen, veröffentlicht den ersten Artikel über das Ergebnis der Untersuchung. Darin heißt es: 2Bam die Konferenz vonSpaa dem Prozeß dec inneren Auflösung Deutschlands nicht ein Ende setzt, wird Deutschland ein Körper wer­den, der die ganze Welt vergiftet. Wenn wir Deutschland zerstören, werden wir n i ch t s e r - halten; wenn wir ihm helfen, so kann es arbeiten und bezahlen. Gardiner fordert, daß der Geist des Krieges, der DeutscAand gegen­über immer noch vorherrsche, endlich dem Geist des Friedens Platz mache. Am Schluß seines Artikels fordert Gardiner für Deutschland Lebens­mittel- und Rohstoffkredite, Frstfetznng einer be­grenzten Entschädigungssumme und einige Erleich­terungen in bezug auf bte Schiffahrt.

Amsterbam, 27. Mai. (Wolff.) Gar- biner schreibt in derDaily News" über die Lage in Deutschland u. a.: Augenblicklich geht der Krieg noch weiter. Das deutsche Volk lebt und stirbt noch immer bei halben Rationen von oftmals unbeschreiblichen Nahrungsmitteln. Es ist noch immer vom freien und gleichm Verkehr mit der Welt abgeschnitten. Diese hoff­nungslose Lage darf nicht fortdauern. Wenn Spaa eine neue Aera eröffnen soll, muß verhandelt und nicht diktiert werden.

Millerandtz Erklärungen über Hythe.

Paris, 28. Mai. (WTB.) Die Kam- merausschüsse für Auswärtige, Angelegenhei­ten und Finanzen nahmen gestern vormittag die Berichte ihrer Mitglieder über die Er­klärungen entgegen, die M i l l e r a n d über die Beratungen in D v t h e machte. Nach längerer Aussprache wurde trotz zahlreicher Meinungsverschiedenheiten von der Mehrheit der beiden Ausschüsse beschlossen, der Regiv- rung die Schwierigkeiten der Verhandlungen, die sie jetzt führt, nicht zu erschweren. Daher erhielt kein Ausschußmitglied den Auftrag, in die morgige Kammerverhandlung über die auswärtige Politik einzugreifen.

Au» der Wiedergutmachung-kommisfion

Paris, 27. Mai. (WTB.) Der ehemalige Minister Soucbair wurde anstelle des jetzigen Vor­sitzenden des Diedergutmactzmgsaus>'cbusses Louis Dubois zum Berichterstatter über die Kriegs- kosten und Wiedergutmachungen vom Finanzausschuß ernannt.

Die Grenze in Schleswig.

Kopenhagen, 27. Mai (WTB.) Einem Telegramm derBerlingske Tidende" ans Paris zufolge hat bie Botschafterkonferenz gestern vormittag die Beratungen der schleswig- Kfyen Jragc abgeschlossen. Es steht mm fest, daß die Clausensche Linie mit einer unbedeu­tenden Aenderuug die zukünftige Süd grenze Däne­marks bilden und daß die zweite Zone an Deuttch- land zurück gegeben wirb. Die Frage einer Inter­

nationalisierung ist bei ben Besprechungen der Botschafter ko nferenz gar nicht in Erwägung ge­zogen worden.

Vom Obersten Rat.

Paris, 28. Mai. (WTB.) Nach einer Meldung des ,Lournal des Debats" aus San Remo wird der Oberste Rat demnächst in G e - nua zusammentreten. Alles Verhandlungs­material wird von San Remo nach Genua befördert.

Da» Mandat für Armenien.

Rotterdam, 27. Mai. (WTB.) Die Bot­schaft Wilsons betreffend die Uebernahme bed ar­men i f eben Manbats stößt, lautNieuwe Rotterdarnsche Courant" im Repräsentantenhaus unb besonders im Senat auf größeren Wider - staub, als dies bei irgenb einem anderen Vor­schlag Wilsons je der Fall war. Senator Srnoot sagte, im ersten Jahve würden 59 000 Mann unb 100 Millionen Dollar notwendig sein. William I. Bryan hielt ben Antrag für unannehmbar, da die Kosten ciwrm seien und die Bereinigten Staa­ten in die europäischen Fragen verwickelt würden. Neuyork Sun" undNeuyork verald" teilen bie Ansicht und bekämpfen in Leitartikeln ben Plan. Wilson» Veto gegen die Resolution Knox.

Neuyork, 27. Mai. (WTB.) Der Präsi­dent legte gegen die kürzlich auch vom Repräsen- tantenlxms angenommene republikanische Motion zugunsten eines Separatfriedens mit Deutschland unb Oesterreich sein Veto ein, da die Art unb Weise, wie man ben Frieden mit Deutschland Her­stellen wolle, die Ehre der Bereinigten Staaten und die Tapferkeit der Amerikaner mit einem un­verwischbaren Fleck versehen würde.

Französisch-belgisches Militärbündnis.

Amsterdam, 27. Mai. (Wolff.) Wie der Pariser Beri^erstatter desDaily Telegraph" meldet, werden Verhandlungen zwischen Frank­reich unb Belgien über ein milttärisches Bünbnis geführt.

Funggeseklenbefteuerung in Frankreich.

Paris, 27. Mai. (Wolff.) Havas. Der Senat hat das Gesetz über die Besteuerung der Junggesellen angenommen.

Der Aktschluss Oesterreichs.

Paris, 27. Mai. (WTB.) Der österreichische Friedensverttag wurde geftern in der Kammer ratifiziert. Die Sozialdemokraten lehnten in einer begründeten Erklärung den Vertrag ab. Aus der Debatte ist naefautragen, daß der Sozialist Sem- bat erklärte, Oesterreich könne wirtschaftlich nicht allein existieren, aber man untersage ihm, sich an Jemand anzulehnen. Man könne bie Völker nicht verhinbern, sich aus wirtschaftlicher ©olibarität zu vereinigen. Auf eine Anftage er­klärte ber Ministerpräsident, bas Verbot ber BereinigungDeutschlanbs unb Oester­reichs fei formell unb könne nur im Ein Ver­ständnis mit dem Völkerbund aufgehoben merken. Tardieu verteidigte den Friedensvertrag. Clemen- ccau habe monatelang kämpfen müssen, um das Verbot der Bereinigung Deutschlands und Oester- reick)s herbeüuführen. Durch Zwischenrufe wurde Tardieu beschuldigt, der deutschen Einheit gedient zu haben. Er sagte ferner, man habe dem Wieder­gutmachung sausschuß den Auftrag gegeben, daß Oesterreich solange nichts zu bezahlen brauche, bis cs sich wieder aufgerichtet habe. Diese Me­thode sei gegen Oesterreich zulässig, gegen Deutsch­land aber gefährlich. Der Ministerpräsident er­klärte in der gestrigen Sitzung noch, er werde bie Interpellationen über bie Beratungen von San Remo unb Hythe am Freitag beant­worten.

Die Lage in Irland.

London, 27. Mai. ^Wvlff.« Ein Regiment DigHlanders in Aldershot Hal Befehl erhal- t e n, sich am Donnerstag nach Irland zu be­geben

London, 27. Mai. Wolff) Reuter. Amt­lich In Irland sind feit Ostern 400 Polizei- ftfliixnten verbrannt und 150 Einkorn mensteuer- Aemter überfallen worden

London, 27. Mai. (WTB.) Die Führer der eirglischen Eisenbahner sind in der Frage des Verbots von Waffentransvorten nach Irland sehr unsicher, welche Politik sie ein­schlagen sollen, doch besteht eine starke Strömung für die Durchführung des Verbots.

London, 27. Mai. (WTB.. Die engipche Regierung ist entschlossen, die Waffen- und Heeresguttransporte nach Irland durch Truppen und Seesoldaten ausführen zu lassen. Die Führer der Eisenbahner sollen sich ent» schlossen haben, in dieser Frage die Meinung der Gruben- unb Transportarbeiter anzuhören.

Amsterdam, 27. Mai. WB.- Dee das Algemoen Sandelsblad" ans London meldet, er» hielt ein Bataillon L"*Aander in Alder-Hot bat Befehl, nach Irland abpugehen . Drei wettere Ba­taillone wurden angewiesen, sich zsun fjfjrtigen Abtransport bereit zu hallen. In Irland setzte eine Braichsiistu^SSampagne ein. Nutzer Gerichts- aebänben und Volizcistatianen wurden auch größere Privatgebäude eingeäf chert.

Die ruffiW Gefahr.

München, 28. Mai. (WTB.) Im Ausschuß für Auswärtige Angelegenhn:en beantragte der Abg-?rLnete Zahle iTem.), daß bte Regierung alsbald zuperläziige Bcrichteüberdieruisi-

schc Umwälzung und deren Einfluß auf die wirtschaftliche Lage des russischen Voltes gebe.

Geh Rat Dr. von Müller vom Mini­sterium des Aeußern erklärte, es sei außerordente lich schwierig, hierüber Angaben zu machen, ba der diplomattsche Dienst Deutschlands in Ruß­land noch nicht eingerichtet fei. Sonxftt Meldun­gen tertiären, feien sie nicht autknftisch und ber« öltet. Auch nach Mitteilungen brr 3owtnxnmtng seien Ro hstoffc in ausßchrsihigen Mengen nicht vorhanden .Tas Ratesystem sei pvak- ttsch nicht rnshr in Einwendung, das Stücklohn- und Prämiensnstem wieder cingefütirt. Von den Loko­motiven fei nur mehr ein ganz geringer Teil noch gcbrauckiSfähig Besonders ichlccht ftrlx es in sani­tärer Beziehung. (Alles nach Mitteilungen der nrifiicfn'n Regierung i In Petersburg funktionieren die W.sscrleitu: gen nick" mehr Der L ausott löm e nichc mehr meggeräumt tvcrden. Ein Wunsch, ruffifdx Arbeiter aus Deutschland zu bekommen, bestehe nicht. Tie Zulassung einer Stu«

ttenkommission bestehe ebenfalls nicht. Die

militärischen Vorgänge zwisck-en Sow­jetrußland unb Polen riefen in weitesten »trafen Deutschlands Beunruhigung hervor wegen eines etwaigen Angriffes auf Teutfchtanb. Es wurde damals von deutscher Seite bie Frage ausgeworfen, ob, wenn Polen überrannt werde, ber Sowjet angriff an der beutfd>en Grenze fitben bleiben werbe. Bon ber Rcichsregierung wurde mitgeteilt, bie Grenztruppen seien möglichst verstärkt wor­den. Auch sei der Respekt Rußlands vor der deut fdjen Militärmacht und Militärkunst zu erheblich, daß zu erwarten sei, daß der Angriff an der deut sehen Grenze ddlt machte. Außerdem sei die Ouc - lität unserer Truppen so hervorragend, baß einem Angriff mit Erfolg begegnet werben könne. Ob allerbings bet Angriff möglich märe, hat unser Gesanbter ernstlich bezweifelt. Eine zufrtedenstcl latbe Auskunft, daß keine Gefahr von russischer Seite zu befürchten sei, konnte von ber Reicks regle rung nicht gegeben werben. Es mürbe auch im Ausschuß auf bie Gefahr hingewiesen, baß, wenn ein Angriff auf Deutschland erfolgt, die Sowjet­regierung versuchen wurde, Zentren eines Aufstandes in Mitteldeutschland ober im Ruhrgebiet zu schaffen, um auf diese Werse den militärischen Vorstoß zu verschärfen unb den Widerstand Deutschlands zu brechen. Diese Gefahr wird uon ber Reichsregierung nicht verkannt, aber dort bie Meinung ausgesprochen, daß man hoffent­lich in ber Lage sein loerbe, dem russischen Angriff gewachsen zu sein. Der Antrag Johle wurde hierauf zurückgezogen.

Massenftucht au» Petersburg.

Kopenhagen, 27. Mai. (WTB.) Laut Berlingske Tidende" berichten russische Zeitungen von einer förmlichen Massenflucht aus dem hungernden Petersburg. Durchschnittlich 1500 Menschen sollen täglich die Stabt verlassen. Da­durch fei ein bedeutender Mangel an Arbeitskräften entstanden. Die Sowjetbehörden haben ein Ab­reiseverbot für Männer von 18 bis 50 Jah­ren und für Frauen von 15 bis 40 Jahren ver­kündet.

Lettland.

Kopenhagen, 27 Mai. (2BöIff.) DaS hiesige lettische Pressebureau meldet: Bei den Frie­den sver Handlungen mit der Sowjetregierung in Moskau wurde eine Einigung über die Grenzfrage mit Ausnahme weniger technischer Einzelheiten erzielt. Lettland wird zukünftig das ganze ethnogvaphisch letttsche Gebiet, das 64 bis *0000 Quad-ritkilometer groß ist, umfassen.

Kowno, 27. Mai. cVTB.) Bei den Frie­densverhandlungen zwischen Litauen und Ruß­land gesteht, wie gemeldet wird, Rußland den Litauern Wilna als Hauptstadt zu.

MaffarytPräsidentderTIchecho-elowakei.

Prag, 27. Mai. <WTB.) In gemeinsamer feierlicher Sitzung beider Kammern der National­versammlung ber tschecho-slowakischen Republik wurde die Wahl des Präsidenten der Htepublik vor- fienommtn. Es wurden insgesamt 411 gültige Stimmzettel abgegeben, von denen 284 auf Dr. Massaryk lauteten. Tie deutschen ?lboeordneten und Senatoren hatten leere Stimm ettei ab cgeben Massaryk ist somit g.ioahit Ter Präsldent der Kammer unterbrach hierauf die Sitzung unö er­suchte den Ministerpräsidenten und ben Präsidenten des Senats, gemetnfam mit ihm den Präsidenten bet Republik abzuholen und ihn zu ersuchen, er möge das Gelöbnis in ber Kammer ablegen. Nach Wiederaufnahme der Sitzung legte Massaryk das Gelöbnis ab.

Befreite -fterretchische Kriegsgefangene.

K'apenhagen, 27. Mai. ^Wolff.) Bei ber ukrainischen Offensive gelang es den Palen, wie Berlingske Tidende" aus Warschau berichtet, 25 000 österreichische Kriegsgefangene zu be­freien, die jetzt noch Oesterreich zurückgebroch: werden fallen.

Vie potschgefahr.

Berlin, 27. Mai. (Wolff.) Der preu­ßische Staatskommissar für öffentliche Ord­nung erklärte gegenüber Pressevertretern, die Gefahr von rechts unb linksseiernst, aber nicht akut. Weder die unabhängigen So­zialisten noch die Kommunisten denken an Aufruhr. Die kommunisttsche Arbeiterpartei sei zu schwach, um einen gewaltsamen Umsturz herbeizuführen. Auf der rechten Seite bestehe kein bemmmter Plan zu einem Putsch. In Gutsbefitzerkreisen würden kommunistische Un-